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"Es passiert offenbar überall"

Die Idylle auf Ameland hat tiefe Risse bekommen: Jugendliche sollen bei einer Freizeit andere Kinder brutal missbraucht haben. Die Organisatoren sind entsetzt, die Bewohner fürchten um ihre Insel.

Ferienidylle auf der niederländischen Insel Ameland: Im kleinen Dorf Buren ziehen Schulklassen ihre Runden durch die schmucken Gassen. Über den Feldern flimmert die Hitze, es sind Gewitter angesagt. Vor dem zum Feriencamp umgebauten Bauernhof "Zilvermeeuw", der Silbermöwe, sitzen am Mittwoch einige Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen. In einem der alten Bauernhäuser sollen sich vor Wochen schlimme Szenen sexuellen Missbrauchs abgespielt haben, als Jugendliche des Osnabrücker Stadtsportbundes zu einer Ferienfreizeit auf der Insel waren. Damit hat die Idylle arge Risse bekommen.

Das soll passiert sein: Sechs Jungen im Alter von 13 Jahren wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Osnabrück Colaflaschen oder Stiele von Kehrschaufeln und Besen in den After gestoßen. Es wird gegen elf Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Vergewaltigung und schweren sexuellen Missbrauchs ermittelt.

An den Demütigungen oder Vergewaltigungen hätten sich zudem zwei 13-Jährige beteiligt, die zuvor selbst Opfer geworden seien, berichtet der Oberstaatsanwalt. Die Gesamtzahl der Opfer bewege sich nach derzeitigem Stand zwischen sechs und acht. Dabei sei es in einigen Fällen offenbar nur zu Versuchen und nicht zu vollendeten Taten gekommen. Fünf Jugendliche würden als Haupttäter oder treibende Kraft der Delikte eingestuft.

Die Taten haben sich nach Angaben des Oberstaatsanwalts an mehreren Abenden oder Nachmittagen in einem mit 40 Jugendlichen und Kindern belegten Schlafsaal eines Ferienheimes ereignet. Weil die vorgeworfenen Delikte mit einem Eindringen in den Körper verbunden seien, werden sie als Vergewaltigungen eingestuft.

"Es passiert offenbar überall"

"Das war eine ruhige Gruppe", erinnert sich eine Nachbarin des Feriencamps an die Osnabrücker Kinder und Jugendlichen. "Die sind viel zum Strand gegangen und haben abends Disco gemacht." Die Frau befürchtet nun eine Imageschaden für die Insel und das Dorf: "Wir können doch nichts dafür, wenn so etwas passiert. Aber nun bleibt das doch an uns hängen."

Der Besitzer einer nahe gelegenen Pizzeria sieht das ähnlich. "Ich habe vor sechs oder sieben Jahren von einem Vorfall auf einem anderen Hof gehört, wo Betreuer einer kirchlichen Einrichtung aus Deutschland Kinder missbraucht haben sollen. Einzelheiten kenne ich nicht. Es ist ein Verbrechen, wenn so etwas passiert. Aber es passiert offenbar überall."

In den vergangenen Jahren kamen während der Sommerferien rund 20.000 Jugendliche auf die Nordseeinsel mit 3500 Einwohnern. Gegen Langeweile gibt es Kutterfahrten, Treckertouren am Strand und ein Naturkundemuseum. Zum Ferienangebot des Kreissportbundes Osnabrück für Kinder von acht bis 14 Jahren gehören auch eine Nachtwanderung, Disco-Schwimmen, Lagerfeuer, Strandolympiade und der Erwerb des Sportabzeichens.

In Osnabrück fühlt man mit den Opfern

In der Heimatstadt der Kinder und Jugendlichen ist die Bestürzung groß. Im Osnabrücker Rathaus fühlt man mit den Opfern, auch wenn es sich - wie ein Sprecher der Stadtverwaltung betont - nicht um ein städtisches Ferienangebot gehandelt habe. Oberbürgermeister Boris Pistorius (SPD) reagierte mit einer Pressemitteilung: "Als ich von den Vorwürfen erfahren habe, war ich entsetzt", schreibt er. "Ich hoffe, dass die Ermittlungsbeörden die Geschehnisse lückenlos aufklären können, die Opfer professionellen medizinischen und psychologischen Beistand erfahren und die mutmaßlichen Täter rechtliche Konsequenzen zu erwarten haben."

Auch im Stadtsportbund Osnabrück herrscht Entsetzen. Der Verband bietet seit 1968 diese Art der Sommerfreizeit an. Solche Vorfälle seien bisher nicht bekannt geworden, versichert der Vorsitzende Wolfgang Wellmann. Mittlerweile hätten sich aufgrund der Medienberichte besorgte Eltern gemeldet. "Wir können dann nur auf die polizeilichen Ermittlungen verweisen", sagt Wellmann. Er versteht nicht, weshalb keiner der betroffenen Jugendlichen zu Hause angerufen und gesagt hat, "Mama, hier ist es ganz fürchterlich". Er wolle sich dafür einsetzen, dass die Kinder in ihrer Zivilcourage gestärkt werden. "Da müssen wir für die Zukunft etwas tun und denen klarmachen: So etwas muss man sich nicht gefallen lassen", sagt der Verbandschef.

mad/zen/DPA/APN/DPA

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