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Die Nachbarin im Ehebett

Ein Mann und eine Frau waren einander harmlose Nachbarn, über zehn Jahre lang wohnten sie Wand an Wand. Dann erkrankte sie an einer Psychose und machte ihrem Nachbarn und dessen Frau das Leben zur Hölle.

Von Uta Eisenhardt

  Endstation Klinik: Selbst aus der geschlossenen Psychiatrie organisierte eine Stalkerin noch Aktionen gegen ihr Opfer

Endstation Klinik: Selbst aus der geschlossenen Psychiatrie organisierte eine Stalkerin noch Aktionen gegen ihr Opfer

  • Uta Eisenhardt

Er war ein Sunnyboy, ein Verkaufstalent, ein Topverdiener, einer mit fünfstelligem Monatseinkommen. Während seiner Zeugenaussage aber weint der 48-jährige Makler: "Nebenan hatte sich das Tor zur Hölle aufgemacht", sagt der unscheinbar wirkende Anzugträger im August 2010. Schleichend war seine Nachbarin an paranoider Schizophrenie erkrankt. Ihren damit einhergehenden Liebeswahn projizierte sie auf Rene Gerstung*, mit dem sie über zehn Jahre Wand an Wand lebte. Das Berliner Landgericht muss nun entscheiden, ob Susanne Beyer* dauerhaft in einer geschlossenen Psychiatrie für Straftäter untergebracht wird.

"Ich bin eine normale Frau, eine normale Lehrerin!"

Ihre Wohnungen befanden sich im vierten Stock. Sie waren über verschiedene Hauseingänge erreichbar, verfügten aber über einen gemeinsamen Balkon, der mittig von einem Sichtschutz geteilt wurde. So kam es vor, dass die Nachbarin, wenn sie sich ausgesperrt hatte, über seine Balkon-Hälfte in ihre Wohnung kletterte.

Vor zwei, drei Jahren begann sich die Pädagogin zu verändern. Die schmale, stupsnasige Frau mit dem Schmollmund verwahrloste zusehends, ihr dunkles Haar wirkte ungewaschen und fettig. Das war das äußerlich Sichtbare. Innerlich litt sie an Konzentrationsstörungen und suchte deswegen ärztlichen Rat - ohne ihn anzunehmen. Bis heute verweigert die 36-Jährige eine Behandlung, selbst vor Gericht ruft sie ein ums andere Mal: "Ich bin nicht psychisch krank! Ich bin eine normale Frau, eine normale Lehrerin!"

Im Sommer 2009 rief sie die Polizei und behauptete wahrheitswidrig, Rene Gerstung und seine Frau würden laut Musik hören. Sie schrieb dem Jungvermählten Briefe: "Die Dame Nummer Zwei macht alles kaputt." Sie klingelte an seiner Tür und sagte zu ihm: "Ich will dich nur mal sehen."

Die Nachbarin wartete im Ehebett

Sie schlug mit einer Stange gegen ihre Balkon-Blumenkästen und die gemeinsame Trennwand, erhob die Waffe sogar drohend gegen den Makler. Fast jede Nacht klopfte sie an die gemeinsame Wand, hinter der sich das Schlafzimmer der Eheleute befand und schrie: "Ich mach dich fertig, ich bring dich um!" Um Ruhe zu finden, quartierten sich ihre Opfer im Bad ein.

Sie verreisten, um dem Terror zu entfliehen. Zwei Wochen später kamen sie kurz nach Mitternacht in ihre Wohnung zurück. Fassungslos blickten sie auf die aufgebrochene Wohnungstür, den heruntergerissenen Korridorvorhang, die durchwühlten Schubladen und Schränke, die Sachen, die überall auf dem Boden verstreut waren. Bei Kerzenschein lag die Nachbarin im Ehebett der Gerstungs.

In Slip und T-Shirt lag sie auf der bloßen Matratze, die mit Urin durchtränkt war. "Ich habe mich wie in Schockstarre bewegt", sagt der Makler vor Gericht. Er habe geschrieen "Raus, sofort raus!" Die Nachbarin flüchtete über den Dachboden.

Auch ein Umzug half nicht

Sie hatte die Wohnung nicht nur verwüstet. Sie und ihre - wie das Gericht vermutet - Mittäter hatten etliche Dinge entwendet: Es fehlten fast alle technischen Geräte, hochwertige Herren-Bekleidung, Werkzeug, Parfüm, Uhren, Schmuck, Handys, die Angelausrüstung und 13.000 Euro Bargeld - ein Schaden von über 30.000 Euro.

Polizeibeamte durchsuchten die Wohnung von Susanne Beyer. Zur Identifizierung seiner Sachen war der Makler dabei: "Zwischen ihrer Unterwäsche lagen Fotos von uns, daneben Sexspielzeug", sagt er dem Gericht und schlägt die Hände vors Gesicht. In der Wohnung befand sich noch ein weiteres Bild: Es zeigt einen Racheengel mit Schwert, darin ein Foto von Gerstungs Frau.

Die Gepeinigten erwirkten einen gerichtlichen Beschluss gegen ihre Nachbarin, der jeder Kontakt untersagt wurde. Dennoch rief sie den Makler weiterhin an, forderte ein Treffen unter vier Augen und die Rücknahme der Strafanzeigen, sonst gäbe es ein "Finale". Das Paar zog um, verriet niemandem seine neue Adresse. Da postierte sich die Liebeswahnsinnige vor dem Büro ihres Opfers und suchte Kontakt, indem sie sich etwa als vermeintliche Kundin ausgab.

Aus Stalking wurde Körperverletzung

All diese Versuche misslangen, dafür schaffte sie es, Detektive zu mobilisieren. Denen gegenüber behauptete sie, der Makler schulde ihr mehrere tausend Euro Gehalt, darum müsse sie wissen, wo er wohnt. Einer der Beauftragten befestigte einen Peilsender an Gerstungs Auto und fand dessen neue Adresse heraus. Weil er von Susanne Beyer nicht entlohnt worden war, schlug er sich auf die Gegenseite und berichtete dem Makler von seinem Auftrag.

Ende Februar muss die Stalkerin die neue Adresse erfahren haben. In Begleitung eines jungen Arabers lauerte sie Gerstung und dessen Frau auf. Als die beiden das Haus verließen, kam es zu einer Auseinandersetzung. Dabei trat Susanne Beyer dem Makler ans Schienbein. Der wehrte sich, der Araber zog ein Messer aus dem Hosenbund. Beherzt griff Rene Gerstung in die Klinge und zerschnitt sich die Finger.

"Gott sei Dank hat jemand die Polizei gerufen", sagt er fünf Monate später. "Sonst säße ich nicht hier." Bis heute hat er sich weder emotional noch finanziell von den Folgen erholt - er, der potentiellen Käufern früher das Gefühl vermitteln konnte, genau das Richtige im Angebot zu haben, verlor sein wichtigstes Arbeitsinstrument: Seine positive Ausstrahlung.

Angeklagte zeigt dem Richter einen Vogel

Die psychisch Kranke streitet alle Vorwürfe ab: Sie sei das Opfer einer Intrige. Mit gewählten Worten erklärt sie, damals zufällig am neuen Wohnort des Maklers vorbei gekommen und von dem Paar verprügelt worden zu sein. Rene Gerstung habe Spaß daran, ein junges Leben zu zerstören, behauptet sie nonstop - ob die Richterin ihr das Wort erteilt oder nicht.

Nicht nur damit strapaziert sie die Geduld des Gerichts: So zeigt sie dem Makler einen Vogel oder hebt anerkennend beide Daumen, als die Richterin den Zeugen auf Widersprüche hinweist. Als sie dann von ihrer Bank aufspringt und hysterisch kreischt, ist das Maß voll. Sie wird von der Verhandlung ausgeschlossen.

An der Urteilsverkündung aber soll sie teilnehmen, empfiehlt der psychiatrische Gutachter. Es sei für ihre Zukunft wichtig zu wissen, warum man sie in die Psychiatrie einweise. Der Mediziner bezweifelt jedoch, dass Frau Beyer je wieder in der Realität ankommen wird: Zu lange lebe sie schon mit der unbehandelten Psychose, an die sich das Gehirn inzwischen angepasst habe.

Anrufe aus der Psychatrie

Geduldig begründet die Richterin der vor ihr Sitzenden, warum man sie einsperren muss. Immer wieder fällt ihr Susanne Beyer ins Wort: "Ich habe den Paragraph 63 nicht verdient", ruft sie. "Es ist ein Skandal, ich habe nichts gemacht!"

Dabei berichtete ihre behandelnde Ärztin noch kurz vor der Urteilsverkündung vom Besuch zweier Sicherheitsfirmen. Diese soll die Patientin aus der geschlossenen Psychiatrie heraus angerufen und beauftragt haben, "einen Herrn aus dem Verkehr zu ziehen".

* Namen von der Redaktion geändert

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