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"Der Papst wollte mir Schuldgefühle einreden"

Norbert Denef wurde als Kind jahrelang von einem Pfarrer missbraucht. Im stern.de-Interview erzählt er, wie die Kirche versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen.

Herr Denef, hat das Vertuschen von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche Methode?
Zumindest herrscht in der Kirche ein System des Schweigens. Über sexualisierte Gewalt spricht man nicht, und die Opfer werden nicht anerkannt. Die Kirche handelt erst, wenn sie gar nicht mehr anders kann.

In Berlin hat allerdings als erster der Rektor des Canisius-Kollegs von den Missbrauchsfällen gesprochen.
Aber auch nur, weil die Kirche mit dem Rücken zur Wand stand. Was für ein Hohn, dass jetzt der Rektor gefeiert wird - jahrelang hat er geschwiegen. Vielleicht ist er ja jetzt ein guter Krisenmanager, aber er hat zu lange gewartet.

Der Rektor hatte schon früher von Missbrauchsfällen gehört, sagt aber, die Opfer hätten ihn um Diskretion gebeten.
Das ist verlogen. Was hat denn der Rektor in der Zwischenzeit gemacht, außer Däumchen drehen? Ich denke, er war heilfroh, dass es beim Schweigen blieb. Und damit macht man die Opfer ein zweites Mal zu Opfern, mit dem Tenor: "Sie sind selbst Schuld, dass nichts geschehen ist. Hätten ja sagen können, bitte macht etwas."

Warum brechen die Opfer oft erst nach vielen Jahren ihr Schweigen, wenn überhaupt?
Man idealisiert die Täter. Nur so kann man als Opfer überleben, nur so kann man den Seelenmord verdrängen. Es war für mich das Schwierigste, zu verstehen, warum ich da mitgemacht habe. Es plagen einen auch immer Schuldgefühle. Als ich plante, mein Schweigen zu brechen, habe ich mich wie ein Selbstmordattentäter gefühlt, der sich unter die Menschen wirft und die Bombe zündet.

Sie mussten jahrelang darum kämpfen, dass die Kirche Ihr Leid anerkennt. Was war in dieser Zeit für Sie das Schlimmste?
Ein Brief von Papst Johannes Paul II. Ich hatte ihn um Hilfe angefleht, ich hatte ihm gesagt, dass die Kirche mich zwingen wollte, weiter zu schweigen. Als Antwort kam, er würde dafür beten, dass ich wieder Kraft für Vergebung fände.

Mit anderen Worten: Für Ihre Seelenqualen seien Sie selbst mitverantwortlich?
Der Papst redete mir weitere Schuldgefühle ein. Das zieht bei Katholiken ja normalerweise immer. Hätte es auch bei mir bis zum Schluss perfekt funktioniert, würden wir heute nicht mehr reden. Dann hätte ich mich umgebracht.

Hatten Sie den Eindruck, dass man in Ihrer Gemeinde damals ahnte, dass der Pfarrer sich an Kindern vergeht?
Alle haben es gewusst. Erst als zuviel getuschelt wurde, versetzte man den Pfarrer. Aber es wurde weiter geschwiegen. Als ich meinen Fall 2005 aufdeckte, wurde ich in der Gemeinde massiv angefeindet. Die verdrängen das weiter, wollen es bis heute nicht wahrhaben. Selbst andere Opfer giften mich an.

Hat sich in den Kirchen irgendetwas zum Positiven verändert, was den Umgang mit Kindermissbrauch angeht?
Nein, gar nichts, heute ist es immer noch so schlimm wie vor 40 Jahren. Was sich geändert hat, ist, dass immer mehr Opfer an die Öffentlichkeit gehen und kleine Erdbeben auslösen. Aber nach einer Weile wird es wieder ruhig, und genau darauf setzt die Kirche.

Was muss unternommen werden, damit es künftig weniger Missbrauchsfälle in der Kirche gibt?
Für sexuellen Missbrauch sollte es zivilrechtlich keine Verjährung mehr geben. Die Opfer leiden durch die Taten lebenslang. Diese Schäden müssen anerkannt werden, und dafür muss es Wiedergutmachungszahlungen geben, ohne Wenn und Aber. Das muss richtig Geld kosten. Die Bistümer müssen wie in den USA pleite gehen, damit sie mal endlich dem Thema Aufmerksamkeit schenken.

Sönke Wiese
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