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Die Akte Fritzl

Es war ein Jahrhundertverbrechen: 24 Jahre hält Josef Fritzl seine Tochter im Keller gefangen. Er quält, prügelt, vergewaltigt sie. Die Anklageschrift und ein psychiatrisches Gutachten schildern seine Grausamkeit. Im März wird ihm in Österreich der Prozess gemacht.

Von Christian Parth und Michael Streck

  • Michael Streck
    Michael Streck

Er sitzt im Gefängnis für ein Jahrhundertverbrechen. Er hat seine Tochter gefangen gehalten, gequält, geschlagen, vergewaltigt, 24 Jahre lang, 8641 Tage. Sieben Kinder ließ er sie austragen in der Dunkelhaft. Im März wird ihm der Prozess gemacht. Josef Fritzl, 73 Jahre, wird wohl für den Rest seines Lebens weggesperrt. Aber Josef Fritzl sieht sich bald wieder in Freiheit. Er hat Pläne. Er arbeitet daran. Fritzl teilt sich seine Zweimannzelle in St. Pölten mit einem, wie der Anstaltsleiter Oberst Günther Mörwald sagt, "geeigneten Insassen". Zwölf Quadratmeter, getrennte Sanitäreinheit, Sessel, Bett, Tisch, ein Fernseher mit Satellitenanschluss, ein Radio. Fritzl bekommt Briefe von Kirchen, in denen steht, dass selbst seine Seele zu retten sei. Er darf zwei- bis dreimal in der Woche duschen und einmal am Tag für eine Stunde die Zelle verlassen und sich auf dem Innenhof bewegen. Sein Leben im Knast ist Luxus verglichen mit dem seiner Tochter im Kellerverlies, die er ein knappes Vierteljahrhundert lang missbrauchte vor den Augen ihrer Kinder, die zugleich ihre Halbschwestern und Halbbrüder sind und deren Vater und Großvater er ist.

Sie saßen bis vor wenigen Tagen gleichfalls hinter dicken Mauern, auf dem Gelände des Landesklinikums bei Amstetten. Inzwischen sind sie zwar entlassen worden, aber von einem normales Leben weit entfernt. Niemand kann sagen, ob sie es überhaupt jemals haben werden.

Josef Fritzl wird in St. Pölten behandelt wie jeder andere Straftäter. Es kursierten viele Geschichten und noch mehr Gerüchte, andere Gefangene trachteten ihm nach dem Leben und er müsse sich unentwegt beschimpfen lassen als Teufel und Schande. Aber das scheint Unfug. "Den anderen Gefangenen", sagt Oberst Mörwald, "ist er ziemlich wurscht." Anfangs war es wohl so, "dass geeignete Mitinsassen" darauf achten sollten, dass er sich nicht selbst "richtet". Aber Josef Fritzl, das wird schnell klar, ist keineswegs selbstmordgefährdet. Er glaubt, dass die Mordanklage gegen ihn kollabieren wird. Glaubt, dass er in einigen Jahren wieder freikommt und er seinen Lebensabend verbringen kann mit Ehefrau Rosemarie, die er behandelte wie Dreck, während seine Tochter und Zweitfrau Elisabeth im Keller vegetierte mit den Kindern, Opfer von mehreren Tausend Vergewaltigungen in sonnenlosen 24 Jahren auf anfangs 18,64 Quadratmetern, erweitert später auf 40,02.

Erziehung mit harter Hand

Das also glaubt Josef Fritzl, Sohn der Maria N., die ihrerseits aus einer kaputten Familie stammt. Tochter einer Magd, außerehelich geboren, ein Stigma in den Zeiten und Verhältnissen Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Männerbild, heißt es im psychiatrischen Gutachten über Josef Fritzl, war zeitlebens gestört, und genau das bekommt er als Kind mit aller Brutalität zu spüren. Maria heiratet einen Mann, der sie aber wieder fallen lässt im Glauben, sie sei unfruchtbar. Sie widerlegt das, indem sie sich von einem anderen schwängern lässt, "dem sie emotional nicht zugetan war und den sie nur zum Zweck der Zeugung gebrauchte". Die Frucht dieses kühl kalkulierten Aktes ist Josef Fritzl, der mit seiner Geburt am 9. April 1935 bereits seine Funktion erfüllt hat und - wie es im Gutachten heißt - "in weiterer Folge bestenfalls eine Kalamität, schlimmstenfalls eine Belastung und Plage war, jedenfalls aber kein Wesen, dem Zuwendung, Zuneigung, Achtung, Fürsorge oder gar Liebe entgegengebracht wurde".

Maria erzieht ihren Josef mit harter Hand in jenem Haus, Ybbsstraße 40, das Jahrzehnte später auf schaurige Art weltberühmt werden soll. Maria schlägt ihren Josef. "Sie prügelte und trat mich, bis ich am Boden lag und blutete ... Ich hatte Angst vor ihr, schreckliche Angst vor ihrer Unberechenbarkeit, vor ihren Schlägen ...", gibt Fritzl in Haft zu Protokoll. Als Kleinkind leidet er an einer Phimose, einer schmerzhaften Verengung der Vorhaut, aber erst auf Drängen einer Nachbarin wird er behandelt. Josef ist in den Augen der Maria ein Nichtsnutz. Doch das Martyrium des jungen Josef fällt nicht weiter auf in Amstetten. Harte Erziehung ist normal. Härte gilt - zumal im Nationalsozialismus - als Merkmal von Disziplin und Ordnung.

Die dunkle Seite des Josef Fritzl

Fritzl geht erst auf die Volks-, dann auf die Hauptschule. Nie darf er Klassenkameraden mit nach Hause bringen - so wie er viele Jahre später auch bei seinen Kindern keinen Besuch von Freunden dulden wird. Seine Mitschüler erinnern sich an Josef Fritzl als wachen, guten Schüler. Karl Dunkl und Fritz Leimlehner erzählen von Josef, dem Sepp oder Bepperl, als einem dürren Kerl mit dunklen Haaren, der nie über seinen Vater redete. Sie dachten sich nichts dabei, denn es war Krieg, und "vielleicht war der Vater ja draußen geblieben, das war ja nicht unüblich". Manchmal spielen sie Cowboy und Indianer im Wald, Fritzl fällt dabei nicht auf, "er war kein Typ für den Häuptling". Die alten Herren erzählen, dass ihre Mütter zuweilen Mitleid hatten mit dem schmächtigen Josef und ihm Brote schmierten. Sie erinnern sich auch dunkel an dessen Mutter Maria und das Haus in der Ybbsstraße, das für sie tabu war. Aber sie erinnern sich nicht, dass Fritzl jemals klagte über die despotische Mutter.

Doch in dieser Zeit, so das psychiatrische Gutachten, entsteht "sein Bedürfnis, eine Person ganz für sich zu besitzen - seine Begierde nach unstörbarer, durch keine äußeren Faktoren lösbare Bindung, nach einem Naheverhältnis". In dieser Zeit wird der Sepp zum Mann, deutlich vor seinen Klassenkameraden, weil er zwei Jahre später eingeschult worden ist und nun körperlichen Vorsprung hat. Und als die Hormone durchschlagen und der Sepp erstmals nach den Röcken schaut, fängt er an, sich fesch zu kleiden. Mit Brillantine frisiert er sich vor dem Unterricht eine rockige "Gatschwellen", wie die Tolle im Dialekt genannt wird. Die Kameraden lachen. In dieser Zeit entwickeln sich auch jene Charaktereigenschaften, die ihn zu einem menschenverachtenden Sadisten machen sollen. Es entsteht das, was Fritzl selbst als seine "dunkle Seite" bezeichnet. Er wird die Welt später einteilen in hell und dunkel, in oben und unten.

Die Freunde von einst ahnen nichts, gar nichts, und nach der Schulzeit verlieren sie ihn aus den Augen und treffen ihn erst wieder Jahrzehnte später, beim Klassenjubiläum, Ende der Neunziger. Josef und Gattin Rosemarie erzählen abends beim gemeinsamen Essen von der verschwundenen Tochter Elisabeth, "verschollen bei einer Sekte", die schon drei Kinder auf die Stufen des elterlichen Hauses abgelegt habe mit der brieflichen Bitte um Hilfe. Das war bekannt im kleinen Amstetten, 23.000 Einwohner. Die alten Schulkollegen hatten sogar Mitleid mit Josef Fritzl und dessen Frau und bewunderten ihre Stärke, "sieben eigene Kinder und noch drei der Tochter, das ist viel". Sie schätzten den Josef, der es aus ärmlichen Verhältnissen zu etwas gebracht hatte im Leben, vom Hauptschüler bis zum Ingenieur. "Er sorgte dafür, dass sich die demütigende, ohnmächtige Position seiner Kindheit nie mehr wiederholte. Dafür war er gewillt zu lernen", schreibt die Gutachterin. "Er stürzte sich in Arbeit, las Bücher, nahm sich schon als Jugendlicher vor, 'etwas zu werden'." "Darunter", heißt es in dem Gutachten weiter, "lag auch das Bedürfnis nach Reparatur, nach kompensatorischer Machtausübung und Dominanz, und dieses Bedürfnis, ausgelöst durch eine Frau, war an Frauen adressiert und entwicklungsgeschichtlich an das Erwachen bewusst wahrgenommener Sexualität gekoppelt."

Beginn eines 30 Jahre währenden Martyriums

Nach der Schule verlässt Josef Fritzl Amstetten und absolviert in Linz eine Lehre als Elektromechaniker und Elektrotechniker, wechselt nach der Gesellenprüfung zum weltberühmten Voest-Konzern. Später arbeitet er bei einer Baufirma in Amstetten und lernt dort unter anderem die korrekte Mischung von Beton. Seine beruflichen Fertigkeiten werden ihm helfen, Elisabeths Verlies elektronisch zu sichern und mit einer 500 Kilogramm schweren Betontür abzuriegeln. Kollegen beschreiben Fritzl als geschäftstüchtig und clever. Er spekuliert mit Immobilien, betreibt zeitweise einen Gasthof und einen Campingplatz am Mondsee. Er errichtet eine nach außen perfekte Fassade. In jungen Jahren heiratet er Rosemarie, die noch keine 17 ist und die ihm sieben Kinder zur Welt bringt. Sie leben in Amstetten in diesem grauen Betonquader an der Ybbsstraße, hinter dessen Mauern sich das Drama wiederholt, das Josef Fritzl als Kind selbst durchlebt hat - Wutausbrüche, Schläge, Angst, Wut, Zorn und Ohnmacht. Fritzl verhält sich im Umgang mit den Kindern so despotisch wie einst seine Mutter, streng bis tyrannisch. Das verwinkelte Gebäude mit dem bunkerähnlichen Anbau symbolisiert irgendwie das Leben der Familie Fritzl: nach außen glatt, klar strukturiert, ordentlich und funktional. Innen verwinkelt, undurchschaubar. Ein steingewordenes Abbild vom Doppelleben des Josef Fritzl.

Elisabeth, die Viertgeborene, ist noch ein Kleinkind, als ihr Vater 1967 wegen Vergewaltigung und Exhibitionismus für eineinhalb Jahre ins Gefängnis kommt. Und sie ist elf, als er sich erstmals an ihr vergeht. Es ist dies der Beginn eines 30 Jahre währenden Martyriums. Am 29. August 1984 lockt Josef Fritzl seine damals 18 Jahre alte Tochter unter einem Vorwand in den Keller. Er betäubt sie und fesselt sie anfangs mit einem Bauchgurt, von dem er sie erst befreit, als er feststellt, dass der Gurt beim Sex hinderlich ist. Elisabeth wird in den folgenden 24 Jahren achtmal schwanger vom eigenen Vater, der ihr beim Sex nicht ins Gesicht schaut, sie aber dazu zwingt, Szenen aus Pornofilmen nachzustellen und sie mit Sexspielzeugen penetriert. Später wird er sogar behaupten, dass Elisabeth von ihm verlangt habe, auf Kondome zu verzichten. Sie verliert ihr erstes Kind im November 1986, gut zwei Jahre nach ihrer Einkerkerung.

Josef Fritzl spielt Gott

Aus der Anklageschrift geht hervor, dass ihr Vater sie trat, schlug, mit Essensentzug und Stromsperren gefügig machte und ihr immer wieder drohte: "Wenn du das nicht tust, dann wird es schlimmer, und du kannst sowieso nicht aus." Elisabeth gebärt in ihrem düsteren Gefängnis die Kinder Kerstin, Stefan, Lisa, Monika, die Zwillinge Michael und Alexander und schließlich Felix. Der Vater ist lediglich bei der Geburt der Zwillinge zugegen. Er sieht, wie ein Säugling keine Luft bekommt, blau anläuft und schließlich stirbt, am 1. Mai 1996 gegen 12.15 Uhr, kurz nach der Geburt. Der Junge hätte nach Überzeugung von Medizinern überleben können, wenn er in ein Krankenhaus gebracht worden wäre. Deshalb steht Josef Fritzl wegen Mordes vor Gericht. Er verbrennt die Leiche im Heizungsofen des Kellers gleich neben dem Verlies und verstreut die Asche oben im Garten. Drei Kinder, Lisa, Monika und Alexander, schafft er nach oben, legt sie auf die Treppenstufen des Hauses und dazu jeweils Briefe der vermeintlich verschollenen Tochter. Den im Verlies verbliebenen Kindern Kerstin, Stefan und Felix zeigt er - Gipfel der Demütigung - fröhliche Bilder ihrer drei Geschwister aus der Schule, beim Sport, von der Kommunion und gestaltet an einer Wand eine Fotoecke, die er regelmäßig ergänzt. Josef Fritzl spielt Gott.

Nach Informationen des stern führte Elisabeth Tagebuch im Verlies, all die Jahre lang, auf Zetteln und Kalendern. Auf allem, was sich eignete, ihr Leid festzuhalten. Es sind in Teilen banale Alltagsprotokolle über Kinderkrankheiten und Essen. In Teilen aber schildern sie mit bedrückender Intensität die permanenten Vergewaltigungen, die ausbleibende Regel oder einmal eine Rattenjagd mit bloßen Händen. Man muss dazu wissen, dass das Verlies keinesfalls dicht ist, denn nur so kommt ausreichend Sauerstoff in den Kerker, "über Undichtheiten im Gebäude", vermerkt ein klimatechnisches Gutachten. Im kruden Amtsdeutsch heißt es da auch: "Subjektiv störend ist hauptsächlich die feuchtkalte Luft, die zu klammen, feuchten Kleidungsstücken führt." Erst Jahre nach der Einkerkerung bringt Fritzl seiner Tochter Spiegel und Waage. Unentwegt vergewaltigt er sie, die Anklage vermerkt, dass die Frequenz im Laufe der Jahre "auf alle zwei Tage zurückging". Er demonstriert seine Macht, indem er die Lebensmittel rationiert oder "den Strom teils tagelang zur Bestrafung ausschaltete". Dabei hätte er, gibt er im Gespräch mit der Gutachterin zu Protokoll, "auch Ärgeres machen können". Vielleicht habe ihn aber auch "ein guter Kern abgehalten". Für jemanden, der "zur Vergewaltigung geboren" sei, habe er relativ lange durchgehalten".

Ein Architekt für zwei Welten

Das sagt Josef Fritzl über Josef Fritzl: "guter Kern". Er glaubt allen Ernstes, dass Elisabeth nur gegen ihn aussagte, weil die Polizei sie unter Druck gesetzt habe, nachdem alles ans Licht gekommen war Ende April 2008, als die sorgsam errichtete Fassade einstürzte und das Haus an der Ybbsstraße weltweit zum Sinnbild menschlicher Abgründe wurde. "Er hat die Neigung, sich die Wirklichkeit nach Belieben zurechtzuzimmern, wobei das Ergebnis dieser inneren Umformung von Herrn Fritzl als 'Die Realität' angesehen wird", heißt es im Gutachten. Das bedeutet aber nicht, dass Fritzl nicht voll zurechnungsfähig wäre. Er ist Perfektionist, ein Kontroll-Freak, ein Mann, der den Schalter von jovial auf despotisch jederzeit umlegen kann. Ein Architekt für zwei Welten. Er kontrolliert beide, die dunkle und die helle. Nur deshalb konnte er fast 24 Jahre lang unentdeckt bleiben.

Es gehört zu den Monstrositäten dieses Falls, dass Josef Fritzl selbst aus dem Knast heraus wieder alles zu kontrollieren versucht. Er wunderte sich, dass britische Boulevardjournalisten gleich zwei Bücher über ihn und das Martyrium seiner Tochter zusammengeschmiert hatten. Und beschloss im August: Das kann ich auch. Über einen Mittelsmann lässt er sämtliche Vernehmungsprotokolle mit sämtlichen intimen Details aus 24 Jahren Leid für vier Millionen Euro zum Kauf anbieten. Akten, die aus der Kanzlei seines Strafverteidigers Rudolf Mayer stammen, welcher selbst eifrig die österreichischen Medien mit Informationen spickt. Was schon seit Langem ein offenes Geheimnis ist. Mayers Kanzlei liegt im neunten Wiener Bezirk in der Nähe der berühmten Votivkirche. An der Wand seines Büros hängt ein gerahmter Spruch: "Küss die Hand, Herr Kerkermeister, I geh no heuer z'haus! Des glaubn S' ma net? Na, Se werd'n schaun! Der Mayer holt mi raus!" Mayer gilt als Staranwalt.

Treffen mit dem "Abwickler"

Er sitzt an seinem Schreibtisch, darauf liegen gefächerte rote Aktenordner. Er blickt kurz auf und sagt, dass er gar nichts sagen werde über seinen Mandanten Josef Fritzl: "Ich habe Morddrohungen bekommen." Dann weist Rudolf Mayer dem Besucher die Tür, "des müssen S' verstehen". Er spreche grundsätzlich nicht mehr mit deutschen und englischen Medien. Am Tag, als Rudolf Mayer in der englischen Boulevardzeitung "Daily Mirror" mit der Räuberpistole zitiert wird, sein Mandant sei zum Buddhismus übergetreten, sitzt Ludwig Tauscher* in einer Pizzeria einer oberösterreichischen Kleinstadt. Herr Tauscher ist seit drei Jahren Geschäftspartner des Josef Fritzl. Er wickelt für ihn Immobiliengeschäfte ab. Aber nicht nur das. Jener Ludwig Tauscher war es, der im Auftrag von Josef Fritzl die gesamten Protokolle verhökern wollte. Die Summe von vier Millionen Euro erklärt sich schnell: Fritzl hat sich mit seinen Immobiliengeschäften verhoben und zirka 3,5 Millionen Euro Schulden.

Ludwig Tauscher ist ziemlich überrascht, als er in der Pizzeria vom stern mit den Anschuldigungen konfrontiert wird. Er nippt an einer Weißweinschorle, er schüttelt den Kopf und bittet dann um Aufschub: "Lassen Sie uns in Wien auf neutralem Territorium treffen." Herr Tauscher bestellt also die Reporter in die weihnachtliche Wiener Innenstadt und verspricht, sich über Handy mit genaueren Instruktionen zu melden. Das Ganze hat etwas von einem schlechten Agentenfilm. Schließlich bittet Herr Tauscher, der sich wahlweise als "Konsolent" oder "Abwickler" bezeichnet, in ein Hotel. Dort sitzen auch sein Anwalt und der Vertreter einer Immobilienfirma. Herr Tauscher., groß, rotbraunes Haar, Mitte 50, erzählt sodann von Josef Fritzl, der in Sachen Häuser geradezu hyperaktiv gewesen sei: "Wir mussten Grundstücke besichtigen, einchecken, die Renditen überprüfen und schauen, ob es wirklich attraktiv ist." Ludwig Tauscher. hat bis zu 70 Projekte für Josef Fritzl bearbeitet. Er sagt: "Er war und ist immer noch ein sehr tatkräftiger Mensch mit hunderttausend Ideen."

Fritzl glaubt an die Freiheit

Eine dieser hunderttausend Ideen war, das dokumentierte Leid seiner Tochter zu verkaufen. Bei einem Besuch in St. Pölten habe ihm Fritzl gesagt: "Die schreiben alles an mir vorbei, aber ich bin der Hauptakteur. Ändern kann ich es sowieso nicht. Dass ich für das, was ich gemacht habe, geradestehen muss, ist eine andere Sache. Dass aber andere damit Geld machen, indem sie mich nutzen, geht nicht. Da wäre mir viel mehr geholfen, wenn ich der Familie etwas geben kann." Fritzl wies Anwalt Mayer an, die Akten zur Verfügung zu stellen. Eine Woche später holte sie Ludwig Tauscher aus der Kanzlei, sauber gestapelt in einem Karton, und verschickte anonym Angebote via E-Mail vornehmlich an englische Boulevardblätter. Es kam zu vier Treffen, aber zu keinem Abschluss. Zweimal wurde Herr Tauscher regelrecht geleimt. Er ließ Journalisten der englischen Revolverblätter "Sun" und "News of the World" so lange in den Unterlagen blättern, dass die danach ganze Passagen genüsslich zitieren konnten - für lau. Danach wurde die Geschäftsidee beerdigt. Herr Tauscher. sagt, er habe kein schlechtes Gewissen, er würde es wieder tun, weil Josef Fritzl mit dem Geld seiner Familie habe helfen wollen. Herr Tauscher sagt auch, er könne trennen zwischen dem Geschäftsmann Fritzl und dem Menschen Fritzl. Er, Ludwig, habe nie in die Akten geschaut. Er habe die Details gar nicht wissen wollen. Er war nur ausführendes Organ.

Josef Fritzl aber lässt die Sache keine Ruhe. Das Verhältnis zwischen ihm und Anwalt Mayer gilt als zerrüttet, und dem Vernehmen nach ist es allein die Furcht vor dem mächtigen Ruf des Verteidigers, die Fritzl davon abhält, ihn noch vor Prozessbeginn zu feuern. Fritzl soll des Öfteren getobt haben in der JVA St. Pölten, weil er sich über seinen Anwalt ärgerte. Anfang Dezember verfasste er in der Zelle handschriftlich ein vierseitiges Schriftstück, in dem er seinen Anwälten diktiert, Informationen und Unterlagen nur noch mit seinem ausdrücklichen Einverständnis und zu seinen Honorarvorstellungen an die Öffentlichkeit zu geben. Josef Fritzl sitzt hinter dicken Mauern und glaubt an die Freiheit und an einen Lebensabend mit seiner Frau. Dafür würde er gern seine Tochter verkaufen.

Wieder hinter dicken Mauern

Elisabeth musste bis vor kurzem im Klinikum Amstetten-Mauer ausharren, wieder hinter dicken Mauern. Es heißt, sie habe sich mit der Mutter überworfen, weil die noch nicht die Scheidung von ihrem Mann eingereicht habe. Elisabeth weiß nicht, dass der Vater und Peiniger ihre Leidensgeschichte für Millionen verschachern wollte. Sie hat keinen Namen für ihn, nennt ihn nur "Er". Im März wird Josef Fritzl in St. Pölten der Prozess gemacht. Er wird sich für Mord, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Nötigung, Sklaverei und Blutschande verantworten müssen. Im psychiatrischen Gutachten heißt es abschließend über Josef Fritzl: "Es steht komplett zu befürchten, dass Herr Fritzl auch in Zukunft auf Basis seiner überdauernden Persönlichkeitsdeviation wieder Taten mit schweren Folgen begehen wird ..."

*Name von der Redaktion geändert.

Mitarbeit: Uli Hauser

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