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Das sagen die stern.de-Leser

Ist es richtig, Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern zu verbieten? Die Bestätigung des Verbots durch das Bundesverfassungsgericht hat zu einer leidenschaftlichen Diskussion zwischen unseren Lesern geführt. Wo darf, wo muss der Staat sich einmischen? Hier lesen Sie eine Zusammenfassung der Beiträge.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden: Es bleibt dabei, Inzest ist in Deutschland verboten - der Beischlaf zwischen Geschwistern verstößt gegen das Grundgesetz. stern.de berichtete über das Urteil des obersten deutschen Gerichts, stern-Redakteur Holger Witzel kommentierte es. Das Interesse unserer Leser war ebenso groß wie ihre Diskussionsbereitschaft. Wie weit darf sich der Staat in das Privat- und damit in das Sexualleben seiner Bürger einmischen? Wo hört seine Schutzpflicht auf und wo beginnt die Bevormundung? Binnen weniger Stunden meldeten sich Hunderte Leser zu Wort.

"Denkt an die Erbkrankheiten!"

Dabei rieben sich die Leser vor allem an jenem Argument, dass das Inzestverbot mit der Schutzpflicht des Staates gegenüber Familien gerechtfertigt wird. Der zweite Senat hatte seine Entscheidung unter anderem damit begründet, dass mögliche Kinder aus einer solchen Beziehung neben schweren genetischen Defekten auch möglicherweise schwerwiegenden familien- und sozialschädigenden Wirkungen ausgesetzt sind. Es sei auch naheliegend, dass Kinder aus Inzestverbindungen große Schwierigkeiten hätten, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren nächsten Bezugspersonen aufzubauen, urteilen die Richter.

Viele Leser schlossen sich dieser Position an. "Früher war Inzest sehr verbreitet, speziell in ländlicher Gegend. Bei uns gab es Täler, wo bei jedem zweiten Bauernhof Behinderte aus dem Fenster schauten", schreibt Aprotheus. "Die Inzestrate war erschreckend! Denkt nur an die Kinder und Erbkrankheiten! Das Urteil ist bei einer solchen Betrachtungsweise richtig!" Ein anderer Leser begründet die Pflicht des Staates sich einzumischen dabei nicht einmal moralisch, sondern volkswirtschaftlich, nämlich mit den Kosten, die der Allgemeinheit durch den Inzest entstehen könnten. "Außer der menschlichen Tragödie kommen auch noch die Kosten für die Gesellschaft hinzu, einen behinderten Menschen das ganze Leben lang zu versorgen," schrieb Frankie2222. "Da hat doch die Gesellschaft auch was mitzureden, wenn so schwer in das Leben Dritter (hier: noch ungeborener Kinder) eingegriffen wird. Gesetze sollen schließlich die Unversehrtheit von Unschuldigen schützen."

Und wie ist es mit Frauen ab 40?

Die Kritiker dieser Begründungslinie bemängelten, dass man auch andere Menschen an der Fortpflanzung hindern müsse, wenn es darum gehe, Behinderungen auszuschließen. "Mit der Argumentation kann man gleich auch Frauen ab 40 verbieten, Kinder zu bekommen, da hier die Down-Syndrom-Gefahr wächst," schrieb Lady Sniper. "[…] Das trifft gleichermaßen auf alle anderen Paare zu, die zum Beispiel beide dieselbe Erbkrankheit haben. […] Ein behinderter Mensch ist genau so viel wert wie ein nicht-behinderter. Da hat ein Staat überhaupt nichts zu sagen, das ist allein die Entscheidung der Eltern." Auch die Behauptung, Kinder aus inzestuösen Verhältnissen würden sozial geächtet, wiesen einige Leser zurück. Das sei, fanden diese, weniger ein Problem des betroffenen Paares und der Kinder als vielmehr ein Problem des sozialen Umfelds der jeweiligen Familie. "Die schwerwiegenden familien- und sozialschädigenden Wirkungen, die im Urteil erwähnt werden, sind ausschließlich durch Menschen verursacht, die das inzestuöse Verhältnis (wie hier schon häufig erwähnt) 'ekelhaft', 'pervers', und so weiter finden. Wer sonst hindert diese Kinder an einem normalen Aufwachsen? Rationale Gründe gibt es keine", argumentiert Leser Vaben.

In dem Ziel, Kinder vor sexuellem Missbrauch in der Familie, durch nahe Verwandte, zu schützen, darin sind sich die Leser einig. Nur halten einige das Inzestverbot für das falsche rechtliche Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. "Sexueller Missbrauch bleibt sexueller Missbrauch, und dieser ist bereits nach anderen Gesetzen hinreichend verboten. Es braucht für die Ahndung von Vergewaltigung und Co. keinen Extra-Inzestparagraphen", schrieb hjohjo.

Was hat der Staat im Schlafzimmer zu suchen

So umstritten die Schutzpflicht des Staates im Inzestfall gegenüber möglichen Kindern war, so leidenschaftlich wurde auch sein grundsätzliches Recht diskutiert, sich überhaupt in das Sexualleben seiner Bürger einzumischen. Viele Leser sind der Ansicht, dass der Staat mit dem Urteil zu weit geht, weil die Beziehung des Klägers zu seiner Schwester auf beiderseitiger Freiwilligkeit beruht, weil es sich schlicht um Liebe handelt. "Wie kann es eigentlich in einem modernen, aufgeklärten und ansatzweise liberalen Land der Fall sein, dass sich der Staat in die Betten seiner Bürger einmischt?", schrieb pamela_1971. "Solange es auf Freiwilligkeit basiert und niemand dabei zu Schaden kommt, sollte grundsätzlich erstmal alles erlaubt sein." Eine Ansicht, die Sachsenwinni teilt, denn ein Gesetz könne nichts daran ändern, schreibt er, "dass sich zwei erwachsene leibliche Geschwister bis über beide Ohren ineinander verlieben, nicht mehr voneinander lassen können und zusammenleben wollen."

Alles ist erlaubt - außer die Fortpflanzung

Dem hielten andere Leser entgegen, dass diese Freiheit schlicht ihre Grenzen habe. Sportmakler beispielsweise zeigte sich überrascht, "dass sich bei diesem Thema so viele liberale Liebestolle zeigen […]. diese Liberalen sollten sich auch mal die Frage stellen, ob ihre Meinung Bestand hätte, wenn die eigenen Kinder ein Pärchen wären." Brave_New_World schrieb: "Ich begrüße diese Entscheidung, denn die Folgen für die Kinder sind zu gravierend." Andere Leser versuchten, einen Kompromiss zu definieren zwischen der Freiheit der Geschwister, sich zu lieben und dem vermeintlichen Schutzanspruch Dritter. Es dürfe eben nicht zur Fortpflanzung kommen, lautete der Vorschlag. "Nicht das "miteinander verkehren" sollte verboten sein, schrieb Roli84, "sondern das Zeugen gemeinsamer Kinder. Wir tolerieren ja auch gleichgeschlechtlichen Sex, sogar zwischen Brüdern wäre dieser legal. Mit wem man Spaß haben will ist doch jedermanns Privatsache." Und petervorweger geißelte die angebliche Widersprüchlichkeit der Gesetzeslage: "Es ist ja gerade nicht das Kinderkriegen, sondern das Sich-Lieben verboten. Und das ist eine Frechheit."

Wem nutzt die Gefänfnisstrafe?

Und so sehr sich die stern.de-Leser an dem Für und Wider, an allgemeinen Argumenten zum Inzestverbot rieben, so waren sich die meisten doch einig in ihrem Mitgefühl für das konkret betroffene Geschwisterpaar und dessen Kinder. Es handele sich um einen Sonderfall, argumentierten einige, weil sich die Geschwister nur deshalb ineinander hätten verlieben können, weil sie getrennt voneinander aufgewachsen seien. Auch jene, die dem Inzest kritisch gegenüber standen, zeigten Verständnis für den klagenden Bruder in seiner Rolle als Vater, der seine Familie zusammenhalten wolle. Weil der vierfache Vater Patrick S. nach dem Urteil nun eine zweite Haftstrafe antreten muss, zeigten viele Leser Mitleid mit der Familie. "Wem nützt das?", fragte petermeier, PreachTheGospel befand: "Dem Mann jetzt, nachdem die vier Kinder da sind, ins Gefängnis zu stecken, schafft viel mehr Probleme." Ähnlich äußerte sich auch techen: "Einen vierfachen Vater in den Knast zu schicken, seine Frau und die Kinder damit sehr sicher in seelische Nöte und noch dazu in Hartz IV zu treiben, schützt weder die Gesellschaft vor einem gefährlichen Straftäter noch hilft es irgendjemandem."

Dass das Geschwisterpaar durch den Gerichtsentscheid unverhältnismäßig hart getroffen wird, war der einzige Diskussionspunkt, in dem sich alle stern.de-Leser einig waren.

sh

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