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"Plötzlich sagte er Scheiß-Zecke"

Bei einem heimtückischen Angriff auf ein Zeltcamp in Nordhessen wurde jüngst ein 13-jähriges Mädchen schwer verletzt. Der Täter ist ein 19-jähriger Rechtsextremist, der in der NPD- und Naziszene radikalisiert wurde. Eine Spurensuche im Leben des Kevin S.

Von Gerald Drißner und Regina Weitz

Der Direktor lässt dem Schüler Kevin S. aus der Oberstufe ausrichten, dem Jungen mit den schwarzen Haaren und dem schmalen Gesicht, er soll bitte dringend in sein Büro kommen. Die Lehrer hätten sich beschwert, dass er den Unterricht ständig störe, weil er über Ideologie diskutieren wolle. Er soll auch gesagt haben, dass das mit dem Holocaust anders war. Kevin S. kennt diese Gespräche, er war schon öfters bei der Schulleitung. Zum Beispiel, weil er im Verdacht stand, Schulhof-CDs verteilt zu haben. Oder, weil er sich darüber aufregte, dass bei einem Kunstprojekt ein Bild gezeigt wurde, ein durchgestrichenes Hakenkreuz, das in einem Mülleimer lag. Kevin S. interessierte sich nicht mehr dafür, was die Pädagogen zu ihm sagen. "Dabei war er früher ein ganz normaler Junge, ein Computerfreak", sagt ein Mitschüler. "Doch plötzlich sagte er Scheiß-Zecke zu mir."

Butzbach, eine Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern, die "Perle der Wetterau", ziemlich genau in der Mitte Hessens, dort, wo die Autobahn A5 durch das Land gezogen wurde. Hier wächst Kevin S. auf. Er geht auf das örtliche Gymnasium und belegt Geschichte und Englisch als Leistungskurse, am liebsten aber hat er Politik und Wirtschaft. Er ist ein guter Schüler, will Abitur machen. Doch dann, vor etwa drei Jahren, gibt es plötzlich Dinge im Leben, die Kevin S. mehr interessieren. Er lernt in einer Rockkneipe in einem Nachbarort neue Freunde kennen. Der Laden ist ein Treffpunkt von Skinheads, Neonazis und rechten Musikern, die ihm ihre Sicht der Dinge erklären. Kevins Noten werden schlechter, er bleibt in der 11. Klasse sitzen. Er zieht daheim aus. Kevin S. hat nun neue Freunde gefunden. Es sind Leute, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie als Neonazis eingestuft werden. Leute, die sich in seiner Nähe niedergelassen haben.

In der Langgasse 16, in Hochweisel, einem Stadtteil von Butzbach, gibt es eine Hofreite. Auf dem Klingelschild steht kein Name, am Fenster haben die Bewohner eine Überwachungskamera installiert. Seit Anfang 2005 wohnen hier Mitglieder der "Freien Nationalisten Rhein-Main". Sie setzen sich für einen "reformierten Nationalsozialismus" ein. Ihr Ziel ist eine "befreite Zone": ein Aufmarsch- und Rückzugsgebiet für die Nationalisten Deutschlands. Sie ließen sich zuerst in einem Nachbarort nieder, doch die Anwohner protestierten und machten ihnen dermaßen Probleme, dass sie wegzogen, nach Butzbach, um hier ein neues Versammlungs- und Schulungszentrum aufzubauen.

Der Besitzer dieses Hofes ist Marcel Wöll, Jahrgang 1983, ein gelernter Schreiner. Es gibt ältere Fotos, die ihn mit Glatze zeigen. Später, als er plötzlich seine Zukunft in der Politik sah, ließ er seine Haare wachsen, einige wenige Millimeter. Von Mai 2006 bis April 2008 war er NPD-Landesvorsitzender in Hessen. Wöll ist mehrfach vorbestraft, als Gewalttäter und, weil er den Holocaust leugnete. Vor ein paar Wochen wurde schon wieder Anklage erhoben - eine alte Geschichte, 2004 soll er einen Kontrahenten bei einem Grillfest mit drei Messerstichen verletzt haben.

Genehmigte Aufmärsche

Wöll organisiert regelmäßig Aufmärsche, die der Neonazi ganz offiziell unter seinem Namen anmeldet und die von den hessischen Behörden genehmigt werden. Zum Beispiel jener am 7. Juli 2007 in Frankfurt-Hausen, zum Thema "Volksgemeinschaft statt Globalisierung", zu dem 700 Teilnehmer kamen, aus Hessen, Berlin und Bayern, aus Italien und England, darunter auch militante Skindheads. Sie wurden von achttausend Polizisten überwacht. Es war einer der größten Polizeieinsätze der vergangenen Jahre. Schon Wochen vor der Demonstration produzierte Kevin S. ein Werbevideo für den Aufmarsch. Es zeigt eine vermummte Frau, die einen Molotow-Cocktail in der Hand hält. Sie sagt: "Seit ich von dem Nazi-Aufmarsch in Frankfurt weiß, kann ich an nichts anderes mehr denken."

Kevin S. weiß, wie man Leute mobilisieren kann. Längst ist er im braunen Netzwerk zum Experten für Videobotschaften geworden. Er dreht und textet – und schneidet die Filme in einem speziell dafür eingerichteten Studio, auf Wölls Hofreite in Hochweisel. Kevin S. will eine Ausbildung zum Video- und Grafikdesigner beginnen, doch dafür braucht er Abitur. Ende letzten Jahres zieht er deshalb nach Thüringen.

In Jena, im Stadtteil Lobeda, findet er bei Kameraden Unterschlupf. Er wohnt im "Braunen Haus", wo auch die örtliche Geschäftsstelle der NPD ist. Hier wurde vor Jahren die Hausgemeinschaft "Zu den Löwen" gegründet, ein Treffpunkt für Rechtsextreme und Burschenschafter. Zur selben Zeit sind auch Lina und Alina in Jena, zwei Mädchen, ebenfalls aus Butzbach. Sie wurden von den Rechten beauftragt, Jungs von der linken Antifa abzuschleppen, um sie auszuhorchen. Kevins Plan, Abitur zu machen, will nicht klappen. Er kehrt zurück in seine Heimat, Hessen.

Videos im Netz gelöscht

Dort hängt er mit einem Mädchen ab, das sich Runen in die Haut tätowieren ließ und das eine 88 auf dem Autokennzeichen hat, das Symbol für Heil Hitler. Kevin S. schneidet weiterhin Filme, die er unter dem Pseudonym "exvodsPhoenix" ins Internet stellt. Als seine Beiträge aus dem Netz gelöscht werden, weil sie rechtsextrem und antisemitisch sind, nennt er sich "Heimat14" und gibt an, er sei ein 75-jähriger US-Bürger. In einem Video, das er "Deutsche vs. Antifa" nennt, sagen junge Kameraden über die Linken, sie seien "kleine verwirrte Systemlügner". Sie werfen den Mitgliedern der Antifa vor, "Scheinrevolutionäre" zu sein, fragen: "warum kämpft ihr nicht wie wir gegen den wahren Menschenfeind?"

Kevin S. versucht noch immer, eine Schule zu finden, wo er sein Abitur machen könnte. Ein Gymnasium im Schwalm-Eder-Kreis prüft seine Schulakte. Es ist eine ruhige Gegend in Nordhessen, vierzig Kilometer südlich von Kassel. Will man wissen, was es Neues gibt, erfährt man auf der Homepage der Kreisverwaltung, dass nun die Rapsernte ansteht. Diese heimelige Ecke Nordhessens ist aber auch ein beliebter Ruheort für Rechtsextreme. Es sind Leute wie Peter Naumann, Jahrgang 1952, der in seinen jungen Jahren mehrere Mahnmale in die Luft sprengte. 1982 hatte er die Idee, Rudolf Heß aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Spandau zu befreien.

Kevin S. hält sich nun oft in der Gegend um Treysa auf und bemüht sich, Anschluss zu finden. Seine rechten Kameraden sind hier schon länger aktiv, kleben Aufkleber an Laternen und pöbeln Leute an, die was gegen Nazis haben. Am Samstag, 19. Juli, um 16, findet auf dem Marktplatz die "Demo gegen Rassismus" statt. Angemeldet wurde sie von den Linken. Kevin S. fährt hin. Es kommt zu Pöbeleien, Kevin S. soll dabeigewesen sein, die Polizei greift ein.

Einen Tag später, am Sonntag, macht sich Kevin S. mit sechs Kameraden auf zum Neuenhainer See. Auf dem Campingplatz haben fünfzig Mitglieder von "Solid", der Jugendorganisation der Linkspartei, die vergangenen drei Tage gefeiert und im Zelt übernachtet. Sie schlafen, es ist auch noch sehr früh am Morgen, viertel vor Acht. Kevin S. trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Shirt, seine Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen. Er klettert über einen zweieinhalb Meter hohen Zaun, schleicht sich über die Wiese, schnappt, was er so findet, eine Bierflasche und einen Klappspaten, reißt ein Zelt auf und schlägt fest zu. "Ich habe nur noch quietschende Reifen gehört", sagt Markus L. Er lag fünfzig Meter entfernt in seinem Schlafsack. Er sieht ein 13-Jähriges Mädchen heulen, das schwer verletzt wurde. Ihr 23-jähriger Stiefbruder sitzt geschockt daneben, er blutet. Kevin S. und seine Kameraden fliehen. Doch jemand schreibt das Kennzeichen des Wagens auf. Die Pöbeleien, die Schmiererein, die Anfeindungen und Attacken der Rechten auf ihre Gegner sind einigen Bewohnern schon seit Monaten aufgefallen. Sie sagten nach dem Überfall, dass es schon lange Probleme mit offenbar gut organisierten Rechten im Schwalm-Eder-Kreis gebe. Die Behörden aber sagen, es gebe keine vernetzten Strukturen.

In der linken Szene erzählt man sich, dass Kevin S. ausgepackt haben soll. Dass er den Beamten Namen und Adressen sagte. Dass die Polizei nun gegen ein halbes Dutzend Rechtsradikale vorgehen werde.

Kevin S. festgenommen

Jetzt durchsuchten Beamten dreizehn Wohnungen im Schwalm-Eder-Kreis. Sie fanden mehrere tausend Aufkleber, Spray-Vorlagen für Logos und Waffen. Ein Polizeisprecher erklärte, dass die Durchsuchungen in keinem Zusammenhang mit dem Überfall auf die 13-Jährige stehe. Es sei eine schon lange geplante Aktion gewesen. Kevin S. wurde bereits Stunden nach der Tat festgenommen. Ihm droht eine Anklage wegen versuchten Mordes.

In der rechten Szene ist man sich nicht einig, was man nun von Kevin S. halten soll. Die einen distanzieren sich und schreiben im Internet, dass "das Verhalten des Kameraden völlig unbegreiflich ist". Andere hingegen sind überzeugt, dass das 13-jährige Mädchen "nichts weiter als ein Kollateralschaden" sei. Jetzt hätte das Mädchen wenigstens einen Grund, gegen Nazis zu sein.

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