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Staatsanwalt kritisiert Mannichl

Auch ein Jahr nach der Messerattacke auf den damaligen Passauer Polizeichef Alois Mannichl ist der Fall unaufgeklärt und mysteriös. Nun kritisiert Oberstaatsanwalt Helmut Walch im Gespräch mit stern.de Mannichl erstmals öffentlich - wegen seiner Kollegenschelte und zahlreicher Widersprüche.

Von Rudolf Lambrecht und Klaus Wiendl

Es war ziemlich genau vor einem Jahr: Am Abend des 13. Dezember 2008 stach ein Unbekannter den damaligen Passauer Polizeichef Alois Mannichl nieder - vor dessen Haus im Vorort Fürstenzell. Mannichl sei lebensgefährlich verletzt worden, hieß es damals. Neonazis hätten sich gerächt für Mannichls unerschrockenes, entschlossenes Auftreten. Der Mann war ein Held, ein Aufschrei ging durch das Land, der bayerische Innenminister eilte an Mannichls Krankenbett, eine Sonderkommission (Soko) ermittelte.

"Es ist der Zeitpunkt gekommen, sich zu wehren"

Allein: Die Fahnder fingen sie nicht, die Täter, die vermeintlichen Neonazis. Sie fingen überhaupt keinen Täter. Und der Fall wurde immer mysteriöser. Hinweise führten ins Nichts, Theorien, mal mehr mal weniger abstrus, schossen ins Kraut. Der Täter käme aus Mannichls familiärem Umfeld, wurde zeitweilig spekuliert, dann wurde überlegt, ob sich der Polizist den Messerstich selbst habe zufügen können, dann wurde alles wieder verworfen - und die Ermittler sahen sich erheblichen Vorwürfen - auch von Seiten Alois Mannichls - ausgesetzt, sie hätten bei dem Fall geschlampt. Erst am Wochenende erneuerte der 53-Jährige im Interview seine Kritik, die Ermittler hätten es versäumt, unter seinen Fingernägeln nach DNA-Spuren des Täters zu suchen. Auf diese Vorwürfe hat der Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch nun reagiert. "Es ist der Zeitpunkt gekommen, sich zu wehren gegen den Vorwurf von Herrn Mannichl, die Ermittlungsbehörden hätten falsche Angaben gemacht und er sei deshalb in der Öffentlichkeit ins Zwielicht geraten. Es muss auch mal gesagt werden, dass sich Herr Mannichl bei seinen Vernehmungen nicht widerspruchsfrei verhalten hat", sagte Walch zu stern.de. Es ist die erste öffentliche Äußerung des Staatsanwalts, in der er direkt Bezug nimmt auf die Vorwürfe Mannichls, der mittlerweile zum leitenden Polizeidirektor und Chef der Verbrechensbekämpfung für den gesamten Bezirk Niederbayern befördert worden ist.

Schon länger ist bekannt, dass Mannichl sich immer wieder in Widersprüche verwickelte. Einer dieser Widersprüche betrifft die vermutliche Tatwaffe. Ein Küchenmesser, das Mannichl nach seiner Aussage Tage vor der Tat selbst in der Nähe der Eingangstür seines Hauses abgelegt hatte. Die Ermittler rätseln: Macht es Sinn, dass ein Täter in Tötungsabsicht zu Mannichl kommt und dann ein Messer benutzt, das er zufällig am Tatort findet? Oberstaatsanwalt Walch, der die Ermittlungen führt, nennt nun stern.de erstmals Details: "In den ersten Anhörungen und Vernehmungen hat Herr Mannichl gesagt, dass in Vorbereitung des Adventfestes Tische vor seinem Haus standen, auf denen Lebkuchen lagen." Da sei ein kleiner Junge vorbeigekommen, den er nicht gekannt habe. Der habe um einen Lebkuchen gebeten. Daraufhin habe Mannichl gesagt: "Der ist doch viel zu groß für dich, warte, ich hole ein Messer und schneide dir den Lebkuchen ab. Als er zurückgekommen sei, habe der Junge schon den ganzen Lebkuchen aufgegessen gehabt. Herr Mannichl habe dann das Messer bei den Lebkuchen auf dem Tisch liegen gelassen. So seine erste Einlassung. Die hat er auch in weiteren Vernehmungen wiederholt.

"Das sind unterschiedliche Einlassungen"

In einer Vernehmung im Januar habe Mannichl dann aber von dem Jungen nichts mehr erwähnt, so Walch, sondern angegeben, "dass ihm während des Festes ein schlampig abgebrochener Lebkuchen aufgefallen sei, worüber er sich geärgert habe. Dann habe er ein Messer aus dem Haus geholt, damit in Zukunft die Lebkuchen glatt abgeschnitten werden können. Das Messer habe er dann auf den Tisch gelegt. Beim Aufräumen sei alles ins Haus getragen worden, nur das Messer nicht. Das habe er auf das Fensterbrett gelegt."

"Zu dem Jungen lieferte Herr Mannichl keinerlei Beschreibung", so Walch. "Wir haben natürlich versucht, den Jungen zu finden. Das war dann aber hinfällig, als Herr Mannichl Anfang Januar das mit dem Jungen nicht mehr wiederholte. Das sind unterschiedliche Einlassungen."

Jede Menge Widersprüche

Wenig Verständnis hat der Oberstaatsanwalt auch für Mannichls öffentlich vorgetragenen Vorwurf, die Beamten der inzwischen aufgelösten Sonderkommission "Fürstenzell" hätten seinerzeit unprofessionell gearbeitet, weil sie keine Proben von Mannichls Fingernägeln nahmen, um mögliche DNA-Spuren des Attentäters zu sichern. "Als die Kripo am Tatort eintraf, war Herr Mannichl schon im Krankenhaus", sagte Walch stern.de. "Er ist sofort einer Notoperation unterzogen worden. Schon durch die medizinischen Vorbereitungsmaßnahmen, aber auch durch den Kontakt mit verschiedenen Personen wurden die Fingernägel sehr stark kontaminiert. Dann hat Herr Mannichl in den ersten Vernehmungen den Angriff so geschildert, dass ein unmittelbarer Kontakt, insbesondere ein Hautkontakt mit dem Täter nicht stattgefunden habe." Später habe Mannichl "die Auseinandersetzung im Detail allerdings als wesentlich intensiver, die Art, aber auch die Angriffs- und Abwehrbewegung anders geschildert". Walch: "Ich kann aus Rücksicht auf die Ermittlungen leider die Details nicht nennen, aber es sind Widersprüche da."

Erst nach seinen von den ursprünglichen Einlassungen abweichenden Darstellungen habe Mannichl "moniert, dass keine Spurensicherung an seinen Fingernägeln erfolgt" sei. Wirklich verärgert ist der Oberstaatsanwalt vor allem über Mannichls Kollegenschelte: "Ich muss die Polizeibeamten dafür in Schutz nehmen, dass sie keine Proben von den Fingernägeln genommen haben. Herr Mannichl ist der einzige, der den Ablauf beobachtet hat, er ist hoher Polizeibeamter, er weiß um die Brisanz und den Beweiswert von Fingernägeln. Er war der Vorgesetzte der Polizeibeamten, die fast täglich bei ihm im Krankenhaus waren, und er hat zu keinem Zeitpunkt die Beamten gefragt: Warum nehmt ihr keine Proben von den Fingernägeln? Wenn er selbst das nicht für erforderlich gehalten hat, dann kann man den Polizeibeamten jetzt auch keine Vorwürfe machen."

Keine Organisation hinter dem Anschlag

Unterschiedliche Aussagen eines Zeugen zu einer Tat sind für Ermittler nichts Neues. Das bedeutet auch noch nicht, dass alles unglaubwürdig ist, was zu Protokoll gegeben wird. Walch will bislang Mannichl als Zeugen nicht fallen lassen, obgleich der mit seinen widersprüchlichen Angaben nicht geholfen hat, dass die Ermittler durch sein Verhalten gut dastehen. "Die Widersprüche sind da", sagt der Chef-Ermittler.

Die Stichverletzung ist längst verheilt. "Es bestand keine Lebensgefahr", sagt Walch. "Gott sei Dank ist es nicht zu inneren Blutungen gekommen und kein Organ verletzt worden. Der Stich war nicht sehr tief. Es war kein heftiger Stich. Der Blutverlust war äußerst gering."

Ob der Tathergang jemals rekonstruiert und ein Täter gefunden werden kann, ist auch ein Jahr nach der Attacke unklar. Fest steht nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler allerdings, dass es sich kaum - wie von Mannichl vermutet - um einen gezielten Anschlag aus der rechtsradikalen Szene gehandelt haben kann. "Mit jeder Überprüfung ist es unwahrscheinlicher erschienen", so Walch, "dass der Täter im organisierten rechtsradikalen Spektrum zu finden ist. Unsere sehr intensiven Ermittlungen lassen den Schluss zu, dass keine Organisation dahintersteht. Das ist eine Kernaussage." Stattdessen gebe es inzwischen die Vermutung, "dass es sich um einen Einzeltäter handelt, der, unzufrieden mit seinem Leben und seiner sozialen Situation, rechtsradikalen Argumenten erlegen ist".

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