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Der Gotteskrieger von Köln

Ein Pastor aus den USA hat zur Koranverbrennung am 11. September aufgerufen. Die Reaktionen sind scharf - und passen wunderbar ins Kalkül des christlichen Fundamentalisten.

Von Manuela Pfohl

Am Anfang war das Wort. Terry Jones verkündete es zu Beginn des neuen Jahrtausends in einer tristen Halle in Köln-Ehrenfeld. Er stand im Scheinwerferlicht auf einer riesigen Bühne und sagte: "Die einzige Hoffnung für Deutschland ist das Reich Gottes." Die Menschen im Saal lobten den Herrn und begannen sich in ekstatischen Tänzen zu wiegen. Manche fielen auf die Knie im stillen Gebet zu Gott, der ihnen den stimmgewaltigen Pastor aus Amerika geschickt hatte. Andere blickten mit tränenfeuchten Augen in die Zukunft, die ihnen der religiöse Charismatiker versprach und niemand von ihnen ahnte, dass der hagere Diener des Herrn, der da im schwarzen Anzug vor ihnen stand, der "Christlichen Gemeinde Köln" künftig vor allem einen Haufen Ärger bescheren würde.

Dass das Kölner Amtsgericht Terry Jones im Jahr 2002 wegen Führens eines falschen Doktortitels zu einer Geldbuße von 3000 Euro verurteilte und man später sogar die Polizei im Gemeindezentrum hatte, weil die Ermittler Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung des Dienstes an Gott vermuteten, konnte die Gemeinde dem Mann noch irgendwie verzeihen. Aber dass Jones nun den 11. September zum "Internationalen Tag der Koranverbrennung" ausgerufen hat und die Gläubigen weltweit dazu auffordert, öffentlich die heilige Schrift der Muslime zu verbrennen, geht doch entschieden zu weit.

Es gibt keinen Gott im Islam

Im weiß verputzten Haus der "Christlichen Gemeinde Köln" steht das Telefon nicht mehr still, seit der Plan des radikalen Pastors bekanntgeworden ist, am 11. September in Florida öffentlich den Koran zu verbrennen. Stephan Baar, zweiter Vorsitzender der Gemeinde, die einst Jones ins Leben gerufen hatte, muss nun all den Leuten, die hier anrufen und um eine Stellungnahme bitten, erklären, dass es durchaus unterschiedliche Auffassungen dazu gibt, wie das Himmelreich auf Erden geschaffen werden kann. Und dass die Gemeinde deshalb schon seit 2008 nichts mehr mit ihrem früheren Pastor zu tun haben will. "Wir distanzieren uns von dieser Aktion und möchten damit nicht in Verbindung gebracht werden", sagt Baar zum x-ten Mal ins Telefon.

Jones selbst dürfte die Aufregung in Köln herzlich willkommen sein. Seit er sich in Gainesville, Florida niedergelassen hat, kämpft er einen kompromisslosen Kampf um die wahre Botschaft Gottes. Sein Gegner ist neben Homosexuellen und Abtreibungsgegnern vor allem der Islam. Denn Jones ist überzeugt: Es gibt keinen Gott in der Sünde der Welt und erst recht gibt es keinen Gott im Islam. Denn "der Islam ist des Teufels, weil die Lehren des Islam und alles das, was sie behaupten, ein Teufelswerk aus Lügen, Gewalt und Unterdrückung sind".

Der "Islam des Teufels"

Doch bislang scherte sich kaum jemand um den fanatischen Gotteskrieger. Dass er ein Schild vor seinem "Dove World Outreach Center" in Gainesville aufstellen ließ, das darüber aufklärt, dass der "Islam des Teufels" ist, fiel in der 120.000 Einwohner-Stadt nicht wirklich jemanden auf. Immerhin kämpfen dort an die 70 christliche Kirchen mit viel Ehrgeiz um die Seelen der Gläubigen. Auch die T-Shirts zu 20 Dollar, die er mit derselben Botschaft bedrucken ließ, fanden nicht wirklich reißenden Absatz.

Erst mit seiner angekündigten Koranverbrennungsaktion scheint Jones gelungen zu sein, was er sich so erhoffte. Als bislang ranghöchste Vertreterin der US-Regierung verurteilte Außenministerin Hillary Clinton am Dienstag (Ortszeit) den "respektlosen und schändlichen" Plan. Die Arabische Liga, die EU und der Vatikan äußerten sich am Mittwoch ebenfalls empört.

Endlich steht Terry Jones wieder auf der ganz großen Bühne, wie damals in Köln-Ehrenfeld.

"Wir werden den Namen unserer Gemeinde ändern"

Jones hatte die "Christliche Gemeinde Köln" als eine Art charismatische Gemeinschaft von Bibelfundamentalisten in den 1980er-Jahren gegründet - angeblich, nachdem er ein Zeichen Gottes erhalten hatte. Berichten zufolge soll Jones wie ein Sektenführer geherrscht und Leute psychisch unter Druck gesetzt haben. Zeitweise hatte er in Köln rund 800 Anhänger. Gemeindemitglieder beschreiben ihn als eine sehr charismatische Persönlichkeit, die Menschen in ihren Bann ziehen könne.

Zugleich habe er aber ein strenges Regiment geführt und strikte Hierarchien aufgebaut. Alles musste nach seinem Willen gehen. "Er war kein Pastor, der zu allen kommt und sich um jeden kümmert", erzählt ein ehemaliges Gemeindemitglied und Baar ergänzt: "Er hat nicht die biblischen Werte und das Christentum nach außen getragen, sondern sich selbst als Person in den Mittelpunkt gestellt." Den Geist, den Jones anklage, bringe er selber, sagt Baar kopfschüttelnd. Doch so wie er Jones kenne, werde der sich trotz der weltweiten Proteste nicht von seinem Plan abbringen lassen. "Terry Jones ist jemand, der etwas bis zu Ende durchbringt, wenn er es als von Gott gegeben sieht."

Die "Christliche Gemeinde Köln", die heute nach eigenen Angaben noch etwa 60 bis 80 Mitglieder hat, hofft, dass jetzt möglichst bald wieder Ruhe bei ihr einkehrt. Ihre Distanzierung von Jones will sie nun laut Baar auch äußerlich sichtbar machen: "Wir werden den Namen unserer Gemeinde ändern."

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