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Der verlassene Attentäter

Die "Das wird man ja wohl sagen dürfen"-Fraktion wird leiser: Rechte und Islamkritiker weisen jede Nähe zum Doppelattentäter von Norwegen zurück - und verlegen ihr Feindbild nach links.

Von Niels Kruse

Die islamistische Gewalt ist nicht Folge eines Missbrauchs der Religion, sondern leitet sich unmittelbar aus dem Koran ab." "Der Islam ist keine Religion, sondern eine 'Gewaltideologie' die jede andere Gesellschaftsform abschaffen will." "Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt und Terrorismus so fließend." Drei Zitate, eine Ansicht und zwar eine reichlich eindeutige, nämlich: Der Islam ist böse. Per se. Diese Aussagen stammen vom holländischen Rechtsaußen Geert Wilders, aus dem islamfeindlichen Blog "Politically Incorrect" und vom neurechten Zahlenhuber Thilo Sarrazin. Auf sie bezieht sich auch Anders Behring Breivik in seinem Manifest. Bis zum 22. Juli 2011 waren das nur Worte. Doch an jenem Freitag wurden aus den Hassprediger-Parolen plötzlich eine 500-Kilo-Bombe und unzählige Gewehrkugeln. Taten, mit denen die Rechte, wie sie nun eilig beteuert, nichts zu tun haben möchte.

Die Linken - schamlos, zynisch, menschenverachtend

Die Webseite "Politically Incorrect" (PI), zum Beispiel, eine Plattform weitgehend anonymer Blogger aus dem konservativen bis rechten Spektrum, die seit 2004 lautstark gegen Linke im Allgemeinen und den Islam im Besonderen wettern, findet einen ganz besonderen Umgang mit dem verheerenden Doppelattentat von Oslo und Utøya: In einem Satz beklagt sie wortreich das "teuflische Werk" des Anders Behring Breivik, um im gleichen Atemzug die angeblich "einseitige und nicht selten an Verklärung, Verleumdung und Diffamierung grenzende Berichterstattung" über die wahren Ursachen zu geißeln. "Nach dem furchtbaren, abstoßenden und aufs schärfste zu verurteilenden Verbrechen von Breivik wird immer deutlicher, dass eine schamlose, zynische und zutiefst menschenverachtende Fraktion innerhalb der internationalen Linken sich nicht einmal eine Atempause für ehrliche Trauer, tiefe Betroffenheit und echt empfundenen Schmerz genommen hat", heißt es in einem Beitrag.

Noch weiter rechts, bei der NPD, gibt man sich plötzlich staatstragend und weist den Vorwurf der geistigen Brandstiftung erbost zurück: "Die Politiker der BRD versuchen die Anschläge eines Ökobauern in Norwegen für ihre Zwecke auszunutzen. Die NPD hat an ihrem strikt rechtsstaatlichen Kurs in der Vergangenheit nie Zweifel aufkommen lassen", heißt es in einer Erklärung der Partei.

Jugendliche als Ziel waren nicht in Ordnung

Die Polizei beobachtet zurzeit auch andere rechte Kreise in Deutschland. Die Reaktionen in den einschlägigen Internetforen, so der nordrhein-westfälische LKA-Chef Wolfgang Gatzke, seien aber bislang verhalten: "In der Szene ist kein großer Jubel ausgebrochen." Bei den Rechtsextremen herrsche vielmehr die Einschätzung vor, dass es "nicht in Ordnung" gewesen sei, Jugendliche als Ziel des Terroranschlags auszuwählen. Eine perfide Formulierung, die böse interpretiert auch bedeuten könnte: Die Anschläge wären dann in Ordnung gewesen, wenn nicht gerade junge Leute die Opfer gewesen wären.

Die extreme Rechte gibt sich reichlich Mühe, sich vom Massenmörder Behring Breivik zu distanzieren. Ob der 32-Jährige in diesen Kreisen vor seinen Anschlägen willkommen war, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. Der "Daily Telegraph" hatte vor kurzem berichtet, der Norweger sei bei einem London-Besuch vor ein paar Jahren von einem Mitglied der "English Defence League" (EDL) rekrutiert worden. Jetzt heißt es bei der rechtsextremen Partei: "Wir können kategorisch feststellen, dass es niemals einen offiziellen Kontakt zwischen der EDL und ihm gegeben hat."

E-Mail an die "Autonomen Nationalisten Ostfriesland"

Sicher ist bislang, dass der Doppelattentäter sein 1500-Seiten starkes Manifest an diverse rechte Gruppierungen in ganz Europa verschickt hat. Auch nach Deutschland, wie LKA-Chef Gatzke sagt. E-Mails sind unter anderem an die NPD-Zentrale in Berlin sowie an Adressen der Partei in Erfurt, Aschaffenburg und Unna gegangen. Adressaten des wirren Pamphlets sollen auch Nazigruppen wie der "Nationale Widerstand Dortmund", die "Autonomen Nationalisten Ostfriesland", sowie die rechtspopulistische Partei "Bürger in Wut" gewesen sein.

Weit mehr Gehör als die ganz weit "Rechtsdraußen-Parteien" allerdings finden in der europäischen Öffentlichkeit eher "moderate" Rechtspopulisten wie der Niederländer Geert Wilders, einer der lautesten Agitatoren für ein islamfreies Europa. Er bezeichnet die Massaker von Oslo und Utøya als Tat eines Wahnsinnigen. "Es erfüllt mich mit Abscheu, dass der Täter in seinem Manifest auf die PVV (Wilders Partei, d.Red.) und mich verweist", schreibt Wilders auf der Webseite seiner Partei. Auch irgendeine Form der Mitschuld wies der Mann, für den Islam und Faschismus deckungsgleich sind, zurück: Weder seine Partei, noch er selbst seien "verantwortlich für einen einsamen Idioten, der die freiheitlichen Anti-Islamisierungsideale auf gewalttätige Art und Weise missbraucht."

Der Attentäter müsse gnadenlos bestraft werden

Der Norweger ist mit den Terroranschlägen auch bei anderen erfolgreichen Rechtspopulisten in Ungnade gefallen. Zumindest offiziell. Sowohl der rechtsextreme Front National (FN) aus Frankreich und der belgische Vlaams Belang weisen empört jegliche Verbindungen zwischen ihnen und dem Attentäter zurück: So will Marine Le Pen, FN-Chefin und französische Präsidentschaftskandidatin, den Norweger "gnadenlos bestrafen". Zumal, so die Tochter des Parteigründer Jean-Marie Le Pen, die FN mit der Tat nicht das Geringste zu tun habe.

In Deutschland versucht derweil einer der bekanntesten Islamkritiker jede, wie auch immer geartete Mitschuld an den Anschlägen in Norwegen von sich zu weisen: , streitbarer Publizist der Zeitung der "Welt" und wegen seiner ironisch-boshaften Kommentare gern gesehener Talksshow-Gast. Seit vielen Jahren kritisiert er den seiner Ansicht nach zu sanften Umgang mit dem Islam - und mit Moslems in Deutschland: "Vor dem Islam Angst zu haben, ist eine Tugend", war einer seiner Streitschriften betitelt. Leider waren Auszüge eines Interviews, das er vor Jahren einmal einer niederländischen Zeitung gegeben hatte, in Behring Breiviks Manifest gelandet.

Hätte der Norweger mal Roger Willemsen gelesen

Diese vermeintliche Nähe zwischen einem Massenmörder und ihm lässt Broder natürlich nicht auf sich sitzen. In einem Essay mit dem Namen "Das Manifest und ich" schreibt er: "Breivik ist ein Monster in Menschengestalt, dumm ist er nicht." Echte Argumente, aber, ob die um sich greifende Islamkritik - ob milde oder harsch formuliert - nun eine Mitschuld an der wirren Gedankenwelt des Anders Behring Breivik hat oder nicht, kann Broder leider nicht liefern. Stattdessen flüchtet er in Was-wäre-wenn-Ironie: "Und hätte der blonde und blauäugige Norweger nicht Broder und Sarrazin gelesen, sondern Patrick Bahners und Roger Willemsen, wäre er nicht zum Massenmörder geworden."

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