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Schaufel, Spritze und drei Festplatten

Schlampige Durchsuchung der Wohnung von Martin N.? Außer den jetzt gefundenen Datenträgern fand stern.de weitere Gegenstände im Hausrat, die möglicherweise als Beweismittel getaugt hätten.

Von Kerstin Herrnkind

Mehr als ein halbes Jahr nach der Festnahme des als "schwarzer Mann" bekannt gewordenen geständigen Kindermörders Martin N. ist möglicherweise brisantes neues Beweismaterial aufgetaucht. Der Nachmieter des gescheiterten Lehrers, der sich seit Oktober wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs vor dem Landgericht Stade verantworten muss, entdeckte bei Renovierungsarbeiten drei Festplatten, einen USB-Stick und eine CD. Der neue Mieter fand die Datenträger unter dem Fettfilter der Dunstabzughaube.

Die Sachen seien "übersehen worden. Das muss man ganz klar sagen", gibt Kai-Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft unumwunden zu. Die Datenträger sind allerdings nicht die einzigen Beweismittel, die die "Soko Dennis" bei der Durchsuchung übersah. Nach Freigabe der Wohnung durch die Kripo veranlasste die Familie von Martin N. Mitte Juni die Räumung und beauftragte einen Entrümpelungsunternehmer, den restlichen Hausstand zu verkaufen. stern.de kaufte damals für 500 Euro vier Müllsäcke und sechs Kartons aus der Hinterlassenschaft des geständigen Kindermörders. In den Kartons kamen erstaunliche Dinge zum Vorschein. In einem alten Schachspiel lag eine Namensliste von Kindern, die mit Martin N. 1993 eine Ferienreise unternommen hatte. Vier Jahre später überfiel Martin N. einen der Jungen, dessen Name auf der Liste stand, zu Hause und missbrauchte ihn. Dass die Beamten die Liste hätten sicherstellen müssen, räumt Breas ein.

Rote Splitter - und ein falscher Verdacht

Darüber hinaus lag in der Plastiktüte eine Kinderschaufel aus Metall, rot lackiert, rostig und leicht gekrümmt. Auf dem Grund der Tüte heller Sand vermischt mit dunkler Erde. Dass die Kripo diese Schaufel nicht sichergestellt hat, ist ebenfalls bemerkenswert. Denn an der Leiche des 1995 ermordeten Dennis R. waren rote Lacksplitter sichergestellt worden. Die Leiche war auf einem Sandhügel in einem Gemisch von hellem Sand und dunkler Erde verscharrt worden. Ein Technologisches Institut in Dänemark kam damals zu dem Ergebnis, die Splitter seien "Oberflächenbeschichtung von Holz oder anderem Material".

Ein 37-jähriger Betreuer geriet damals unter Verdacht. In seinem Kofferraum waren rote Lacksplitter sichergestellt worden. Der Betreuer war verantwortlich gewesen für das Zelt mit der Nummer 13, aus dem Dennis R. verschwunden war. Eine Untersuchung im LKA Kiel kam in einer weiteren Untersuchung seinerzeit zu dem Ergebnis, dass die roten Splitter aus dem Kofferraum des Betreuers in "Farbe, Schicht und Struktur" mit denen vom Leichenfundort übereinstimmten. Im Januar 1996 erging Haftbefehl gegen den Betreuer.

Bevor der Haftbefehl vollstreckt werden konnte, lag das Ergebnis einer genaueren Untersuchung aus dem Bundeskriminalamt vor: Die roten Lacksplitter im Kofferraum des Betreuers stammten von seinem Feuerlöscher. "Es ist somit keine Übereinstimmung des Lacks aus dem Kofferraum des Pkw mit dem Lack von Leichenfundort festzustellen", heißt es in dem Gutachten. Anfang 1999 beschäftigte sich das Kriminaltechnische Institut des Bundeskriminalamtes noch einmal mit den roten Lacksplittern. Die Gutachter kamen zu dem Ergebnis, "dass es sich bei dem Lackträger um einen Gegenstand aus Eisen oder Stahl handelt." Die Splitter an der Leiche von Dennis R. waren gekrümmt. An der Lackunterseite wurden "Korrossionsspuren", also Rost, festgestellt. Die Ermittler zogen deshalb in Erwägung, dass die roten Splitter, die an der Leiche von Dennis R. gefunden wurden, von einer rot lackierten Schaufel aus Metall stammen könnten.

Spritze wurde zum Beweismittel

Bei seinem Geständnis Mitte April dieses Jahres gab Martin N. zu Protokoll, dass er sich im Sommer 1995 in seinem Ferienhaus in Dänemark gelangweilt habe. Er sei zum Ferienlager gefahren. Dennis R. sei aufgewacht und freiwillig mit ihm mitgegangen. "Der wollte ein Abenteuer", gibt Martin N. zu Protokoll. Er habe in den nächsten Tagen viel mit Dennis R. unternommen. "Ich bin mit dem ganz normal, wie ein Tourist durch die Gegend", erzählte Martin N. "Klingt wahnsinnig, aber ich hatte so ein Gefühl wie sein Papa zu sein." Nach einer Woche habe er es mit der Angst gekriegt. "Da habe ich ihn noch erwürgt." Die Leiche habe er auf dem Hügel vergaben. Mit einer "ollen Schaufel. Irgend so eine Spielzeugschaufel." An die Farbe könne er sich nicht mehr erinnern.

Ob die roten Splitter, die an der Leiche von Dennis R. sichergestellt wurden, von der "ollen Schaufel" stammten, mit der Martin N. die Leiche von Dennis R. vergraben hat? Vor dem Hintergrund, dass an der Leiche von Dennis R. rote Lacksplitter sichergestellt worden waren, hätte die Kripo die rote Metallschaufel in der Wohnung von Martin N. sicherstellen müssen. Doch ob es tatsächlich die Schaufel ist, mit der die Leiche vergraben wurde, wird vermutlich niemals geklärt werden. Breas hat Zweifel, dass dieser Nachweis geführt werden könne.

Anfang Oktober hatte ein Beamter der "Soko Dennis" die Fundsachen aus der stern.de-Redatkion abgeholt. Neben der Schaufel und der Namensliste war auch eine Einwegspritze mit Nadel darunter. In Cuxhaven waren im Jahr 1994 Kinder in einem Zeltlager von einem maskierten Mann mit einer Spritze bedroht worden. Die "Soko Dennis" rechnete diesen Fall dem "schwarzen Mann" zu. Die Spritze wurde zwischenzeitlich untersucht und in der vergangenen Woche in den Prozess eingeführt. Es fanden sich allerdings keine Spuren von Betäubungsmittel daran. Die Beamten konnten dies bei ihrer Durchsuchung allerdings nicht ahnen und hätten die Spritze mitnehmen müssen, wie Breas ebenfalls einräumt. In zwei Wochen will das Gericht das Urteil gegen Martin N. fällen.

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