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Festnahme wegen Missbrauchs nach wenigen Stunden - Chronik einer außergewöhnlichen Fahndung

Ein Mann soll ein vier Jahre altes Mädchen sexuell missbraucht haben. Die Ermittler wenden sich mit Fotos des Opfers an die Bürger - und haben damit Erfolg: Nur Stunden später sitzt ein 24-Jähriger in Haft. Chronik einer außergewöhnlichen Fahndung.

Oktober 2016 bis Juli 2017: Laut Angaben der Ermittler missbraucht ein Mann ein kleines Mädchen mehrfach. Er macht, immer laut Vorwürfen, Aufnahmen des sexuellen Missbrauchs und verbreitet sie auf einer kinderpornografischen Plattform im sogenannten Darknet.

Juli 2017: Bild- und Videoaufnahmen des sexuellen Missbrauchs werden laut Angaben der Ermittler erstmalig auf einer kinderpornografischen Plattform im Darknet entdeckt.

August 2017: Die Ermittlungen starten. Sie wurden durch Informationen einer ausländischen Behörde angestoßen, heißt es von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main zu stern. Zur Identität des Missbrauchsopfers und des mutmaßlichen Kinderschänders dringen die Ermittler jedoch nicht vor.

Montag, 9. Oktober 2017, gegen 10 Uhr: Die Ermittler wenden sich an die Öffentlichkeit. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das fahnden nach dem noch immer unbekannten Tatverdächtigen und dessen Opfer. Die Ermittler veröffentlichen Bilder des Opfers - ein außergewöhnlicher Schritt. Die bisherigen Fahndungsmaßnahmen hätten nicht zur Identifizierung des Tatverdächtigen geführt, teilen die Ermittler mit, deswegen habe das Amtsgericht Gießen eine Öffentlichkeitsfahndung mit Bildaufnahmen des Opfers angeordnet - als letzte Maßnahme. Der mutmaßliche Täter agiere den Angaben zufolge äußerst vorsichtig und ist in den Missbrauchs-Szenen selbst nicht zu sehen. Die Behörden gehen aber davon aus, dass der Missbrauch in Deutschland stattfinde und das Opfer weiterhin dem Zugriff des Tatverdächtigen ausgesetzt sei, "sodass ein fortgesetzter sexueller Missbrauch nicht auszuschließen ist". Eine solche Öffentlichkeitsfahndung ist von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main zuletzt 2007 durchgeführt worden.

Montag, 9. Oktober, im Laufe des Tages: Medien verbreiten die Nachricht samt Fotos des Opfers. Zahlreiche Hinweise gehen bei den Ermittlern ein.

Montag, 9. Oktober 2017, 21.05 Uhr: Das Bundeskriminalamt teilt auf seiner Facebook-Seite mit: Die Fahndung sei erfolgreich beendet worden. "Dank ihrer Hilfe konnten Opfer und Täter identifiziert werden." Der Fahndungsaufruf wird entfernt, das BKA bittet die geteilten Bilder des Opfers zu löschen - aus Gründen des Opferschutzes. Am Dienstagvormittag werde es eine Pressemitteilung geben, in der Näheres bekannt gegeben werde, schreibt das BKA. Das BKA nennt zu diesem Zeitpunkt keine Details zu dem Kind und zum Tatverdächtigen. 


Montag, 9. Oktober 2017, im Laufe des Abends: Die deutsche Presseagentur DPA meldet den Fahndungserfolg. Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte zu "Bild": "Er ist deutscher Staatsbürger. Der Mann wird zurzeit befragt. Das Mädchen ist ebenfalls Deutsche und vier Jahre alt." Es sei von einem Polizeipsychologen untersucht worden und sei wieder in elterlicher Obhut. Der Deutschen Presse-Agentur sagte Ungefuk, dem Kind gehe es den Umständen entsprechend gut. Nach "Bild"-Informationen erfolgte die in Niedersachsen. Der DPA gegenüber wollte Ungefuk das zunächst nicht kommentieren.

Dienstag, 10. Oktober 2017, 9.30 Uhr: Das Bundeskriminalamt veröffentlicht eine Pressemitteilung: In den Abendstunden am Montag sei ein 24-Jähriger aus dem Landkreis Wesermarsch im Nordwesten Niedersachens festgenommen worden. Ihm wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern sowie die Herstellung und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vorgeworfen. Der Täter stamme aus "dem persönlichen Nahbereich des kindlichen Opfers". "Aufgrund eines der Hinweise" konnten laut BKA Beschuldigter und Opfer identifiziert werden. Die Wohnung des Beschuldigten sei durchsucht, Beweismittel sichergestellt worden.

Dienstag, 10. Oktober 2017, im Laufe des Vormittags: Bei dem Tatverdächtigen handle es sich um den Lebensgefährten der Mutter des Kindes, berichtet "Spiegel Online". Auf Facebook schreibt das BKA, das Kind befinde sich in familiärer Obhut, sei betreut worden und es gehe ihm "den Umständen entsprechend gut". Auf den Vorwurf, man hätte das Kind schon im Juli retten können, antwortet das BKA: Man müsse sich an die rechtlichen Vorschriften halten. "Ohne rechtlichen Beschluss kann eine Öffentlichkeitsfahndung nicht durchgeführt werden." Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk sagt der "Bild", das vierjährige Mädchen sei in "neun Fällen teilweise schwer sexuell missbraucht worden".

Dienstag, 10. Oktober 2017, im Laufe des Tages: Der festgenommene Mann soll dem zuständigen Haftrichter vorgeführt werden. Wie die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main stern mitteilt, richten sich die Ermittlungen derzeit nur gegen den 24-Jährigen. Ermittelt wird wegen des Verdachts auf schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das Gesetz sieht hier für den Fall einer Verurteilung Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren vor. 

 

pg

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