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Die XY-Spekulationen im Fall Bögerl

Millionen Zuschauer verfolgten "Aktenzeichen XY... ungelöst" über den Mord an Maria Bögerl. Doch zentrale Aussagen in der ZDF-Sendung sind lediglich Annahmen. Der Polizeisprecher distanziert sich.

Von Malte Arnsperger, Ingrid Eissele, Rainer Nübel

  Porträt von Maria Bögerl: Knapp zweieinhalb Jahre nach der Entführung der Bankiersfrau tappen die Ermittler im Dunkeln

Porträt von Maria Bögerl: Knapp zweieinhalb Jahre nach der Entführung der Bankiersfrau tappen die Ermittler im Dunkeln

Mit starken Worten kündigte ZDF-Moderator Rudi Cerne in der jüngsten "Aktenzeichen XY"-Sendung das Hauptthema des Abends an: "Eins der schockierendsten und rätselhaftesten Verbrechen unserer Zeit. Die Entführung der Bankiersgattin Maria Bögerl. Das Ergebnis der intensiven Polizeiarbeit zeigen wir jetzt." Der folgende Film thematisiere "exklusiv und zum allerersten Mal im deutschen Fernsehen, wie die Entführung von Maria Bögerl mit größter Wahrscheinlichkeit abgelaufen ist."

Über sechs Millionen Zuschauer verfolgten den Filmbeitrag über den Mord an Maria Bögerl. Auch das Medienecho war groß, viele Zeitungen und Internet-News-Portale berichteten über die Sendung und die Ermittlungsergebnisse. Doch anders als angekündigt verschaffte das ZDF dem Zuschauer keineswegs mehr Klarheit, im Gegenteil: Auf Nachfrage von stern.de muss die Polizei einräumen, dass zentrale Aussagen lediglich Annahmen sind – es kann auch ganz anders gewesen sein. Damit eröffnet sie neuen Raum für Spekulationen.

Der Todeszeitpunkt: Von der Polizei war bislang folgender Tatablauf offiziell bestätigt worden: Maria Bögerl wurde am Morgen des 12. Mai aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Gegen 11.30 Uhr rief der Entführer bei ihrem Ehemann an, forderte 300.000 Euro Lösegeld bis 14 Uhr und ließ das Ehepaar kurz miteinander sprechen. Zur Lösegeldübergabe kam es nicht, das Geld wurde nie abgeholt. Drei Wochen später wurde die Leiche von Maria Bögerl gefunden. Bislang hatten die Ermittler offen gelassen, ob Maria Bögerl vor der geplatzten Übergabe oder vielleicht auch erst Tage danach ermordet wurde, der Todeszeitpunkt sei "nicht näher eingrenzbar". Dabei existiert nach Informationen von stern.de schon seit langem ein Gutachten, wonach sie wohl in den Mittags- oder Nachmittagsstunden des Entführungstages ermordet wurde. In der XY-Sendung tötet der Entführer sein Opfer nach einem Fluchtversuch im Wald, kurz nach seinem Telefonat mit ihrem Mann.

"Es gibt ja auch filmische Freiheiten"

Als Beweis für diese Hypothese wurde ein Jogger zitiert, der die Mercedes A-Klasse von Maria Bögerl gegen 12.05 Uhr gesehen haben will. Der Zeuge hat demnach in dem Auto nur eine Person mit brauner Lederjacke gesehen. Maria Bögerl, so suggeriert der Film, war also schon lange vor der geplanten Lösegeldübergabe tot. Polizeisprecher Frank Buth sagte nun stern.de, er könne aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen, ob es noch weitere Anhaltspunkte für diese These gebe. Der Filme zeige "nur eine der möglichen Hypothesen, die sich aus den bisherigen Ermittlungen ergeben. Es ist der wahrscheinliche Tatablauf. Es muss aber nicht zwingend so gewesen sein". Es könne auch ganz anders gewesen sein.

Buth distanziert sich auch von der ZDF-Darstellung: "Es gibt ja auch filmische Freiheiten. Wir haben den Film ja nicht produziert und waren nicht bei den Dreharbeiten dabei." Die Produktionsfirma Securitel widerspricht vehement: "Ich weiß nicht, was er mit filmischer Freiheit meint", sagt deren Chefredakteurin Ina-Maria Reize Wildemann zu stern.de. "Die Polizei war nicht bei den Dreharbeiten dabei, das stimmt. Wir haben aber allerengstens mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet. Jedes Detail, jeder Satz wurde von dort abgenommen und abgenickt. Sie haben den Film vor der Ausstrahlung gesehen und es gab keinerlei Kritik an der Umsetzung."

Pikant: Ausgerechnet die im Film präsentierte Tatvariante dürfte den Ermittlern zupasskommen: Sie schließt die Möglichkeit aus, dass Polizeifehler mit zum Tod von Maria Bögerl beigetragen haben könnten. Denn Thomas Bögerl konnte das Geld vor allem deshalb nicht rechtzeitig an der vereinbaren Stelle abgeben, weil bei der Geldbeschaffung, für die die Polizei die Verantwortung trägt, mehrere Pannen passierten.

Die Herkunft des oder der Täter:
Bislang war über die Herkunft des oder der Täter nichts bekannt. Lediglich Thomas Bögerl hatte ausgesagt, der Entführer habe mit einem schwäbischen Dialekt gesprochen. Nun gaben die Ermittler in der XY-Sendung weitere Einzelheiten bekannt. Demnach geht die Soko davon aus, dass der Täter einen Härtsfelder Dialekt spricht. "Die Täter kommen vermutlich aus der Gegend nordöstlich von Heidenheim", sagte Soko-Chef Volker Zaiss in der ZDF-Sendung und nennt die Gemeinden Neresheim, Elchingen, Nattheim. Auernheim und Nördlingen. Zaiss: "Vielleicht leben sie sogar in einem der Orte." Im Gespräch mit stern.de rudert der Polizeisprecher auch hier zurück: "Die oder der Täter müssen nicht notwendigerweise in diesen Orten wohnen. Wir wissen nur, dass sie sich in diesem Raum bewegt haben." In den kleinen Orten herrscht Verwunderung: Es gebe gar keinen Härtsfelder Dialekt, zitieren die Stuttgarter Nachrichten den Hauptamtsleiter von Neresheim: "Ich kann nicht nachvollziehen, wie die das eingegrenzt haben."

Die Suche nach den Tätern:


Die Soko nimmt also an, dass der oder die Täter einen Bezug zu einigen Orten nördlich von Heidenheim haben. Zudem existieren offensichtlich DNA-Spuren des oder der Täter. Schließlich, so zeigt es der XY-Film, ging der Mann sehr unvorsichtig vor, berührte Gegenstände im Haus der Bögerls, in ihrem Auto und natürlich das Opfer selber. Zudem wurden bereits DNA-Tests gemacht, etwa bei thüringischen Lokalpolitikern, die Thomas Bögerl kannten. "Natürlich gibt es Spuren, wie an jedem Tatort auch", sagte nun Polizeisprecher Buth. Wird es demnächst einen Massen-DNA-Test in der Gegend geben? Der Sprecher: "Das ist derzeit nicht angedacht. Eine DNA-Test ist ein Eingriff in die Persönlichkeit der Menschen und man muss gesetzliche Rahmenbedingungen einhalten. Es ist zudem Sache der Staatsanwaltschaft."

Die Chronologie:
In der ZDF-Sendung ist zu sehen, wie der Entführer Maria Bögerl von hinten in den Rücken sticht und dann durch den Wald verfolgt. In der nächsten Sequenz ist der Beifahrersitz leer, der Täter fährt in der A-Klasse an dem Jogger vorbei. Dann heißt es in dem Film: "Bis zur vereinbarten Geldübergabe bleiben weniger als zwei Stunden. Der Täter nutzte die Zeit vermutlich, um sich des Autos zu entledigen. Ziel: Das zwölf Kilometer entfernte Kloster Neresheim." Das nächste Mal wird der Film-Täter gezeigt, wie er sich in einem Waldstück einen langen Ast besorgt und eine Deutschlandfahne daran befestigt. Sie soll Thomas Bögerl an der Autobahn signalisieren, wo er das Geld ablegen soll. Die Stelle, wo der Täter den Ast abgeschnitten hat, liegt direkt an der Ablagestelle der toten Maria Bögerl, wie ein Forstexperte laut Polizei später herausgefunden hat.

Nach dieser Darstellung muss der Täter also nach 12 Uhr rund zwölf Kilometer mit dem Auto nach Neresheim gefahren sein, muss dann dieselbe Strecke – zu Fuß? - zum Versteck der Leiche zurückkehrt und von dort aus nochmal einige Kilometer zur Geldablagestelle an der Autobahn A7 gekommen sein. Und das alles innerhalb von knapp zwei Stunden? Polizeisprecher Buth: "Wir wissen nicht, ob es einen zweiten Täter gegeben hat. Es wäre möglich, in dieser Zeit von Neresheim zur Ablagestelle zu gelangen, wenn man zu zweit ist und ein zweites Fahrzeug zur Verfügung hatte."

Malte Arnsperger, Ingrid Eissele, Rainer Nübel
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Rainer Nübel und Malte Arnsperger