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"Bert ist böse", Bibo ein "kriminelles Superhirn" und das Krümelmonster klaut Bahlsen einen Keks. Sind die Figuren der "Sesamstraße" eigentlich eine Verbrecherbande?

Von Thomas Schmoll

  Scherzkeks, Verbrecher oder beides? Der Bahlsen-Erpresser zeigt sich in seinem schlechten Kostüm

Scherzkeks, Verbrecher oder beides? Der Bahlsen-Erpresser zeigt sich in seinem schlechten Kostüm

  • Thomas Schmoll

Christian Pfeiffer ist einer der angesehensten Kriminologen der Bundesrepublik. Und - der Zufall wollte es so - ganz nah dran am momentan heißesten Tatort Deutschlands. Nur ein Kilometer Fußweg liegen zwischen dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, dessen Direktor er ist, und dem Stammhaus der Firma Bahlsen, die täglich viele tausend Kekse herstellt und trotzdem einen Keks zu wenig hat. Der ist vergoldet und wurde ihr geklaut. Für Pfeiffer ist "völlig klar: Das muss das Krümelmonster gewesen sein". Unter Nachahmung eines kräftigen In-Kekse-reinbeiß-Geräusches begründet er seine Mutmaßung wie folgt: "Wenn man den Heißhunger gesehen hat, wie der immer losgeht auf die Kekse, spricht alles dafür." Natürlich ist das augenzwinkernd gemeint.

Der Kriminologe gab jüngst dem NDR ein Interview, das zwischen feinsinniger Ironie und Ernsthaftigkeit pendelt. Das passt zur öffentlichen Debatte. Ganz Deutschland lacht sich schlapp über den Keks-Klau zu Hannover und schwankt zwischen Härte und Gnade für den Dieb. Was ist erlaubt? Wo hört der Spaß auf? Niemand kam körperlich zu Schaden, der Bösewicht gibt sich - hahaha - als Krümelmonster aus, veräppelt einen weltweit operierenden, vermögenden Konzern und fordert Kekse für kranke Kinder. Andererseits: Erpressung ist und bleibt Erpressung. Douglas Walbot, der deutsche Synchronsprecher der "Sesamstraßen"-Figur, meint: "Das Krümelmonster gehört zur Familie der Monster und nicht der Verbrecher. Das darf man nie vergessen. Es liebt Kekse. Und kann denn Liebe Sünde sein?"

Alles nur ein PR-Gag?

Ein Leserkommentar auf der NDR-Website fasst die Diskussion bestens zusammen: "Es bestreitet ja niemand, dass es sich um eine Straftat handelt. Wobei man dies noch genauer betrachten müsste: Eine Bereicherungsabsicht oder verwerfliches Handeln sehe ich beispielsweise nicht wirklich. Ein weiser Richter würde das Krümelmonster wegen groben Unfugs zu einigen Sozialstunden im Kinderkrankenhaus verurteilen (natürlich in voller Montur!)." In den USA wird mitdiskutiert: Auf dem Newsportal Gawker.com schreibt ein User: "Stehlen ist falsch, und Erpressung ist schlecht (...) aber das ist einfach nur hammermäßig."

Selbst der Chef der Firma, der ihr Wahrzeichen abhanden gekommen ist, meint: "Man kann damit humorvoll umgehen." Werner M. Bahlsen sagt jedoch auch: "Es ist eine Straftat. Wir lassen uns auf keinen Fall auf eine Erpressung ein." Kriminologe Pfeiffer glaubt: "Das war eine Jux-Geschichte, wo zwei Leute sich gegenseitig hochgeschaukelt haben. (...) Dann kommt Krümelmonster auf die verrückte Idee: Das mach ich tatsächlich und klaut das Ding und brüstet sich in der Öffentlichkeit und ist mal so richtig im Mittelpunkt des Interesses."

Da, wo es spektakuläre Verbrechen gibt, sind Verschwörungstheorien nicht weit. Vor allem dann, wenn Amerikaner mitmischen. Und schließlich ist das "Cookie Monster" ein US-Import. In Internet-Foren wird Bahlsen unterstellt, Werbung in eigener Sache zu machen. "Haben ja schon einige bemerkt, dass diese Geschichte eine wunderbare Werbekampagne ist - und (fast) ganz umsonst. Bin ich hier die Einzige, die annimmt, das waren die Bahlsens selbst?", fragt eine Userin im NDR-Forum. Nein, garantiert nicht. Es wimmelt von ähnlichen Einträgen in Internet-Foren. "Das ist kein PR-Gag", hält eine Sprecherin von Bahlsen dagegen. Sicher ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommt, dem Disney-Konzern eine clevere Werbekampagne anzudichten. Denn – Zufall oder nicht - das US-Unternehmen gab am Donnerstag bekannt, kommendes Jahr einen neuen Muppets-Film in die Kinos zu bringen. Er spielt in Europa und - man ahnt es schon – wird eine Gaunerkommödie nach dem Vorbild von "Der rosarote Panther". Die Muppets - viele Figuren sind mit denen aus der Sesamstraße identisch - verfolgen "Constantine, den weltgrößten Kriminellen", der Kermit "wie aus dem Froschgesicht geschnitten ist".

Lesen Sie auf der zweiten Seite alles über Berts schlimme Karriere im Internet

Diebischer Spaß an Chaos und Kriminalfällen

Für die "Sesamstraße" und die Muppets gilt gleichermaßen: Sie haben einen diebischen Spaß an fast allem, was nicht erlaubt ist. Sie stehen für Anarchie, Chaos und Veräppelungen aller Art. Sie schrecken nicht davor zurück, Kriminalfälle durch den Kakao zu ziehen. In der "Der große Muppets-Krimi" ("The Great Muppet Caper") geht es um den Diebstahl der Juwelen von Lady Holiday. In einer Minirolle ist Peter Falk zu sehen, der Schauspieler, der den zerknautschten TV-Inspektor "Columbo" verkörperte.

In einer legendären Folge der "Muppet Show" von 1979 sucht die Schauspielerin Liza O’Shaunessy, gespielt von Liza Minnelli, Kermit, den Privatdetektiv, auf. Sie entdeckte in ihrer Umkleidekabine einen Drohbrief, dass sie und ihre Mitstreiter den Tod fänden, wenn die Show "Copocabana" nicht abgesagt werde. In der Sendung verendet eine Stofffigur nach der anderen, kaum ein Krimi-Klischee wird ausgelassen. In der Theaterkantine sterben etliche Mitspieler den Gifttod. Fozzie-Bär in Polizeiuniform ermittelt: "Das muss das Essen sein." "Nein, nein, nein", sagt der offenkundig eingewanderte Koch in gebrochenem Englisch: "Ist eine gute Suppe" - um dann sofort tot umzufallen. Natürlich wird der Fall von Kermit aufgeklärt. Und das Schöne an den Muppets ist ja, dass sie - wie ihre echten Schauspielerkollegen - nie wirklich sterben.

Big Bird als "kriminelles Superhirn"

Auch die "Sesamstraße" hat Kriminalgeschichten zu bieten. Im Wahlkampf machte US-Präsident Barack Obama Stimmung gegen Herausforderer Mitt Romney, der die Subventionen für die Sendung kürzen wollte. Obama ließ einen Anti-Romney-Film drehen, der "Big Bird" (Bibo) zum "kriminellen Superhirn" erklärt. "Mitt Romney weiß, es ist nicht die Wall Street, vor der Sie sich fürchten müssen. Es ist die 'Sesamstraße'", spottete Obama. Einen "echten" Kriminalfall gab es jüngst, als der Puppenspieler Kevin Clash, der Elmo in der "Sesamstraße" laufen, reden und zappeln lässt, des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wurde. Die Anschuldigung erwies sich als haltlos.

Und dass es Bert, Ernies ruhiger Kumpel, faustdick hinter den Ohren hat und als stiller Beobachter Zeuge etlicher Verbrechen war, wissen wir durch die Kult-Website "Bert is evil" (deutsch: "Bert ist böse"), ein Sammelbecken für Fotomontagen, die "Evil Bert" mit Adolf Hitler, Osama bin Laden und beim Kennedy-Attentat zeigen. Als Nachrichtenagenturen 2001 Bilder von einer Demonstration in Bangladesch veröffentlichten, bei der Plakate bin Laden an der Seite der "Sesamstraßen"-Figur zeigten, die von "Bert is evil" kopiert worden waren, schloss der Betreiber Dino Ignacio die Seite. "Ich tue dies, weil mir all das zu nah an die Wirklichkeit gerät." Sein Appell, alle Kopien - sogenannte Mirror-Sites - dichtzumachen, verhallte. Bert treibt weiterhin sein Unwesen. Und das deutsche Pseudo-Krümelmonster? Kriminologe Pfeiffer: "Wollen wir mal darauf hoffen, dass die andere Seite ein Einsehen hat und nicht in der Erpressung weitermacht, sondern von sich aus den Keks zurückgibt."

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