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"Das alte Leben ist vorbei"

Was passiert mit einer Familie, wenn ein Kind ermordet wird? Wie wird getrauert, wie getröstet? Im stern.de-Interview beschreibt Notfallseelsorger Albrecht Roebke, wie das Leben weitergehen kann. Er hat auch die Familie der vor drei Jahren ermordeten Hannah Wiedeck betreut.

Ein Kind wird ermordet, die Familie steht unter Schock. Und als Notfallseelsorger kommen Sie mit einem Erste-Hilfe-Paket?
Die ersten 24 Stunden entscheiden oft bereits darüber, ob ein Mensch sein Leben lang unter einem Trauma leiden wird. Am Anfang herrscht die totale Ohnmacht, das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, sich auf nichts mehr verlassen zu können. Da ist wichtig, ganz schnell Situationen zu schaffen, in denen der Betroffene durch seine eigene Entscheidung etwas beeinflussen kann, in denen das geschieht, was er will, dass er. seine Autonomie zurückgewinnt. Dass man ihm zum Beispiel die Wahl lässt, ob er oder sie den verstorbenen Angehörigen noch einmal sehen will oder nicht. In einem Fall wünschte sich ein Junge, dessen Mutter gerade ermordet wurde, abends eine Pizza. Für ihn war es wichtig, dass eine halbe Stunde später eine Pizza da stand. Nicht wegen der Pizza - sondern wegen des Signals: Ich kann einige Dinge in meinem Leben weiterhin steuern. Das bringt Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit zurück.

Reagieren Angehörige denn alle gleich?
Das nicht, aber es gibt ein gemeinsames Muster: In den ersten 48 Stunden steht man meist unter akutem Schock, da blockt die Seele ab, lässt das Geschehen oft gar nicht an sich ran. Die Seele schützt sich damit. Möglich, dass ein Kind, dem man gerade gesagt hat, dass seine Mutter tot ist, scheinbar ungerührt mit seinen Legosteinen weiterspielt. Oder eine Mutter hält ihr totes Baby im Arm und fühlt nichts. Die ist darüber total erschrocken, man muss ihr sagen, dass das eine normale Reaktion auf ein absolut schreckliches Ereignis ist. Die zweite Phase dauert bis zu sechs Wochen an, da realisiert man erst, was passiert ist. Trotzdem gibt es Flashbacks, die einen direkt in die Schocksituation zurück bringen: Wenn ich einen Unfall mit einem roten Laster hatte, dann kann es sein, das die Gefühle des Unfalls auch Wochen später unvermittelt wieder da sind, wenn ich in der Stadt beim Einkaufen einen roten Laster sehe. Solche Flashbacks und auch Alpträume sollten in dieser Zeit allerdings besser werden. Oft stellen sich Betroffene auch die Frage nach Schuld: Weil die leichter zu ertragen ist als Ohnmacht. Wer Schuld hat, hatte ja die Kontrolle über das, was passierte - das macht das Schreckliche fassbarer. Und so meine ich dies in der Zukunft vermeiden zu können.

Wie reagieren Bekannte und Freunde richtig?
Bloß keinen billigen Trost geben und sagen: Das wird schon wieder. Nein, es wird nicht mehr, das alte Leben ist vorbei. Auch auf die Reaktionen der Umwelt bereiten wir die Angehörigen vor: in den ersten sechs Wochen ist die Unterstützung von außen besonders groß. Den Betroffenen hilft es ja auch, darüber zu reden. Dann können die anderen irgendwann nicht mehr, werden genervter, ist ja auch schwer, die Ohnmacht mit auszuhalten. Und während sie in ihr normales Leben zurückkehren, fühlt sich für die betroffene Familie nichts mehr normal an. Dann hören die schon mal: Jetzt guck' aber mal wieder nach vorne! Das tut den Betroffenen richtig weh. Häufig ziehen die sich sozial dann völlig zurück. Auch da versuchen wir einzugreifen und sie mit Leuten zusammen zu bringen, die Ähnliches erlebt haben, zum Beispiel in Vereinen für verwaiste Eltern.

Und innerhalb der Familie stützt man sich gegenseitig?
Jeder trauert anders, das ist für die Angehörigen oft schwer auszuhalten. Das erkläre ich ihnen immer vorher: Dass sich in der Art der Reaktion zum Beispiel des Ehepartners nicht ein Mehr oder Weniger an Trauer zeigt. Dass man die Trauer des anderen nie werten darf. Einander beizustehen heißt nicht, 24 Stunden am Tag um den anderen herum zu sein, das kann auch heißen, ihn einfach tun zu lassen, wonach ihm gerade ist. Es ist schwer, Unterschiede zu akzeptieren - erst recht, wenn man selbst gerade Schlagseite hat.

Und die Geschwister?
Ein Bereich, der bislang total vernachlässigt wurde. Den Eltern lässt die Trauer um ein Kind oft keinen Platz, keine Kraft mehr für die anderen Kinder. Da sind die Eltern zwar da, aber nicht mehr greifbar. Viele wollen ihre Eltern nicht noch mehr belasten, übernehmen ganz viel Verantwortung in der Familie, erlauben sich selbst nicht, schockiert zu sein. Von der Umwelt kriegen sie dafür womöglich auch noch positives Feedback, weil sie so rücksichtsvoll und erwachsen reagieren. Das beinhaltet eine große Chance, in der Fachliteratur heißt dies der "Posttraumatic growth". Viele Menschen wachsen und reifen durch das bewältigen einer Katastrophe. Aber es bleibt für einige auch die Gefahr: Irgendwann sieht keiner mehr: Da ist ein Mensch, der selbst ein dickes Problem hat, der selbst trauert. Und der bleibt dann allein in seinem Schmerz zurück.

Silke Pfersdorf

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