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Den Gegner niedermachen

Ein banaler Streit am Vatertag führt zu einer Schlägerei mit Todesfolge: Nils W. verletzt einen 44-jährigen Familienvater tödlich. Das Rostocker Landgericht hat ihn nun zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

  Nils W. hat mit einem Faustschlag den Familienvater getötet und musste sich nun vor Gericht für die Tat verantworten

Nils W. hat mit einem Faustschlag den Familienvater getötet und musste sich nun vor Gericht für die Tat verantworten

Erschrocken drückt er sich in die Kapuze seines schwarzen Pullovers. Die Fotografen nehmen Nils W. ins Visier: Einen 25-Jährigen, kurz geschorene Haare, Allerweltsgesicht, breites Kreuz. Nach über einem halben Jahr Untersuchungshaft ist er aber längst nicht mehr so muskulös und athletisch wie noch am 2. Juni 2011. An jenem Tag, es war Christi Himmelfahrt, hatte er Knud H. auf dem S-Bahnhof Rostock-Warnemünde mit einem einzigen Faustschlag vom Leben zum Tode befördert.

Heute wurde Nils W. im Rostocker Landgericht zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt - wegen Körperverletzung mit Todesfolge und der Beteiligung an einer Schlägerei. Acht Sitzungstage lang beschäftigte sich die 3. Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Peter Goebels mit diesem Fall, in dem es nicht nur um den völlig unnötigen Tod eines 44-jährigen Familienvaters ging, sondern vor allem um die Frage: Rechnete Nils W. mit dem Tod seines Opfers oder nicht? Ist er wegen Totschlags oder wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu verurteilen?

Das Gericht beschäftigte sich mit dem – überschaubaren – Lebenslauf des Angeklagten, eines Rostocker Einzelkindes, das bis zu seiner Inhaftierung bei seinen Eltern lebte. Nach dem Hauptschulabschluss machte Nils W. eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, seit 2009 war er angestellter Korrosionsschützer. Seit 2005 gehörte er zu einer Gruppe, deren Mitglieder viel Alkohol tranken und als gewaltbereit galten. Der Staatsanwaltschaft war er nicht unbekannt: Es gab Verfahren wegen der Beteiligung an einer Schlägerei, wegen Körperverletzung und Nötigung. Vor drei Jahren verpasste er einem Mann ein Schädel-Hirn-Trauma und einen Nasenbeinbruch. Alle Verfahren wurden eingestellt, letzteres gegen eine Geldbuße.

Gewalt entzündet sich an Bollerwagenstreit

Mitten im Prozess um die Vatertagsschlägerei stellt sich heraus, dass Nils W. auch Mitglied in einem Club namens "German Fight Company" war. Er betrieb dort Fitness und Kampfsport, ein Umstand, für den sich die Richter und die Staatsanwältin sehr interessierten. Kurz nachdem sie durch einen Zeugen davon erfahren hatten, wurde die "German Fight Company" durchsucht. Allerdings fand sich dort nichts, was den Verdacht erhärtet hätte, das Nils W. dort geübt hatte, was er an jenem verhängnisvollen Vatertagsnachmittag vollzog.

Noch einmal fasst der Richter die zufällige Begegnung zweier alkoholisierter Gruppen am Tag der Tat zusammen: Auf der einen Seite fünf Männer im "fortgeschrittenen Alter". Sie hatten einen Bollerwagen dabei und strebten von einem Ostseeausflug heimwärts. Auf der anderen Seite eine Dreiergruppe jüngerer Männer, die aus dem Angeklagten und zweier seiner Kumpels bestand, und mit ihrem Einkaufswagen auf dem Bahnhof ankam.

Was zunächst verbal und möglicherweise banal mit einem Vergleich zwischen Boller- und Einkaufswagen begann, wurde schnell handgreiflich. Das spätere Opfer stieß einen der Jüngeren weg, während Nils W. einen der Älteren gegen den Zug drückte. Dann wandte er sich dem Familienvater zu, der Nils W. zu Fall brachte und sich auf ihn setzte. Nachdem die beiden getrennt wurden, beschloss der Jüngere, sich zu rächen. "Er wollte seinen Gegner niedermachen", so der Richter. Nils W. zog sein gelbes Shirt aus, begab sich zu dem Familienvater und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Anschließend brachte einer der Älteren Nils W. zu Fall. Der stand auf, entfernte sich und näherte sich dem ahnungslosen Knud H. von hinten: Dann schlug er ihm mit der linken Faust in den Nacken und mit der rechten Faust gegen die linke Halsseite. Der Verletzte schlug mit dem Kopf gegen den Zug, torkelte zwei, drei Schritte zur Bahnsteigmitte und fiel ungebremst mit dem Gesicht zu Boden.

Knud H. stirbt noch am selben Abend

Ein Rechtsmediziner erklärte dem Gericht, wie das geschehen konnte: Durch den Schlag hatte der Kopf von Knud H. so stark rotiert, dass die innere Halsschlagader drei Millimeter riss. Blut sickerte aus der verletzten Ader ins Gehirn. Noch am selben Abend starb der zweifache Vater.

Vor Gericht leugnet Nils W. nicht seine Schläge – wie sollte er auch angesichts des Überwachungsvideos. Allerdings überlegten seine Anwälte, ob gerade der Schlag ihres Mandanten der tödliche war, sein Kumpel hätte doch auch zugeschlagen. Der Rechtsmediziner räumt diese taktischen Zweifel klar aus.

Nils W. gab auch vor, sich zunächst schlichtend in den Streit zwischen den Männergruppen eingemischt zu haben. Diese Version aber, so der Richter, "ist durch die Videoaufnahmen deutlich widerlegt: Er ist sofort in die körperliche Auseinandersetzung eingestiegen." Gemeinsam mit einem Kumpel sei Nils W. der "Hauptaggressor" gewesen, "der immer wieder die Konfrontation suchte". Augenzeugen hätten "den im gelben Shirt" als "durchgedreht" und dessen Kumpel als "wie von Sinnen" bezeichnet. Nicht einmal auf die Lautsprecherdurchsage einer Bahnmitarbeiterin hätten sie reagiert.

Angeklagter muss Prozesskosten zahlen

Das Opfer dagegen sei selbst nach dem Faustschlag ins Gesicht nicht an einer Schlägerei interessiert gewesen. "Eine Mitschuld kann die Kammer in keiner Weise erkennen", so der Vorsitzende. Obwohl er und seine Kollegen glauben, dass der Angeklagten wusste, wie gefährlich seine massiven Schläge waren, obwohl sie ihm sein zielstrebiges und feiges Handeln ankreiden, nehmen sie Nils W. dennoch ab, was der kurz vor dem Urteil sagte: "Ich wollte es wirklich nicht."

Mit seinem Urteil berücksichtigt das Gericht die Gruppendynamik und die emotional aufgeladene Atmosphäre, auch die Enthemmung durch den Alkohol. Letztere allerdings nicht strafmildernd, sondern nur, was die Einordnung in die juristische Kategorie betrifft: Die Mindeststrafe für "Totschlag" ist höher als bei "Körperverletzung mit Todesfolge". Die Verteidiger sind mit dem Urteilsspruch sehr zufrieden, der Anwalt der Witwe ist es auch.

Wenn Nils W. aus dem Gefängnis kommt, werden ihn die Folgen seiner Tat trotzdem nicht loslassen: Er muss die Prozesskosten bezahlen, die wohl im fünfstelligen Bereich liegen werden. Obendrein werden die Witwe und die beiden Halbwaisen ihre Unterhaltsforderungen an ihn richten. Den Vatertag 2011 wird er sein Leben lang nicht vergessen.

Von Uta Eisenhardt
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