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Das Leiden des Horst Arnold

Fünf Jahre saß der Lehrer Horst Arnold im Knast, eine Kollegin hatte ihn beschuldigt, sie brutal vergewaltigt zu haben. Nun wurde er freigesprochen. Die Geschichte eines unglaublichen Justizirrtums.

Von Werner Mathes

Nur fünf Tage brauchte die 12. Große Strafkammer des Landgerichts Darmstadt, um dem Sport- und Biologie-Lehrer Horst Arnold das Leben zur Hölle zu machen. Wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung und Nötigung verurteilten die Richter den damals alkoholkranken 43-Jährigen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und ordneten die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Sie waren davon überzeugt, dass Arnold am 28. August 2001 seine Kollegin Heidi K. während der großen Pause im Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim (Odenwald) brutal zum Analverkehr gezwungen hatte. Beweise? Ihnen hatten allein die Anschuldigungen des angeblichen Tatopfers gereicht. Horst Arnold musste die Haftstrafe bis zum letzten Tag absitzen, durfte nie wieder als Lehrer arbeiten und lebt heute von Hartz IV.

Ebenfalls nur fünf Tage genügten jetzt der 1. Strafkammer des Landgerichts Kassel, um das Darmstädter Urteil aufzuheben und Horst Arnold, 52, am Dienstag vergangener Woche freizusprechen - wegen erwiesener Unschuld.

Dabei war das spektakuläre Wiederaufnahmeverfahren nur durch einen Zufall in Gang gekommen.

Die Zweifel der Frauenbeauftragten

Heidi K., zum Zeitpunkt der angeblichen Vergewaltigung 36, hatte damals die Frauenbeauftragte des zuständigen Schulamts Heppenheim, Anja Keinath, gebeten, ihr während des Darmstädter Prozesses beizustehen. Die beiden Frauen trafen sich danach noch öfter - bis Anja Keinath die Bio-Lehrerin bei nachweislichen Lügen ertappte. Einmal erzählte ihr Heidi K., ihr Lebensgefährte Manfred, ein Kriminalbeamter, sei im Zuge einer Terrorfahndung in den Schädel geschossen worden und habe nur knapp überlebt. Da sie logopädisch ausgebildet sei, wolle sie ihrem künftigen Ehemann nun bei der Wiedergewinnung seiner Sprache helfen - und habe deshalb die Versetzung an eine Schule im nordhessischen Schwalm-/Ederkreis beantragt. Als Heidi K. dann Konrektorin an einer Schule im Odenwald-Städtchen Ober-Ramstadt wurde und Anja Keinath verwundert nachfragte, dass sie doch nach Norhessen umziehen wollte, entgegnete ihr die Lehrerin ungerührt, ihr Manfred sei inzwischen verstorben. Kriminaloberkommissar Manfred K. lebt freilich noch und war nie ihr Lebensgefährte.

Ein anderes Mal berichtete ihr Heidi K., an der Ober-Ramstädter Schule Opfer eines Giftanschlags geworden zu sein. Der Schulleiter dort dulde zudem, dass ein Kollege Orgien mit seinen Schülern feiere. Und der mit ihrer "Vergiftungssache" befasste Kriminalkommissar sei unglücklicherweise auch noch ermordet worden. Was aber ebenfalls nicht stimmte: Der genannte Beamte hatte wegen persönlicher Probleme Selbstmord begangen - und mit dem Fall überhaupt nichts zu tun.

Nachfrage beim Bruder, dem Rechtsanwalt

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, als für sie fest stand, dass Heidi K. systematisch Geschichten erfand, hatte die Frauenbeauftragte Anja Keinath einen fürchterlichen Verdacht. Konnte es sein, dass die Vergewaltigung in der Reichelsbacher Georg-August-Zinn-Schule auch nur gelogen war? Sie bat deshalb ihren Bruder, den Rechtsanwalt Hartmut Lierow in Berlin, um Rat.

"Als mich meine Schwester 2007 anrief, war ich zunächst skeptisch", sagt Lierow, 64. Er ist zwar seit 35 Jahren Anwalt, in den vergangenen 25 Jahren aber vor allem im Zivilrecht tätig gewesen. Trotzdem machte er sich auf die Suche nach dem verurteilten Horst Arnold, der im Oktober 2006 aus der Haft entlassen worden war. Er fand ihn schließlich mit Hilfe einer Versicherungsagentin.

"Er witterte eine Falle"

Arnold hatte nach der U-Haft in Weiterstadt seine Strafe in Darmstadt und Butzbach abgesessen und ein Fernstudium Sportmanagement absolviert. Zwischendurch verbrachte er zwei Jahre im Maßregelvollzug in Hadamar, wo seine Alkoholsucht behandelt werden sollte. Hartnäckig weigerte er sich in einer Therapiegruppe für Sexualtäter, sich mit seiner Tat auseinander zu setzen. "Das konnte ich nicht", sagt er heute, "weil ich sie ja nicht begangen hatte." Deshalb kam er nicht wie üblich nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haftzeit auf Bewährung frei und durfte auch nicht als Freigänger seinen sterbenskranken Vater besuchen.

Als er entlassen worden war, stand Arnold unter "Konzentrierter Führungsaufsicht", die speziell für Gewalt- und Sexualstraftäter mit hohem Rückfallrisiko entwickelt wurde. Sein Haus in der Odenwald-Gemeinde Olfen hatten die Eltern während seiner Haftzeit verkaufen müssen, um die horrenden Verfahrenskosten bezahlen zu können. Bei ihnen kam er auch vorerst unter. Dann starb sein Vater, und Arnold, der im Odenwald als verurteilter Vergewaltiger gebrandmarkt war, zog um ins benachbarte Saarland. Er bewarb sich an verschiedenen Schulen, zu einer Anstellung kam es wegen seiner Vorstrafe allerdings nie.

"Er witterte sofort eine Falle, als ich ihn kurz vor Weihnachten 2007 anrief", sagt Anwalt Hartmut Lierow, "er glaubte wohl, dass mich Heidi K. beauftragt hatte." Erst Wochen später bekam Lierow Post von Arnolds damaligem Anwalt, der ihn zu einem Gespräch in dessen Darmstädter Kanzlei einlud. Danach war Horst Arnold einverstanden, dass sich der Berliner Advokat noch einmal um seinen Fall kümmern wollte. Lierow, der dafür bis heute noch keinen Cent in Rechnung gestellt hat, vergrub sich in die Akten - und stieß auf erschreckende Merkwürdigkeiten. Schon da war ihm klar, dass die verurteilte Tat so nicht stattgefunden haben konnte.

Im Stehen vergewaltigt?

Anfangs hatte das angebliche Opfer Heidi K. gegenüber Zeugen noch angegeben, vom Kollegen Arnold nur "angemacht" und "bedrängt" worden, dann berichtet, er habe sie "belästigt", später war von sexueller Nötigung die Rede, bis sie in einer ersten polizeilichen Vernehmung - acht Tage nach der angeblichen Tat - zu Protokoll gab, mit körperlicher Gewalt anal vergewaltigt worden zu sein.

An jenem 28. August 2001 soll Arnold sie in der großen Pause im Biologie-Vorbereitungsraum nach einem kurzen Gespräch plötzlich gegen den Arbeitstresen gedrückt und ihr mit der linken Hand den Mund zugehalten haben. Nach Ansicht der Darmstädter Richter boxte er ihr in den Rücken und trat ihr gegen die linke Wade. Mit der rechten Hand soll Arnold sich seine Trainings- und seine Unterhose ausgezogen haben, dann den knöchellangen und links gebundenen Wickelrock der Kollegin angehoben, ihn mit seinen Knien fixiert und ihren Stringtanga zur Seite geschoben haben, um dann mit seinem erigierten Glied in ihren After einzudringen.

"Ich krieg dich noch"

"Ich empfehle jedem Paar, diesen Vorgang mal zu simulieren", sagt Anwalt Lierow, "sorry, es ist schlichtweg nicht möglich - zumal sich die Frau auch noch massiv gewehrt haben will." Und Analverkehr im Stehen sei auch für eingeübte Paare nicht ganz einfach.

Zudem soll Arnold während der Vergewaltigung sein Opfer fortlaufend bedroht haben - er würde ihr Leben zunichte machen, ihren damals zwölfjährigen Sohn töten, wenn sie was sage, er habe gute Beziehungen zur Kripo, zum Schulamt und zum Landrat, um ihr beruflich zu schaden. Schließlich sei, so die Überzeugung des Gerichts, sein erschlafftes Glied aus ihrem After gerutscht, und Heidi K. soll es gelungen sein, sich aus der Umklammerung zu lösen und sich umzudrehen. Worauf Arnold seinen linken Unterarm derart fest gegen ihren Hals gedrückt habe, dass sie kaum Luft bekommen habe. Er soll sie noch gekniffen und mit seinen bis aufs Nagelbett abgekauten Fingernägeln am Unterleib gekratzt haben, bis sie sich schließlich habe befreien können. Arnold soll ihr noch nachgerufen haben: "Ich krieg dich noch, wenn keiner mehr damit rechnet."

Die Entsorgung der vermeintlichen Beweisstücke

In der ersten polizeilichen Vernehmung hatte Heidi K. noch angegeben, laut um Hilfe geschrien und sich in einer Toilette versteckt zu haben. In einer Nachvernehmung sagte sie, dass sie versucht habe zu schreien, "aber es kam kein Laut über meine Lippen". Und dass sie über eine Feuertreppe geflüchtet sei, um sich in einem Gebüsch zu verstecken - was dann passiert sei, wisse sie nicht mehr. Auch dass sie danach, trotz angeblich stärkster Schmerzen, noch zwei Stunden Unterricht gegeben hatte, war ihr nicht mehr in Erinnerung.

Zu Hause hatte sie, so gab sie an, ihren eingerissenen Stringtanga sofort im Müll entsorgt und ihren Wickelrock gewaschen. "Als Biologin musste sie aber wissen, dass an diesem Slip und sicherlich noch am Rock Beweisspuren feststellbar gewesen wären", sagt Anwalt Lierow - und findet es nicht gerade logisch, den einzigen objektiven Beweis, mit dem der Täter hätte überführt werden können, zu vernichten. Zumal sie damals weiter wahnsinnige Angst vor ihm gehabt haben will.

Gegen Horst Arnold erging Haftbefehl, der aber zunächst außer Vollzug gesetzt wurde. Am 3. Oktober 2001 machte Heidi K. mit ihren Eltern einen Spaziergang durch Michelstadt im Odenwald, wo sie mittags gegen 15 Uhr auf dem Marktplatz Horst Arnold gesehen haben will. Als sie in Panik weggelaufen sei, habe er ihr hinterher gerufen: "Ich krieg dich noch, wenn keiner mehr damit rechnet." Es war der Satz, der auch nach der Vergewaltigung gefallen sein soll. Heidi K. zeigte den Vorfall bei der Polizei an, wo auch ihre Eltern in einer Lichtbildmappe mit insgesamt zehn verschiedenen Männerporträts Arnold eindeutig identifizierten - obwohl sie ihn weder kannten noch ein Foto von ihm gesehen haben wollten. Dumm nur, dass Horst Arnold tags zuvor in U-Haft genommen worden war und damit das beste Alibi der Welt hatte. Heidi K. sei wohl einer Affektillusion aufgesessen, argumentierte damals ein Gutachter, und die Eltern, die als Zeugen geladen waren, konnten nicht befragt werden, weil sie angeblich im Urlaub waren.

Eine notorische Lügnerin

Rechtsanwalt Hartmut Lierow fing nun an, im privaten und beruflichen Umfeld der Heidi K. zu recherchieren. Und stieß immer wieder auf Zeugen, die die Lehrerin als notorische Lügnerin und Intrigantin schilderten. So schwindelte sie zum Beispiel einen früheren Lebensgefährten an, von dem sie schwanger war, aber bereits getrennt lebte, sie sei unheilbar krank. Das Paar heiratete, weil das Kind später einen ehelichen Vater haben sollte. Nach der Entbindung zog sie zu ihren Eltern, wo bereits ein Kinderzimmer eingerichtet war, und ließ sich wieder scheiden - zum Termin kam die angeblich todkranke Pädagogin mit zwei Krankenschwestern. Seinen Sohn, für den er regelmäßig Unterhalt zahlte, sah der mutmaßliche Vater nie wieder.

Bevor Heidi K. als Lehrerin nach Hessen zog, wo eine Verbeamtung lockte, unterrichtete sie an einem Privatgymnasium im niedersächsischen Werther. Dort verhinderte sie eine Klassenreise in eine Jugendherberge sogar mit einer Doppel-Lüge: Der Jugendherberge sagte sie die Reise ab, weil in der Klasse Meningitis ausgebrochen sei, in der Schule teilte sie mit, die Jugendherberge habe geschlossen, weil dort durch einen Rohrbruch die Zimmer unter Wasser stünden.

Tennis gespielt - am Tag danach

Überall, wo Lierow anrief oder vorsprach, bekam er Ähnliches zu hören: Heidi K. hielt es nie länger an einer Schule aus, galt als "Märchentante" oder "Fräulein öfter mal nicht da", weil sie sich sehr häufig krank schreiben ließ, beanspruchte Sondervorteile und war beinhart auf Karriere aus.

Dann trieb der Anwalt sogar eine ehemalige Kollegin auf, die mit Heidi K. am Tag nach der angeblichen Vergewaltigung unbeschwert Tennis gespielt und hinterher noch in aufgeräumter Stimmung einen Frauenstammtisch besucht hatte. Eine Gynäkologin, die damals Heidi K. eine paar Tage danach untersuchte und neben diversen Hämatomen und Kratzern auch eine Analfissur feststellte, sagte jetzt vor dem Kasseler Landgericht aus: Wenn Heidi K. sich den zwei Zentimeter langen Einriss während des erzwungenen Analverkehrs zugezogen hätte, wäre das Tennisspiel wegen der damit verbundenen Schmerzen nahezu unmöglich gewesen. Rechtsmedizinisch war die Lehrerin nicht begutachtet worden.

Freispruch und ein neues Leben

Ende März 2008 beantragte Lierow schließlich ein Wiederaufnahmeverfahren, weil es neue Tatsachen und Beweise gab, die bislang noch nicht vor Gericht gewürdigt werden konnten. Gleichzeitig erstattete er im Auftrag seines Mandanten Arnold Strafanzeige gegen Heidi K. wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung - ein Verbrechen, das immerhin mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden kann. Weil in diesem Fall noch gegen sie ermittelt wird, verweigerte K., die derzeit noch als Studienrätin an einem Bielefelder Gymnasium unterrichtet, in Kassel die Aussage und ließ sich von einer Rechtsanwältin vertreten.

Nach seinem Freispruch freute sich der ehemalige Sport- und Biologie-Lehrer Horst Arnold: "Ich habe mein verloren gegangenes Vertrauen in die deutsche Justiz wiedergefunden." Für jeden Tag im Gefängnis hat er Anspruch auf 25 Euro Haftentschädigung.

Er weiß, dass jetzt sein Leben wieder einen Sinn bekommt, dass er sich wieder unter Menschen trauen kann: "Ohne Herrn Lierow und seine Schwester wäre meine Rehabilitation nicht möglich gewesen."

Heidi K. will gegen das Urteil Revision einlegen.

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