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"Pfleger sind nicht immer die Engel der Station"

Ein Pfleger soll in der Berliner Charité eine 16-Jährige vergewaltigt haben. Ähnliche Fälle gab es auch schon früher in anderen Kliniken. Experten und Opfer überlegen, wie sich dies verhindern lässt.

Von Malte Arnsperger

  Gegenüber hilflosen, betäubten Patienten sind Helfer in einer Machtposition. Der aktuelle Missbrauchsfall an der Berliner Charité ist kein Einzelfall.

Gegenüber hilflosen, betäubten Patienten sind Helfer in einer Machtposition. Der aktuelle Missbrauchsfall an der Berliner Charité ist kein Einzelfall.

  • Malte Arnsperger

Die sechsjährige Janina liegt im Krankenhaus. Ihre Mutter verabschiedet sich am Abend, sagt ihrer Tochter noch, sie solle brav sein und alles tun, was die Ärzte sagen. Wie sie die folgenden Stunden erlebt hat, machte Janina Keul Jahre später öffentlich: "Nachts kommt ein Pfleger an mein Bett und weckt mich. Er hat Tropfen in der Hand. Er sagt, die seien gegen meine Bauchschmerzen. Brav trinke ich sie auch und werde auch ganz schnell müde. Auf einmal merke ich, wie meine Decke bei Seite geschoben wird. Ich spüre eine Hand auf meinem Bauch." Die inzwischen 29-Jährige berichtet, sie sei 1989 von einem Krankenpfleger sexuell missbraucht worden – ohne jede Chance zur Gegenwehr. Und sie sagt: "Nicht immer sind Pfleger und Schwestern die Engel der Station."

Ähnliche Fälle in ganz Deutschland

Die Erzählungen von Keul ähneln in vielerlei Hinsicht den Vorwürfen gegen einen Pfleger der Berliner Charité. Auch dieser Mann soll die Hilflosigkeit mindestens einer jungen Patienten ausgenutzt haben. Vergangene Woche soll er eine 16-Jährige vergewaltigt haben, die unter Narkose stand. Und es war nach ersten Erkenntnissen der Ermittler vielleicht nicht das erste Mal, möglicherweise hatte sich der 58-Jährige schon früher an Patienten im Kindesalter vergangen.

Solche extremen Fälle sind die Ausnahme. Aber sexueller Missbrauch von Patienten unter stationärer Obhut von Ärzten und Pflegern hat es immer wieder gegeben. Mediziner und Betreuer standen in den vergangenen Jahren mehrmals im Mittelpunkt von Missbrauchsskandalen. Derzeit muss sich im thüringischen Meiningen ein 74-jähriger Gynäkologe zum dritten Mal wegen des Vorwurfes vor Gericht verantworten, mehr oder weniger wehrlose Patientinnen in Kliniken missbraucht zu haben. Ähnlich wehrlos waren wohl drei ältere Frauen, die 2010 von einem Pfleger in Ostwestfalen sexuell missbraucht wurden - mindestens eine davon soll komatös gewesen sein. Der geständige Mann hatte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Situationen ausgenutzt, in denen er sich unbemerkt fühlte. Und erst im Frühjahr hatte ein 29-jähriger Krankenpfleger zugegeben, in der Berliner Helios-Klinik drei Kinder sexuell missbraucht zu haben. Der Prozess gegen den Mann ergab, dass die drei stark betäubten Jungen auf der Intensivstation lagen, an Apparate angeschlossen und völlig hilflos waren, als sich der Pfleger an ihnen verging.

Die Pfleger werden zu großen Freunden

Janina Keul sagt, sie könne nachvollziehen, wie es diesen Kindern ergangen ist. Auf ihrer Website und Im Gespräch mit stern.de schildert sie Missbrauchserfahrungen in einer Klinik in Nordrhein-Westfalen. "Ich hatte eine schwere Operation hinter mir, bekam starke Medikamente und musste sehr ruhig auf dem Rücken liegen. Ich hatte aber viel Vertrauen zu den Ärzten und vor allem zu den Pflegern. Denn gerade die Schwestern und Pfleger haben sich ständig um mich gekümmert, haben Essen und Süßigkeiten gebracht. Und weil sie immer so nett zu einem sind, freut man sich, wenn sie kommen. Sie werden zu großen Freunden."

Einer ihrer "großen Freunde" habe dieses Vertrauen schamlos ausgenutzt, berichtet Keul. "Mein Körper ist da und irgendwie doch nicht", schreibt sie im Internet. "Ich spüre eine Hand auf meinem Oberkörper und spüre auch etwas in mir. Mein Körper wird warm und zittrig, ist aber gleichzeitig starr vor Angst. Ich höre ein Keuchen und habe auch was im Mund, was sich eklig anfühlt. Mir wird schlecht und ich muss immer wieder würgen." Sie habe nach dieser Nacht niemandem etwas erzählt, den Mann auch nie angezeigt. "Ich habe es zwar als sehr unangenehm und eklig empfunden. Aber als Kind habe ich gar nicht gewusst, ob er das darf oder nicht." Erst viele Jahre später habe sie ihre Erlebnisse im Rahmen einer Therapie aufgearbeitet. "Ich hatte lange Zeit überhaupt kein Vertrauen mehr zu Ärzten und Pflegern und gehe noch heute sehr ungern in ein Krankenhaus. Denn die Erinnerungen an damals kommen immer wieder hoch."

Situationen für Übergriffe unattraktiv machen

Damit anderen Patienten solche Erfahrungen erspart bleiben, überlegen Experten, wie man die Kranken in den Kliniken vor Missbrauch bewahren kann. Der Kinderschutz-Experte Matthias Nitsch plädiert vor allem für offen gestaltete Räume. Sie böten potenziellen Tätern unter den Pflegern weniger Rückzugsmöglichkeiten und machten Situationen für Übergriffe "möglichst unattraktiv". Auch größere Fensterscheiben zu Kinderabteilungen sind im Gespräch. Der Opferschutz-Verband Weißer Ring verlangt von den Kliniken, durch das Vier-Augen-Prinzip sicherzustellen, dass ein Pfleger oder ein Betreuer Situationen wie jüngst in der Charité nicht ausnutzen kann. Natürlich kostet das Geld. Und das ist schon jetzt knapp. Schließlich kürzen Kliniken seit Jahren ihre Budgets.

Janina Keul will nicht alle Bediensteten der Krankenhäuser unter Generalverdacht stellen. Aber sie sieht es ähnlich wie der Weiße Ring. "Ich fände es gerade bei Kindern absolut notwendig, dass die Pfleger und Ärzte immer zu zweit sind. Da hat man selber als wehrloser Patient gleich ein viel besseres Gefühl." Vor allem nachts, wenn keine Besucher mehr da sind und alle anderen Patienten schlafen, könnten potenzielle Täter davon ausgehen, unerkannt zu bleiben, meint die junge Frau. Sie rät deshalb Eltern, wenn möglich immer bei ihren kranken Kindern zu bleiben und im Krankenhaus zu übernachten. Auf ihrer Internetseite schreibt sie: "Nicht immer sind Pfleger und Schwestern echte Kinderliebhaber."

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