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Beten für die kleine Maddy

Das Schicksal der entführten Maddy bewegt die Welt und sorgt für eine Welle der Hilfsbereitschaft. In dem portugiesischen Ort Praia da Luz helfen die Menschen auf eine besondere Art: Sie beten für das kleine Mädchen.

Von Martin Knobbe, Praia da Luz

Es ist nicht so, dass er ein Sänger vor dem Herrn ist. Wenn José Manuel Pacheco, 43, zum "Alleluja" anstimmt, kommt es schon mal vor, dass sich die Kinder in den vorderen Bänken die Ohren zuhalten. Aber es ist nun mal so, dass er leidenschaftlich gerne singt. "Singen ist gut für die Seele", sagt der Pfarrer.

Der Glaube hilft

Und so stimmt er auch an diesem Sonntag wieder das "Allelulja" an, laut, schief und voller Inbrunst. Und dann klatscht er in die Hände und lacht und irgendwann klatschen alle in die Hände und lachen, auch das Pärchen in der dritten Reihe, das wie immer gekommen ist, um für die eigene Tochter zu beten: Für die vierjährige Madeleine, die am 3. Mai spurlos aus einem Urlaubsappartement verschwunden ist.

Für Kate und Gerry McCann aus Großbritannien ist sie zu einem zweiten Zuhause geworden, die kleine katholische Kirche im portugiesischen Urlaubsort Praia da Luz. Fast jeden Tag gehen sie den kurzen Weg von ihrem Appartement im Ocean-Club zu dem goldgelben Bau am Rande des Dorfes. Durchschreiten das Meer aus Kameras und Objektiven, die auf sie gerichtet sind, als seien sie ein Königspaar. Sie beten zu der heiligen Mutter Maria, die in der Mitte des vergoldeten Altars thront. Hören den schiefen Gesang des Pfarrers, das Evangelium in Portugiesisch und radebrechendem Englisch, sehen seine fröhliche Miene. Bekommen Sonnenblumen von den Kindern und Küsschen auf die Wange. "Der Glaube und die Gemeinschaft", sagt Pfarrer Pacheco, "können in solchen Momenten sehr helfen."

Er war einer der ersten, der die Eltern am Abend des 3. Mai traf, an jenem Donnerstag, als Maddy verschwunden war, es war schon sehr spät. Er hat zwei Frauen aus seiner Gemeinde mitgenommen und dann tat er das, was er am besten kann: Beten. Das Vater unser, das Ave Maria und ein paar Worte des Trostes. "Wenn so etwas passiert", sagte der Pfarrer zu den Eltern, "dann denkt man, Gott ist zu spät gekommen. Aber Gott ist immer da, ganz gewiss." Er hat ihnen den Schlüssel der Kirche da gelassen, damit sie beten können, wann immer sie wollen.

Die Gemeinde betet für Maddy

Danach hat Pfarrer Pacheco die Helfer seiner Gemeinde zusammengerufen, ein paar Alte und viele Jugendliche. Sie haben Plakate gedruckt und im ganzen Ort an die Wände geklebt, Einladungen für die Maddy-Messen. Haben grüne und gelbe Bänder verteilt, als Symbole der Hoffnung. Haben einen Teddybären an die Kirchentür gebunden und ein großes Herz aus roter Pappe ausgeschnitten, auf dem ein Foto von Maddy klebt. "Lasst uns das Licht der Hoffnung anzünden", steht darüber. Dann haben sie Stühle organisiert, die sie hinter die Holzbänke gestellt haben, denn seit dem Verschwinden von Maddy sind die Messen in Praia da Luz so gut besucht wie nie zuvor.

Jeden Tag beten sie nun den Rosenkranz, mindestens zweimal in der Woche feiern sie die Heilige Messe, meist zusammen mit Pater Paul Seddon, der Kate und Gerry McCann getraut und Maddy getauft hat und nach Praia da Luz gereist ist, um für das befreundete Paar da zu sein.

Die Portugiesen, sagt Pfarrer Pacheco, sind eigentlich kein sehr gläubiges Volk. Er darf das sagen, weil er manchmal beobachtet, wie einige zum Rauchen rausgehen, wenn seine Messe wieder mal länger als eine Stunde dauert. Er darf das auch sagen, weil er viele Jahre in Italien gearbeitet hat, "wo die Menschen wirklich gläubig sind."

Der Schock sitzt tief

Doch das Verschwinden des Mädchens, dieses Verbrechen, das alle geschockt hat, habe die Menschen wieder in die Kirche getrieben. Die wenigen Einheimischen und die vielen Ausländer, Portugiesen und Briten. Die Jungen und die Alten. Die Gläubigen und die Nicht-Gläubigen. "Wenn es etwas positives an diesem Ereignis gibt", sagt Pfarrer Pacheco, "dann ist es das." Und deswegen lacht er auch in diesen Tagen und singt seine fröhlichen Lieder, laut und schief.

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