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Juden und Muslime protestieren gegen Beschneidungsverbot

Juden und Muslime haben gemeinsam in Berlin für das Recht auf religiöse Beschneidungen in Deutschland demonstriert. Die zurzeit bestehende Regelung wurde hart kritisiert.

  Geste der Einigkeit: Rabbiner Yitshak Ehrenberg übergibt seine Kippa dem Muslimenvertreter Kenan Kollat

Geste der Einigkeit: Rabbiner Yitshak Ehrenberg übergibt seine Kippa dem Muslimenvertreter Kenan Kollat

Eine symbolträchtige Geste fand kurz vor der Kundgebung statt: Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kollat, fragte am Sonntag den orthodoxen Rabbiner Yitshak Ehrenberg auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte, ob er eine Kippa für ihn habe. Ehrenberg hob kurzerhand seinen Hut, nahm die eigene Kippa vom Kopf und reichte sie Kollat. Die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Beschneidungsverbot stand im Vordergrund bei der Kundgebung für Religionsfreiheit auf dem historischen Platz, der im Mai 1933 Hauptschauplatz der Bücherverbrennung war.

Rund 500 Vertreter aller Glaubensrichtungen waren dem Aufruf des Jüdischen Forums gefolgt. "Wir machen weiter", rief Ehrenberg ihnen zu, um gleich darauf zu betonen: "Wir sind verzweifelt. Dürfen die Mohel weiter beschneiden?" Seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines Jungen als rechtswidrige Körperverletzung gewertet hat, herrscht Verunsicherung. Nach massiven Protesten an dem Urteil hatte die Bundesregierung beschlossen, demnächst ein Gesetz zur Beschneidung vorzulegen.

Für die Übergangszeit hatte Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) gemeinsam mit der Generalstaatsanwaltschaft Berlin eine Regelung vorgeschlagen, nach der Beschneidung straffrei bleibt, allerdings nur unter strengen Bedingungen. Diese sehen unter anderem vor, dass nur Ärzte die Beschneidung vornehmen dürfen und dass die Eltern den religiösen Hintergrund der Beschneidung schriftlich darlegen müssen.

Gute Absicht, unglückliches Resultat?

"Ich bin sicher, dass die Absicht gut war", sagte Rabbiner Ehrenberg dazu, "aber das Resultat ist unglücklich." Beide juristischen Einschränkungen stoßen auf starke Kritik - bei Juden wie bei Moslems. "Wir sagen ja zur Beschneidung, ja zur Hygiene" sagte Kollat und fügte verärgert hinzu: "Als sei diese bisher nicht professionell gemacht worden."

Die Glaubensvertreter beider Religionen werteten die Diskussionen über das Beschneidungsurteil als "juristische Debatte". Es sei wichtig, dass ein Bundesgesetz geschaffen werde. Die betroffenen Religionen sollten bei seiner Vorbereitung einbezogen werden. "Ihre Einwilligung muss geholt werden", forderte er. Eine Regelung, die von den jüdischen und islamischen Religionsvertretern abgelehnt werde, nütze nichts.

Kollat äußerte sich indirekt zu einem antisemitischen Übergriff im Berliner Stadtteil Friedenau, bei dem ein Rabbiner und seine Tochter im August von mehreren arabisch aussehenden Jugendlichen angegriffen und beleidigt worden waren. Zu den Vertretern jüdischen Glaubens gewandt sagte Kollat: "Sie können sicher sein, sie haben die volle Unterstützung der türkischen Gemeinde." Wenn es solche "Idioten" in der türkischen Gemeinde gebe, würden diese "entsprechende Hinweise" bekommen.

  Die Nachricht ist unmissverständlich

Die Nachricht ist unmissverständlich

Auch der Vizepräsident des Bundestags, Wolfgang Thierse (SPD), war zur Kundgebung gekommen. "Es hat mich sehr irritiert, dass die religiöse Zugehörigkeit von den Eltern nachgewiesen werden muss", sagte er. In seiner Ansprache betonte er, dass "religiöse und geistige Dimensionen" dazugehörten, wenn es darum gehe, das Kindeswohl zu bestimmen. Außerdem stellte er die rhetorische Frage: "Soll der Staat definieren, was zum Kern einer Religionsgemeinschaft gehört?" Aufgrund seiner eigenen Biographie sei er dagegen "geradezu allergisch".

"Die Leute stürzen sich darauf"

Die Zuschauer zeigten vor allem Unverständnis gegenüber dem Kölner Urteil und der nachfolgenden Debatte. "Die Leute stürzen sich darauf. Ich habe Zweifel, dass es wirklich um das Thema geht", sagte die Berlinerin Jael Geis. Zuhörer Christian Karstens kritisierte, dass jeder Mohel jetzt fürchten müsse, angezeigt zu werden.

Eine jüdische Teilnehmerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, hat ein Transparent gemalt: Darauf liegt ein Kind ausgestreckt, auf Armen und Beine jüdische und muslimische Symbole, über seinem Geschlechtsteil eine Fahne in schwarz-rot-gold. Darüber steht geschrieben: "Endlich Deutschland wieder Kolonialmacht".

Mechthild Henneke, AFP/AFP
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