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Stellungskrieg in Mannheim

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich der Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann seit fünf Monaten hinzieht. Das Verfahren hat sich, insbesondere seit Kachelmann seinen Anwalt gewechselt hat, zu einem knallharten juristischen Stellungskrieg entwickelt.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Der Prozess um den Wettermoderator Jörg Kachelmann wird zu einer äußerst zähen Veranstaltung. Verteidigung und Gericht ringen um jeden Millimeter. Jeder Beschluss des Gerichts zieht sofort einen Einspruch des Anwalts Johann Schwenn nach sich, jeder Antrag der Verteidigung hat oft stundenlange Beratungen der Richter zur Folge. Für den Juristen mag das alles sehr wichtig sein, für den geneigten Zuschauer ist dieses Geplänkel oft schwer zu durchschauen.

Aber so ist der Prozess auch an seinem 26. Tag kaum vorwärtsgekommen. Im Mittelpunkt heftiger Wortgefechte im und außerhalb des Mannheimer Gerichtssaals stand dabei Günther Seidler, der Therapeut des mutmaßlichen Kachelmann-Opfers Silvia May (Name geändert). Er vertritt die Ansicht, seine Patientin sei durch die angeklagte Vergewaltigung so traumatisiert, dass sie sich an Kernelemente der angeblichen Tat nicht mehr erinnern könne. Für die Verteidigung ist diese Meinung hoch gefährlich. Deshalb versucht Anwalt Schwenn, der das Gericht förmlich vor sich her treibt, mit allen Mitteln, den Heidelberger Psychiater als unfähig darzustellen. In Prozesspausen bezeichnet er ihn meist als "Scharlatan", vor Gericht nennt er ihn den "Co-Nebenklagevertreter".

Schwenns Ziele

Schwenn will Seidlers angebliche Inkompetenz und Parteilichkeit mithilfe von zwölf Fragen beweisen, die er dem Wissenschaftler in öffentlicher Sitzung stellen will. So möchte er die Beziehung zwischen Seidler, Silvia May und der Kachelmann-kritischen Journalistin Alice Schwarzer näher beleuchten. Diese "Allianz" sei nur darauf aus, die Verurteilung seines Mandanten zu erreichen.

Auch möchte Schwenn die Frage beantwortet haben, ob die Staatsanwaltschaft Seidler nahegelegt habe, wie ein Gutachten gegen den Angeklagten eingesetzt werden könnte. Das Gericht beschloss, nur vier der Fragen in öffentlicher Sitzung erörtern zu wollen. Bei der Beantwortung der restlichen Fragen sei davon auszugehen, dass "schutzwürdige Inhalte", etwa über das Intimleben von May, in die Öffentlichkeit gelangen könnten. Schwenn reagierte in seinem gewohnt konfrontativen Stil. In einer Gegenvorstellung verlangte er, auch weitere Fragen öffentlich zu diskutieren. Und dann drohte er, kaum verhohlen, mit einem erneuten Befangenheitsantrag gegen das Gericht.

Schwenn geht es insbesondere um zwei Fragen. Zum einen will er wissen, ob und warum Seidler vorgeschlagen habe, mehrere der Ex-Freundinnen Kachelmanns zu versammeln. Damit, so zitierte Schwenn aus Therapieprotokollen Seidler, wolle man erörtern, wie eine psychiatrische Untersuchung Kachelmanns anzuregen sei. Die zweite Frage Schwenns zielt auf einen umstrittenen Vorgang ab. Offenbar hat Seidler in seinen Therapieberichten notiert, dass er am Tag von Kachelmanns Freilassung aus der Untersuchungshaft am 29. Juli mit dem Anwalt von Silvia May telefoniert habe. Dieser Anwalt, Thomas Franz, habe ihm eine Warnung des Oberlandesgerichts Karlsruhe überbracht. Dieses Gericht hatte soeben die Untersuchungshaft Kachelmanns beendet. Einer der Richter, so soll es Seidler in den Berichten festgehalten haben, habe Franz angerufen und ihn gewarnt. Kachelmann komme frei, es bestünde Grund zur Sorge für Leib und Leben von Seidler und May. Schwenn will nun von Seidler wissen: "Hat Ihnen Anwalt Franz dies wirklich gesagt?"

Schärfe Schüss gegen Seidler

stern.de hatte schon vor einigen Tagen über die Dementis der Beteiligten berichtet. Schwenn beharrte nun auf die öffentliche Aufklärung dieser Episode durch Seidler. "Es gehört an die Öffentlichkeit, denn es hat mit der Therapie nichts zu tun. Die Frage ist, ob Herr Seidler in der Lage ist, Sachverhalte zutreffend wiederzugeben." Und dann fügte er in schärferem Tonfall hinzu: "Die Öffentlichkeit soll erfahren, mit wem man es hier zu tun hat."

Am Rande der Verhandlung setze sich auch Alice Schwarzer, die für die "Bild"-Zeitung von dem Prozess berichtet, gegen die Behauptungen Schwenns zu Wehr. Sie habe von dem Traumaexperten Seidler lediglich dessen Arbeiten lesen wollen. "Ich habe mit ihm kein einziges Wort über das angebliche Opfer gesprochen." Der Kontakt zu Silvia May sei von dem mutmaßlichen Opfer selber ausgegangen. "Sie hat sich bei mir bedankt, für das, was ich in der Fernsehsendung von Anne Will gesagt habe. Ich habe dann den Email-Kontakt mit ihr abgebrochen, weil ich meine Objektivität nicht gefährden will."

Seidler bestritt dann ebenfalls die Vorwürfe: "Ich habe mit Medienvertretern keinen Kontakt zum Prozessablauf gehabt", sagte er in öffentlicher Sitzung. Auch sei ihm von der Staatsanwaltschaft nicht gesagt worden, wie ein Gutachten gegen den Angeklagten eingesetzt werden könne. Schwenn gab sich mit diesen Aussagen zufrieden, allerdings beantragte er Alice Schwarzer als Zeugin zu vernehmen. Der Anwalt erhofft sich dadurch offenbar Seidler doch der Lüge überführen zu können. Der Richter verwies Schwarzer sofort des Gerichtssaals, da sie als Zeugin in Betracht komme. Verwundert stand Schwarzer auf und sagte: "Das nimmt ja Formen an." Scharf antwortete Schwenn: "Das sind keine Formen, sondern die Strafprozessordnung."

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