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Der Killer von nebenan

Keine Islamisten, keine ausländische Terrorgruppe: Anders Behring B., ein 32-jähriger Norweger, ist der Attentäter, der mit zwei Anschlägen über 90 Menschen brutal ermordet haben soll.

Von Ralf Klassen

Er sieht aus wie ein Norweger aus dem Bilderbuch: groß, blond, freundliches offenes Lächeln - sympathisch. Hat dieser Anders Behring B. wirklich über 90 Menschen ermordet? Mit einem gewaltigen Sprengsatz in Oslos Innenstadt und in einem, man kann es nicht anders sagen, Massaker auf der Ferieninsel Utøya? Allein, als ein wie vom Wahnsinn getriebener Einzeltäter?

Die norwegische Polizei ist genau dieser Überzeugung.

Sie präsentierte am Samstagmorgen in Oslo Details über den 32-jährigen Verdächtigen, der nach der Bluttat von Utøya auf der Ferieninsel festgenommen worden war. Es sei die Tat eines christlichen Fundamentalisten gewesen, Internet-Einträge von Anders Behring B. hätten seine starken religiösen und zudem auch "rechte" politische Überzeugungen offenbart. Anders Behring B. sei bei den Vernehmungen durchaus kooperativ, er beantworte Fragen, bliebe dabei aber "kalt wie Eis".

"Konservativ" und "christlich"

Schon in der Nacht zum Samstag hatte die Polizei die Wohnung von B. im Westen von Oslo durchsucht. Was dort gefunden wurde, war zunächst nicht mitgeteilt. Allerdings wurde bekannt, dass auf seinen Namen zwei Waffen gemeldet seien, darunter ein automatisches Gewehr.

Unklar ist, ob Anders Behring B. wirklich Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen hatte. Über Verbindungen zur rechtsextremen Szene sei den Behörden nichts bekannt, hieß es aus Ermittlerkreisen. "Er kam einfach aus dem Nichts", gab ein Polizist der Nachrichtenagentur AP zu Protokoll. "Wir hätten ihn auf dem Radar gehabt, wenn er in einer Neonazi-Gruppe aktiv gewesen wäre", so der Polizist. Aber B. könne von deren Ideologie beeinflusst sein.

Ein Jugendfreund allerdings sagte gegenüber der Tageszeitung "VG", B. habe mit Ende 20 damit angefangen, rechtsradikales Gedankengut zu äußern. B., der offenbar mit seiner Mutter zusammenwohnte, hatte in der norwegischen Armee gedient. Er trat aber sonst in keinem militärischen Zusammenhang auf. Auch vor dem Gesetz oder dem Staatsschutz fiel er nicht weiter auf.

Eindeutiger dagegen sind die Einträge, die B. im norwegischen Netz-Diskussionsforum "Document.no" hinterließ. Auf der Seite, die derzeit abgeschaltet ist, veröffentlichte er, so "Spiegel Online", zahlreiche "teils explizite Debattenbeiträge, in denen er sich als Rechtsnationaler und "Multi-Kulti"-Hasser outet". Die Einträge seien, schreibt Spiegel Online weiter, vor allem gegen Muslime, Marxisten, aber auch Nazis gerichtet gewesen. Ende 2010 habe B. allerdings die Einträge gestoppt.

Die Stockholmer Expo-Stiftung, eine Organisation, die rechtsextreme Aktivitäten überwacht, hat herausgefunden, dass B. bei einem schwedischen Neonazi-Internetforum angemeldet war. Auf dem Internet-Portal namens Nordisk ist ein breites Rechtsaußen-Spektrum vertreten - von Abgeordneten der rechtspopulistischen Schwedendemokraten bis hin zu Neonazis

Im Netz taucht Anders Behring B. erst vor wenigen Tagen wieder auf, auf seiner erst am 17. Juli angelegten Facebook-Seite. Hier beschreibt er als "konservativ" und "christlich". Er sei Junggeselle und interessiere sich für die Jagd sowie für Computer-Spiele wie das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" und den Ego-Shooter "Modern Warfare 2". Nach Medienberichten fanden sich nur ein paar Einträge auf seiner Facebook-Seite, die gestern Abend abgeschaltet wurde: Kommentare zu Musikvideos, Actionfilmen oder US-Krimiserien. Die Anzeige, wie viele und welche Freunde er hatte, war deaktiviert.

Auch im Social Network Twitter war B. seit Kurzem angemeldet. Doch von dem Konto mit seinem Namen wurde nur eine einzige Nachricht verschickt: Auch sie stammt vom 17. Juli und ist ein Zitat des englischen Philosophen John Stuart Mill: Ein einziger Mensch mit Überzeugung sei stärker ist als 100.000 Menschen, die nur ihre eigenen Interessen vertreten.

"Er schoss, er schoss, er schoss"

Interessant für die Ermittler ist offenbar auch die Firma, die Anders Behring B. geleitet haben soll. Es ist ein nach seinen Angaben "Bio-Bauernhof" in der Ortschaft Rena, nahe Lillehammer, auf dem er unter anderem Gemüse gezüchtet haben soll. Dadurch, so vermutet die norwegische Polizei, hatte B. freien Zugang zu großen Mengen Dünger und chemischen Stoffen, mit denen die Autobombe von Oslo präpariert worden sein könnte.

"Wir haben ihm Anfang Mai sechs Tonnen Dünger verkauft, was eine ziemliche Standard-Bestellung darstellt", sagte die Sprecherin einer landwirtschaftlichen Kooperative, Oddny Estenstad, am Samstag. Zur genauen Zusammensetzung des synthetisch hergestellten Düngers wollte sie keine Angaben machen.

Auch wegen des Kunstdüngers und der gewaltigen Sprengkraft der Bombe erinnert das Attentat von Oslo an den Oklahoma-Anschlag vom April 1995. Damals tötete der amerikanische Rechtsextreme Timothy James McVeigh 168 Menschen und verletzte über 600 weitere. McVeigh hatte eine mit Düngemittel gefüllte Autobombe vor einem Regierungsgebäude in Oklahoma City gezündet. Der Attentäter sah sich im Kampf gegen den amerikanischen Staat und war Mitglied einer rechtsextremen Miliz. McVeigh wurde 2001 per Todesspritze hingerichtet.

Doch während McVeigh seinen wahnhaften Hass auf Regierungsangestellte beschränkte, hatte Anders Behring B. auch gänzlich unbeteiligte Menschen im Visier. Teilnehmer des Sommercamps auf Utøya berichteten, der Angreifer habe sie als Polizist verkleidet angelockt. "Kommt zu mir, ich habe wichtige Informationen, kommt zu mir, es besteht keine Gefahr", habe er gesagt, berichtete die 15-jährige Elise nach Angaben der Nachrichtenagentur NTB. Dann habe er geschossen. "Die Leute rannten überall wie die Verrückten. Er schoss, er schoss, er schoss", sagte das Mädchen.

Warum, das zu erklären, wird wahrscheinlich sehr lange dauern.

Mit Agenturen/print

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