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"Jahar ist unschuldig, der Kochtopf war zu schwer"

Die Wege der Begierde sind unergründlich: Viele junge Frauen glauben an die Unschuld des mutmaßlichen Boston-Bombers Dschochar Zarnajew. Viel zu hübsch sei er, heißt es bei Twitter. Was ist da los?

Von Niels Kruse

  Kann dieser Typ schuldig sein? Nein, sagen seine (weiblichen) Fans und unterstützen Dschochar Zarnajew per Twitter und Facebook.

Kann dieser Typ schuldig sein? Nein, sagen seine (weiblichen) Fans und unterstützen Dschochar Zarnajew per Twitter und Facebook.

Es wird jetzt bizarr. Fangen wir also mit etwas Gewöhnlichem an, sagen wir Fetischismus. Die sexuelle Vorliebe zum Beispiel für Latex oder Schuhe empört mittlerweile nicht einmal mehr ZDF-Zuschauer zur besten Sendezeit. Wer sich von nackten Statuen (Agalmatophilie) angezogen fühlt oder durch Windeln ( Autonepiophilie) wird vielleicht noch belächelt. Definitiv Schluss mit lustig ist bei Nekrophilie (mit Leichen) oder Pädophilie (mit Kindern). So weit, so gut. Aber was soll man bloß von Hybristophilie halten?

Der Begriff bezeichnet ein Phänomen, das vermutlich jeder Junge vom Schulhof kennt: Das hübsche Mädchen aus der Parallelklasse steht nicht auf den netten Typen, sondern will lieber mit dem schlecht beleumundeten Typen aus der Oberstufe gehen. Sozusagen die Lightversion von Hybristophilie, der sexuellen Anziehung durch Schurken. Diese Vorliebe ändert sich manchmal auch mit den Jahren nicht, wenn man den Klagen diverser Frauen glaubt, immer auf die Falschen ("Aber der Sex war gut") hereinzufallen oder diverser Mütter, die außer einer Staubwolke nie wieder etwas vom Erzeuger des gemeinsamen Kindes gesehen haben ("Aber der Sex war gut").

Unter #FreeJahar diskutieren seine Fans

Derzeit wird die USA von einer Hybristophilie-Welle erfasst. Ok, es ist eher ein Geschwappe. Zielobjekt ist Dschochar Zarnajew, einer der beiden mutmaßlichen Boston-Attentäter. Die Herzen zahlloser Teenager fliegen ihm zu, via Facebook und Twitter lassen sie ihm Solidaritätsadressen zukommen und pochen unbeirrt auf seine Unschuld. Etwa mit dem kaum widerlegbarem Argument: "Dschochar kann gar nicht schuldig sein, er ist doch so hübsch." Oder: "Dschochar kann gar nicht schuldig sein, schließlich ist so ein Schnellkochtopf viel zu schwer." Unter dem Twitter-Stichwort FreeJahar tauscht sich seit einigen Tagen ein stetig wachsender Fanclub über Möglichkeiten aus, ihrem Idol irgendwie aus der Patsche zu helfen.

Die Boulevard-Zeitung "New York Post" hat sogar eine Anhängerin ausgegraben, die sich den letzten Tweet von Dschochar "Jahar" Zarnajew auf den Unterarm tätowieren lassen will. Alisha, 18, Kellnerin aus Topeka, Kansas sagt: "Die Vorwürfe gegen ihn ergeben keinen Sinn." Das wisse sie, weil sie alle seine Tweets gelesen habe. "Jahar war doch nur einer dieser Kiffer, denen alles egal war." Auffällig viele Unterstützer des möglichen Terroristen sind übrigens bekennende Justin-Bieber-Fans. Auch auf Facebook beflirten sie das inhaftierte Objekt ihrer Begierde: Mehrere Gruppen mit zusammen knapp 20.000 Mitgliedern werfen sich für Dschochar Zarnajew in die Bresche.

Weitere Verletzungen ausgeschlossen

Menschen, die sich ernsthaft mit der Anhimmelung von Verbrechern beschäftigen, glauben, dass vor allem Frauen für Hybristophilie anfällig seien, die in ihrem Leben Gewalt, Vernachlässigung oder sogar Missbrauch erfahren hätten. "Die Beziehung mit einem Gefängnisinsassen ist ein sicherer Hafen, weil er eingeschlossen ist", schrieb die amerikanische Journalistin Sheila Isenberg 1991 in einem Buch "Warum Frauen Mörder lieben". Diese Männer seien kontrollierbar, weitere Verletzungen ausgeschlossen.

Der 19-Jährige Zarnajew jedenfalls ist nicht der einzige Bösewicht mit einer großen Schar von Anhängerinnen. Auch der Oslo-Attentäter Anders Behring Breivik wird von vielen weiblichen Fans angehimmelt. Der Serienmörder Ted Bundy, der mindestens 23 Frauen bestialisch ermordete, heiratete in Haft und zeugte dort ein Kind. Und Dieter Degowski, einer der Gladbecker Geiselgangster lernte durch den Knast seine spätere Frau Uschi kennen und lieben. Die Wege der Begierde sind unergründlich.

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