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Bruder von Hatun Sürücü legt sich mit Journalisten an

Knapp elf Jahre nach dem Ehrenmord an Hatun Sürücü müssen sich zwei Brüder der damals 23-Jährigen vor einem türkischen Gericht verantworten. Die Schuld an der Misere geben sie anderen. Einem der beiden platzte gar der Kragen.

Ehrenmord in Berlin: Blumen und Kerzen erinnern der in 2005 ermordeten Hatun Sürücü

Hatun Sürücü wurde 2005 in berlin von einem ihrer Brüder erschossen. Der Ehrenmord wird nun in der Türkei noch einmal verhandelt

Die Verhandlung ist gerade zu Ende, da dreht sich ein Bruder von Hatun Sürücü mit grimmigem Gesicht zu den deutschen Journalisten im Gerichtssaal um und beschimpft sie als "elende Hunde". Die deutschen Medien seien Schuld daran, dass er sich nun elf Jahre später in der Türkei für den Mord an seiner Schwester verantworten müsse. "Seid ihr jetzt zufrieden?", ruft er, bevor Sicherheitsbeamte ihn abführen.

Dem 36-Jährigen und seinem um ein Jahr jüngeren Bruder wird nach Angaben der türkischen Justiz das vorsätzliche Töten eines nahen Verwandten vorgeworfen. Sie sollen den jüngsten Bruder mit dem Mord an ihrer kleinen Schwester beauftragt haben, um die Familienehre wieder herzustellen. Außerdem werden die Brüder beschuldigt, die Waffe besorgt zu haben. Der Jüngste erschoss Hatun Sürücü 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof.

Gerichtszeichnung der wegen Mordes angeklagten Sürücü-Brüder aus dem Jahr 2005

Die Sürücü-Brüder (v.l.n.r.) Mutlu, Alpaslan und Ayhan beim ersten Prozess im Jahr 2005. Ayhan wurde später zu einer neunjährigen Haft verurteilt, die beiden anderen kamen aus Mangel an Beweisen frei (Archivbild)


Verurteilter Bruder 2014 in die Türkei abgeschoben

Die junge Frau war mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem Cousin verheiratet worden, kehrte aber bald schwanger und ohne ihren Mann nach Deutschland zurück. Ihren Sohn zog sie alleine auf, machte eine Lehre zur Elektroinstallateurin und führte auch sonst ein selbstständiges Leben. Ein Verhalten, das der streng religiösen Familie nicht passte. Vor dem Berliner Gericht gab der Jüngste an, seine Schwester wegen ihres Lebensstils getötet zu haben. Er wurde im Sommer 2014 nach mehr als neun Jahren Haft in die Türkei abgeschoben.

In Istanbul steht er nun wieder vor Gericht, diesmal als Zeuge. Der heute 29-Jährige trägt eine elegante halblange Jacke und spricht leise aber bestimmt. Er habe am Abend der Tat nach einem Streit die Fassung verloren und seine Schwester - anders als zuvor behauptet - nicht wegen ihres westlichen Lebensstils umgebracht, sagt er. Seine Brüder hätten ihm weder geholfen noch ihn ermutigt.

In Berlin aus Mangel an Beweisen freigesprochen

Auch ein weiterer Bruder nimmt die Angeklagten in Schutz und beschuldigt die deutschen Medien, die die "Familie sogar bis in unser türkisches Dorf verfolgt" habe. Der 43-Jährige wirkt trotz seines Alters wie ein Student. In Lederjacke und Umhängetasche steht er vor dem Richter und ist betont höflich.

Die beiden Beschuldigten sitzen hinter den Brüdern auf der Anklagebank. Der ältere, der später die Medien beschimpft, schaut eher schüchtern. Sein Bart reicht knapp übers Kinn. Er wirkt ruhig. Laut Anklageschrift soll er die Mordwaffe besorgt haben. Der mitangeklagte Bruder dagegen scheint nervös. Er wippt ständig mit dem linken Bein auf und ab und dreht seine Kappe in der Hand. Er soll den jüngsten Bruder begleitet und den Mord beobachtet haben.

In dem Berliner Mordprozess waren die zwei Brüder - im Gegensatz zu dem Jüngsten - 2006 zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Doch zu einem neuen Prozess kam es nicht mehr, weil sich beide in die Türkei abgesetzt hatten. Das Land liefert seine Staatsbürger nicht aus. Doch 2013 eröffnete die türkische Seite dann ein eigenes Strafverfahren gegen die Männer.

Ehrenmord der Ex-Freundin detailliert erzählt

Aus Sicht der Berliner Anwältin und Prozessbeobachterin in Istanbul, Seyran Ates, hat das auch politische Gründe. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei hätten sich gebessert, und man wolle vonseiten der Türkei guten Willen zeigen, sagt sie. Zuvor habe sich die türkische Führung schlicht und einfach nicht für den Fall interessiert. Gerade deshalb hoffe sie, dass die Türkei "kein Auge zudrückt".

Die Vorwürfe gegen die Brüder stützen sich laut Anklageschrift auch auf die Aussagen der Ex-Freundin des Täters. Er hatte ihr demnach vor und nach der Tat von dem Mitwirken der beiden Brüder detailliert erzählt. Die türkische Staatsanwaltschaft stuft die Aussagen der Ex-Freundin als glaubwürdig ein. "Es muss angenommen werden, dass, wenn auch kein Indiz allein ausreicht, um die Schuld der Verdächtigen zu beweisen, dennoch die Gesamtheit der Indizien den nötigen Beweis liefern kann", heißt es in der Anklageschrift. Die Ex-Freundin erscheint am Dienstag nicht vor Gericht. Der nächste Verhandlungstag wurde für den 28. April festgesetzt.

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