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Bizarrer Sexmord wird zum Krimi

Die britische Studentin Meredith Kercher wird im italienischen Perugia vergewaltigt und ermordet. Ihre Mitbewohnerin und deren Freund verstricken sich in Widersprüche. Ein neuer Verdächtiger ersetzt den vorherigen. Wer hat das junge Mädchen zum Sex gezwungen und erstochen?

Von Luisa Brandl, Rom

Im Mordfall Meredith Kercher müssen die Ermittler nach knapp drei Wochen das Szenario noch mal ganz neu aufrollen. Die britische Auslandsstudentin wurde in der Nacht vom 1. November in ihrer Wohnung in Perugia brutal vergewaltigt und erstochen. Die Ermittler waren von einem Zusammenspiel ausgegangen, bei dem Sex, Drogen und Gewalt letztlich zum Tode der 21-jährigen führten. Doch die Befunde der Spurensicherung haben die Ermittlungen auf den Kopf gestellt.

Hauptverdächtiger festgenommen

Als Hauptverdächtiger wurde gestern in Mainz der in Italien aufgewachsene Schwarzafrikaner Rudy G. festgenommen. In der Wohnung des Opfers konnten seine Spuren nachgewiesen werden. Sein Fingerabdruck auf dem blutigen Kopfkissenbezug der Studentin sowie Spuren auf dem Toilettenpapier in Kerchers Badezimmer stellten den 21-jährigen unter dringenden Verdacht.

In einem mitgeschnittenen Telefongespräch, aufgrund dessen die Polizei den Flüchtigen in Deutschland aufspüren konnte, sagte G.: "Ich weiß, dass sie mich suchen. Ich bin am 10. November von Perugia abgehauen. Aber ich habe nichts mit dem Mord an Meredith zu tun. Ich kannte sie und war in ihrer Wohnung. Wenn es Spuren von mir gibt, sind die von früher."

Ermittlungen erhärten Verdacht

Die Ermittlungen erhärten jedoch den Verdacht gegen Guede. Bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung in Perugia haben Experten gestern einen Fußabdruck von einem Turnschuh inspiziert, der dem blutigen Fußabdruck auf Kerchers Bettdecke gleicht. Die Ermittler vermuten, dass beide Abdrücke von den Nike-Schuhen stammen könnten, die bei dem ebenfalls angeklagten Studenten Raffaele S. sichergestellt worden waren.

In Guedes Wohnung sollen die Beamten außerdem Haare gefunden haben, darunter ein langes, dunkles Haar, das von Kercher stammen könnte. Die Polizei beschlagnahmte außerdem eine Zahnbürste des Verdächtigen. Die Spezialisten können so den Gencode G.s nachweisen und vergleichen mit den Spuren bei der Genitaluntersuchung des Opfers und den Spuren in Kerchers Wohnung.

Zu Unrecht Verdächtigter freigelassen

Der Nachweis, dass G. in der Mordnacht in Kerchers Wohnung gewesen sein muss, hat einen der drei Tatverdächtigen entlastet. Der Kongolese Patrick Diya L. wurde gestern aus dem Untersuchungsgefängnis in Perugia entlassen. Die amerikanische Studentin Amanda K., die sich ebenso wie ihr Freund S. in U-Haft befindet, hatte L. in den Fall verwickelt und ihn des Mordes und der Vergewaltigung beschuldigt.

Der Betreiber des Lokals "Le Chic" in Perugia konnte sein Alibi glaubhaft machen, dass er in jener Nacht in seiner Bar gearbeitet habe. Nun muss sich die Untersuchungsrichterin Claudia Matteini fragen lassen, warum sie den Anschuldigungen der 20-jährigen Studentin gefolgt ist.

Mordwaffe mit Spuren der Angeklagten

Nachdem L. aus dem Mordszenario ausgeschieden ist und G. des Mordes und der Vergewaltigung angeklagt wurde, müssen die Ermittler den verworrenen Fall von neuem rekonstruieren. Als gesichert gilt die Mordwaffe, ein 17 Zentimeter langes Küchenmesser, das in der Wohnung von S. sichergestellt worden ist. An der Klinge konnten Blutspuren von Kercher nachgewiesen werden, am Griff die Spuren von K.

Die Studentin aus Seattle hat eine zentrale Rolle in dem Delikt. Ihr genetischer Code konnte auch auf Schwämmen und Putzlappen ermittelt werden, die neben zwei Kanistern Bleichmittel in S. Wohnung lagen. Die Ermittler glauben, dass K. und ihr Freund das Küchenmesser damit von Spuren gereinigt haben. Eine neuere Untersuchung ergab, dass sich an den Putzutensilien auch Blutspuren von Kercher befanden. Die Anwälte von S. bestreiten das jedoch.

Opfer oder Täter?

Der 24-jährige Student aus Apulien beteuert, ebenso wie K., unschuldig zu sein. Doch an den Putzlappen wurden auch seine Spuren festgestellt. Der Fußabdruck in der Blutlache auf Kerchers Daunendecke passt zu seinen Nike-Schuhen Größe 42, auch wenn an S. Schuhen anscheinend keine Blut- oder DNA-Spuren nachweisbar sind.

Der Fußabdruck in G. Wohnung könnte ebenso auf ihn zurückzuführen sein. S. hatte stets behauptet, am Abend der Ermordung zuhause im Internet gesurft zu haben. Die Untersuchung des Computers ergab allerdings, dass das Gerät am 1. November von 21 Uhr bis um 6 Uhr des folgenden Tages nicht in Betrieb genommen wurde.

Tathergang weiter unklar

Viele Fragen bleiben offen in diesem Delikt. Ist das angenommene Szenario noch aufrecht zu erhalten? Die Untersuchungsrichterin Matteini hatte es am 9. November zur Begründung für die Inhaftierung der damals drei Verdächtigen L., K. und S. entworfen.

Danach hatte L.s Verlangen nach Kercher und der Vollrausch der bekifften und von Gewaltfantasien getriebenen Studenten die drei in ein grausames Spiel verwickelt. Sie hätten Kercher zum Sex gezwungen und Kercher hätte ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen müssen. Ist nun in dem Szenario L. durch G. auswechselbar?

Viele offene Fragen

Und wenn K. und G., wie es scheint, in den Mord verwickelt sind, wer von den beiden hat Kercher umgebracht? Und warum? Und warum hat K. den Täter verschwiegen und einen Unschuldigen in das Delikt hineingezogen? Und wenn der Fußabdruck auf Kerchers Decke nicht von S. stammen sollte, sondern von G. - welcher Rolle hatte Sollecito dann? War er am Mord beteiligt? Hat er nur geholfen, die Spuren zu beiseitigen, als K. in der Nacht zu ihm nach Hause kam? Oder stimmt gar nichts von beidem, und er ist, wie er behauptet, ein Opfer von K.?

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