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"Sagt man Mollath, ist man Staatsfeind"

Auf Twitter erwähnt Ursula Gresser eine Veranstaltung von Bayerns Justizministerin und Gustl Mollath. Prompt steht die Polizei vor ihrer Tür – den Tipp haben die Beamten von einem Anwalt.

Von Katharina Grimm

  Gustl Mollath sieht sich als Opfer eines "entgleisten Justiz- und Regierungssystems"

Gustl Mollath sieht sich als Opfer eines "entgleisten Justiz- und Regierungssystems"

Die zwei Männer kamen ihr gleich verdächtig vor. Wer betrachtet schon so lange die Blumen im Vorgarten? Aber warum schleichen die beiden Herren umher? Das fragt sich die Medizinprofessorin Ursula Gresser, als sie Montagmittag aus dem Küchenfenster ihres Einfamilienhauses schaut. Neben ihr sitzt ein junger Arzt, er will mit ihr seine Doktorarbeit besprechen. Dann klingelt es.

Die beiden Männer weisen sich als Polizisten aus. Ob sie Frau Professor Doktor Ursula Gresser sei? Ob sie eine Nachricht bei Twitter verbreitet habe über eine Veranstaltung am Abend? Mit der Justizministerin? "Ich habe einen Fehler gemacht", sagt Gresser am Dienstag gegenüber stern.de. "Ich habe in dem Tweet den Namen Mollath erwähnt."

In dem inzwischen gelöschten Tweet schrieb Gresser: "Wann Mollath freikommt? Diese Frage könnte man Frau Merk am Mo. 10.06.13 um 19 Uhr im Landgasthof Hofolding stellen." Mehr nicht. Doch zwei Reizwörter trafen auf 140 Zeichen aufeinander: Der Name des höchst umstrittenen Psychiatriefalls Gustl Mollath und der bayerischen Justizministerin Beate Merk.

Der Hintergrund dieser Posse: Die Affäre um Gustl Mollath ist ein juristischer Aufreger. Mollaths Ex-Frau wirft ihm Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung vor. Diese Anschuldigungen brachten Mollath, der daraufhin als gemeingefährlich eingestuft wurde, in die Psychiatrie – dort sitzt er seit über sieben Jahren zwangsweise ein. Ursula Gresser ist – wie viele andere auch – von Mollaths Unschuld überzeugt. Und erhebt Vorwürfe gegen die bayerische Justiz.

Polizei gibt sich wortkarg

Deshalb stehen nun Polizisten in Sauerlach, einem Dorf südlich von München, vor Gresser Haustür. "Die taten mir schon fast leid, wie sie so rumdrucksten", sagt Gresser. Denn die Beamten wollen nicht so recht mit der Sprache herausrücken, warum sie eigentlich geklingelt haben. Also stellt sie Fragen: Ob diese Veranstaltung nicht öffentlich sei? Doch, doch, natürlich. Ob sie besser nicht zu der Veranstaltung hingehen solle? Nun ja. "Ein diskretes Nicken", so Gresser. Ob sie den Tweet löschen solle? Die Reaktion der Polizisten muss Gresser von deren Gesichtern ablesen. "Ich glaube, die wussten gar nicht, was ich meine", sagt sie. Also entfernt Gresser den Eintrag, und die Polizisten ziehen zufrieden ab.

Der Journalist Richard Gutjahr, der über den Hausbesuch in seinem Blog berichtet, versuchte bei der Münchener Polizei Antworten zu bekommen. Einsilbig und schmallippig reagierte der Sprecher der Behörde. Auf Nachfrage von stern.de sagte ein Sprecher des Justizministerium, der Polizeibesuch habe nichts mit dem Fall Mollath zu tun. Ein Hinweis sei durch einen Anwalt beim Ministerium eingegangen. Der Verdacht des Juristen: Frau Gresser könne die Veranstaltung stören – oder als Bühne für eine andere Rechtsstreitigkeit nutzen. Diese Schreiben wurde an das für den Personenschutz der Ministerin zuständige Landeskriminalamt weitergeleitet. Dem Anwaltsschreiben sollen laut Justizministerium auch Twittermeldungen beigefügt worden seien, die den Verdacht erhärten.

Frau Dresser weist die Vorwürfe des Anwalts zurück. Die Polizisten hätten sie explizit wegen des Tweets über Mollath besucht. Sie will den Anschuldigungen nun nachgehen. "Ich hätte doch niemals diese Veranstaltung gestört", sagt sie.

Ein Tweet, ohne Beleidigung, ohne Drohung, ohne Beschuldigung – und trotzdem steht die Polizei auf der Schwelle? Eigentlich wollte die Professorin nicht zu dieser Veranstaltung mit dem für sie inzwischen makabren Titel: "Facebook & Co. – sicher surfen in sozialen Netzwerken, mit Staatsministerin Dr. Beate MerK". Nun aber war Gresser neugierig. "Am Eingang standen drei große Herren, die wirkten wie eine ganze Mannschaft Männer", sagt die nur 1,58 Meter große Gresser. "Eigentlich traurig, dass Politiker mit drei Sicherheitsmännern auf eine Veranstaltung mit 20 Leuten kommen", sagt die Medizinerin. Sie wurde beäugt, die Herren begannen zu tuscheln, dann ein weiterer Blick – dann wurde sie in den Saal gelassen.

Die Gefahren von Twitter

Die Professorin ist zwar erschüttert von dem Besuch der Polizeibeamten – aber sie will sich nicht einschüchtern lassen. Auch zum Thema Mollath nicht. "Das kann doch nicht sein: Kaum sagt man den Namen Mollath, wird man zum Staatsfeind erklärt wird", sagt Gresser.

In ihrer Freizeit hat sie viele Quellen und Dokumente gelesen. "Ich erwarte von unserem Staat eine gesunde Fehlerkultur. Anträge sind dazu da, sie zu bearbeiten – und nicht abzulegen und zu vergessen", sagt Gresser. Am heutigen Dienstag steht Gustl Mollath vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages und wird als Zeuge vernommen. In drei Tagen soll die Justizministerin aussagen.

Viel Neues hat Gresser auf der Veranstaltung nicht erfahren. Vor allem Twitter, so Beate Merk, biete im Gegensatz zu Facebook die Gefahr eines sogenannten Shitstorms. "Aha, dachte ich mir nur", sagt Gresser und lacht. "Ich kenne da noch andere."

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