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Tod auf Parzelle 42

Seit Mittwoch steht der mutmaßliche Mörder von Madeleine vor Gericht. Angeklagt ist ihr Stiefvater, der sie jahrelang vergewaltigt haben soll. Der stern erzählte die Geschichte der jungen Frau.

Von Nora Gantenbrink und Kerstin Herrnkind

  In diesem Schrebergarten wurde die Leiche von Madeleine gefunden

In diesem Schrebergarten wurde die Leiche von Madeleine gefunden

Die Reportage über den grausamen Mordfall erschien im stern am 24. Juli 2014, Heft Nr. 31. Jetzt hat der Prozess gegen die Täter in Essen begonnen.

Die Leiche war verschnürt wie ein Paket. Hände und Füße mit Kabeln aneinandergebunden. Blut und Erde verschmierten ihr Gesicht, in ihrem Mund steckte ein braun-weißes Geschirrtuch. So fanden die Polizisten Madeleine W. am 18. Februar im Schrebergarten ihres Stiefvaters Günther O., Kleingartenanlage Hesselbach in Essen, Parzelle 42. Ihr Grab war 1,35 Meter tief und übergossen mit Beton.

Seit einer Woche war die 23-Jährige verschwunden. Ihr Ex-Freund hatte die Vermisstenanzeige aufgegeben, nachdem Madeleine W. ihre Tochter nicht von der Kindertagesstätte abgeholt hatte, was seltsam war, denn Madeleine W. galt als pünktlich und zuverlässig und liebte ihr Kind.

Die Obduktion ergab, dass Madeleine W. erstickt ist. Ob dies außerhalb der Grube geschah oder ob sie lebendig begraben wurde, weiß man nicht. Fest steht: Jemand hatte der jungen Frau gewaltsam die Luft genommen. Zuvor hatte er ihr mit einem Werkzeug auf den Kopf geschlagen. Ihr Tod war qualvoll. Sie hatte sich gegen ihren Angreifer gewehrt, an ihren Armen fand man Kampfspuren. Sie wollte nicht sterben.

Günther O. ist ein vorbestrafter Gewalttäter

Madeleine kommt am 6. April 1990 im sächsischen Räckelwitz zur Welt. Ihre Mutter ist Birgit W., genannt Biggi, eine gelernte Schneiderin. Madeleine lernt ihren leiblichen Vater nie kennen. Sie weiß nicht mal seinen Namen. Als Madeleine sechs Monate alt ist, trifft ihre Mutter Günther O., sie verlieben sich. Günther O. kommt aus Österreich, er hat ein paar Jahre in Essen gewohnt, bevor er mit Biggi zusammen nach Kamenz in Sachsen zieht. Anderthalb Jahre später wird der gemeinsame Sohn Daniel geboren, Madeleines Halbbruder. Biggi und Günther O. heiraten 1994.

Madeleine wächst in einem Milieu auf, in dem man Frauen "Olle" nennt, Krieg für eine "geile Sache" hält und das Geld immerzu knapp ist. Es ist ein Milieu, in dem Leute T-Shirts mit Sprüchen tragen wie: "Ein Tag hat 24 Stunden, eine Kiste Bier hat 24 Flaschen, das kann kein Zufall sein."

Günther O., Bierbauch, Vokuhila, Schnauzbart, fettiges Haar, mag Motorräder, Formel 1, Pornos, Adolf Hitler und Bayern München. Er isst und trinkt gern. Am liebsten Grillfleisch, Bier und Pfeffi, einen grünen scharfen Kräuterschnaps. Seine Kriminalakte umfasst: gefährliche Körperverletzung, einfache Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung, Urkundenfälschung, Vergewaltigung, Widerstand gegen Polizeibeamte, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Straßenverkehrsgefährdung. Er kommt oft mit Bewährung davon.

In seine Parzelle in Sachsen lädt Günther O. gern Freunde ein, gibt Bier und Fleisch aus. Auf der himmelblauen Hollywoodschaukel sitzen sie und hören Musik. Zum Beispiel Sturm 18, eine Rechtsrockband aus dem Ruhrgebiet, bei der die 18 als Chiffre für Adolf Hitler steht. Sie nennen Günther O. den "Ösi", weil er aus Österreich kommt. Der "Ösi" ist bekannt als jemand, der herumschreit und Schellen verteilt. Ein Nachbar aus der sächsischen Kleingartensiedlung sagt: "Der gurgelte immer so rum, als ob der eine ganze Armee unter sich hatte."

Die Armee des Stiefvaters besteht aus einem Pekinesen und drei Personen: Biggi, Madeleine und ihr Halbbruder Daniel. Er behandelt sie wie Untergebene. Gebadet werden darf nur einmal pro Woche. Alle nacheinander im selben Wasser. Die Familie lebt von Hartz IV. Günther O. handelt mit geschmuggelten Zigaretten. Am Wochenende geht er gern auf Flohmärkte und kauft Kram. Die Sozialwohnung der Familie ist zugestellt und dreckig. Im Wohnzimmer hängt eine Reichskriegsflagge neben Erich Honecker. Günther O. besitzt Waffen, Nachbarn zeigt er seinen Elektroschocker. Manchmal schießt er mit dem Luftgewehr auf Straßenlaternen oder russische Kinder.

Die Pubertät wird ihr Verhängnis

Günther O. erklärt Madeleine und Daniel, "dass sie nicht mit Kanaken spielen sollen", schreit sie an, schlägt sie. Freunde der Familie sagen, dass der etwas einfältige Daniel O. der Lakai seines Vaters war. Biggi wird psychisch krank. Sie soll ihren Mann mit "Sir" angesprochen haben, ihm hörig gewesen sein.

Über Madeleine, das bleiche Mädchen mit den dunkelbraunen Haaren, die das runde Gesicht ihrer Mutter hat, wissen die Nachbarn in Kamenz nicht viel zu berichten. Nur, dass sie "nett" war und "eher ruhig". Nie weiß einer von den Träumen von Madeleine zu erzählen, von Hobbys oder Dingen, die sie gern tat. Sie sagen immer dasselbe: "Die Magda war eine ganz Liebe."

Als sie 13 oder 14 ist, so wird es Madeleine W. später bei der Polizei zu Protokoll geben, beginnen sich die Blicke ihres Stiefvaters zu verändern, wenn er sie ansieht. Die Pubertät wird ihr Verhängnis. Günther O. greift ihr an die Brüste und zwischen die Beine. Er steckt seine Finger in ihre Scheide, sein Glied in ihren Mund. Das erste Mal vergewaltigt er Madeleine vaginal, da ist sie 15 Jahre alt. Es geschieht im Elternschlafzimmer, die Mutter und Daniel sind nicht zu Hause. Den Sex mit seiner Stieftochter filmt Günther O. Danach gibt er ihr 50 Euro. Von da an lässt er nie mehr von ihr ab. Wenn Biggi und Daniel nicht da sind, guckt Günther O. Pornos, macht sich geil und kommt mit steifem Glied zu Madeleine.

Sie ist ihrem Stiefvater ausgeliefert. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen sind Vergewaltigungen. Bei der Polizei wird Madeleine später sagen, dass das Verhältnis einer Geschäftsbeziehung glich. Für Dinge, die in ihrem Alter normal sind – Freunde treffen, auf Facebook gehen –, muss sie sexuelle Dienste leisten. Einmal die Woche, das ist Günther O.s Wunsch. Madeleine möchte ein Smartphone. Sie fragt ihre Eltern. O. sagt: "Ficken gegen Handy."

Mit 14 haut Madeleine ab, sie geht zum Jugendamt. Sie sagt dort, dass sie es zu Hause nicht mehr aushalte, von dem Missbrauch erzählt sie nichts. Die Frau vom Jugendamt empfiehlt ihr, zurückzugehen, sich mit ihren Eltern zu versöhnen. Wegen des Vorfalls kommen Mitarbeiter vom Jugendamt bei den O.s vorbei. Es ist von einem "Verdacht auf Mangelversorgung" die Rede. Sie sehen in den Kühlschrank, er ist voll. Für sie ist keine akute Gefährdung der Kinder erkennbar. Das Jugendamt sieht "keinen weiteren Handlungsbedarf".

  Das Grab von Madeleine. Den Grabstein stiftete das Frauenhaus

Das Grab von Madeleine. Den Grabstein stiftete das Frauenhaus

Im Sommer 2009 zieht die Familie von Kamenz nach Essen. Da ist Madeleine 19 Jahre alt. In Essen hat Günther O. ein paar alte Kumpels. Und einen richtigen Job haben sie eh nirgends. Eigentlich alles so wie vorher, nun im Ruhrgebiet. Daniel spurt, Madeleine leidet leise, Biggi und Günther sind zu oft betrunken. Und auch in Essen mietet Günther O. einen Schrebergarten an. Kleingartenanlage Hesselbach, Parzelle 42.

Biggi leidet unter Verfolgungswahn, läuft mit einem Messer durch die Straßen. Sie bildet sich ein, dass Tote noch leben. Zu Madeleine sagt sie: "Du bist sein Liebling!" und schaut traurig. Madeleine schweigt. Biggis psychischer Zustand verschlechtert sich, sie braucht Tabletten. Die Nachbarn nennen sie "Prinzessin Valium". Weil sie von den Medikamenten zunimmt und ihr Gesicht aufquillt, nennt Günther O. sie "Dicki" oder "Ficki".

Oft hat Madeleine ein schlechtes Gewissen, weil Günther O. mit ihr schläft, nicht mit ihrer Mutter, denn so sollte es doch sein. Den Stiefvater hasst sie. Zu ihrem Bruder Daniel hat sie ein gespaltenes Verhältnis: Sie liebt ihn und muss ihn doch hassen, weil er sie verpetzt und bewacht.

Der Stiefvater arbeitet jetzt als Platzwart beim Essener Fußballverein Eintracht Borbeck. Madeleine versucht, ihren Realschulabschluss nachzumachen, und schafft es nicht. Das Zeugnis mit den Fünfen und Sechsen heftet Günther O. an die Tür von Madeleines Zimmer. Er will ihr zeigen: Du kannst nichts, du bist nichts!

Die Geburt der Tochter verändert sie

Eines Tages wird der Pekinese von Biggi in Essen totgefahren. Da fährt Günther O. los und kauft für 500 Euro einen neuen, damit "die Biggi wieder was zum Kuscheln hat". Sex haben die beiden schon lange nicht mehr. Günther O. sagt zu Madeleine, ihre Mutter sei ihm zu hässlich. Den alten Pekinesen legt er ins Gefrierfach, neben das Grillfleisch. Sie wollen ihn nächsten Sommer im Kleingarten in Kamenz vergraben.

Ihr Stiefvater sagt zu ihr: "Ich passe schon auf", wenn er sie vergewaltigt. Als Madeleine sich heimlich die Antibabypille besorgt, nimmt er sie ihr weg. Im April 2011 erfährt sie, dass sie schwanger ist. Da ist Madeleine 21 Jahre alt. Sie sitzt auf dem Klo, in den Händen der Schwangerschaftstest mit den zwei Strichen, und weint. Für eine Abtreibung ist es im vierten Monat zu spät. Madeleines Bauch wird dicker. Wenn sie jemand fragt, sagt Madeleine, dass das Kind von einem One-Night-Stand sei. Das glauben auch ihre Mutter und ihr Bruder.

21. September 2011, Madeleines Tochter Janine kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Im Kreißsaal sind Biggi O. und Marlene Jarzynski, eine Nachbarin. Günther O. darf nicht rein und tobt deshalb draußen auf dem Flur. Eine Woche später kommt Madeleine mit ihrer Tochter nach Hause. Die Nachbarn erzählen, dass Günther O. nach der Geburt von Janine sehr glücklich gewesen sei. Er veranstaltet eine Party. Er kauft ein Spanferkel bei der Metro, es ist schon etwas über dem Haltbarkeitsdatum, deshalb bekommt er es für 50 Euro.

Aber die Geburt von Janine hat etwas in Madeleine verändert. Die ständigen Bevormundungen nerven sie mehr als je zuvor, die Enge ihres Alltags, die Enge in der vollgestellten Wohnung. Wenn sie sieht, wie das Kind im Arm von Günther O. liegt, wird ihr übel. Manchmal denkt sie sich: "Was, wenn er die Kleine später auch missbraucht?"

Ihr gelingt die Flucht

Madeleine, die so lange still gelitten hat, hält es nicht mehr aus. Sie will nicht mehr mit ihm schlafen müssen, sie will nicht, dass er mit seinem steifen Glied und diesem Blick in ihr Zimmer kommt. Sie will ihrer Herkunft entkommen. Sie fasst einen Plan. Sie leiht sich Geld von einer Nachbarin, denn auch ihre Stütze kassiert Günther O. ein. Sie packt ihren Koffer, aber ausgerechnet an diesem Tag kommt ihr Stiefvater eine Stunde früher vom Sportplatz nach Hause und entdeckt den Koffer hinter dem Babybett. Er schließt Madeleine in der Wohnung ein, nimmt ihr das Handy weg. Madeleine ist wütend, sie schreit und schreit und schreit. Aber niemand im Haus kommt und hilft.

Im August 2012 gelingt Madeleine die Flucht. Sie geht mit Janine zum Jugendamt in Essen und sagt, sie brauche Hilfe. Sie wird in ein geheimes Mutter-Kind-Haus in Herten gebracht. Günther O. dreht durch. Er schreit in der Wohnung seiner Nachbarn herum: "Ich will Janine zurück!" Und: "Madeleine wird irgendwann unter der Erde liegen. Und dann werde ich auf ihr rumtrampeln!" Er versucht sie zu finden. Fährt mit dem Auto ohne Führerschein, sucht die Mutter-Kind-Häuser und flucht. Im Kofferraum hat er Waffen. Stundenlang rufen Daniel, Biggi und Günther auf Madeleines Handy an. Mal sind sie nett und sagen: "Komm zurück, wir vermissen dich!" Dann schreien sie: "Du hässliche Mutti, wir finden dich!" Günther O. setzt eine Anzeige in die Zeitung, in der steht, er sei gestorben. Er meldet sich auf Internetforen an, um zu sehen, ob er Madeleine dort findet.

Den Betreuern im Heim erzählt Madeleine ihre Geschichte. Sie raten ihr, den Kontakt zu der Familie für immer abzubrechen. Auch, damit Günther O. ihr und der Kleinen nichts antun kann. Madeleine wechselt ihre Nummer.

In Essen erzählt Günther O. Biggi O., dass Janine seine Tochter sei. Sie hätten sie in der Silvesternacht 2011 gezeugt. Es sei ein Ausrutscher gewesen, beide seien betrunken gewesen. Biggi O. hatte an diesem Silvester mit einer Freundin Party gemacht. Sie glaubt ihrem Mann. Später wird sie bei der Polizei sagen, dass sie ihn liebt.

Am 9. August 2012 zeigt Madeleine Günther O. an. Die Kripo gibt die Akte an die Polizei in Essen ab, wo Günther O. wohnt. Es dauert drei Monate, bis die dortige Kriminalpolizei am 5. November 2013 um 7.50 Uhr bei Günther O. mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür steht. Günther O. ist gut vorbereitet. Er gibt den Beamten zwei Blätter Papier. "Eidesstattliche Erklärung" steht über dem Schreiben, in dem Madeleine Günther O. bestätigt, dass sie freiwillig mit ihm geschlafen habe. In dem zweiten Schriftstück schreibt ein Freund von Günther O., dass Madeleine ihm gegenüber gesagt habe, der Sex zwischen ihr und ihrem Stiefvater sei einvernehmlich gewesen. Nach der Durchsuchung kommen die Ermittlungen zum Erliegen. Monatelang.

  Madeleine mit ihrem Baby, ihre Mutter Biggi, Stiefvater Günther, sein Sohn Daniel (v.l.)

Madeleine mit ihrem Baby, ihre Mutter Biggi, Stiefvater Günther, sein Sohn Daniel (v.l.)

Erst als sich die Staatsanwaltschaft Essen am 19. März 2013, über vier Monate nach der Durchsuchung, zum zweiten Mal nach dem Stand der Ermittlungen erkundigt, wird die Kripo wieder aktiv. Kontinuierliche Ermittlungen seien nicht möglich gewesen, vermerkt ein Kriminalbeamter in der Akte. Man hätte zu viel zu tun gehabt.

Erst am 9. April 2013, acht Monate nachdem sie die Anzeige erstattet hat, wird Madeleine ein zweites Mal vernommen. Sie weint, als sie hört, dass Günther O. behauptet, dass sie freiwillig mit ihm geschlafen habe. Sie erzählt, wie sie von ihm gezwungen worden sei, die eidesstattliche Erklärung zu unterschreiben, nachdem ihr erster Fluchtversuch missglückt war. Madeleine gibt weiter zu Protokoll, dass Günther O. auf keinen Fall ihre Adresse erfahren dürfe. Sie hat Angst vor ihrem Stiefvater. Die Beamten geben ihr die Nummer vom Kommissariat für Opferschutz und raten ihr, sich eine Anwältin zu nehmen. Auf die Idee, Untersuchungshaft für Günther, zu beantragen, kommt offenbar niemand, obwohl er Grund zur Flucht hätte: Er steht noch unter Bewährung und muss damit rechnen, lange ins Gefängnis zu gehen. Außerdem hat er Madeleine offenbar gezwungen, eine falsche Erklärung zu unterschreiben, und damit Beweise manipuliert. Verdunkelungsgefahr nennen Juristen das. Und er ist der Polizei als bewaffneter Gewalttäter bekannt.

Ende Juni 2013 gibt die Staatsanwaltschaft ein Glaubwürdigkeitsgutachten in Auftrag. Etwa zur gleichen Zeit liegt das Ergebnis des Vaterschaftstests vor: Günther O. ist der Vater von Janine. Doch der Computer von Günther O., auf dem sich Nacktbilder von Madeleine befinden, ist noch nicht ausgewertet. Vor Februar 2014 könne nicht mit einem Ergebnis gerechnet werden, teilt die zuständige Abteilung der Kripo mit. Wieder vergehen Monate.

Trennung nach einem Jahr Glück

Im Mutter-Kind-Heim meldet sich Madeleine bei "Lovoo" an, einer App zum "Chatten, Flirten und Verlieben". Obwohl sie viel Unglück erlitten hat, verliert sie nicht den Glauben an das Glück. Über "Lovoo" findet sie Maik K., einen 21-jährigen Garten- und Landschaftsbauer aus Gelsenkirchen. Auf seinen Fotos findet sie ihn "voll süß", auch sie schickt welche: Selfies mit großen Augen und spitzem Mund. Treffen im McDonald’s in Herten: Madeleine, Janine, Maik K. Von wem die Kleine sei, fragt Maik K., aus einer Affäre, antwortet Madeleine. Erst als Maik K. ihr gesteht, dass er für sie Gefühle hat, tauscht sie die Lüge gegen die Wahrheit ein. Für Maik K. ist dies kein Grund, Madeleine nicht zu lieben. Sie sind jetzt ein Paar. Zu Janine ist er gut, er spielt mit ihr, wechselt ihre Windeln. Madeleine nennt ihr Facebook-Profil um in "MaddyliebtMaik". Ihrer Betreuerin sagt sie, er sei ihr Traummann. Als sie nach einem Jahr aus dem Mutter-Kind- Heim auszieht, in eine eigene Wohnung, da zieht sie ganz nah zu ihm.

Ende des Jahres 2013 schickt Daniel O. einen Brief mit seiner Telefonnummer an Madeleines Anwältin. Er bittet Madeleine darin, sich bei ihm zu melden.

Madeleine hat das Einrichtungsgeld für ihre Wohnung für neue Kleidung statt für Möbel ausgegeben. Maik K. ist deshalb sauer und auch, weil Madeleine erst über Facebook und dann per Handy Kontakt zu ihrem Bruder aufgenommen hat. Es kommt zum Streit. Am 6. Februar macht er Schluss mit Madeleine. Die Trennung muss sich für Madeleine angefühlt haben, als trete ihr jemand beim Laufen die Beine weg. In ihrem letzten Jahr, dem glücklichen, hatte ihr Leben vor allem aus ihrer Tochter und ihrem Freund bestanden. Er hatte ihr gegeben, was sie bislang so vermisst hatte: Sicherheit und Liebe. Auf WhatsApp ändert Madeleine ihren Status in: "Ich bin sehr traurig."

Madeleine schreibt ihrem Halbbruder Daniel jetzt viel. Zwischen dem 5. und 11. Februar, dem Tag ihres Verschwindens, telefonieren die beiden täglich. Sie verabredet sich mit ihm für den 11. Februar um 9 Uhr am Gelsenkirchener Hauptbahnhof. Daniel verspricht, mit ihr einen Kühlschrank und eine Waschmaschine kaufen zu gehen. Manchmal verspricht es auch nicht Daniel, sondern Günther O., der Daniels Handy nimmt und ihr schreibt. Madeleine weiß davon nichts. Sie glaubt, Trost bei ihrem Bruder zu finden, und liest die Worte ihres Vergewaltigers.

Am 7. Februar schreibt Günther O. seinem Sohn Daniel über WhatsApp: "Dienstag haben wir sie." Daniel antwortet: "Ja."

Am Morgen des 11. Februars bringt Madeleine erst Janine in die Kita, dann fährt sie zum Treffpunkt. Madeleine und ihr Halbbruder begegnen sich vor dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof, so wird es Daniel O. später aussagen. Günther O. hat sich hinter einem Stromkasten versteckt. Daniel führt Madeleine zum Auto, sie setzt sich auf den Beifahrersitz. Günther O. springt aus seinem Versteck, steigt auf der Fahrerseite ein, Daniel O. hinten. Der schwarze Golf, der daraufhin Richtung Kleingartenanlage Hesselbach fährt, fällt niemandem auf. Die Scheiben sind hinten mit schwarzer Plastikfolie abgeklebt.

Laut Anklage schlägt Günther O. Madeleine in der Gartenlaube mit einem Werkzeug, wahrscheinlich einem Hammer, nieder. Knebelt sie mit dem Geschirrtuch, fesselt sie mit Lautsprecherkabeln. Die Hände verschnürt er zweimal, die Füße viermal. Dann erstickt er sein Opfer, oder Madeleine erstickt in der Grube, die er für sie ausgehoben hat. Er schaufelt Erde über sie, dann rührt er Gartenschnellzement an. Daniel O. verlässt den Tatort um etwa 10.10 Uhr. Er hatte sich eine gefakte SMS von Madeleines Handy geschickt. Darin steht, dass sie geflohen sei und Janine bei Familie O. lasse.

Die Tochter kommt in eine Pflegefamilie

Am 18. Februar, dem Tag, an dem die Polizisten die Leiche im Schrebergarten finden, werden Günther und Daniel O. festgenommen. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft. Günther O., 47, ist des Mordes angeklagt, Daniel O. der Beihilfe. Daniels Verteidiger Hans Reinhardt aus Marl sagt, dass sein Mandant "die willfährige Marionette seines Vaters" war. Günther O. schweigt. Jetzt hat der Prozess begonnen.

Die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs gegen Günther O. erhebt die Staatsanwaltschaft am 17. März. Madeleine W. ist da schon 34 Tage tot. Auf ihrem Grab steht ein weißer Engel und verkündet: "Wenn wir unseren Körper verlassen, frei von Schmerzen und allem, was uns quälte, dann können wir, leicht wie ein Schmetterling, heimkehren zu Gott." Ob Madeleine W. noch leben würde, wenn die Staatsanwaltschaft Günther O. in Untersuchungshaft genommen hätte, darüber will die Behörde nicht "spekulieren". Auf Anfrage heißt es: "Die Voraussetzungen für den Erlass eines Haftbefehls haben zu keinem Zeitpunkt vorgelegen."

Das Jugendamt hat Janine in einer Pflegefamilie untergebracht. Sie fragt jeden Tag, wo ihre Mutter ist.

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