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Nie die Orientierung verlieren!

Im Mordfall der Joggerin Kristin S. tappt die Polizei weiter im Dunkeln. Es ist nicht die einzige Tat dieser Art, die noch ungeklärt ist. Viele Sportlerinnen fühlen sich im Dunklen bedroht - die Berliner Polizei gibt Verhaltenstipps.

Von Annika Müller

  • Annika Müller

Wer als Frau alleine zum Joggen geht, kennt das Gefühl: Es ist nicht wirklich Angst, aber ab und zu schießt einem der Gedanke durch den Kopf. Was wäre wenn? Schaut mich der Mann, der mir da gerade entgegen kommt, einfach nur so an, oder ist der Blick irgendwie komisch, bedrohlich, unangenehm? Die meisten Joggerinnen - und übrigens auch Jogger - nehmen zumindest ihr Handy mit, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Manche haben Pfefferspray dabei.

Ob das allerdings Kirsten S. etwas genützt hätte, darf man bezweifeln. Der Mord an der 39-Jährigen beschäftigt gerade die Berliner Polizei. Die Diplompsychologin, die an einer Abteilung der Berliner Charité krebskranke Patienten seelsorgerisch betreute, war vergangene Woche im Spandauer Forst unterwegs, gemeinsam mit ihrem Mann. Das Paar traf kurz nach acht Uhr an dem beliebten Ausflugsziel ein, beide gingen hier regelmäßig Joggen. Das Waldstück ist immer gut besucht, die Wildgehege dort ziehen Familien mit Kindern an, gerade am Wochenende. Auch an diesem Tag waren mehrere Passanten unterwegs.

Die Polizei rekonstruiert den Verlauf der Tat bislang so: Während Kirsten S. sich mit Meditations- und Atemübungen noch aufwärmte, startete ihr Mann alleine auf eine längere Joggingrunde. Er kann noch nicht lange außer Sicht- und Rufweite gewesen sein, als gegen 8.50 Uhr ein junger Mann Kirsten S. vermutlich unvermittelt angreift. Fünf mal sticht er mit dem Messer auf die Frau ein, verletzt sie durch Bauchstiche schwer und entkommt mit dem Rad. Ein Passant hört die Schreie der Frau, findet sie und ruft den Notarzt. Kirsten S. ist noch kurze Zeit bei Bewusstsein und beschreibt ihren Angreifer, doch sie erliegt wenig später ihren Verletzungen im Krankenhaus.

Der Täter ist jung

Nun fahndet die Berliner Polizei mit Hochdruck nach einem sehr jungen Mann, zwischen 15 und 20 Jahre alt, ganz in weiß gekleidet - kein Unbekannter in dem Waldstück. Passanten gaben an, ihn schon häufiger im Stadtforst gesehen zu haben, er sei sehr gepflegt und habe ein "signalrotes Fahrrad" - auch das hatte Kirsten S. noch beschrieben. Doch trotz bislang über 170 Hinweisen auf den Täter und mehreren Zeugen, die kurz nach der Tat vor Ort waren und Erste Hilfe leisteten, die Polizei hat noch keine heiße Spur. Die Beschreibungen reichen nicht für ein Phantombild, auch ein Motiv ist völlig unklar.

"Im Moment ist so gut wie alles vorstellbar. Sicher ist nur, dass das Opfer den Täter nicht kannte, sonst hätte sie das noch gesagt. Aber es wäre möglich, dass er sie kannte, ein Stalker etwa. Oder es war eine reine Zufallstat, ohne Zusammenhang zwischen Täter und Opfer. Aber das ist alles nur Spekulation", meint ein Polizeisprecher gegenüber stern.de. Die Beamten fahren nun Streife im Forst und hoffen, dass der womöglich psychisch gestörte Täter an den Tatort zurückkehrt.

Taten wie diese sind äußerst selten - auch wenn durch das hohe Medieninteresse oft ein anderer Eindruck entsteht. "Das Risiko, Opfer einer absoluten Zufallstat zu werden, ist sehr gering" bestätigt eine BKA-Sprecherin. Laut aktueller Kriminalstatistik kennen Täter und Opfer sich meist, gerade bei Mord und Totschlag sind Beziehungstaten sehr wahrscheinlich. Es geht um Eifersucht, um Geld oder um Drogen, aber dass jemand aus heiterem Himmel einen ihm völlig unbekannten Menschen umbringt, das passt in keine Statistik. So ist es auch unmöglich, aus den Daten herauszulesen, wie oft ähnliche Fälle tatsächlich geschehen. Sie tauchen in den Medien auf und verschwinden wieder, wie sie ausgehen erfährt man selten. Es entsteht der Eindruck, immer wieder lauerten irre Mörder im Park auf ihre Opfer. Wohl auch deshalb läuft beim Joggen die Angst manchmal mit.

"Joggen im Wald ist grundsätzlich sicher"

Manche Sportler versuchen, zumindest etwas gegen mögliche Angriffe gewappnet zu sein. Das Handy kommt mit, die Allzweckwaffe Pfefferspray wandert aus der Handtasche in den Hosenbund. Doch davon kann Uwe Löher von der Gewaltpräventionsstelle der Berliner Polizei nur abraten. "Da müssen sie zu nah ran an den Täter, die Gefahr ist zu groß, dass man dabei ganz vergisst einfach wegzurennen. Oder, was auch oft vorkommt, der Täter reißt das Spray an sich". Dann wird es richtig problematisch. Löher warnt allerdings auch vor zu viel Panik nach solchen Meldungen. "Joggen im Wald ist grundsätzlich sicher", man müsse absolut nicht vor allem ständig Angst haben. Aber es sei nicht verkehrt, sich Gedanken zu machen: Wo kann ich hin, falls etwas passiert? Wo sind Häuser in der Nähe? Gibt es vielleicht eine alternative Strecke, die bei Dunkelheit gut beleuchtet ist? "Meistens haben solche Geschichten einen Vorspann, das Opfer hat ein komisches Gefühl, fühlt sich verfolgt". Falls das so ist "entziehen sie sich dem Täter, schreien sie laut, auch wenn keiner in der Nähe ist - das verunsichert den Angreifer". Auch sollte man nicht zögern, bei verdächtigen Personen die Polizei zu rufen. Wenn möglich, sollte man zu zweit laufen.

Bei dem Mord an Kirsten S. gab es wahrscheinlich keinen "Vorspann". Sich gegen einen Angriff dieser Art zu schützen, ist praktisch unmöglich, das ist auch Löher klar. "Wenn einer aus dem Busch springt mit einer Waffe in der Hand, haben sie wenig Chancen". Da hilft alle Vorsicht nichts.

Die Suche nach Kirsten S.' Mörder geht weiter. Doch ohne Motiv, bei einem vielleicht psychisch gestörten Täter, bleiben der Polizei außer Spuren und Zeugenaussagen kaum Anhaltspunkte. In Berlin hofft man deshalb vor allem auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung, die vielleicht doch noch den Durchbruch bringen. Die Zeit läuft - von anderen Fällen weiß man, dass es mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird, einen direkten Hinweis zum Täter zu bekommen. Noch sei das aber absolut möglich, meint ein Polizeisprecher, noch ist der Mord nicht zu lange her. Auch ein Zusammenhang zu einer ähnlichen Tat wird geprüft: Im Dezember 2001 wurde - ebenfalls beim Joggen - ein Geschäftsmann in Wilmersdorf mit 23 Messerstichen in den Kopf ermordet. Zeugen gab es nicht, der Mörder wurde nie gefasst.

Am Tatort liegen nun Blumen und Briefe, die Polizei hat Hinweiszettel an den Bäumen befestigt, auch die unvermeidliche Frage nach dem "Warum?" fehlt nicht. Und die Sportler und Ausflügler? Die sind längst wieder unterwegs im Forst, noch fährt die Polizei ja Streife. Und danach verlassen sich die meisten wieder auf die Statistik. Es wird schon nichts passieren.

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