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"Man braucht einen Sündenbock"

Seit bekannt wurde, dass der Oslo-Attentäter in seinem wirren Manifest Henryk M. Broder zitiert, wird der Publizist heftig angefeindet. Im Interview gibt der sich trotzig: "Ich mache, was ich will."

  Wird von Teilen der Medien heftig attackiert: Islamkritiker Henryk M. Broder

Wird von Teilen der Medien heftig attackiert: Islamkritiker Henryk M. Broder

Herr Broder, seit bekannt wurde, dass der Attentäter von Oslo in seinem wirren Manifest auch Sie zitiert hat, werden Sie in vielen Medien attackiert und als "geistiger Brandstifter" bezeichnet. In einem stern.de-Artikel heißt es, Sie wiesen "jede, wie auch immer geartete Mitschuld an den Anschlägen in Norwegen von sich". Darüber haben Sie sich sehr aufgeregt. Weshalb?
Die Frage lässt schon tief blicken. Ist der stern ein Tribunal? Braucht man kein Volksgericht mehr, wenn man den stern hat? Was heißt: "Er weist jede Mitschuld von sich"? Haben Sie auch schon mal einen militanten deutschen Antizionisten wie Norman Paech gefragt, ob er die Verantwortung übernimmt für die Massaker in Palästina?

Sie stört, dass Sie in Zusammenhang gebracht werden mit den Anschlägen von Norwegen?
Nein. Mich stört, dass ich zum Stichwortgeber und Urheber erklärt werde. In Zusammenhang kann man alles bringen.

Sie scheuen kaum eine öffentliche Auseinandersetzung und sind es gewohnt, kritisiert zu werden. Haben die Anfeindungen gegen Sie in den letzten Tagen eine neue Dimension erreicht?
Punktuell kenne ich das schon. In dieser Heftigkeit ist das neu. Es gibt einige Leute, die alte Rechnungen mit mir begleichen. Das ist legitim, meinetwegen. Die zweite Gruppe braucht in ihrer Not und Verzweiflung einen Hauptgegner. Und der sitzt nicht in Oslo im Gefängnis, sondern lebt in Deutschland. Das ist etwas, was in dieser Gesellschaft öfter vorkommt: Dass man einen komplexen Zusammenhang reduzieren muss. Man braucht einen Sündenbock. Nachdem ich zu einem Stamm gehörte, der das Christentum, den Marxismus und die Psychoanalyse erfunden hat, bin ich gerne bereit, auch die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ein paar Namen kommen dagegen gar nicht vor: Ich habe mit meinen Freunden Leon de Winter und Hamed Abdel-Samad vor kurzem gesprochen, die beiden sind beleidigt, weil sie in dem ganzen Komplex nicht angemessen erwähnt werden. Warum sich alle auf mich kaprizieren, weiß ich auch nicht.

Sie sind immerhin der neben Thilo Sarrazin prominenteste Islam-Kritiker Deutschlands.
Ich habe in der Islam-Debatte ziemlich vorne mitgewirkt, bislang gab es keine Möglichkeit, mir was anzuhängen. Jetzt zitiert dieser irre Attentäter den norwegischen Blogger Fjordman, der seinerseits mich zitiert. Keiner der Leute, die jetzt über mich herfallen, macht sich die Mühe, auch nur einen einzigen Beleg dafür anzuführen, dass ich irgendwas gesagt habe, das inhaltlich mit dem Blogger übereinstimmt. Ich habe nichts gegen Moscheen und ich habe nichts gegen gleiche Rechte für Immigranten. Ich hätte in der Schweiz auch gegen das Minarett-Verbot gestimmt. Dass sich jetzt alle an mir austoben, sind irgendwelche kollektiven Psychosen. Ein Teil der Öffentlichkeit ist einfach ausgerastet. Da hat jede Ratio ausgesetzt.

Es gibt aber auch eine rationale Komponente: Viele sehen den anti-islamischen Diskurs in Deutschland generell diskreditiert.
Dass Leute, die Islamkritik üben, mitschuldig an dem Attentat sein sollen, ist so, als würde ich dem stern vorwerfen, er sei mitschuldig an Anschlägen der Palästinenser, nur weil er gelegentlich freundlich über palästinensische Widerstandskämpfer berichtet. Das ist genau die gleiche Analogie.

Sie hauen allerdings seit Jahren in die immer gleiche Kerbe: Haben Sie damit nicht zu einer Hysterisierung der - ohne Zweifel existierenden - Probleme des Islam beigetragen?
Wenn die Gegenseite aufhört, Karikaturen zu verfolgen und Ehrenmorde zu begehen, dann werden die Islamkritiker aufhören, den Islam zu kritisieren. Natürlich ist das immer die gleiche Kerbe.

Ihr früherer Mitstreiter Alan Posener schreibt: "Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer diesen Zusammenhang nicht sehen will, gilt heute nicht einmal in linken Kreisen als wirklich ernst zu nehmen." Was folgt für Sie aus dem Satz?
Natürlich haben Worte Konsequenzen. Das weiß man aber immer erst retrospektiv, ob sie Konsequenzen hatten. Die meisten Worte bleiben folgenlos. Soll man deshalb gar nichts sagen - damit man auf keinen Fall missverstanden wird? Die Worte vom Vorsitzenden Gerhard Schröder hatten keine Folgen, die vom Vorsitzenden Mao Tse-tung hatten Folgen. Aber das weiß man leider erst hinterher. Alan Posener hat ein Buch über den Papst geschrieben und ihn darin als gefährlich bezeichnet. Wenn man will, könnte man das auch als Aufforderung verstehen, den Papst tätlich anzugreifen.

Inzwischen wird in einigen Zeitungen zur Mäßigung in dieser überhitzten Debatte aufgerufen: Ihre Kritiker sollen aufhören, Ihnen die Schuld für die Anschläge in die Schuhe zu schieben, dafür sollten Sie und andere Islamkritiker den Ton etwas mäßigen.
Ich hätte auch einen Vorschlag zu machen: Wir machen eine Reichsschriftkammer auf, und die wird die Grundpfeiler der Debatte abstecken, was man machen darf und was nicht. Solange das nicht geschehen ist, mache ich, was ich will.

Wenn Sie demnächst wieder einen Text über das Thema Islamisierung in Europa schreiben: Werden Sie eine Schere im Kopf haben, einen kleinen Zensor, der zu mehr Vorsicht bei der Wortwahl mahnt?
Das ist eine gute Frage. Ich hoffe nicht.

Bislang haben Sie in Auseinandersetzungen ausgeteilt und eingesteckt. Wir hatten nie den Eindruck, dass Sie das persönlich nehmen. Hat sich das jetzt geändert?
Nein, wird es auch nicht. Ich schlafe gut, habe weiter gesunden Appetit. Sogar mein Ischiasschmerz hat nachgelassen. Das muss mit dem Adrenalin zu tun haben. Im Übrigen bin ich kein Islamkritiker, sondern ein Kritiker der europäischen Appeasement-Politik gegenüber dem Islam.


Interview: Carsten Heidböhmer
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