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888 Tage unschuldig in Haft

Ihr Elternhaus brannte ab, ihr schwerkranker Vater starb in den Flammen und sie selbst wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Monika de Montgazon ist ein Justizopfer. Exakt 888 Tage saß sie in Haft, jetzt ist sie frei. Für das Berliner LKA wird es dagegen ungemütlich.

Von Uta Eisenhardt

Erleichtert legt Monika de Montgazon den Kopf auf die Schulter ihres Sohnes. Sie ist keine gute Rednerin, stammelt nur "Ich bin total geklatscht." Wut empfinde sie nicht, sie fühle sich eher wie nach ihrer bestandenen Fahrprüfung. Die 52-Jährige, zu lebenslänglich verurteilt, saß 888 Tage unschuldig in Haft, weitere zwei Jahre bangte sie um den Ausgang ihres zweiten Prozesses. Heute nun sprach das Landgericht Berlin die ehemalige Arzthelferin vom Vorwurf des Mordes, Versicherungsmissbrauchs, der schweren Brandstiftung mit Todesfolge und fahrlässigen Körperverletzung frei.

Es ist also eine ganze Palette schwerster Delikte, mit denen de Montgazon vor fast fünf Jahren konfrontiert wurde. Man konnte ihr diese Vorwürfe machen, weil ein Chemiker und ein Brandermittler des Berliner Landeskriminalamtes ihre Analyseergebnisse "wohl einer zu einseitigen Interpretation unterzogen", so Richterin Angelika Dietrich. Sie ergänzt: "Die Gutachter wendeten eine Methode an, die - vorsichtig ausgedrückt - in Teilen der Fachwelt als nicht ganz unproblematisch angesehen wird."

"Es brennt"

Der 18. September 2003 ist noch keine Stunde alt, als Monika de Montgazon von Flammen geweckt wird. Die füllige Frau schickt ihren Freund Charly zu ihrem todkranken, gehbehinderten Vater. Sie selbst alarmiert die Feuerwehr. Charly, ein junger, kräftiger Mann, öffnet die Tür zum Nachbarzimmer. Dort liegt Theo de Montgazon auf der Erde. Charly setzt den 76jährigen Rentner auf sein Krankenbett und will ihn aus dem Fenster schmeißen. Plötzlich schlägt ihm eine Stichflamme entgegen. Panikartig springt er aus dem Obergeschoss, prallt auf ein Treppengeländer und bricht sich das Becken. Als die Feuerwehr eintrifft, steht die Doppelhaushälfte im Süden Berlins bereits in Flammen, der alte Mann kann nur noch tot geborgen werden. Um.0.10 Uhr, ermitteln später die Kriminalpolizisten, wünschte das Paar ihm eine gute Nacht. Wie immer rauchte der lungenkrebskranke Rentner im Bett eine Zigarette. Weil ihm diese schon öfter heruntergefallen waren, hatte man vorsichtshalber ein Stück Linoleum vor sein Bett gelegt. Um 1.00 Uhr steht das Haus bereits im Vollbrand.

Eine neue Messmethode

Wie aber konnte sich das Feuer so schnell ausbreiten? Da muss jemand nachgeholfen haben, lautet der Anfangsverdacht, der sich schnell gegen die Tochter des Hausbesitzers richtet. Dieser erhärtet sich, als sich die damals 47jährige bei der Versicherung erkundigt, ob sie nicht einen Vorschuss auf die zu erwartenden 220.000 Euro erhalten könne.

Die Brandsachverständigen vom Berliner Landeskriminalamt analysieren Proben vom Brandschutt. Die Chemiker sind stolz auf eine Messmethode, die sie selbst entwickelt haben: Finden sie den typischen Bestandteil von Spiritus, das 3-Methyl-2-Butanon, oberhalb einer bestimmten Grenze, muss aus ihrer Sicht Spiritus als Brandbeschleuniger vorhanden gewesen sein.

Das Ergebnis scheint eindeutig: In 16 von 17 Proben weisen sie diesen Stoff nach. Drei Wochen nachdem ihr Haus abgebrannt und ihr Vater gestorben war, wird Monika de Montgazon verhaftet. Im Sommer 2004 beginnt ihr Prozess vor der 22. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts. Er entwickelt sich zu einer Gutachterschlacht. Vier von sechs Brandexperten stützen nicht die Spiritus-Theorie. Drei Gutachter vermuten einen Schwelbrand, der sich dann zu einem Feuerball, einem sogenannten Backdraft entwickelte. Dieser könnte, so diese Experten, durch eine brennende Zigarette im Krankenzimmer ausgelöst worden sein.

Lebenslange Freiheitsstrafe

Doch der Vorsitzende Richter Peter Faust macht keinen Hehl daraus, dass ihn Theorien, die den Namen von Hollywood-Filmen tragen, nicht interessieren. "Robert de Niro", sagt er, "jetzt wird es ganz bunt." Er lässt weder das vom Schwager der Angeklagten gebaute Modell vom verbrannten Haus als Beweismittel zu, noch sich von den Gegengutachten überzeugen. Für ihn ist die Angeklagte bereits während der Beweisaufnahme "verdächtiger denn je". Er stört sich auch nicht am fehlenden Mordmotiv der Angeklagten: Der Rentner hatte nur noch zwei Monate zu leben, bestätigt die behandelnde Ärztin dem Gericht.

Der Prozess endet mit der Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Außerdem stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest: Die Angeklagte soll keine Chance haben, nach 15 Jahren das Gefängnis zu verlassen.

Doch der Bundesgerichtshof rügte das Urteil, weil es nicht belege, wieso man gerade den Spiritus-Theorie-Verfechtern mehr Glauben geschenkt habe als den Backdraft-Experten. Die Juristen kritisierten außerdem die LKA-Beamten: "Die vom Sachverständigen entwickelte Meßmethode ist offensichtlich nicht standardisiert, weil sie auf seinen eigenen Erfahrungswerten aufbaut", steht in der Revisionsbegründung.

Doch keine Hinweise auf Spiritus

Zwei Jahre später wird erneut gegen Monika de Montgazon verhandelt. Geladen ist diesmal nur die Brandsachverständige Silke Löffler vom Bundeskriminalamt Wiesbaden. Die Diplomchemikerin erklärt mit Hilfe von Lehrfilmen, wie ungeeignet Spiritus als Brandbeschleuniger sei. Sie zeigt auch, wie sich in Sekunden aus Rauchgasen, die bei einem Schwelbrand entstehen, unter Zugabe von Sauerstoff eine Feuerwalze bildet. Solch eine löste Charly aus, als er das Fenster im Krankenzimmer öffnete. Das Feuer wanderte über die holzverkleidete Decke des Obergeschosses in das Untergeschoss, wo die Gase neue Nahrung bekamen, als Monika die Haustür öffnete. So erklärt sich der kurze Zeitraum der Brandentstehung, so erklärt sich auch die Ausbreitung vom Ober- ins Untergeschoss.

Mit einem einzigen Satz zerreißt Löffler das umstrittene Spiritus-Gutachten: "Es gibt keine Hinweise darauf, die auf das Ausbringen einer brennbaren Flüssigkeit hindeuten", sagt die Chemikerin, die seit 17 Jahren im Kriminaltechnischen Institut arbeitet. In ihrer Karriere habe sie bislang nur einmal mit Spiritus als Brandbeschleuniger zu tun gehabt, in Berlin wurden zwischen 2003 und 2007 laut LKA-Statistik 196 Spiritus-Fälle festgestellt.

Damit entwickelt sich der Fall Monika de Montgazon zum Justizskandal. Ihr Verteidiger Lutz Körner weiß von mehreren ähnlichen Fällen, "in denen aufgrund des LKA-Gutachtens strafrechtlich gegen unschuldige Bürger vorgegangen wurde." Da ist zum Beispiel Frank T., der in erster Instanz zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt und später freigesprochen wurde. Heute kämpft er mit den seelischen und finanziellen Folgen des Prozesses. Da ist der Fall des Postbeamten Andreas R. , der angeblich seinen behinderten Stiefsohn getötet haben sollte. Ihn sprach das Gericht bereits im ersten Anlauf frei, weil sich das LKA-Gutachten nicht mit dem Charakter des Angeklagten deckte.

"Mein Leben ist hin"

Für die Vorsitzende Richterin bedeutet der jetzige Freispruch, "unser Rechtssystem hat gegriffen. Doch das bedeutet nicht: Ende gut, alles gut. Jede zu Unrecht erfolgte Verurteilung ist eine zuviel." Sie gesteht Monika de Montgazon Haftentschädigung zu, das sind pro Tag elf Euro, mithin 9768 Euro. "Aber mein Leben ist hin", sagt die Freigesprochene. 27 Jahre lang war sie bei einer Ärztin angestellt, von der sie während der Untersuchungshaft gekündigt wurde, weil die Patienten nicht von einer Mörderin betreut werden wollten. Nun muss sie vorerst von Hartz IV leben.

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