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Im Netz der Lynchjustiz

Ein junger Mann wird verdächtigt, die Elfjährige in Emden ermordet zu haben. Der Fall erschüttert die Stadt noch immer. Inzwischen wird sogar auf Facebook zur Lynchjustiz aufgerufen.

Von Manuela Pfohl

  Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck bei der Pressekonferenz zum Parkhausmord in Emden. Noch gibt es viele Fragen und wenige Antworten

Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck bei der Pressekonferenz zum Parkhausmord in Emden. Noch gibt es viele Fragen und wenige Antworten

Bernard Südbeck hat überlegt, wie er am diplomatischsten sagt, was ihn umtreibt. Der Auricher Oberstaatsanwalt ist seit Jahren "im Geschäft". Doch das, was sich hier in Emden im Fall des getöteten elfjährigen Mädchens in den vergangenen Tagen abgespielt hat, macht ihn wirklich ärgerlich. In verschiedenen Medien und sozialen Netzwerken werden blanke Spekulationen als Tatsachen hingestellt, Verdächtige als Täter benannt, der Wunsch der Familie des Mädchens, doch bitte nicht den Namen des Kindes zu nennen, konsequent ignoriert. Und: Dienstagnacht hätte ein Mob selbsternannter Rächer fast das Polizeikommissariat gestürmt.

Auf einer Pressekonferenz, die die Ermittler am Donnerstag einberufen haben, streicht sich Südbeck über die Krawatte, appelliert an die Verantwortung der Medien, und sagt: "Ich bitte darum, von Vorverurteilungen abzusehen." Zwei Plätze rechts von ihm sitzt Werner Brandt, Leiter der Mordkommission, und kaut nervös auf einem Kaugummi. Die vergangenen Tage hatten es in sich.

Festnahme, Hausdurchsuchung, Befragung. Im Vernehmungszimmer des Emder Polizeikommissariats sitzt am Dienstagabend ein 17-Jähriger. Die Beamten haben ihn um 19 Uhr festgenommen. Zu Hause, bei seinem Vater. Sie haben dem Jungen gesagt, er werde dringend verdächtigt, am Samstag in einem Emder Parkhaus eine Elfjährige sexuell missbraucht und anschließend in Verdeckungsabsicht getötet zu haben. Als die Polizisten ihn vor seinem Wohnhaus abführen und in den Polizeiwagen drücken, stehen die Nachbarn daneben und auch schon ein paar Journalisten, Kameras im Anschlag. Wenig später fegt die Meldung von der Festnahme wie ein Lauffeuer durch die Stadt und die Nachrichtenagenturen. Es ist gegen 20 Uhr.

Verhandeln bis morgens um Vier

Überstunden. Die Nerven in der Mordkommission sind bis zum Reißen angespannt. Nichts darf übersehen werden, nirgends. Der Mord an dem kleinen Mädchen soll so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Werner Brandt ist vorsichtig optimistisch, bald Klarheit zu haben. Der Berufsschüler, der ihm gegenüber sitzt, verwickelt sich in Widersprüche. Sein Alibi stimmt nicht. Indizien müssen geprüft werden, Gegenstände, die bei der Hausdurchsuchung gesichert wurden, und DNA-Spuren. Es wird dauern, ehe die Ergebnisse da sind. Brandt hat gelernt, in dieser Hinsicht Geduld zu haben. Ist der junge Mann der gesuchte Mörder? Nein, sagt der 17-Jährige von sich selbst. Vielleicht, sagt der Haftrichter. Er ist es ganz sicher, sagt ein 18-jähriger Facebook-User und startet eine Selbstjustiz-Kampagne: "Lasst uns die Polizei stürmen und den Kerl rausholen", postet er in dem sozialen Netzwerk. Es ist gegen 22 Uhr.

Kurz vor Mitternacht stehen schon rund 50 Menschen vor der Polizeiwache in Emden und wollen das Recht in ihre eigenen Hände nehmen. Die Beamten der Nachtschicht sind verunsichert. Wie sollen sie mit denen da draußen umgehen? Nur einen Steinwurf entfernt haben fast 1500 Emder an einer Trauerveranstaltung für das tote Mädchen teilgenommen. Am Parkhaus, wo die Kleine starb, liegt ein Meer aus Blumen, Kerzen und Plüschtieren. Wie groß ist der Schritt vom Mahnen, Trauern, Protestieren bis zum Lynchen? Ein Facebook-User schreibt: "Diesen ehrenlosen herzlosen hund sollten sie foltern und töten .... Er bekommt vill 7-10 Jahre kommt dann wieder raus und darf leben obwohl er dem kleinen Engel (...)* das leben genommen hat...schrecklich ..... Aber das ist das deutsche rechtsSystem .... Ich hoffe sie töten dem im Knast ...denn wer sowas macht verdient dass leben nicht..rip kleine (...)"*

Bis vier Uhr morgens dauert es, ehe die Polizisten die Situation vor der Wache in den Griff bekommen.

Im Verdacht der Facebook-Gemeinde

Doch schon ein paar Stunden später, am Mittwochvormittag, sind die selbsternannten Netzermittler wieder aktiv. Gerüchte kursieren, Hinweise werden gestreut, Namen von Tätern genannt. Man wisse definitiv, dass dieser oder jener der Typ ist, der das Mädchen umgebracht hat. Ein junger Mann der nicht das Geringste mit der Sache zu tun hat, gerät in Verdacht der Facebook-Gemeinde und weiß überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Zusätzliche Arbeit für die Polizisten, die nun auch noch mögliche Gefahren für Unschuldige abschätzen und im Zweifelsfall auch abwenden müssen. Und nicht nur das: "Die Eltern des Mädchens mussten zu ihrem Schutz an einem speziellen Ort untergebracht werden", sagt Brandt. Psychologische Betreuung, die die Polizei leisten muss, weil sie Sorge hat, die Familie könne dem Druck der Belagerung durch Neugierige und die öffentlich verbreiteten wilden Spekulationen um den Mord an ihrem Kind nicht gewachsen sein. Ein User hat gepostet: "Feigheit von Seiten der Eltern. Anstatt dass sie mithelfen, dass solche Taten in das Licht der Öffentlichkeit gerückt werden (und so vielleicht eher verhindert werden können) üben sie sich in politischer Korrektheit und vorsichtiger Zurückhaltung, es könnte ja sein, dass man mit den "falschen Leuten" zusammen gesehen wird. Das Kind ist zwar vergewaltigt und tot, aber wenigstens wurde man nicht als "Nazi" bezeichnet! Menschlicher Abschaum!"

"Die Umstände machen es für uns nicht gerade leichter, uns auf den Fall zu konzentrieren", teilt Martin Lammers, Leiter des zentralen Kriminaldienstes, am Donnerstag mit.

Eine Krux. Denn eigentlich braucht die Polizei die wachen Sinne von Menschen, die helfen können, eine Straftat aufzuklären. Deshalb hatte sich Emdens Polizeichef Arno Peper auch frühzeitig entschieden, einige Sequenzen des Überwachungsvideos aus dem Parkhaus in dem das Mädchen starb, zu veröffentlichen. Zudem hatte die Stadt Emden zu Wochenbeginn 10.000 Euro für "Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen" ausgelobt. Rund 150 Hinweise hatte die Polizei daraufhin bekommen. Unter den erstzunehmenden Meldungen war auch die einer Zeugin, die sich am Dienstag bei den Ermittlern gemeldet hatte. Es gebe da einen jungen Mann, der sich auffällig verhalte, sagte sie am Telefon. Die Beamten gingen dem Hinweis nach und kamen zu dem Schluss, es könne sich lohnen, sich das Ganze genauer anzuschauen.

Kannte er das Mädchen? War er schon mal auffällig? Gab es einen Mittäter? Was ist die Todesursache und was die Tatwaffe? In der Pressekonferenz prasseln die Fragen der Journalisten auf die Ermittler ein. Die sitzen da und erklären ein ums andere Mal, sie könnten derzeit zu bestimmten Details keine Angaben machen. In der Soko gilt es, so lange all die Indizien und Hinweise zu sammeln, bis das Puzzle ein Bild ergibt. Die Suche ist ergebnisoffen.

Bei Facebook gibt es derweil eine Kondolenzseite, auf der die User ihre Verbundenheit mit der Familie des toten Mädchens zeigen können. Fast 1000 User haben sich schon gemeldet. Einige rufen zu einem Trauermarsch auf. Jemand schreibt: "Ich wünsche der Familie des Mädchens alle Kraft."

*Anm. der Red: In der früheren Version des Artikels wurde in dem Facebookzitat der Name des Mädchens genannt. Mit Rücksicht auf die Eltern des getöteten Kindes haben wir uns entschlossen, das Zitat in Bezug auf die Namensnennung zu verändern.

Mitarbeit Katharina Kuetemeyer
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