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Der Pizzabote, der mit einer tickenden Bombe am Hals eine Bank überfiel

Brian Wells, ein unscheinbarer Pizzabote mittleren Alters, überfällt am helllichten Tag eine Bank in Pennsylvania. Kurz darauf explodiert der Sprengsatz, Wells stirbt. Offenbar hatten die wahren Täter ihn auf eine albtraumhafte Schnitzeljagd geschickt.

Von Rich Shapiro

Pizzabote Bombe

Pizzabote Brian Wells und das Kästchen um seinen Hals: Teuflisch konstruiert und sorgsam gebaut

Am 28. August 2003 um 14.28 Uhr betrat Brian Wells, Pizzabote mittleren Alters, eine PNC-Bank in Erie, Pennsylvania. In der rechten Hand hielt er einen kurzen Spazierstock, und sein T-Shirt zeigte am Halsausschnitt eine merkwürdige Wölbung. Wells, 46, schütteres Haar, reichte dem Kassierer einen Zettel mit folgendem Text: "Versammeln Sie Angestellte mit Zugangscodes zum Tresorraum, machen Sie schnell, und füllen Sie eine Tüte mit 250.000 Dollar. Sie haben nur 15 Minuten." Dann hob er sein Shirt und zeigte ein schweres kästchenartiges Ding, das an seinem Hals hing. Laut der Notiz handelte es sich um eine Bombe. Der Kassierer erklärte Wells, es gebe zu diesem Zeitpunkt absolut keine Möglichkeit, in den Tresorraum zu gelangen. Er füllte die Tüte mit Bargeld – 8702 Dollar – und übergab sie ihm. Wells schnappte sich einen Dauerlutscher vom Schalter, steckte ihn in den Mund, ging hinaus, sprang in sein Auto und fuhr davon.

Er kam nicht weit. Etwa 15 Minuten später entdeckten ihn Polizisten auf einem Parkplatz in der Nähe. Er stand neben seinem Wagen, einem Geo Metro. Die Polizisten kreisten ihn ein, warfen ihn zu Boden und fesselten ihm die Hände mit Handschellen auf dem Rücken.

Pizzabote mit Bombe am Hals: "Die wird hochgehen"

Wells erzählte den Polizisten, er sei auf einer Liefertour gewesen, als ihn eine Gruppe von Schwarzen angepöbelt, ihm mit vorgehaltener Waffe die Bombe um den Hals gelegt und ihn gezwungen hätte, die Bank zu überfallen. "Die wird hochgehen!", flehte er die Beamten verzweifelt an. "Ich lüge nicht." Die Polizisten riefen das Entschärfungskommando und gingen mit gezogener Waffe hinter ihren Wagen in Stellung. TV-Kamerateams kamen und begannen zu filmen. Wells blieb 25 Minuten lang auf dem Gehweg hocken.

"Haben Sie meinen Boss angerufen?", fragte er einen Polizisten, offenbar besorgt, sein Arbeitgeber könnte denken, er drücke sich vor der Arbeit. Plötzlich begann der Apparat um seinen Hals immer schneller zu piepsen. Wells wand sich unruhig hin und her. Es sah aus, als versuchte er, rückwärts zu rutschen, um der Bombe um seinen Hals irgendwie zu entkommen. Piep … piep … piep. Bumm! Die Bombe explodierte, schleuderte ihn auf den Rücken und riss ihm eine knapp 13 Zentimeter lange klaffende Wunde in die Brust. Der Pizzabote keuchte noch ein paarmal und starb auf dem Gehweg. Es war 15.18 Uhr. Drei Minuten später traf das Entschärfungskommando ein.

Die Polizei begann, das Beweismaterial zu sichten. In Wells' Wagen entdeckte man einen 60 Zentimeter langen Spazierstock, der sich als raffiniert konstruiertes Gewehr, Marke Eigenbau, entpuppte. Die Bombe selbst war in Konstruktion und Ausführung ebenfalls ein Wunder an Heimwerkerkunst. Sie bestand aus zwei Teilen: einem Metallkragen aus drei Reifen mit vier Schlüssellöchern und einem Zahlenschloss mit drei Ziffern sowie einem Metallkästchen, in dem sich zwei 15 Zentimeter lange Rohrbomben befunden hatten, geladen mit zweibasigem, rauchschwachem Pulver. Der Metallkragen war wie eine große Handschelle um Wells’ Hals geschlossen. Die Ermittler sahen sofort, dass er mit professionellem Werkzeug hergestellt war. Zu der Vorrichtung gehörten auch zwei Sunbeam-Küchentimer und ein elektronischer Countdown-Timer mit Drähten, die allerdings mit nichts verbunden waren – Attrappen, die von möglichen Entschärfungsversuchen abschrecken sollten –, sowie Sticker mit irreführenden Warnungen. Der ganze Apparat war in jeder Hinsicht rätselhaft.

Besonders verblüffende und faszinierende Beweisstücke waren jedoch die handgeschriebenen Notizen, die die Ermittler in Wells' Wagen fanden. Sie waren an die "Bombengeisel" adressiert und instruierten Wells, die Bank zu überfallen und 250.000 Dollar zu fordern. Anschließend sollte er komplizierten Anweisungen folgen, um unterschiedliche Schlüssel und Codes zu finden, die an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet von Erie versteckt seien. Dazu gehörten Zeichnungen, Drohungen und detaillierte Karten. Wenn Wells tat, was man von ihm verlange, so versprachen die Anweisungen, würde er die Schlüssel und die Zahlenkombination finden, die er brauchte, um sich von der Bombe zu befreien. Scheitern oder Ungehorsam würden den sicheren Tod bedeuten. "Es gibt nur eine Möglichkeit für dich zu überleben, und das ist volle Kooperation", hieß es in den Notizen, die äußerst sorgfältig geschrieben waren, was später die Handschriftenanalyse erschwerte. "Diese starke präparierte Bombe kann nur entfernt werden, wenn man diesen Anweisungen folgt … HANDLE JETZT, DENKE SPÄTER, ODER DU WIRST STERBEN!" Es schien, als habe, wer immer den Raub geplant hatte, sich eine albtraumhafte Schnitzeljagd für Wells ausgedacht, deren Preis sein Leben war.

"Verlasse die Bank und geh zu McDonald's"

In den hektischen Stunden nach Wells’ Tod versuchte die Polizei selbst, diese Jagd nachzuvollziehen. Die erste Notiz war leicht verständlich: "Verlasse mit dem Geld die Bank und geh zum McDonald's Resturaunt [sic]", hieß es da. "Steig aus dem Auto und geh zu dem kleinen Schild im Blumenbeet, auf dem steht 'drive thru/open 24 hr'. Neben dem Schild liegt ein Stein, darunter klebt ein Zettel. Darauf findest du deine nächsten Anweisungen."

Wells fuhr direkt dorthin, nachdem er die Bank mit der Geldtüte verlassen hatte. Er holte zwei Zettel mit Notizen aus dem Blumenbeet, die ihn die Peach Street hinauf zu einem mehrere Kilometer entfernten bewaldeten Areal führten, wo sich in einem Container, markiert mit orangefarbenem Klebeband, die nächsten Anweisungen befinden sollten. Doch Wells wurde geschnappt, bevor er dorthin kam.

Die Ermittler nahmen jetzt die Spur auf und fanden den Container mit dem Klebeband. Darin lag eine Notiz, die sie drei Kilometer südwärts zu einem kleinen Straßenschild führte, wo sich der nächste Hinweis in einem nahen Waldstück in einem Krug befinden sollte. Als sie dort ankamen, entdeckten sie zwar den Krug, doch der war leer. Wer auch immer dieses makabre Spiel in Gang gesetzt hatte, musste das Ganze abgeblasen haben, als die Polizei auf der Bildfläche erschienen war – und er hatte vermutlich jeden ihrer Schritte genau beobachtet.

Wells’ Kleidung fügte dem Bild noch eine weitere faszinierende Facette hinzu. Bei seinem Tod trug er zwei T-Shirts, das äußere mit einem Logo der Firma Guess – was auf Deutsch so viel heißt wie "raten" oder "rate mal". Morgens bei der Arbeit hatte Wells dieses T-Shirt nicht getragen, und seine Verwandten sagten, es gehöre nicht ihm. Es schien eine Art Verhöhnung zu sein: Ratet mal, wer dahintersteckt!

Brian Wells

Pizzabote Brian Wells

Das war nur eine der Fragen, die die Ermittler beschäftigten. Was war zum Beispiel der Zweck dieser Schnitzeljagd? Warum sollte man eine Geisel am helllichten Tag in Erie herumlaufen lassen? Warum Hinweise an öffentlichen Orten verteilen, wo jemand sie hätte entdecken können? Warum hatte man Wells als Geisel gewählt?

Diese Rätsel hielten die Stadt Erie in Atem und machten Schlagzeilen von St. Louis bis Sydney. Und sie setzten eine komplizierte Ermittlung in Gang. FBI-Agenten suchten nach Hinweisen und verfolgten Spuren auf einer verschlungenen Jagd nach dem geheimnisvollen Verbrecher, den man den "Kragenbomber" nannte. Sieben Jahre lang folgte das FBI einer eigenen Schnitzeljagd, die genauso kompliziert zu sein schien wie diejenige, in die Wells verstrickt war.

Die Jagd begann in der Pizzeria "Mama Mia". Dort arbeitete Wells am Tag des Überfalls, als um 13.30 Uhr eine Bestellung für zwei kleine Pizzen mit Salami und Peperoni reinkam, die an eine Adresse am Stadtrand geliefert werden sollten. Wells war ein loyaler Angestellter – in zehn Jahren war er nur einmal zu spät zur Arbeit gekommen, als seine Katze gestorben war. Obwohl seine Schicht fast zu Ende war, erklärte er sich bereit, die Bestellung auszuliefern. Mit zwei Pizzen in der Hand verließ er etwa um 14 Uhr den Laden.

Bill Rothstein, 59, ledig, ein Bastler

Der Lieferort war nur über eine unbefestigte Straße erreichbar – ein TV-Sendemast in einem Waldstück abseits der viel befahrenen Peach Street. Als die Ermittler die Gegend durchkämmten, entdeckten sie Fußspuren, die mit Wells’ Schuhsohlen übereinstimmten, sowie Reifenspuren, deren Profil zu den Reifen seines Geo Metro passten. Doch der Schauplatz brachte keine Hinweise darauf, wer ihn dorthin gelockt haben könnte oder was bei seiner Ankunft geschah.

Am nächsten Tag machten sich ein Reporter und ein Fotograf der "Erie Times-News" zum Sendemast auf. Die unbefestigte Straße dorthin war von den Behörden abgesperrt worden, doch die Journalisten erblickten einen großen, stämmigen Mann in einer Arbeitslatzhose, der vor einem Haus direkt daneben auf und ab lief. Der Hinterhof seines Hauses erstreckte sich fast bis zu dem Sendemast. Der Mann stellte sich als Bill Rothstein vor.

Rothstein, 59, ledig, war ein Bastler, der schon immer in dieser Gegend lebte. Er sprach ein gepflegtes Englisch, wie jemand, der stolz auf seine gute Sprachbeherrschung ist. (Er sprach auch fließend Französisch und Hebräisch.) Rothstein schien die Ermittlungen, die sich hinter seinem Hof abspielten, gar nicht bemerkt zu haben. Die Journalisten wollten unbedingt einen Blick auf den Tatort werfen und fragten Rothstein, ob er sie durch seinen Hof führen könne. Er war einverstanden. Sie schlugen sich durch dichtes Gestrüpp, doch sie konnten nichts Besonderes entdecken. Nach etwa 15 Minuten verließen sie Rothsteins Grundstück wieder und fuhren weg.

Bill Rothstein war offenbar nur ein Mann, dem zufällig ein Haus neben einem Sendemast gehörte. Doch es stellte sich heraus, dass er ein dunkles Geheimnis hütete.

Am 20. September, gut drei Wochen nach Wells' Bombentod, wählte Rothstein die Notrufnummer. "Hier ist 8645 Peach Street", meldete er sich mit seiner eigenen Adresse. "In der Garage liegt eine gefrorene Leiche. In der Gefriertruhe." Wenige Stunden nach dem Anruf saß Rothstein in Haft. Er erzählte den Polizisten, er habe sich wochenlang gequält. Er habe daran gedacht, sich umzubringen, und habe sogar einen Abschiedsbrief geschrieben, den die Ermittler tatsächlich in seinem Schreibtisch fanden. Mit schwarzem Filzstift hatte Rothstein eine Entschuldigung formuliert "an jene, die für mich und sich um mich gesorgt haben". Er identifizierte die Leiche in seiner Gefriertruhe als einen gewissen Jim Roden und sagte, er habe "ihn weder getötet noch an seinem Tod irgendeinen Anteil gehabt". Die Notiz begann mit einer merkwürdigen Feststellung: "Das hat nichts mit dem Fall Wells zu tun."

Im Laufe der folgenden zwei Tage erklärte Rothstein der Polizei, wie der Tote in seine Kühltruhe gekommen sei. Mitte August habe er einen Anruf von einer Exfreundin erhalten, einer gewissen Marjorie Diehl-Armstrong, mit der er in den Sechzigern und frühen Siebzigern liiert gewesen sei. Diehl-Armstrong habe ihm erzählt, sie habe ihrem Lebensgefährten James Roden nach einem Streit um Geld mit einer Remington-Flinte Kaliber 12 in den Rücken geschossen. Jetzt brauche sie Hilfe, um die Leiche zu entsorgen und die Spuren am Tatort in ihrem Haus in Erie, etwa 15 Kilometer von Rothsteins Haus entfernt, zu beseitigen.

Die Leiche lag fünf Wochen in Rothsteins Kühltruhe

Rothstein tat, was sie verlangte. Die Leiche habe dann fünf Wochen lang in der Kühltruhe in seiner Garage gelegen. Sorgfältig habe er die Mordwaffe eingeschmolzen und die Metallstücke an verschiedenen Orten in Erie County verteilt. Aber, so Rothstein, er habe es nicht fertiggebracht, die Leiche wie geplant zu zermahlen. Daher habe er die Polizei gerufen, weil er Diehl-Armstrongs Rache fürchtete.

Am 21. September – dem Tag nach dem Anruf – wurde Diehl-Armstrong wegen Mordes an Roden verhaftet. Im Januar 2005, 16 Monate später, bekannte sie sich schuldig, erklärte sich jedoch für psychisch krank. Sie wurde zu 7 bis 20 Jahren Haft verurteilt. Zu dem Zeitpunkt konnte sich Rothstein keine Gedanken mehr über seine frühere Freundin machen, die er bei der Polizei angezeigt hatte: Er war im Juli 2004 an Lymphdrüsenkrebs gestorben.

Das FBI-Team, das mit den Ermittlungen um das Rätsel des Kragenbombers beschäftigt war, hatte sich um den Roden-Mord nicht besonders gekümmert. Das war eine lokale Angelegenheit, die scheinbar nichts mit ihrem Fall zu tun hatte. Doch im April 2005 rief ein örtlicher Polizist an, der gerade wegen einer anderen Mordsache mit Diehl-Armstrong gesprochen hatte. Rothsteins Abschiedsbrief war offenbar ein Ablenkungsmanöver gewesen; laut Diehl-Armstrong hatte der Mord an Roden sehr wohl mit dem Kragenbomber-Komplott zu tun. Als die FBI-Agenten Diehl-Armstrong aufsuchten, fragte sie, ob sie eine Verlegung vom Staatsgefängnis in Muncy in ein Gefängnis in Cambridge Springs mit leichteren Haftbedingungen ermöglichen könnten, das außerdem viel näher an Erie gelegen sei. Dann würde sie ihnen alles erzählen, was sie wisse.

Marjorie Diehl-Armstrong

Marjorie Diehl-Armstrong

Schon bevor sie für den Mord an Roden verhaftet wurde, war Diehl-Armstrong in Erie eine berühmt-berüchtigte Figur, bekannt für eine Reihe toter Liebhaber. Zum ersten Mal wurde man 1984 auf sie aufmerksam. Da war sie 35 und des Mordes an ihrem Freund Robert Thomas angeklagt. Diehl-Armstrong behauptete, in Notwehr sechsmal auf ihn geschossen zu haben, eine Jury sprach sie letztlich frei. Vier Jahre später starb ihr Mann Richard Armstrong an einer Hirnblutung. Der Tod wurde als Unfall eingestuft, doch es blieben Fragen. Armstrong war mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert worden, doch man hatte den amtlichen Leichenbeschauer nicht eingeschaltet.

Nach Aussage früherer Mitschüler war Diehl-Armstrong in der Schule für ihre überragende Intelligenz bekannt, und sie besaß noch immer ein nahezu enzyklopädisches Wissen über Literatur, Geschichte und Recht. Doch im Laufe der Jahre blitzten in dieser Intelligenz immer häufiger Anzeichen von Wahnsinn auf. Laut Gerichtsakten litt sie an einer bipolaren Störung, und sie war paranoid und narzisstisch. Ihre Stimmung schwankte stark, sie redete ununterbrochen wie ein Maschinengewehr und schien unfähig, ihren Redeschwall zu kontrollieren. 1984 fanden die Ermittler in ihrem zugemüllten Haus etwa 180 Kilo Butter und 320 Kilo Käse, fast alles verdorben. Sieben Mal wurde sie von Psychiatern für geistesgestört erklärt, bis ein Richter schließlich urteilte, dass man sie dennoch des Mordes an Thomas anklagen könne.

Sie war offenbar genau der Mensch – mordlustig, exzentrisch und darauf bedacht, ihre intellektuellen Fähigkeiten zur Schau zu stellen –, der sich einen extrem raffinierten Banküberfall ausdenken könnte. Auch schien sie ein Mensch zu sein, der es sich kaum verkneifen könnte, der Welt von seiner brillanten List zu erzählen.

In den Verhören durch FBI-Agenten verhielt sich Diehl-Armstrong entsprechend. Einerseits beteuerte sie, nichts mit dem Plan zu tun gehabt zu haben, andererseits gab sie zu, davon gewusst zu haben und die Küchentimer, die beim Bau der Bombe verwendet wurden, beschafft zu haben. Außerdem, dass sie sich zum Zeitpunkt des Überfalls anderthalb Kilometer vom Tatort entfernt befunden habe. Sie gab auch an, dass Wells, der tote Pizzabote, nicht nur Opfer, sondern auch Mitwisser war. Ebenso wie Rothstein, der Mann, der sie für den Mord an Roden angezeigt hatte. Tatsächlich sei dieser, versicherte sie, der Kopf hinter dem Ganzen gewesen.

Die Drahtzieherin hinter dem Kragenbomber-Plan?

Doch während Diehl-Armstrong mit dem Finger auf Rothstein zeigte, belastete sie sich bereits selbst. Tatsächlich hatten die FBI-Agenten schon vor ihrer Aussage den Verdacht, dass Diehl-Armstrong hinter dem Kragenbomber-Plan steckte. Im Lauf der Wochen hatten die Ermittler vier verschiedene Informanten befragt, die erzählten, Diehl-Armstrong habe bis ins kleinste Detail über das Verbrechen geredet. Einer hatte sich Notizen zu den Gesprächen gemacht. Unter anderem habe Diehl-Armstrong versichert, Roden getötet zu haben, weil "er den Plan für den Banküberfall verraten" wollte. Außerdem habe sie geholfen, Wells’ Halsumfang für die Bombe zu messen.

Ende 2005, ein paar Monate nachdem Diehl-Armstrong erstmals mit den FBI-Agenten gesprochen hatte, gelang ihnen einer weiterer Durchbruch: Ein Zeuge meldete sich und gab zu Protokoll, dass ein ehemaliger Fernsehtechniker, jetzt Crackdealer, namens Kenneth Barnes ebenfalls in den Fall verwickelt sei. Barnes, ein alter Angelkumpan von Diehl-Armstrong, hatte ganz offen über den Plan geredet, und sein Schwager war zur Polizei gegangen. Barnes saß zu dem Zeitpunkt bereits wegen Drogendelikten im Gefängnis. Aus Angst, noch länger hinter Gittern bleiben zu müssen, ließ er sich auf einen Deal ein: Im Gegenzug zu einer Strafminderung würde er eine umfassende Aussage zu dem Verbrechen machen.

Barnes bestätigte den Verdacht der FBI-Agenten, dass Diehl-Armstrong der Kopf hinter dem Kragenbomber-Plan sei. Sie habe Bargeld gebraucht, so behauptete er, damit sie ihn beauftragen könne, ihren Vater umzubringen. Sie fürchtete nämlich, dass der gerade sein Vermögen verprasste – Geld, das sie erben wollte. Barnes beteuerte aber, dass er in die Details des Plans nicht eingeweiht gewesen sei. Doch trotz einiger Lücken erhärtete seine Aussage vieles, was die Agenten bereits gehört hatten. Die Ermittlung nahm endlich Fahrt auf.

Am 10. Februar 2006 besuchten die FBI-Agenten Diehl-Armstrong erneut. Diesmal war ihr Anwalt dabei. Die Agenten ließen Diehl-Armstrong wissen, sie verfügten über genügend Beweise für eine Anklage gegen sie. Daraufhin rastete sie aus, schlug mit der Faust auf den Tisch, beschimpfte Agenten und Anwalt. Erstaunlicherweise sprach sie aber den- noch weiter mit ihnen. Bei einem der nächsten Treffen war sie sogar bereit, mit den Agenten durch Erie zu fahren und ihnen zu zeigen, wo sie an dem Tag war, an dem Wells die Bank überfallen hatte. Am Ende der Fahrt hatte sie zugegeben, an mehreren Stellen gewesen zu sein, die mit dem Verbrechen in Verbindung standen. Dann erklärte sie den Agenten, sie würde keine weiteren Informationen preisgeben, es sei denn, man sichere ihr Immunität zu. Doch es war zu spät. Die Frau, die nicht aufhören konnte zu reden, hatte schon viel zu viel gesagt.

Im Juli 2007, einen Monat vor Wells' viertem Todestag, gab die Staatsanwaltschaft in Erie eine Pressekonferenz anlässlich "einer wichtigen Entwicklung" in dem Fall. Die Bundesanwältin Mary Beth Buchanan stand vor einer Batterie von Fernsehkameras und verkündete, die Untersuchung sei beendet. Diehl-Armstrong und Barnes seien angeklagt, das spektakuläre Verbrechen verübt zu haben – nach einem Plan, den Diehl-Armstrong entworfen habe.

Die Staatsanwälte gingen zudem von weiteren Mitverschwörern aus. Einer davon sei Rothstein gewesen. Und Wells, das angebliche Opfer, habe auch dazugehört. Die Anklageschrift stützte sich auf Informationen, die man aus mehr als 1000 Verhören im Laufe von fast vier Jahren zusammengesetzt hatte: Wells sei von Anfang an involviert gewesen. Er war einverstanden, die Bank zu überfallen, mit einer Vorrichtung um den Hals, die er für eine Bombenattrappe hielt. Die Schnitzeljagd, so habe man ihm gesagt, sei lediglich eine List, um die Polizei in die Irre zu führen; sollte er geschnappt werden, könnte er die bedrohlichen Instruktionen als Beweis dafür vorlegen, dass er nur Befehle ausführte.

Doch nach und nach, so Buchanan, habe sich Wells von einem Mittäter in "einen widerspenstigen Teilnehmer" verwandelt. Irgendwann wurde Wells aufs Kreuz gelegt. Die Bombenattrappe stellte sich als echte Bombe heraus, und er war plötzlich eine echte Geisel. Und die Schnitzeljagd wurde von einer geschickten Irreführung zu einem realen Wettlauf gegen die Zeit. Wells’ Familie saß bei den Presseleuten und war fassungslos. Eine seiner Schwestern schrie immer wieder: "Lüge!", während Buchanan die Erklärung verlas.

Wells' Verwandte: Nicht die einzigen Zweifler

Wells’ Verwandte waren nicht die einzigen Zweifler. Für diejenigen, die den Fall genau verfolgt hatten, war die Erklärung der Behörden ausgesprochen unbefriedigend. Sie schien ebenso viele Fragen aufzuwerfen, wie sie beantwortete. Warum sollte Wells bei so einem Plan mitgemacht haben? War ihm die Gefahr bewusst, in der er sich befand? Und konnte Diehl-Armstrong mit ihren zahlreichen psychischen Problemen tatsächlich ein derart komplexes Verbrechen geplant haben? Schon eine Woche später stellten sich immer neue Fragen, als herauskam, dass das FBI die gesamte Schnitzeljagd für einen schlechten Scherz halte. Die Bombe war so konstruiert, dass jeder Versuch, sie zu entfernen, sie sofort ausgelöst hätte. Wells’ Tod war fest eingeplant.

Im September 2008 bekannte Barnes sich der Verschwörung sowie der Waffendelikte im Kragenbomber-Fall für schuldig. Er wurde zu 45 Jahren Haft verurteilt, doch er hoffte auf Strafminderung, weil er bereit war, gegen Diehl-Armstrong auszusagen.

Der Prozess gegen Marjorie Diehl-Armstrong versprach die Rätsel aufzuklären, die den Kragenbomber-Fall um- gaben. Doch sein Beginn verzögerte sich immer weiter. Zunächst urteilte ein Bundesrichter, Diehl-Armstrong sei geistig nicht in der Lage, sich vor Gericht zu verantworten. Als man sie schließlich für fähig hielt, sich Richter und Geschworenen zu stellen, erhielt sie die Diagnose Drüsenkrebs. Das Verfahren wurde erneut auf Eis gelegt, während sie auf ihre Prognose wartete. Der Richter erhielt die Einschätzung des Arztes im August 2010: Diehl-Armstrong habe noch drei bis sieben Jahre zu leben. Die Staatsanwaltschaft entschied sich dafür, weiterzumachen. Der Prozessbeginn wurde für den 12. Oktober angesetzt.

Bombe

Die perfide Vorrichtung, die Brian Wells um den Hals trug

Besonders verblüffend war, dass Diehl-Armstrongs Anwalt Douglas Sughrue seine Mandantin in den Zeugenstand rufen wollte – ein riskanter Schachzug. Schließlich hatte sie sich bereits selbst des Mordes bezichtigt. War es klug, eine dermaßen sprunghafte, unberechenbare Person aussagen zu lassen?

Am fünften Tag des Prozesses im Erie Federal Courthouse machte Ken Barnes seine Zeugenaussage. Zu diesem Zeitpunkt hatte Staatsanwalt Marshall Piccinini, ein eloquenter Mann mit silbergrauem Haar, bereits beachtliches Beweismaterial präsentiert. Er hatte sieben frühere Gefängnisinsassen aufgefahren, die von belastenden Informationen erzählten, die Diehl-Armstrong ihnen gegeben habe. In seinem Plädoyer beschrieb Piccinini die Protagonisten im Fall Wells später als ein Ensemble von "überspannten, intelligenten, gestörten Individuen, die sich selbst ausgetrickst haben".

Barnes – ehemaliger Crackdealer und Möchtegern-Auftragsmörder – war Piccininis wichtigster und zugleich sein letzter Zeuge. Endlich schien jemand bereit zu sein, die ganze Geschichte zu erzählen, alles, was sich in den Tagen vor dem 28. August 2003, dem Tag des Überfalls, abgespielt hatte. Barnes, der die fahle Gesichtsfarbe und die Zahnlücken eines früheren Cracksüchtigen hatte, schritt zur Richterbank und legte den Eid ab. Dann trat er in den Zeugenstand und beschrieb das Komplott ganz sachlich einer gespannt lauschenden Jury.

Diehl-Armstrong, sagte Barnes, habe den Plan entworfen und Mitverschwörer angeworben, die bei der Ausführung helfen sollten. Rothstein sei einer von ihnen gewesen, Wells ein weiterer, den man mit einem Anteil an der Beute geködert habe. Der brauchte das Geld. Es stellte sich nämlich heraus, dass der unauffällige Pizzabote ein Verhältnis mit einer Prostituierten hatte. Mithilfe seines Kumpels Barnes kaufte er Crack, das er dann der Prostituierten im Tausch gegen Sex gab. Doch in den Wochen vor dem Überfall machte Wells Schulden bei seinen Crackdealern und brauchte dringend Bares. Erst am Nachmittag des Verbrechens, als er die Pizzen zu dem Sendemast brachte, wurde Wells klar, dass man ihn aufs Kreuz gelegt hatte und die Bombe echt war. Als er versuchte wegzulaufen, wurde er überwältigt, und man schloss ihm mit vorgehaltener Waffe die Bombe um den Hals.

"Ich habe Brian Wells niemals gekannt"

Während Barnes’ Aussage flüsterte Diehl-Armstrong die ganze Zeit aufgebracht mit ihrem Anwalt. Mehrere Male platzte sie heraus: "Lügner!" Offenbar konnte sie es nicht ertragen, wenn solche Leute sie in Misskredit brachten. Am 26. Oktober, dem achten Prozesstag, bekam Diehl-Armstrong schließlich die Gelegenheit, ihre Version der Ereignisse vorzutragen. An zwei Tagen machte sie insgesamt fünfeinhalb Stunden lang den Zeugenstand zu ihrer Bühne. Fettige Strähnen ihres welligen schwarzen Haars klebten ihr im Gesicht. Jedes Mal, wenn sie den Mund öffnete, kam ein Schwall von Worten heraus. Sie machte sich über ihren Anwalt lustig: "Das ist eine dumme Frage, Mr Sughrue." Sie mokierte sich über den Staatsanwalt: "Wenn das die Art von Beweisen ist, die Sie gegen mich haben, dann sage ich Ihnen, das ist eine erbärmliche Vorstellung." Sie schrie. Sie zeterte. Mehr als 50 Mal versuchte der Richter – oft vergebens –, sie zu unterbrechen.

Am ersten Tag im Zeugenstand erwähnte sie Wells nur ein einziges Mal – erst in den letzten zehn Minuten ihrer fast 100-minütigen Schimpfkanonade: "Ich habe Brian Wells niemals getroffen, ich habe Brian Wells niemals gekannt. Nie. An dem Tag, als er starb, habe ich zum ersten Mal von ihm gehört. Ich habe es in den Nachrichten gesehen."

Die Jury kaufte ihr das nicht ab. Nach elfstündiger Beratung fällten die sieben Frauen und fünf Männer das Urteil: "Schuldig in allen drei Anklagepunkten" – bewaffneter Banküberfall, Verschwörung und Einsatz einer "zerstörerischen Vorrichtung" in einem Gewaltverbrechen. Am 28. Februar 2011 wurde Marjorie Diehl-Armstrong zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Siebeneinhalb Jahre nach der Tat waren also die Rätsel dieses spektakulären Falles endlich gelöst. So jedenfalls deuteten die meisten Beobachter den Schuldspruch gegen Diehl-Armstrong. Jim Fisher sieht das anders. Als ehemaliger FBI-Ermittler verfolgte er den Kragenbomber-Fall genau, seit er das Filmmaterial gesehen hatte, das zeigt, wie sich Wells mit der Bombe um den Hals auf dem Gehweg windet. Der damals 64-jährige Professor für Strafrecht hatte eine Schwäche für ungelöste Kriminalfälle, und dieser war einer der atemberaubendsten, die ihm je untergekommen waren. Wie besessen studierte er die Medienberichte über den Fall und jedes Beweisstück, das vom FBI präsentiert wurde. Laut Fishers Einschätzung war es unmöglich, dass jemand wie Marjorie Diehl-Armstrong die Kragenbomber-Sache geplant hatte.

Fisher verweist auf ein Profil des Kragenbombers, das die Behavioral Analysis Unit des FBI erstellt hatte. "Es ist noch immer die Meinung der [Abteilung], dass es sich hier um viel mehr als einen einfachen Bankraub handelt", heißt es da. "Das Verhalten in diesem Kriminalfall wurde choreografiert vom 'Kragenbomber‘, der von außen zuschaute und, einem schriftlichen Drehbuch folgend, andere so zu dirigieren versuchte, dass sie taten, was er wollte … Wegen der Komplexität dieses Verbrechens ist die [Behavioral Analysis Unit des FBI] überzeugt, dass der Täter multiplen Motiven folgte und Geld nicht an erster Stelle stand." Mit anderen Worten, der Banküberfall war nicht der springende Punkt. Wer auch immer den Raub geplant hatte, es war ihm egal, ob Wells das Geld ablieferte oder nicht. Er wollte ein faszinierendes Rätsel in die Welt setzen, eines, das sich noch viele Jahre allen Lösungen entziehen würde und das die Polizei vergebens nach Erklärungen jagen ließ. Genauso wie er Wells auf seine schicksalhafte Schnitzeljagd geschickt hatte.

Nichts davon, so Fisher, klingt nach Diehl-Armstrong, der die Staatsanwaltschaft die Planung der ganzen Geschichte zuschrieb und deren Motiv es gewesen sein soll, Geld für die Bezahlung eines Auftragsmörders zu beschaffen. Doch wenn nicht Diehl-Armstrong den Plan entworfen hatte, wer war es dann? Fisher verweist wieder auf das FBI-Profil, das behauptet, der Bombenbauer sei "vertraut mit vielen verschiedenen Elektrowerkzeugen und Profimaschinen". Er sei eine "genügsame Person, die Reste aller möglichen Materialien aufbewahrt, um sie irgendwann wiederzuverwenden". Und er sei "ein Mensch, der stolz ist, verschiedenste Dinge bauen zu können".

Für Fisher klingt das wie eine Beschreibung von Bill Rothstein, dem Mann, der neben dem Sendemast wohnte und der bereit war, einen Toten in der Gefriertruhe in seiner Garage aufzubewahren. Der Bastler besaß die Fähigkeit, einen so komplizierten Sprengkörper zu bauen. Noch überzeugender für Fisher war die Beschreibung des Drahtziehers, der andere mittels eines schriftlichen Drehbuchs dirigierte, das offenbar nur ihm zugänglich war.

Nach Fishers Ansicht spielte Rothstein von Anfang an mit den Ermittlern, heckte die Schnitzeljagd zumindest teilweise aus, um sie auf eine falsche Spur zu hetzen, womit sie in den kostbaren Tagen nach dem Raub wertvolle Zeit vergeudeten. Und dann war da der Anruf. Indem Rothstein im Mordfall Roden mit dem Finger auf Diehl-Armstrong zeigte, konnte er die Ermittlungen im Fall Wells in seinem Sinne manipulieren. Er wusste, wenn er sich nicht selbst an die Polizei gewandt hätte, dann hätte es Diehl-Armstrong oder einer der anderen Mitwisser getan. Darum zog er Diehl-Armstrong in den Fall Roden hinein, bevor sie ihn verpfeifen konnte, während er sich zugleich im Kragenbomber-Fall ahnungslos gab.

"Grotesk, wahnwitzig, hoffnungslos gescheitert"

Er erweckte ja auch den Eindruck eines Mannes, der nichts zu verbergen hatte. Denn warum sollte jemand, der in die Sache verwickelt war, die Polizei rufen und stundenlang mit ihr reden? Selbst auf dem Totenbett stritt Rothstein jegliches Wissen über den Kragenbomber-Fall ab, obwohl er eigentlich keinen Grund mehr hatte, etwas zu verbergen. Bis zu seinem Todestag hielt sich Rothstein bedeckt – er "kontrollierte das Narrativ", wie es Fisher formulierte.

In seinem Schlussplädoyer des Diehl-Armstrong-Prozesses beschrieb Staatsanwalt Piccinini das Verbrechen als einen "grotesken, wahnwitzigen, hoffnungslos gescheiterten Plan". Wäre Raub das eigentliche Ziel gewesen, dann wäre das eine ziemlich genaue Zusammenfassung. Aber Fisher glaubt, es sei gar nicht ums Geld gegangen. Rothstein, der es in seinem Leben nie zu etwas gebracht hatte, wollte seine Genialität beweisen, indem er ein Verbrechen beging, das rund um den Globus Schlagzeilen machte und die Behörden jahrelang vor ein Rätsel stellte. Er suchte sich Mittäter, die er kontrollieren konnte, und er hielt entscheidende Einzelheiten des Plans vor ihnen geheim – eine Taktik, die die Ermittlungen weiter komplizieren sollte.

"Der Mistkerl hat am Ende gewonnen", sagt Fisher. "Er ist mit allen seinen Geheimnissen gestorben. Er hat alle Antworten mit ins Grab genommen. In diesem Sinne war er derjenige, der zuletzt lacht. Er ist der Strafe entkommen. Er ist der Entdeckung entkommen. Er hat uns mit diesen Idioten und einem Haufen Fragen zurückgelassen." Diese Fragen, sagt Fisher, dienen als Erinnerung an Rothsteins letzten Triumph. Er starb als freier Mann. Und der letzte Schritt in der Schnitzeljagd, das Indiz, das die Antworten gibt, nach dem die Agenten die ganze Zeit gesucht haben, wird für immer verborgen bleiben.

Aus dem Amerikanischen von Karin Rausch

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