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"Die meisten Vergewaltigungen sind Beziehungstaten"

Von Montag an steht Jörg Kachelmann vor Gericht. stern.de sprach mit der Bremer Staatsanwältin Gabriela Piontkowski über Vergewaltigungstaten und die Folgen für die Opfer.

Frau Piontkowski, wie sieht der typische Vergewaltiger aus? Ist es der Unbekannte, der im Dunkeln auf sein Opfer lauert?
Nein. Die meisten Vergewaltigungen sind Beziehungstaten. Sie geschehen während einer Beziehung, bei der Trennung oder danach.

Das heißt, die meisten Frauen kennen ihren Vergewaltiger?
So ist es. Häufig aber kommt es vor, dass sich Opfer und Täter gerade erst kennen gelernt haben, in einer Kneipe zum Beispiel. Man geht zusammen nach Hause, und die Situation entgleist.

Aus welcher Schicht kommen Täter und Opfer?
Überwiegend scheinen die meisten angezeigten Vergewaltigungsfälle in eher randständigen Milieus zu geschehen. Ich will damit nicht sagen, dass Vergewaltigungen bei anderen Bevölkerungsschichten nicht vorkommen. Dort werden solche Taten möglicherweise anders geregelt und kommen daher nicht zur Anzeige.

Wie oft kommt es vor, dass eine Vergewaltigung vorgetäuscht wird und Unschuldige belastet werden?
Die bewusste Falschaussage ist eher die Ausnahme. Gleichwohl wird ein Anteil von etwa 40 Prozent der Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Die Einstellungsquote unterscheidet sich insoweit nicht von Verfahren aus anderen Deliktsbereichen.

Woran liegt das?
Die Staatsanwaltschaft muss dem Beschuldigten das ihm zur Last gelegte Verbrechen der Vergewaltigung nachweisen können. Kommt die Staatsanwaltschaft nach Auswertung aller Ermittlungsergebnisse zu der Auffassung, dass ein Freispruch wahrscheinlicher als eine Verurteilung wäre, ist das Verfahren nach dem Gesetz einzustellen.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei der Wahrheitsfindung?
Ein häufiges Problem ist, dass sowohl Täter als auch Opfer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss standen. In vielen Fällen können sich die Opfer nicht daran erinnern, was genau geschehen ist. Sie sagen beispielsweise: „Ich bin aufgewacht mit einer heruntergezogenen Hose. Ich habe das Gefühl, vergewaltigt worden zu sein.“ Für eine Anklageerhebung ist aber ein hinreichender Tatverdacht im Hinblick auf ein hinreichend konkretes Tatgeschehen erforderlich. Es kommt auch vor, dass die angezeigten Fälle gar nicht den Straftatbestand einer Vergewaltigung erfüllen. Das gilt zum Beispiel bei dem Beischlaf gegen den bloßen Willen. Wenn der Täter das Opfer nicht an Leib und Leben bedroht, keine Gewalt anwendet und auch nicht die schutzlose Lage der Frau ausnutzt, fehlt das so genannte Nötigungsmittel zur Erfüllung des Straftatbestandes. Es kommt allerdings auch vor, dass die Frauen im Verlauf des Verfahrens von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen - und zwar mit dem Hinweis, dass sie sich inzwischen mit dem Täter verlobt hätten oder im Hinblick auf eine neu geschlossene, bestehende oder gewesene Ehe. Das ist gar nicht mal so selten - schließlich sind es ja auch häufig Beziehungstaten. Dann sind die bisherigen Angaben dieser Zeugin in diesem Verfahren unverwertbar.

Ist es die Regel, dass in Vergewaltigungsprozessen Glaubwürdigkeitsgutachten in Auftrag gegeben werden?
Nein. Ich hole nur ein Glaubwürdigkeitsgutachten ein, wenn ich dafür konkrete Anhaltspunkte aufgrund der Gesamtumstände habe. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Opfer erheblich psychisch beeinträchtigt sein könnte oder bei Alkohol- oder Drogenabhängigen oder bei geistig behinderten Menschen. Ansonsten ist es die Aufgabe der Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren und später des Gerichts festzustellen, ob eine Aussage glaubhaft und eine Person glaubwürdig ist.

Und woran machen Sie fest, ob eine Aussage glaubhaft ist oder nicht?
Man achtet zum Beispiel darauf, wie detailreich und konstant eine Aussage ist. Wenn jemand ein Geschehen auswendig gelernt hat, kann er die Abfolge zwar runterbeten, reagiert aber schwerfällig auf Nachfragen. Dazu gehört eine große Portion an Berufs- und Lebenserfahrung. Außerdem prüfen wir natürlich auch, ob die Aussage mit der Spurenlage übereinstimmt.

Wie viele Angeklagte werden tatsächlich verurteilt?
Die meisten.

Und wie hoch sind die Strafen? Frauenrechtler erheben den Vorwurf, Vergewaltiger würden zu gering bestraft.
Der Strafrahmen bei Vergewaltigungen liegt zwischen zwei und 15 Jahren. Innerhalb dieses Strafrahmens haben die Gerichte unter Berücksichtigung der Gesamtumstände des Einzelfalls die Strafe zu bemessen. Hierbei sind sie von Gesetzes wegen unabhängig.

Vor Jahren sorgte ein Oldenburger Richter für Schlagzeilen, der meinte, Sex gehe "mit einer gewissen Form von Gewalt einher". Werden Ihrer Erfahrung nach Opfer vor Gericht noch immer gedemütigt?
Ich habe den Eindruck, dass die Richter - zumindest in Bremen – sehr einfühlsam mit den Opfern umgehen. Aber auch ich habe schon Verfahren erlebt, bei denen ich dachte: Wer ist hier eigentlich der Täter? Aber wenn ich merke, dass das Opfer in die Täterrolle gedrängt werden soll, greife ich ein. Die Strafprozessordnung bietet eine Reihe von Möglichkeiten, dem Opfer Schutz zu gewähren. Das Gericht kann den Täter aus dem Gerichtssaal entfernen lassen, während das Opfer aussagt. Man kann auf die Aussage des Opfers verzichten, wenn der Täter gesteht und alle Verfahrensbeteiligten mit einer Verlesung der Aussage in der Hauptverhandlung einverstanden sind. Viele Frauen machen auch von der Möglichkeit Gebrauch, einen Zeugenbeistand hinzuzuziehen oder sich im Rahmen der Nebenklage durch einen Rechtsanwalt vertreten und beraten zu lassen.

Was raten Sie einer vergewaltigten Frau?
Als Staatsanwältin rate ich den Frauen, möglichst zeitnah nach der Tat Strafanzeige zu erstatten. Eine Vergewaltigung verjährt zwar erst nach 20 Jahren, aber je länger die Tat zurückliegt, desto schwerer ist die Beweisführung. So verblasst die Erinnerung, so gibt es keine DNA-Spuren mehr oder Verletzungen sind nicht mehr sichtbar. Fehlt dem Tatopfer die Kraft, Anzeige zu erstatten, sollte es wenigstens Spuren sichern lassen. Zum Arzt gehen, der die Verletzungen dokumentiert. Es sollte ein Protokoll über die Tatabläufe schreiben. Bei der Zeugenvernehmung sollte das Opfer möglichst sämtliche Umstände berichten, die zur Tataufklärung beitragen, auch wenn sie ihm scheinbar bedeutungslos erscheinen.

Was war ihr schlimmster Fall?
Ich hatte viele schlimme Fälle. Ein Angeklagter ist kürzlich wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Der Mann war über eine gekippte Terrassentür in die Wohnung einer jungen Frau eingedrungen. Er hatte das Opfer im Schlaf überrascht. Den Täter haben wir mit Hilfe eines Reihen-DNA-Test überführt. Er war Kunde in dem Sportstudio gewesen, in dem das Opfer arbeitete. Er war ein Mann aus eher bürgerlichen Verhältnissen.

Warum hat er die Tat begangen?
Das hätte ich auch gerne erfahren. Der Täter hat sich zu seinen Motiven nur wenig geäußert.

Wie hoch war die Strafe?
Acht Jahre und neun Monate. Das ist tat- und schuldangemessen.

Können Sie eigentlich nachts noch ruhig schlafen?
Ja, sehr gut sogar. Ich nehme meinen Beruf nicht mit nach Hause. Außerdem bin ich kein ängstlicher Typ.

Kerstin Herrnkind

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