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Das sagen Freunde des mutmaßlichen Schlägers

Diese Woche hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Sanel M. erhoben, der im November die Studentin Tuğçe niederschlug. Der stern sprach mit seinen Freunden, die in der Tatnacht dabei waren.

Von Kuno Kruse

  Die drei Freunde Amko, Edi und Aki (v. l. n. r.) des Täters Sanel, im Gespräch mit Kuno Kruse

Die drei Freunde Amko, Edi und Aki (v. l. n. r.) des Täters Sanel, im Gespräch mit Kuno Kruse

Es gibt kaum etwas, das so tragisch ist, wie der Tod von Tugce Albayrak - einem jungen Mädchen, das anderen zur Hilfe eilen wollte. Und nichts kann schmerzvoller für Eltern sein, als zu entscheiden, die lebenserhaltenden Maschinen ihrer hirntoten Tochter abschalten zu lassen. Zu akzeptieren, dass ein so junges Leben so brutal beendet wurde.

Für viele ist das couragierte Mädchen zum Symbol geworden für ein menschliches Miteinander in der Gesellschaft und ein Einstehen für den anderen. Viele haben mitfühlt und vielleicht auch deshalb zu schnell geurteilt. In seinem tröstenden Kondolenzbrief schreibt der Bundespräsident den Eltern, Tuğçe sei "zum Opfer eines brutalen Verbrechens“ geworden.

Das klingt, als hätte Sanel M. Tuğçe töten wollen. Aber bisher steht nur fest - das räumt er selbst ein, und das zeigen die Aufnahmen der Überwachungskamera -, dass er sie geschlagen hat. Es fällt schwer, auch den Täter anzusehen, ohne die Gefühle von Tuğçes Familie und ihren Freunden zu verletzen. Ihn als den zu betrachten, der er ist.

Im Untersuchungsgefängnis verprügelt

Das ist bis heute nicht verhandelt. Diese Woche legte die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift vor. Nun müssen Richter prüfen und werten. Ein Beschuldigter hat ein Recht auf Gehör und Verteidigung. Auch wenn das, was er angerichtet hat, noch so schrecklich ist. Auch Sanel M., der nun der Körperverletzung mit Todessfolge angeklagt wurde, ist ein junger Mensch, gerade 18 Jahre alt. Er bekommt Drohbriefe, im Untersuchungsgefängnis wurde er verprügelt.

Auch der stern hat über Tuğçe berichtet, mit ihren Freundinnen gesprochen. Aber die Öffentlichkeit weiß fast nichts über Sanel M. Bekannt ist nur, dass er sich wiederholt strafbar gemacht hatte. Der stern hat jetzt mit seinen Freunden gesprochen, die Sanel M. seit Kindertagen kennen und die an diesem tragischen Abend auf dem Parkplatz von McDonald's in Offenbach dabei waren. Die drei Freunde des Angeklagten haben sich für das Interview die Pseudonyme Amko, Aki und Edi gegeben, auch weil sie selbst angefeindet werden.

Sie drei sind Sanels beste Freunde. Woher kennen Sie ihn?
Amko: Ich kenne ihn seit neun Jahren, habe ihn auf dem Bolzplatz kennengelernt. Er kam damals mit Aki, den ich schon kannte.
Aki: Ich kenne ihn schon seit dem Kindergarten. Wir sind die dicksten Freunde, waren früher jeden Tag zusammen unterwegs. Meist zum Fußballspielen. Er hat sich immer gewünscht, einmal in einem großen Verein zu spielen. Aber Profi zu werden ist sehr schwer.
Amko: Aber er hat angefangen zu rauchen, wohl auch wegen des Stresses im Gymnasium. Er ging nicht mehr regelmäßig zum Training. Und dann hat er sich auch noch den Arm gebrochen.
Wenn Sie rauchen sagen, was meinen Sie damit?
Amko: Ich meine Zigaretten.
Aki: Wir rauchen kein Haschisch. Untereinander haben wir ausgemacht, dass, wenn einer Drogen nehmen würde, er mit den anderen reden, und wir uns gegenseitig helfen. Aber es nimmt keiner von uns Drogen.
Er war der einzige von Ihnen, der auf dem Gymnasium war?
Aki: Ja. Sanel ist ein schlauer Kopf. Aber er hat sich nie etwas darauf eingebildet. Er musste das Gymnasium dann verlassen.
Edi: Er ist guter Junge. Er kann mit jedem umgehen. Er ist eher ruhig. Er hatte viele Freunde, fast jeder hier von den Offenbacher Jugendlichen kennt ihn.

Amko: Sanel war nicht nur ein Verlierer. Er war auch ein Gewinner. Er hat sich angestrengt, und er war überall beliebt. Jeder kennt ihn hier.
Edi: Und jetzt, nachdem er Tuğçe geschlagen hat, sind hier viele, die ihn früher als Bruder angesprochen haben, plötzlich gegen ihn. Alle sagen, Sanel sei ein Mörder. Aber er hat das nicht mit Absicht gemacht, er wollte Tuğçe nicht umbringen.
Amko: Natürlich, er ist bestimmt nicht unschuldig, aber ich bin sicher, Sanel wollte das nicht.
Aka: Er hat sie auch nicht umgebracht. Tuğçe ist nach dem Schlag so heftig gestürzt. Es war doch nur diese eine Ohrfeige, es wäre etwas anderes, wenn er sie zusammengeschlagen hätte und sie dann an den Folgen gestorben wäre. Aber wegen eines solchen Schlags kann doch eigentlich kein Mensch sterben.
Edi: Ganz Deutschland ist jetzt gegen Sanel.
Sie wohnen alle im Bahnhofsviertel?
Ja, oder in der Nähe. Um den Bahnhof leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Und die Jugendlichen kennen sich.
Alle, die wie Sie aus bosnischen Familien kommen?
Amko: Nein, einfach alle. Unsere Clique hängt schon seit Jahren zusammen herum. Wir sind Bosnier, Serben, Edis Familie kommt aus dem Kosovo. Aber das spielt keine Rolle.
Was heißt herumhängen? Um die Häuser ziehen?
Aki: Wir ziehen nicht um die Häuser. Wir gehen in die Schischa Bar oder auch in die Disco. Wir machen etwas zusammen. Oft fahren wie nach Frankfurt ins Schwimmbad, da sind auch Freundinnen dabei. Wir sind sonst auch nicht spät unterwegs, wie an diesem Samstag, als das mit Tuğçe passierte.

  Das Grab der verstorbenen Tuğçe im hessischen Bad Soden-Salmuenster

Das Grab der verstorbenen Tuğçe im hessischen Bad Soden-Salmuenster

"Sanel ist ein Romantiker und bei Mädchen etwas schüchtern"

Kennen Sie auch Sanels Familie?
Aki: Es ist eine gute Familie. Beide Eltern haben gearbeitet und Geld verdient. Sie haben eine schöne Wohnung. Wenn wir dort sind, sind wir für sie wie ihre eigenen Kinder.
Edi: Sanel war auch immer für seine beiden jüngeren Brüder da. Und auch für uns. Wir sind alle wie Brüder. Wenn einer Probleme hatte, haben alle eingegriffen.
Was für Probleme? Auf der Straße?
Auch. Aber auch sonst, wenn einer in der Krise war. Oder kein Geld mehr hatte. Bei allen Problemen. Auch mit Mädchen.
Sanel hatte Freundinnen?
Edi: Sanel ist ein Romantiker und bei Mädchen etwas schüchtern. Aber er ist süß zu Mädchen. Mit einem Mädchen war er sehr lange zusammen. Auch wenn sie sich getrennt haben, seine ehemaligen Freundinnen reden alle gut über ihn.
Das klingt alles sehr nett. Aber Ihr Freund Sanel hatte mehrere Strafverfahren, er wurde vier Mal verurteilt, mal wegen Körperverletzung, mal wegen schweren Raubes.
Amko: Bei dieser Sache mit dem Handy, da stand Sanel einfach dabei. Er wusste gar nicht, dass der andere Junge das Handy rippen wollte.
Jemanden bedrohen und ihm das Handy wegnehmen: Das nennt man Raub.
Ja, das ist es auch. Aber Sanel macht so etwas nicht. Er wollte in dem Moment natürlich auch nicht, dass der andere im Knast landet, und dann ist er mit ihm zusammen weggerannt.
Und das soll man glauben? Er wollte das nicht?
Aki: Danach hat er zu dem anderen gesagt: Sag mal, bist du behindert? Und er hat danach auch nicht mehr mit ihm gesprochen.
Edi: Man sieht dann nur, dass er mehrere Strafverfahren hatte, aber nicht, was wirklich passiert ist. Und er wurde ja bei dem Prozess wegen Körperverletzung freigesprochen.
Weil der Junge, der das Opfer war, nicht mehr wusste, wer von den Angeklagten ihn genau getreten hat.
Aki: Nein, weil Sanel es auch nicht war.
Amko: Es stimmt, dass er eine Zeit lang einen schlechten Umgang gehabt hat. Er war mit schlechten Leuten zusammen, und dann wurde er auch selbst schlechter.
Edi: Wir haben gesagt: Sanel, was ist los? Warum verbringst du so wenig Zeit mit uns? Er hat dann selber gemerkt, dass das die falschen Leute waren. Wir haben auf ihn gewartet, und er ist zu uns zurückgekommen.
Amko: Wir haben uns bei der Theodor-Heuss-Schule angemeldet. Und Sanel hat gesagt: Ja, jetzt packe ich es. Das war dann unsere Lieblingsschule. Die war einfach perfekt. Und wir waren alle zusammen da, sind morgens zusammen hingegangen und dann wieder zusammen nach Hause. Diese Schule war eine große Chance. Das war ein Neuanfang.

  "RIP" (übersetzt: Rest in peace/ Ruhe in Frieden) steht in Erinnerung an den Übergriff auf Tuğçe auf einem Banner vor dem McDonald's in Offenbach

"RIP" (übersetzt: Rest in peace/ Ruhe in Frieden) steht in Erinnerung an den Übergriff auf Tuğçe auf einem Banner vor dem McDonald's in Offenbach

"Wir haben die Mädchen nicht belästigt oder angefasst"

Und Sanel hat seinen Hauptschulabschluss gemacht?
Amko: In diesem Jahr, auf dieser Schule, da begann es wieder bergauf zu gehen. Es war explosionsartig. Er hatte einen wirklichen Neuanfang gemacht. Er hatte noch gesagt, wenn ich diese Ausbildungsstelle nicht bekomme, dann mache ich auch noch die Mittlere Reife nach.

Aber er bekam diese Lehrstelle?
Ja! Er wollte nach diesem Wochenende, an dem das mit Tuğçe passiert ist, seine Lehre als Maler und Lackierer beginnen. Das war ja auch der Grund, weshalb wir alle zusammen gefeiert haben. Wir hatten beide unseren 18. Geburtstag gehabt und haben unsere Party extra auf diesen Tag verschoben, bis sicher war, dass er diese Lehrstelle bekommt. Es hat alles so perfekt zusammengepasst. Und dann trat auch noch der bosnische Sänger Jovan Perišić live auf. Deshalb waren wir bis 3 Uhr unterwegs.
Als alles so tragisch endete, weil Sanel began, bei McDonald's die Leute anzupöbeln.
Amko: Sanel hat niemanden angepöbelt. Er versucht doch dem Stress immer auszuweichen. Er ist keiner, der die Konfrontation sucht. Er hat ein bisschen laut gelacht, er war ja angetrunken. Sogar besoffen, sage ich mal.
Und dann hat er angegeben mit seinem Ralph-Lauren-T-Shirts.
Aki: Wir haben alle solche T-Shirts. Aber Sanel ist kein Typ, der groß angibt, er ist ein ruhiger Junge.
Der bei McDonald's herumposaunt: Willst du mal einen langen Schwanz sehen?
Amko: Das hat er nicht, bestimmt nicht, das habe ich jedenfalls nicht gehört.
Tuğçes Freundinnen erzählen es anders. Sanel habe sie bereits angepöbelt, als sie das Restaurant betreten hätten: "Transen" und "türkische Fressen".
Amko: Das glaube ich nicht.
Ich schon. Es gibt einen anderen Zeugen, der sagt, Sanel habe Gäste provoziert. Saßen Sie denn mit Sanel am Tisch?
Aki: Wir waren mehrere Jungs, und wir waren auf zwei Tische verteilt. Da saßen vorher auch noch zwei andere Mädels bei uns. Und Sanel hat mit denen geredet und gelacht. Er hat sie auch höflich eingeladen: Wollt ihr etwas essen? Das ist Sanel. Nicht einer, der Leute anpöbelt.
Und es saßen zwei Mädchen unten auf der Damentoilette.
Aki: Ja, aber das waren andere. Ich bin zur Toilette gegangen, und da habe ich durch den Türspalt gesehen, dass da ein Mädel auf der Damen-Toilette auf dem Boden sitzt. Da habe ich reingesehen, und da saß noch ein Mädchen auf dem Boden. Und dann bin ich rein, habe mich an das Waschbecken gelehnt und gefragt: Was ist los? Eine saß neben dem Waschbecken, eine gegenüber. Ich dachte, ihnen geht es nicht gut.
Und was war los?
Die beiden haben gesagt, sie könnten nicht nach Hause. Es sei schon so spät. Sie kämen aus Frankfurt, und es gebe keine Bahn mehr. Ihre Eltern dürften nicht wissen, dass sie getrunken hätten. Sie wüssten auch nicht, wo sie bleiben sollten, denn McDonald's wollte zumachen.
Und dann kam Sanel dazu?
Ja, zusammen mit Denis. Die haben dann auch mitgeredet.
Und die Mädchen bedrängt.
Nein, das haben sie nicht! Sie standen in der Tür zur Toilette und haben auch geredet. Und dann kam nach fünf Minuten Tuğçe herunter, zusammen mit ihren Freundinnen.
Ja, weil sie die Mädchen gehört hatte, die sich bedrängt fühlten.
Aki: Es war nicht laut gewesen, auf keinen Fall war es laut.
Das berichten Tuğçes Freundinnen aber anders.
Aki: Was soll man da oben gehört haben? Da gab es nichts zu hören. Wahrscheinlich ist Tuğçe zufällig auf Toilette gegangen.
Ihre Freundinnen sagen übereinstimmend, sie hätte die Mädchen gehört.
Aki: Da gab es nichts zu hören. Wir haben die Mädchen nicht belästigt oder angefasst. Wir haben gar nichts mit denen gemacht. Um Gottes willen: Nein! Die wollten doch mit uns reden. Vielleicht hat es Tuğçe und ihren Freundinnen nicht gepasst, dass wir in der Mädchentoilette waren. Tuğçe stand plötzlich auf der untersten Treppenstufe und schrie: "Was habt ihr hier verloren. Raus aus dem Damenklo! Lasst die Mädels in Ruhe! Verpisst euch!"
Und warum haben Sie sich dann nicht verpisst?
Sanel hat gesagt: Was ist los? Ich bleibe hier. Und dann haben Tuğçe und er sich gegenseitig beleidigt.
Aber dann klärt man doch ein Missverständnis auf, entschuldigt sich und geht, oder? Stattdessen musste jemand anderes eingreifen.
Ein Mann kam aus der Toilette und sagte: Macht keinen Stress, geht hoch! Wir haben gesagt: Ja, kein Problem. Der war auch schon ein bisschen älter. Wir sind dann hochgegangen. Wir wollten ja sowieso schon hochgehen.

  Tuğçe (unten links) mit ihren Freundinnen

Tuğçe (unten links) mit ihren Freundinnen

"Tuğçe war gar nicht das Problem. Das waren die Freundinnen von ihr"

Und dann ging oben der Streit weiter?
Amko: Ja, und als wir rausgingen. Also ich bin als erster raus, mit einem anderen Freund, direkt an den Mädchen vorbei, denn ich habe mit denen keinen Konflikt gehabt.
Die Mädchen standen unter einem Vordach und rauchten?
Aki: Ja. Wir anderen sind deshalb extra aus dem anderen Ausgang rausgegangen, damit wir da nicht durchlaufen müssen.
Amko: Ich bin dann zum Auto, habe meine Jacke reingelegt, und dann habe ich hinter mir gehört, wie sich die Jungs und die Mädchen gegenseitig beleidigt haben.
Die Jungen die Mädchen. Sanel hat gerufen: Da kommt die kleine Transe.
Amko: Auch andersherum. Auch die Mädchen haben beleidigt. "Komm doch her, du Hurensohn!" Das ist so gefallen, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.
Und dadurch eskalierte die Situation?
Aki: Wenn das jemand zu mir sagen würde - gut, bei Mädels ist das so eine Sache, aber wenn ein Junge zu mir sagt: Hurensohn, dann bleibe ich auf gar keinen Fall ruhig. Jeder der sagt, er würde nicht so reagieren, der lügt. Jeder Jugendliche reagiert so.
Amko: Wenn man nüchtern ist, kann man das noch verkraften. Dann sagt man sich: Lass sein, ist okay. Man setzt dich ins Auto und fährt weg. Aber wenn jemand auch noch betrunken ist.

  Eine Szene aus dem Überwachungsvideo der Tatnacht. Sie zeigt den Parkplatz der McDonald's-Filiale in Offenbach

Eine Szene aus dem Überwachungsvideo der Tatnacht. Sie zeigt den Parkplatz der McDonald's-Filiale in Offenbach

Und Sanel war betrunken? Wirklich?
Ja! Und er war am Anfang auch noch ruhig. Und er wollte auch nicht zu Tuğçe. Tuğçe war gar nicht das Problem. Das waren die Freundinnen von ihr. Weil die auf dem Parkplatz eigentlich den kompletten Streit ausgelöst haben. Weil sie den Sanel beleidigt haben.
Aki: Also, das nenne ich gar nicht mehr Mädchen. So streiten sich Jungs.
Amko: Tuğçe hatte in dem Moment gar nichts damit zu tun.
Jedenfalls ist Sanel dann vom Auto wieder zurückgelaufen auf die Mädchen zu?
Amko: Ich habe ihn gepackt und gesagt: Sanel, lass dich nicht provozieren, geh' zurück! Setzt dich ins Auto, wir fahren nach Frankfurt. Wir machen uns noch einen schönen Abend. Aber er hat nicht mehr darauf gehört. Er hatte sich vorher wirklich lange zurückgehalten. Das hat wirklich lange gedauert. Aber dann war dieser Punkt gekommen.
Sanel wollte wieder auf die Mädchen losgehen?
Amko: Ich hatte Sanel ja festgehalten, hatte doch eine Grenze gezogen zu den Mädchen. Aber dann stand Tuğçe plötzlich hinter mir. Ich konnte doch nichts tun. Warum nur ging Tuğçe an diese Grenze?
Und dann hat Sanel sie über Ihre Schulter hinweg geschlagen.
Amko: Ja.
Aki: Aber keiner von uns ist auf den Gedanken gekommen, dass das Mädchen so schwer verletzt war.
Amko: Als sie gestürzt ist, habe ich kurz überlegt, was ich machen soll. Und Sanel hat auch überlegt.

  Mit Blumen bedeckt ist das Grab der getöteten Studentin Tuğçe auf dem Friedhof im hessischen Bad Soden-Salmünster

Mit Blumen bedeckt ist das Grab der getöteten Studentin Tuğçe auf dem Friedhof im hessischen Bad Soden-Salmünster

"Ich bin bereit, jedem zu erklären, wie ich das alles erlebt habe"

Die Mädchen sagen, dass sie noch vor das Auto gesprungen seien, um euch zu stoppen.
Amko: Ja, die Freundinnen von Tuğçe warfen Becher auf uns. Sie flogen in das Auto. Das ganze Armaturenbrett war nass und klebrig. Wenn sie Steine gehabt hätten, denn hätten sie mit denen geworfen. Wir haben gedacht, wir fahren jetzt besser weg, bevor noch mehr passiert. Wir hätten nicht dableiben können, um sie zu beruhigen. Das wäre gar nicht möglich gewesen. Vielleicht wäre noch mehr passiert. Deswegen haben wir versucht, weiteren Streit zu vermeiden, sind ins Auto gestiegen und weggefahren.
Aki: Ich hatte von dem Schlag von Sanel überhaupt nichts mitbekommen. Ich war der letzte aus der Gruppe, der aus dem McDonald's gekommen war. In dem Moment haben mich drei von Tuğçes Freundinnen angesprochen. Sie haben gesagt: Wir kommen aus demselben Land wie du. Hört auf, hier Scheiße zu machen. Wir gehen unseren Weg, und ihr geht euren. Dann passiert auch nichts. Und dann habe ich gesagt: Ja, natürlich, nehmt eure Freundinnen weg, ich nehme meinen Freunde weg, dann passiert nichts. Wir sind nicht hierhergekommen, um Stress zu machen, wir wollten etwas essen.
Sie waren der andere, der versucht hat zu schlichten?
Aki: Ja. Dann habe ich mitbekommen, dass Tuğçe auf den Asphalt gefallen war. Ich wollte hin, um ihr zu helfen. Dann hat mich eines der Mädchen angemacht: Verpiss dich hier. Und dann habe ich gesagt: Okay, bin zum Auto gegangen und eingestiegen.
Amko: Dann später, in einer Schischa-Bar in Frankfurt, haben wir Sanel angemacht, gesagt: Das musste doch nicht sein. Da sagte er: Ich habe sie doch nicht umgebracht.
Aki: Wir haben uns bei der Polizei gemeldet, als wir von Denis erfahren haben, was passiert war.
Wann?
Das war zwei Tage später. Und dass die Polizei da gewesen sei. Denn wir sind ja an dem Abend mit dem Auto seiner Mutter gefahren. Da haben wir erst erfahren, was mit Tuğçe war.
Amko: Wir wollten auch alle zusammen zu der Familie von Tuğçe gehen, um uns zu entschuldigen. Aber wir wussten nicht, wie die Familie auf uns reagieren würde. Wir haben uns nicht getraut, aber wir wären sehr gerne dort hingegangen. Wir haben zusammengesessen und überlegt. Ich habe auch mit meiner Mutter lange darüber gesprochen, die sehr mit der Familie von Tuğçe gefühlt hatte und sich vorgestellt hatte, wie es ihr jetzt gehen würde, wenn ihr Kind so schwer verletzt wäre, dass es im Koma liegt. Ich durfte auch eine ganze Zeit nicht mehr aus dem Haus. Aber ich wollte auch gar nicht mehr raus in der Zeit, ich war völlig fertig. Ich habe an Tuğçe gedacht, und ich habe auch an Sanel gedacht. Ich habe auch noch einmal mit den Freundinnen von Tuğçe telefoniert.
Amko: Auch meine Eltern haben mir verboten, aus dem Haus zu gehen. Sie haben sich Sorgen gemacht, irgendjemand könnte uns etwas tun. Aber ich sage jedem, der mich anspricht: Ja, ich war dabei. Und ich bin bereit, jedem zu erklären, wie ich das alles erlebt habe.

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