Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

"Meine Kleider haben mich danach geekelt"

Wenn Menschen Opfer eines Einbruchs werden, ist der materielle Verlust das eine. Das andere sind der Schock und die Verunsicherung. Manche fühlen sich in ihren eigenen Wänden nicht mehr wohl.

Deutschland ist ein Eldorado für Einbrecher: Mit 150.000 Einbrüchen wurde im vergangenen Jahr so viel eingebrochen wie seit 15 Jahren nicht. Alle dreieinhalb Minuten wird eine Wohnung oder ein Einfamilienhaus ausgeräumt. Am liebsten kommen die Einbrecher in der dunklen Jahreszeit - oder wenn die Bewohner im Urlaub sind.

Jeder Einbruch kann weit mehr als nur materiellen Schaden anrichten. Viele Opfer fühlen sich danach unsicher in den eigenen vier Wänden, manche halten es dort kaum noch aus. Drei Betroffene erzählten dem stern, was der Vorfall in ihnen ausgelöst hat und wie sie damit umgehen. Angelika Ritter beispielsweise ekelte sich anfang dermaßen vor ihren eigenen Klamotten, dass sie nicht anfassen konnte, was die Diebe durchwühlt hatten (nächste Seite). Einzelhändler Klaus Epmeier geht das Problem gemeinsam mit den Nachbarn an (übernächste Seite). Und das Ehepaar Stierand hat als Konsequenz die Schwachstelle im eigenen Haus beseitigt.

  Bei Gundi (71) und Hans (75) Stierand aus Erlangen wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar eingebrochen

Bei Gundi (71) und Hans (75) Stierand aus Erlangen wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar eingebrochen

"Ich stelle mir nachts vor, dass wieder Typen in unserem Haus sind"

Gundi Stierand: "Mein Mann und ich leben in einem freistehenden Bungalow im Erlanger Staddteile Tennenlohe. Eine gute Wohngegend, in der viele Ingieneure wohnen, die bei Siemens arbeiten. Ich bin Hausfrau, mein Mann war bei den Nürnberger Nachrichten, wir sind Rentner.

Ende Februar fuhren wir für ein paar Tage nach Österreich, wo unser Sohn arbeitet. Als wir zurück kamen und unser Haus betraten, merkten wir schon, dass etwas nicht stimmte. Die Tür war aufgebrochen, in der Diele waren Schränke ausgeräumt, auch im Schlafzimmer waren Einbrecher gewesen. Wir stellten schnell fest, dass es Profis gewesen sein mussten, denn sie hatten nur die teuren Stücke gestohlen. Bargeld und Schmuck im Wert von mehr als 10.000 Euro. Darunter eine Golduhr und Ringe, Erbstücke, deren ideeler Wert natürlich nicht messbar ist. Perlenketten und weniger teuren Modeschmuck hatten sie nicht angerührt.

Trotzdem war es für mich wichtig zu sehen, dass sie nicht in Kleiderschränken gewühlt und alles auf den Kopf gestellt hatten, sondern gezielt vorgegangen sind. Ich würde mich heute nicht mehr in unserem Haus wohl fühlen, wenn ich wüsste, dass die überall ihre Finger gehabt hätten.

Wir verständigten die Polizei, die routiniert unsere Angaben aufnahm, später kam sogar die Spurensicherung. Ich war noch so geschockt, dass ich das nicht alles richtig mitbekam. Für die Beamten war das nichts Neues, in letzter Zeit wurde in Tennenlohe immer wieder eingebrochen, das ist Gesprächsthema, im Tennisclub zum Beispiel. Wir hatten unser Haus ganz gut gegen Einbrüche abgesichert, nur die Haustür hatten wir vergessen, die Schwachstelle haben die ausgenützt.

Ein paar Tage später wurde eine Gruppe Georgier in München gefasst, bei ihnen fand man meine Milos-Uhr, die ich zurück bekam. Der Rest der Beute scheint verschollen, die fünf wurden bald wieder frei gelassen, warum, das verstehe ich nicht. Ich habe seit dem Einbruch Angst, vor allem, wenn ich nachts aufwache. Dann stelle ich mir vor, dass wieder Typen in unserem Haus sind, eine unangenehme Vorstellung. Meinen Mann hat das so mitgenommen, der spricht darüber nicht, macht das mit sich selber aus. Die Haustür haben wir mittlerweile mit einer Dreifachverriegelung ausstatten lassen."

  Wie die Polizei gegen Diebesbanden vorgeht und wie Sie Ihr Zuhause schützen, lesen Sie im aktuellen stern

Wie die Polizei gegen Diebesbanden vorgeht und wie Sie Ihr Zuhause schützen, lesen Sie im aktuellen stern

  Angelika Ritter (59), Praxismanagerin

Angelika Ritter (59), Praxismanagerin

Der Einbruch hat mein Leben verändert

"Als ich an jenem Februarabend von der Arbeit nach Hause kam, lag in der Diele etwas auf dem Boden. Ich dachte erst, das hat die Katze abgelegt. Dann erkannte ich, dass es ein Teil einer Schmuckkassette war, die ich im Schlafzimmer aufbewahrt hatte. Damit war sofort klar: Jemand war im Haus.

Im Wohnzimmer sah es chaotisch aus. Blumentöpfe und die ausgeschüttete Schmuckkassette lagen auf dem Boden. Ich ging hinauf ins Schlafzimmer. Sie hatten den Schrank durchwühlt, sogar die Regalbretter herausgerissen.

Mein Schmuck war weg, darunter ein Armkettchen, das mir meine Eltern zur Konfirmation geschenkt hatten, ein geflochtenes Goldarmband, das mir mein Vater von einer Reise mitgebracht hatte, eine wertvolle Uhr, drei Ringe. Bargeld dagegen hatten die Einbrecher liegen lassen, obwohl es offen auf meinem Schreibtisch lag. Die Polizei vermutete deshalb, dass ich die Täter gestört hatte. Sie stiegen von der Gartenseite ein, hatten ein geschlossenes Fenster aufgewuchtet. Der Schaden betrug etwa tausend Euro. Doch das war nicht das Schlimmste, sondern der Schock, dass Fremde in meinen privatesten Raum eingedrungen waren.

Ich konnte tagelang nichts anfassen

Alles hat mich danach geekelt, Kleider, Wäsche, ich konnte tagelang nichts anfassen oder gar wegräumen. Ich stellte mir vor, wie sie meinen Nachttisch aufgemacht hatten, um das Bett herum gelaufen waren. Ich habe Gummihandschuhe angezogen und alle Möbel und Gegenstände mit Sagrotan abgewischt, alle Kleidungsstücke gewaschen.

Die Einbrecher hinterließen kaum Spuren, keine Fingerabdrücke, nur einen Fußabdruck. Schuhgröße 43. Ich hatte Angst, dass sie zurückkehren. Die Polizei sagte, das sei die Ausnahme. Aber ich habe die Ausnahme direkt vor der Tür, vis à vis wurde zweimal eingebrochen. Eine Polizeipsychologin riet mir: "Sie müssen wieder zurück in Ihr Haus, schieben Sie das nicht zu lange raus." Zwei Wochen nach dem Einbruch habe ich es versucht. Aber als ich abends im Bett lag und draußen plötzlich der Bewegungsmelder anging, zog ich mich an und fuhr auf der Stelle zu meinen Eltern.

Wie kommen die auf mich?

Ich fragte mich auch, wie kommen die denn auf mich? Ich bin ein ganz normaler Mensch, ich fahre ein kleines Auto. Ich war nie ängstlich, und immer sicher, bei uns auf dem Land passiert das nicht und mir sowieso nicht. Das Grundvertrauen in die Menschen ist weg. Ich vertraue nur noch denen, die ich gut kenne.

Schlimm war auch die Erkenntnis, dass mich die Einbrecher wahrscheinlich schon seit Wochen beobachtet hatten. Die Polizei sagte mir, dass das nahe liege. Es handle sich oft um reisende Täter, die als Handwerker getarnt durch das Wohngebiet laufen und die Häuser beobachten. Das ist ein furchtbares Gefühl, ausgespäht worden zu sein. Haben die mich beobachtet, wenn ich durch das Haus ging, am Tisch saß, fern sah?

Danach habe ich aufgerüstet und alles gesichert. Nach drei Wochen zog ich wieder ein. Ich sagte mir, wenn ich das nicht schaffe, dann muss ich das Haus verkaufen. Abends ließ ich die Rollläden runter, das gab mir wenigstens ein bisschen das Gefühl, beschützt zu sein. Inzwischen lebe ich nicht mehr allein, sondern mit meinem Partner zusammen. Aber der Einbruch hat mein Leben verändert, das sitzt tief. So eine Erfahrung kann man vielleicht verdrängen, aber nicht vergessen. Vielleicht muss ich das jetzt wieder lernen, anderen zu vertrauen."

  Klaus Epmeier (60), Geschäftsführer und Inhaber eines Kopierservice in Köln

Klaus Epmeier (60), Geschäftsführer und Inhaber eines Kopierservice in Köln

Das Problem mit den Nachbarn gemeinsam angehen

"Wir sind das einzige Kopiergeschäft in der nördlichen Altstadt Kölns. Früher gab es mindestens drei weitere Geschäfte. Ich bin jetzt 60, doch wir können keinen Nachfolger finden. Heute schreiben wir noch schwarze Zahlen, wenn wir das nicht mehr tun, wird der Schlüssel weggeschmissen. Laut einer Statistik des Kölner Stadt-Anzeigers liegen wir im zweitgefährlichsten Viertel Kölns.

Vor dreieinhalb Wochen wurde bei uns eingebrochen. Jemand hat mit einem Baseballschläger die Seitenscheibe neben unserer Tür eingeschlagen. Er hat also richtig Krach gemacht. Das hat eine unserer Nachbarinnen gehört. Doch die dachte, dass einem Penner die Bierflasche aus der Hand gefallen sei. Der Täter wusste, wo wir den Tresor stehen haben. Denn bisher war der im Keller und mit einem Karton zugedeckt. Irgendjemand ist bei uns wohl aufs Klo gegangen und hat gesehen: Aha, hier ist jetzt der Tresor.

Den Safe brutal aus der Wand gebrochen

Er hat dann den kleinen Safe brutal aus der Wand gebrochen und mitgenommen. Wir haben dabei noch Glück gehabt, weil die meisten Geschäfte der Kunden bei uns über EC-Karte laufen. Der Schaden betrug zwischen 1000 und 1500 Euro. Der Einbrecher hat nichts zerstört. Er hat weder die Wechselgeldkasse angerührt, noch die Trinkgeldkasse.

Das Dumme an der Sache war, dass ich nicht zu Hause, sondern im Urlaub war. Den gesamten Ärger hatte meine Frau - mit der Versicherung, der Polizei. Sie ist in der Zeit meiner Abwesenheit oft nachts um vier in den Laden gefahren, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Als ich wieder zurück war, hat mir meine Frau Druck gemacht. Wir müssen etwas tun!

Das Erstaunliche war: Als ich mit den Nachbarn redete, hörte ich: Ja, bei dem und dem und dem ist auch schon eingebrochen worden. Hier bei uns. Ich war völlig überrascht: Wieso sagt mir das keiner? Mir wurde schnell klar: Einzelhändler sind Einzelkämpfer. Die sprechen nicht über solche Dinge.

Ein Sicherheitsdienst könnte helfen

Deshalb kam mir die Idee, einen Gesprächskreis einzuberufen. Der fand erstmals vor einigen Tagen statt. Ich war völlig überrascht, dass mir knapp 20 Kollegen gegenüber saßen. Und alle fragten sich: Wie können wir unsere Läden schützen? Ich rief bei der Polizei an. Nach zwei Wochen kam jemand vorbei, um die Sicherheit meines Ladens zu überprüfen.

Dann habe ich mir Sicherheitsdienste angesehen und hatte bald ein gutes Gefühl. Der Security-Mann kam zu dem Treffen unseres Betroffenenkreises und nannte uns dann auch eine Zahl: Ein Sicherheits-Mitarbeiter, der von Mitternacht bis morgens patrouilliert, kostet mit seinem Hund 4000 Euro im Monat. Das Problem ist, dass wir zwei bis drei Wachleute brauchen, um die gesamte Straße und den Platz zu sichern. Dann wären wir schon bei 8000 bis 12.000 Euro. Das können wir als Einzelhändler nicht leisten. Meine persönliche Schmerzgrenze liegt bei 100 Euro im Monat, die ich bereit bin, dafür auszugeben. Einige Gastronomen nannten 300 Euro. Deshalb kam ich auf die Idee, 500 Flyer in unserer Straße zu verteilen. Wir hoffen, dass sich auch Privatleute am Sicherheitsdienst und seinen Kosten beteiligen.

Bei der ganzen Sache habe ich dennoch moralische Bedenken: Das Sankt-Florian-Prinzip. Wenn wir hier einen Sicherheitsdienst engagieren, dann leben wir sicher. Doch das Problem verschiebt sich in andere Stadtteile. Aber ich meine, dass wir es machen sollten. Möglich wäre, der Lokalpolitik auf die Füße zu treten und große Namen mit ins Boot zu holen. Ich denke da an Brauereien, Kinos. Auch die haben Probleme mit Einbrechern."

  Wie die Polizei gegen Diebesbanden vorgeht und wie Sie Ihr Zuhause schützen, lesen Sie im aktuellen stern

Wie die Polizei gegen Diebesbanden vorgeht und wie Sie Ihr Zuhause schützen, lesen Sie im aktuellen stern

Protokolle: Felix Hutt, Ingrid Eißele, Gerd Elendt
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools