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"Vor keinem Täter zurückschrecken"

Er hat Josef Fritzl verteidigt, Massenmörder und Neonazis: der österreichische Anwalt Rudolf Mayer. Mit stern.de sprach er über den Fall Anders Behring Breivik.

Von Friederike Ott

Wenn Sie gefragt worden wären, hätten Sie den Attentäter Breivik verteidigt?
Es spielt überhaupt keine Rolle, wer der Täter ist und welche Tat er begangen hat. Die Chemie muss stimmen. Ein Strafverteidiger sollte vor keinem Täter zurückschrecken, denn er ist ein elementarer Teil des Rechtssystems. Ein Chirurg sagt ja auch nicht, einen Verbrecher operiere ich nicht.

Sie haben den Inzesttäter Josef Fritzl verteidigt, der mit seiner Tochter sieben Kinder gezeugt hat. Sie haben Mörder und Neonazis als Mandanten gehabt. Was fasziniert sie an diesen Fällen?
Mich fasziniert jede Seele, die von der Norm abweicht. Ob es jetzt Franz von Assisi ist, der in völliger Bedürfnislosigkeit lebt, oder ein Massenmörder. Das ist wie bei einem Forscher, der einen ausgefallenen Schmetterling entdeckt. Strafverteidiger tauchen so tief in die menschliche Psyche ein, wie es keinem Richter gelingen kann. Je stärker ein Fall eine psychologische Komponente hat, desto interessanter ist er. Dass das natürlich vor allem Blutdelikte sind, ergibt sich von selbst. Verbrechen wie zum Beispiel Betrug finde ich langweilig.

Wie nah kommen sie den Mandanten? Haben Sie eine persönliche Beziehung?
Der Mandant muss ein Vertrauensverhältnis haben, damit er sich öffnen kann. Aber man muss dabei auch Distanz bewahren, um den neutralen Blick zu behalten. Eine Mischung aus Helfer und Raubtierdompteur ist gut.

Sie haben mal gesagt, Sie würden sich auf die Augen ihres Gegenübers konzentrieren, denn sie würden viel über die Psyche eines Menschen verraten. Was lesen Sie in den Augen von Breivik?
Wenn ich mir das Foto ansehe, auf dem er im Taucheranzug mit einem Automatikgewehr zielt, dann spiegelt sich in seinen Augen freudige Erwartung wider.

Und das Foto, das ihn nach der Tat in einem Polizeiauto zeigt?
Da zeigen die Augen eine satte Zufriedenheit gemischt mit einer gewissen Verschmitztheit. Nach dem Motto: Ich habe Euch ausgetrickst.

Ist dieser Ausdruck ungewöhnlich für einen Massenmörder?
Es ist auffallend, dass auf beiden Fotos keinerlei Verbissenheit erkennbar ist. In der Regel zeigen Täter eine gewisse Verbissenheit, weil sie wissen, dass sie eine Extremposition einnehmen. Sie erwarten Widerstand und strengen sich besonders an. Breivik strahlt auf den Bildern eine fast schon schlafwandlerische Sicherheit aus. Er muss sehr überzeugt sein davon, was er getan hat. Ich würde darauf schließen, dass eine geistige Störung vorliegt.

Was für eine Störung veranlasst Menschen zu einer solchen Tat?
So etwas entsteht, wenn im Gehirn bestimmte Neuronen zerstört sind. Das passiert, wenn man als Kind keine Liebe erfährt. Diese Menschen haben kein Mitgefühl. Es ist organisch bedingt und irreversibel. Deshalb plädiere ich bei diesen Menschen für eine lebenslange Sicherungsverwahrung.

Bei Breivik sind diese Neuronen also offenbar zerstört?
Zumindest hat er bestimmten Menschen gegenüber kein Mitgefühl, den Migranten und denen, die sie unterstützen. Die haben seiner Meinung nach keine Lebensberechtigung.

Würden Sie sagen, Breivik ist böser als Fritzl?
Er hat ein stärker vom Guten abweichendes Verhalten als Fritzl. Ich glaube, er hat sehr viel weniger Unrechtbewusstsein.

Über Fritzl haben Sie gesagt, er sei ein "Familienmensch" und ein "treusorgender Vater". Ist es die Aufgabe eines Strafverteidigers, Mitgefühl für den Angeklagten zu erzeugen?
Es ist seine Aufgabe, die Gesamtpersönlichkeit des Angeklagten aufzuzeigen.

Glauben Sie, in jedem Menschen gibt es etwas Gutes?
Ich wähle da eher die Kategorien Mitgefühl haben oder kein Mitgefühl haben. Es gibt Menschen, die kein Mitgefühl haben, nicht einmal mit sich selbst.

Welcher Fall hat sie bisher am meisten berührt?
Das war auf jeden Fall Fritzl. Und der Fall einer Frau, deren Sohn ihr mit den Daumen die Augen rausgerissen hat. Anschließend hat er sie mit Papierscheinen bedeckt und angezündet. Sie hatte Verbrennungen dritten Grades. Sie hat zu mir gesagt: Bitte, tun sie alles für meinen Sohn. Ich war von der Größe und Mutterliebe dieser Frau zutiefst berührt.

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