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Was wir über Opfer, Täter und den Polizeieinsatz wissen

Nach den Silvesterattacken von Köln ist vieles weiter unklar: Wieso konnte die Polizei so wenig ausrichten? Was weiß man über die Täter - und wurden bewusst Fakten vorenthalten? Die wichtigsten Fragen kompakt beantwortet.

Köln Hauptbahnhof Dom

Was genau sich am Kölner Bahnhof in der Silvesternacht abgespielt hat, ist weiterhin in Teilen offen. 

Mehr als eine Woche ist seit den Silvesterattacken von Köln vergangen. Ein durchgesickerter Polizeibericht und mehrere Augenzeugen haben die ohnehin schon schlimmen Vorgänge noch einmal in ein anderes Licht gestellt. Was genau ist am und um den Hauptbahnhof vorgefallen? Wieso konnte die Polizei so wenig ausrichten? Was weiß man über die Täter? Wurden bewusst Fakten vorenthalten? Die wichtigsten Fragen kompakt beantwortet:

Was weiß man zum Tathergang?

Sicher ist: Bei der Polizei in Köln sind 170 Anzeigen wegen Diebstahl- und Raubstraftaten sowie sexuellen Übergriffen für die Silvesternacht eingegangen (Stand: Freitagmittag). Rund 120 sollen Sexualstraftaten sein, teilweise in Kombination mit Eigentumsdelikten. Wie genau es dazu kam, ist noch nicht abschließend geklärt. Mehrere Augenzeugen- und interne Polizeiberichte legen folgenden Verlauf nahe: Aus einer Gruppe von rund 1000 Männern mit Migrationshintergrund sollen sich immer wieder kleinere Gruppen gebildet haben, Frauen eingekesselt, sexuell belästigt und teilweise bestohlen haben. Die Männermassen hätten aktiv den Polizeieinsatz behindert und Geschädigte und Zeugen verfolgt und bedroht. Wie viele aktive Täter es gab, wird wohl kaum abschließend zu klären sein. 

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof
Silvesternacht in Köln
Durchgesickerter Polizeibericht: Beamte wussten offenbar früh von sexueller Gewalt

War alles noch viel ekelhafter? Zu den Ereignissen in Köln ist ein mutmaßlicher Einsatzbericht eines Beamten publik geworden, der das Ausmaß der Gewalt auf der Domplatte detailliert protokolliert. Die offizielle Darstellung der Polizei gerät ins Wanken.


Wer waren die Täter?

Die Bundespolizei hat für ihr Einsatzgebiet detaillierte Angaben gemacht. Demnach hat sie im engen Bahnhofsgelände (bis 30 Meter auf dem Vorplatz) 32 Straftaten festgestellt mit 31 namentlich bekannten Verdächtigen. Darunter seien neun algerische, acht marokkanische, fünf iranische, vier syrische, ein irakischer, ein serbischer, ein US-amerikanischer und zwei deutsche Staatsangehörige. 18 der Verdächtigen seien Asylbewerber.

Das entspricht bisherigen Angaben, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern optisch beurteilt vornehmlich um Männer aus dem nordafrikanischen oder arabischen Raum handeln soll. Einem internen Bericht der Kölner Polizei zufolge (zuständig ab 30 Meter Entfernung zum Bahnhofsgebäude) konnte sich der "überwiegende Teil" der von der Polizei kontrollierten Menschen lediglich mit Aufenthaltspapieren des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ausweisen und soll hauptsächlich aus Syrern bestanden haben. Wie viele der kontrollierten Menschen tatsächlich an den Taten beteiligt waren, bleibt vorerst unklar. Genauso die Frage, ob jeder, der sich für einen Syrer ausgibt, auch einer ist. Laut Kölner Polizei wurden 21 mögliche Tatverdächtige identifiziert. Die jungen Männer stammen demnach "weitestgehend" aus dem nordafrikanischen Raum. 

Wie viele Festnahmen gab es?

Laut Angaben aus dem internen Kölner Polizeibericht wurden 71 Personalien festgestellt, zehn Platzverweise ausgesprochen und 32 Strafanzeigen geschrieben. Außerdem gab es elf Ingewahrsamnahmen und vier Festnahmen. Darüber hinaus wurden am 3. Januar fünf weitere Männer wegen Diebstahls in der Nähe des Hauptbahnhofs festgenommen. Am 8. Januar sind nach Informationen des WDR zwei Männer in Köln festgenommen worden, auf deren Handys sich Videos fanden, die Übergriffe auf Frauen zeigen sollen. Die Bundespolizei hat nach ihren Angaben 31 Personalien aufgenommen, von Festnahmen oder Anzeigen ist nicht die Rede.

Wie lief der Polizeieinsatz in der Silvesternacht ab?

Neue Schilderungen - insbesondere aus durchgesickerten Polizeiberichten und von Medien zitierten Beamten - zeichnen ein Bild der völligen Überforderung der Einsatzkräfte vor Ort. Beamte seien mit Flaschen beworfen und Silvesterraketen beschossen worden, Menschenmengen hätten den Weg zu um Hilfe rufenden Opfern versperrt. Gewahrsamzellen der umliegenden Wachen seien überfüllt gewesen, zeitweise konnten die Polizisten nicht einmal mehr Strafanzeigen von Opfern aufnehmen. Es seien einfach zu viele Taten an zu vielen verschiedenen Orten gewesen. 

Polizisten am Hauptbahnhof in Köln
Analyse des Einsatzberichts
Kölner Polizei hat offenbar versucht, das Chaos der Silvesternacht zu verschleiern

Der durchgesickerte Einsatzbericht der Bundespolizei zur Silvesternacht von Köln bringt die bisherige Darstellung der Kölner Polizei ins Wanken. Die Unterschiede sind so groß, dass der Verdacht der Verschleierung nicht von der Hand zu weisen ist.

Finn Rütten


Wurden bewusst Fakten verschleiert?

Dieser Vorwurf steht im Raum. Die Kölner Polizei sprach zunächst von "weitgehend friedlichen Feiern" und ließ erst nach und nach - und vor allem nach entsprechenden Medienberichten - auf das ganze Ausmaß der Übergriffe schließen. Wie sehr die Situation aber offenbar außer Kontrolle geriet, verschweigt die Kölner Polizei - zumindest von offizieller Seite - bis heute. Verschleiert wurde offenbar, wie früh die Beamten vor Ort in der Nacht von den Übergriffen erfuhren. Auch die Herkunft der Tatverdächtigen scheint wider besseres Wissen verschleiert worden zu sein. Trotz des internen Berichtes über viele kontrollierte Asylbewerber gab Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker an, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handelt.

Ging es um Diebstahl oder sexuelle Belästigung?

Diese Frage hat große Diskussionen ausgelöst, weil nach Meinung vieler die sexuelle Belästigung von Polizei und mehreren Medien als Diebstahlmasche verharmlost wurde. Jüngste Zeugenberichte stellen zumindest die Möglichkeit in den Raum, dass es vorrangig um sexuelle Belästigung ging. Offiziell bestätigt ist nur, dass bei rund zwei Drittel der Anzeigen eine sexuelle Straftat mindestens Teil des Vorfalls war. Die Bundespolizei spricht in ihrer Mitteilung vom Freitag davon, dass es sich bei den von ihr festgestellten 32 Straftaten überwiegend um Körperverletzungen und Diebstähle handelt. Zudem seien drei Strafanzeigen wegen Sexualdelikten eingegangen, dazu konnten aber keine Verdächtigen ermittelt werden.

Welche Konsequenzen sollen gezogen werden?

Die Stadt Köln reagiert mit einem "neuen Sicherheitskonzept" für Großveranstaltungen. Das soll unter anderem den Einsatz von mobiler Videoüberwachung, Ausleuchtung von potentiellen Gefahrenstellen, einen angemessenen Kräfteeinsatz sowie Sprachmittler beinhalten.

Auf politischer Ebene wird von etwa von der CDU eine Verschärfung des Abschieberechts gefordert. Bislang wirken sich lediglich Taten, für die man mindestens drei Jahre Freiheitsstrafe bekommt, auf das Asylverfahren aus. Außerdem sollen demnach die Hürden für die Ausweisung und Abschiebung straffälliger Ausländer abgesenkt, der Einsatz von Videoüberwachung verstärkt und ein neuer Straftatbestand gegen körperliche Übergriffe geschaffen werden.

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