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Als die Wiesn Trauer trug

Vor 30 Jahren explodierte eine Bombe auf dem Oktoberfest. Es war einer der schwersten Anschläge im Nachkriegsdeutschland. Offiziell war es die Tat eines Einzeltäters. Doch es gibt große Zweifel.

Von David Weyand

Es ist nicht der ganz normale Wiesn-Wahnsinn, der sich am 26. September 1980 in München abspielt: Zehntausende Menschen feiern mit Bier und Brezn auf dem größten Volksfest der Welt. Der Oktoberfest-Tag steht kurz vor dem Ende, die bierseeligen Massen werden bald aus dem Zelt gefegt. Da schießt plötzlich um 22.19 Uhr eine mehr als fünf Meter hohe Stichflamme in den Himmel. Eine gewaltige Explosion in einem Mülleimer am Haupteingang des Festes verwandelt die Theresienwiese in ein Inferno. 13 Menschen sterben durch die Metallsplitter einer zur Bombe umgebauten Mörsergranate, 213 weitere werden teils schwer verletzt.

Auch heute, 30 Jahre später, besteht noch immer keine Gewissheit über das Geschehen. Es gibt Zweifel an der offiziellen Version. Danach hat der 21-jährige Geologiestudent Gundolf Köhler aus dem schwäbischen Donaueschingen den Anschlag, den größten auf deutschem Boden, begangen. Alleine. Zeugen haben Köhler am Tatort gesehen. Köhler stirbt bei dem Anschlag. Er hat die Hände an der Bombe, als sie explodiert. Bei der Durchsuchung seines Elternhauses in Donaueschingen finden die Ermittler weitere Hinweise, unter anderem Chemikalien und Spuren von Metallsplittern. Am Tag nach dem Anschlag steht Köhler als Täter fest.

Die Ermittler der Sonderkommission "Theresienwiese" des bayerischen Landeskriminalamtes gehen insgesamt über 850 Spuren nach und vernehmen mehr als 1700 Zeugen. Schnell ist klar, dass Köhler, Mitglied einer rechtsextremen Studentengruppe, Kontakte zur Wehrsportgruppe Hofmann hat. Die rechtsextreme Gruppe mit etwa 400 Mitgliedern trifft sich seit Ende der 70er Jahre unter Leitung des Franken Karl-Heinz Hoffmann regelmäßig zu paramilitärischen Übungen. Ist der Anschlag die erste größere Tat einer rechtsextremen Terrorgruppe in Deutschland? Ist Köhler demnach kein Einzeltäter? Für die Bundesanwaltschaft, die das Verfahren unmittelbar nach dem Anschlag an sich zieht, ist der Fall klar. Köhler habe den Sprengsatz gebaut, ihn zum Tatort gebracht und dort auch gezündet. Weitere Attentäter gebe es nicht. Das Verfahren wird am 23. November 1982 eingestellt.

Schnell ergeben sich Widersprüche

Dass Köhler an der Tat beteiligt war, daran hat auch Ulrich Chaussy keinen Zweifel. Doch was den Münchener Journalisten seit fast 27 Jahren umtreibt, ist die Frage, ob Köhler tatsächlich als psychisch debiler Einzeltäter gehandelt hat. Der Journalist hat erhebliche Zweifel. "Ich kann keine anderen Täter liefern, aber es gibt erhebliche Fragezeichen in dem Fall, die weitere Ermittlungen dringend notwendig machen", sagt er. Unterschiedliche Zeugen hatten Köhler kurz vor der Explosion in Begleitung zweier anderer Männer gesehen. Ob er tatsächlich die Bombe gezündet hat, sei bis heute nicht eindeutig bewiesen, meint Chaussy.

Bereits kurz nach Einstellung des Verfahrens legt der Opferanwalt Werner Dietrich im Januar 1983 Beschwerde ein. Er hat aufgrund eigener Hinweise von weiteren Zeugen ebenfalls Zweifel an der These vom Einzeltäter und verlangt eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Auch Ulrich Chaussy bekommt Akten zugespielt und beginnt über das Attentat und den vermeintlichen Einzeltäter Gundolf Köhler zu recherchieren. Dabei ergeben sich für ihn immer mehr Widersprüche.

In den Unterlagen wird Köhler als depressiver und frustrierter junger Mann beschrieben. Die Charakterisierung stützt sich auf Aussagen eines früheren Schulfreundes. Chaussy findet Hinweise, die ihn daran zweifeln lassen: Köhler habe noch kurz zuvor eine Reise unternommen, sich als Schlagzeuger einer neuen Band angeschlossen und einen Bausparvertrag abgeschlossen. Außerdem findet er es verwunderlich, dass die Aussagen eines anderen Schulfreundes, wonach Köhler zuvor über einen möglichen Bombenanschlag gesprochen habe, für den man aber mindestens zwei Täter benötige, nicht weiter verfolgt wurden. Chaussy schreibt seine Recherchen in dem Buch "Oktoberfest. Ein Attentat" auf, das 1985 erscheint.

Unterstützung für Chaussy

Für die Mitarbeit an dem Fernsehfilm "Anschlag auf die Republik? Das Oktoberfestattentat 1980" nimmt Chaussy seine Unterlagen 2008 noch einmal genauer unter die Lupe. Dabei findet er Aussagen im Bericht der Spurensicherung, wonach Handfragmente am Tatort gefunden wurden. Diese konnten damals keinem der Todesopfer oder Verletzten eindeutig zugeordnete werden. Hinzu kommt die Aussage einer Zeugin, wonach direkt nach der Explosion eine neben Köhler stehende Person rennend den Tatort verließ. Ein Mittäter?

Der Journalist wendet sich an die Bundesstaatsanwaltschaft und regt eine DNA-Untersuchung der Beweismittel an, um zweifelsfrei festzustellen, ob die Teile der Hand vom Attentäter stammen oder nicht. Dabei kommt heraus, dass sämtliche Asservaten bereits im Jahr 1997 vernichtet wurden. "Das ist ungeheuerlich", sagt Chaussy. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sieht das anders: "Der Fall ist für uns abgeschlossen." Es sei normale Praxis, dass Beweisstücke nicht ewig aufbewahrt werden. Was die Handfragmente angeht: Durch den Vergleich von Fingerabdrücke an Schriftstücken Köhlers, die identisch waren, lasse sich nach menschlichem Ermessen davon ausgehen, dass die gefundenen Teile der Hand dem Attentäter gehörten.

Die Recherchen des Journalisten Tobias von Heymann nähren die Zweifel an der offiziellen Version. Er hat für sein 2008 veröffentlichtes Buch "Die Oktoberfestbombe" tausende Seiten Stasi-Unterlagen durchgeackert. Darin findet Heymann Aussagen, die erneut an der Einzeltätertheorie zweifeln lassen. Anwalt Dietrich beantragt 2009 erneut die Wiederaufnahme. Die Bundesanwaltschaft kam jedoch im Frühjahr 2010 wieder zu dem Schluss, dass es keine neuen Erkenntnisse gebe. Chaussy ärgert das. Er sieht die Bundesanwaltschaft in der Verantwortung. Sie sei die größte Behörde zur Terroraufklärung in Deutschland und habe die Aufgabe, den vielen Zweifeln wirklich auf den Grund zu gehen. "Stattdessen werden neue Ermittlungen immer wieder abgeblockt, weil es angeblich keine ausreichenden Ansatzpunkte für sie gibt".

Ein Mann bleibt dran

Chaussy jedenfalls wird das Thema nicht so schnell zu den Akten legen. Im August hat sich der Journalist im Bundesarchiv in Koblenz 10.000 Seiten Ermittlungsakten geackert. Es seien darin neue Ansatzpunkte für Ermittlungen erkennbar, man müsse diese nur aufgreifen wollen, sagt er. Aus diesem Grund habe er anlässlich des 30. Jahrstages einen Offenen Brief an die Bundesjustizministerin Sabine-Leutheusser Schnarrenberger unterschrieben. Darin fordern die Unterzeichner von der Ministerin, dass sie die Bundesanwaltschaft bitte, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Ein Sprecher des Ministeriums sagte dazu nur, dass die Justiz in Deutschland unabhängig sei und selbst entscheiden müsse, wann sie Ermittlungen aufnehmen und wann nicht.

Es erscheint fast schon ausgeschlossen, dass jemals alle Zweifel an dem offiziellen Tathergang beigelegt werden. Die Angehörigen der Toten hoffen unverdrossen auf völlige Aufklärung. Sie werden am Mahnmal des Attentates am Eingang zur Theresienwiese den ganzen Tag über den Opfern gedenken - und sie werden für neue Ermittlungen protestieren.

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