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Alter Verbrecher - Fauler Verbrecher?

Die deutschen Gefängnisse leeren sich, die Gefangenenzahlen sinken seit Jahren. Nach Ansicht von Experten liegt das unter anderem an der Überalterung der Gesellschaft. Ältere Menschen seien harmloser.

Ein Häftling in seiner Zelle der Jugendanstalt Hameln: Durch geringere Gefangenenzahlen habe sich die Betreuung der Insassen in den letzten Jahren verbessert

Ein Häftling in seiner Zelle der Jugendanstalt Hameln: Durch geringere Gefangenenzahlen habe sich die Betreuung der Insassen in den letzten Jahren verbessert

Nach jahrelangen Problemen mit überfüllten Gefängnissen sitzen in Deutschland immer weniger Menschen hinter Gittern. Die Zahl der Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2007 saßen laut Statistischem Bundesamt (Destatis) noch 64.700 Personen im Knast - seitdem werden die Gefängnisse immer leerer. 2012 befanden sich nur noch 58.073 Verurteilte im offenen und geschlossenen Vollzug, ein Rückgang von mehr als zehn Prozent. "Die Tendenz, dass sich die Häftlinge Matratzen teilen wie noch vor zehn Jahren, ist nicht mehr gegeben", sagt ein Destatis-Experte.

Experten erklären sich die sinkende Zahl der Häftlinge mit der rückläufigen Kriminalität und der alternden Gesellschaft. Laut Kriminologe Christian Pfeiffer gehen besonders jene Delikte zurück, die häufig zu einer Freiheitsstrafe führen - etwa Totschlag oder Drogenhandel. "Der zweite Stabilisierungsfaktor ist die Überalterung unserer Gesellschaft. Ältere Menschen sind harmloser", ist Pfeiffer überzeugt. "Die Vergreisung der Republik fördert die innere Sicherheit enorm."

Auch die geringere Zuwanderung in den vergangenen Jahren habe zu leereren Gefängnissen beigetragen, meint der Vorsitzende des niedersächsischen Richterbundes, Andreas Kreutzer. Zudem könne eine allgemeine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation eine Rolle spielen. "Und möglich ist, dass die Polizei wegen Personalmangels weniger ermittelt", sagt Kreutzer. Eine mildere Rechtsprechung ist jedenfalls nicht der Grund für die sinkenden Gefangenenzahlen, da sind sich die Experten einig. "Ich meine, dass die Urteile tendenziell eher härter werden", so Kreutzer.

Vorteile für die Resozialisierung

Der typische deutsche Zellenbewohner ist nach den Statistiken aus dem Jahr 2012 überwiegend männlich und verbringt eine eher kurze Zeit hinter Gittern. 54.765 Männer und 3308 Frauen lebten demnach vergangenes Jahr bundesweit hinter schwedischen Gardinen. Die Mehrheit der Strafgefangenen sitzt weniger als zwei Jahre, insgesamt 2031 der 58.073 Insassen verbüßen eine lebenslange Haftstrafe. Rund ein Fünftel der Strafgefangenen ist unter 25 Jahre alt.

Die sinkenden Gefangenenzahlen kommen der Resozialisierung entgegen. "Ein überfüllter Knast produziert mehr interne Gewalt", sagt Kriminologe Pfeiffer. Die Insassen haben nun mehr Chancen auf Einzelzellen und bessere Betreuung. Wegen der schrumpfenden Belegung organisiert beispielsweise die niedersächsische Regierung ihren Strafvollzug neu. Das Justizministerium legt Gefängnisse zusammen und schließt Abteilungen. "Im geschlossenen Männervollzug haben wir fast 90 Prozent Einzelunterbringungsquote erreicht", berichtet ein Ministeriumssprecher. Bundesweit ist die Zahl der Gefängnisse seit 2003 laut Statistischem Bundesamt von 207 auf 186 gesunken.

"Im Augenblick ist der Strafvollzug in einer günstigen Lage. Er reagiert darauf richtigerweise mit der Schließung alter Baulichkeiten, die schwer zu überwachen waren", erklärt Kriminologe Pfeiffer. Der Verbrechensforscher geht auch in Zukunft von immer weniger Häftlingen aus: "In den 90er Jahren hatten wir einen deutlichen Anstieg der Gefangenenzahlen." Deutschland sei nicht auf "die große Kriminalitätswelle" eingerichtet gewesen, die mit der Öffnung der Grenzen im Osten entstanden sei. "Die Kriminalität geht jetzt seit zehn Jahren zurück - kontinuierlich - und das wird auch so bleiben."

Nico Pointner, DPA/DPA

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