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Messerstecherin muss nicht in Haft - wegen ihrer "außergewöhnlichen Talente"

Ein Richterspruch sorgt in Großbritannien für Aufsehen: Eine 24-jährige Studentin, die ihren früheren Freund mit einem Brotmesser verletzte, muss nicht ins Gefängnis - weil sie "sehr begabt" sei. Ein Blick aufs Urteil zeigt: So ungewöhnlich ist der Richterspruch gar nicht.

Dutzende Zeitungen und Onlinemagazine berichten über den Richterspruch

Dutzende Zeitungen und Onlinemagazine berichten über den Richterspruch

Lavinia W. ist 24 und studiert Medizin am renommierten Christ Church College im britischen Oxford und das sehr erfolgreich. Ihr Ziel ist es, später einmal Herzerkrankungen zu heilen.

Und Lavinia W. hatte einen Freund, Doktorand in . Sie haben sich britischen Behörden zufolge über die Dating-App "Tinder" kennengelernt.

Am 30. Dezember des vergangenen Jahres streiten die beiden miteinander, Drogen und Drinks sind im Spiel, ihr Freund droht der 24-Jährigen, ihre Mutter anzurufen. Wenig später steckt beim Freund ein Brotmesser im Bein.

Der Richterspruch klingt ungewöhnlich

Das ist laut britischer Zeitung "Daily Telegraph" die Version der Anklage. W. wurde wegen "ungesetzlicher Verwundung" vor Gericht gestellt. Ihre Verteidigung gab an, dass W. ein unruhiges Leben gehabt hätte und von einem früheren Partner missbraucht worden sei. Doch der Richter folgte der Staatsanwaltschaft: schuldig.

Für ein solches Verbrechen gebe es normalerweise eine Freiheitsstrafe, so der Richter. Mit etwa vier Monaten Gefängnis müsse W. rechnen - normalerweise. Doch eines ist in diesem Fall nicht normal: W. muss nicht in Haft, entschied das Gericht - wegen ihrer "außergewöhnlichen Talente": "Es scheint mir, als wäre das ein komplett einmaliges Ereignis gewesen. Und ich will verhindern, dass diese außergewöhnlich begabte junge Frau ihren lange gehegten Traum von einer Arbeit als Medizinerin begraben muss", begründete der Richter seine umstrittene Entscheidung. Mit einer Vorstrafe hätte die Studentin wahrscheinlich nie als Ärztin arbeiten können.

Verteidigung lobt das Gericht

Verantwortliche des Christ Church College hätten dem Gericht versichert, dass W. an die Uni zurückkehren dürfe, weil sie "so begabt" sei und bereits mehrere Artikel in angesehenen medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht hätte.

Der Verteidiger der jungen Frau begrüßte den : "Das ist eine gute Entscheidung, jetzt kann sich meine Mandantin selbst beweisen, dass sie sich geändert hat. Sie hat viel dafür getan, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen." Auch lebe sie jetzt drogenfrei.

Die Begründung für den Freispruch sorgte für Aufsehen in , Dutzende Zeitungen griffen den Fall auf. Zu clever fürs Gefängnis, kann das sein?

So ist die Situation in Deutschland

Mitnichten, ein ähnliches Urteil wäre auch in Deutschland möglich und das hat nichts mit der Intelligenz eines Angeklagten zu tun: Wer nicht vorbestraft ist, ein geregeltes Leben führt und eine günstige Sozialprognose hat, kann auch hierzulande damit rechnen, nicht ins Gefängnis zu müssen.

"Die positive Sozialprognose ist ein entscheidendes Kriterium bei Beantwortung der Frage, ob eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden muss oder kann", erklärt das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen. Die günstige Sozialprognose werde vom Gericht festgestellt, zu erwarten ist, dass der Angeklagte sich allein die Verurteilung zur Warnung dienen lassen und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzuges keine Straftaten mehr begehen wird." Dabei berücksichtigen Gerichte unter anderem die Persönlichkeit des Täters, sein Vorleben und das Verhalten nach der Tat.


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