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Auschwitz-Wachmann steht wegen 170.000-facher Mordbeihilfe vor Gericht

Die Anklage in Detmold wirft ihm unter anderem Beihilfe bei Massenerschießungen vor: Mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steht ein 94 Jahre alter früherer SS-Wachmann des Vernichtungslagers Auschwitz in Detmold vor Gericht.

Prozess in Detmold

Der Angeklagte (r.) wird in den Gerichtssaal in Detmold geführt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 94-Jährigen Beihilfe bei der sogenannten "Ungarn-Aktion", bei Massenerschießungen und der "Selektion" von KZ-Insassen vor.

Vor dem Landgericht Detmold muss sich mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz verantworten. Der 94-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen angeklagt. Er soll 1943 und 1944 als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz im dortigen Stammlager eingesetzt worden sein.

Etliche Holocaust-Überlebende nehmen an dem Verfahren als Nebenkläger teil. Dutzende Journalisten aus dem In- und Ausland sowie Auschwitz-Überlebende und Angehörige verfolgten den Prozessauftakt in den Räumen der Industrie- und Handelskammer. Dorthin ist die Schwurgerichtskammer umgezogen, weil der Platz im Gericht nicht ausreichte.

Holocaust-Leugnerin bedrängt

Zum Prozessauftakt war auch die verurteilte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck erschienen. Die 87-Jährige wurde vor dem Eingang von Anwesenden bedrängt und musste von der Polizei geschützt werden. Sie verließ den Ort dann wieder.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Beihilfe bei der sogenannten "Ungarn-Aktion"- der gut dokumentierten Deportation und Ermordung von Juden aus Ungarn 1944 -, bei Massenerschießungen und der "Selektion" von KZ-Insassen vor. Mit seinem Einsatz als Wachmann habe er zum Funktionieren der Maschinerie beigetragen, heißt es in der Anklageschrift.

Verhandlungsdauer auf zwei Stunden begrenzt

Der Angeklagte hat bereits vor dem Prozess eingeräumt, im Stammlager eingesetzt gewesen zu sein. Eine Beteiligung an Tötungen von Menschen bestreitet er aber. Die Staatsanwaltschaft betont, mit seinem Einsatz als Wachmann habe er zum Funktionieren der Maschinerie beigetragen.

Am ersten Tag soll die Anklageschrift verlesen und ein erster Zeuge angehört werden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass keiner der Zeugen den Angeklagten selbst kannte. Für den Prozess sind zunächst zwölf Verhandlungstage bis Ende Mai vorgesehen. Mit Rücksicht auf die Gesundheit des hochbetagten Angeklagten ist die Verhandlungsdauer auf zwei Stunden begrenzt.

In die Strafverfolgung mutmaßlicher NS-Täter ist durch eine veränderte Rechtsauslegung von Gerichten neuer Schwung gekommen. Im vergangenen Jahr war bereits ein anderer in Auschwitz eingesetzter SS-Mann am Landgericht Lüneburg in Niedersachsen wegen Beihilfe zum 300 000-fachen Mord zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil gegen den "Buchhalter von Auschwitz", Oskar Gröning, ist noch nicht rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof muss noch über die Revision entscheiden.

Neben dem Prozess in Detmold starten dieses Jahr noch mindestens zwei Gerichtsverfahren, in denen es um die Verbrechen in Auschwitz geht.

mad/DPA/AFP
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