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Sollen wir über Breivik schweigen?

Er hat einen Massenmord begangen, damit wir sein "Manifest" lesen. Hat uns Breivik besiegt? Sind wir seine Agenten, sollten wir ihn mit Schweigen bestrafen?

Von Sophie Albers und Lutz Kinkel

  Der Massenmord als Medienkampagne

Der Massenmord als Medienkampagne

Der Massenmord als Medienkampagne

Alles läuft nach Plan. Die Medien füllen Seite um Seite, Sendung um Sendung mit Analysen, Spekulationen und Erklärungen, welches Gedankengebäude dem jungen Mann Heimat ist, der erst acht Menschen in die Luft sprengt, um dann 68 mit Schüssen hinzurichten. Im Netz führt der Name des Attentäters von Oslo nun gleich zu mehreren Wiki-Einträgen in allen denkbaren Sprachen, zu allen möglichen Themen. Seine tödliche Ideologie fliegt in Form eines 1500 Seiten starken Manifests so einfach zugänglich durchs Netz wie ein Bild der zugedrogten Amy Winehouse.

Genauso hat er sich das vorgestellt.

Wohl deshalb hat er als Bonus für seine Zusammenarbeit nach dem Morden um einen Computer gebeten, um prüfen zu können, wie gut seine mediale Vorbereitung denn ankommt. Das Konvolut - zwecks internationaler Wirkung auf Englisch verfasst - ging wenige Stunden vor den Attentaten an Pressevertreter sowie an - seiner Meinung nach - politisch Gleichgesinnte. Bilder waren auch dabei, die ihn - mit Hilfe von Photoshop - mal als Spießer, mal als Kämpfer zeigen. Facebook und Twitter hat er wenige Tage vorher bestückt. Würde er Zugang zu einem Computer bekommen, was hoffentlich niemals passieren wird, würde der Massenmörder sehen, dass die Welt frisst, was er ihr vorgesetzt hat. Gemäß seinem Anspruch, dass die Verbreitung seiner Gedanken wichtiger ist, als die Tat, die nun dazu führt.

Warum schweigen wir also nicht? Warum belegen wir diesen Menschen nicht mit dem alten Fluch, dass sein Name und Gedenken für immer ausgelöscht sei? Warum helfen wir ihm bei der Ausführung seines Plans?

Das ist Polizeiarbeit

Um zu verstehen, wie so einer tickt, heißt eines der Argumente, das doch reichlich naiv wirkt angesichts des letztlich Unverstehbaren. Es stellt sich die Frage, was genau verstanden werden soll und zu welch anderem Zweck als dem Schrecken vor der menschlichen Grausamkeit. Dieses Manifest ist eine Rechtfertigung für etwas, das nicht zu rechtfertigen ist: das eigene Leben über das Leben anderer zu stellen. Es auszuwerten, sollte Polizeiarbeit sein, um mögliche Mittäter oder Verbindungen aufzuspüren. Und sollte es solch ein Netzwerk geben, muss an die Politik verwiesen werden, damit sie eingreifen kann.

Das wahre Argument ist Ohnmacht: Die Verbreitung des vom Attentäter selbst gewählten Bildes und seiner Beschreibung ist im Online-Zeitalter nicht zu verhindern. Wer möchte, findet es.

Das aber darf für uns keine Ausrede sein, dem Täter die Macht zu geben, die er sich mit Morden zu erkaufen sucht.

  Wir müssen über Breivik schreiben

Wir müssen über Breivik schreiben

Wir müssen über Breivik schreiben

Ein wirrer, selbsternannter Terminator massakriert auf einer norwegischen Ferieninsel Jugendliche in einem sozialdemokratischen Camp. Danach lässt er sich festnehmen, denn er hat erreicht, was er wollte: Einen monströsen Horror zu produzieren, der globale Aufmerksamkeit auf seine Person lenkt, auf seine Gedankenwelt, auf seine Motive. Kurz vor dem Attentat hatte Breivik sein "Manifest" ins Netz gestellt, Fotos, eine Facebook-Seite. Wir Journalisten bohren uns in diesen Stoff, reproduzieren und multiplizieren ihn, wir sind im schlimmsten Fall seine Agenten, seine Lakaien. Genau das, was er bezweckt hatte.

Es gibt Gegenmaßnahmen, die jedes seriöse Medium anwendet, um sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Dazu gehört, die Selbstinszenierung des Täters auf seinen Fotos kritisch zu brechen, sein "Manifest" nicht ungefiltert weiterzureichen, die Perspektive der Opfer herauszustellen. Das alles ist richtig und notwendig. Aber es darf uns nicht daran hindern, jede Sekunde im Leben des Täters akribisch auszuforschen.

Auf den Begriff bringen

Zwei zentrale Gründe gibt es dafür.

Erstens: Niemand soll mit Schatten, Dämonen und Monstern leben, denen er scheinbar hilflos ausgeliefert ist. Das ist Fantasy, Mittelalter, die Verdunklung des Geistes. Es muss eine Chance geben, diesen Zustand abzuwerfen, das Grauen zu rationalisieren. Und das geht nur, wenn wir es auf Begriffe bringen, die uns eine Verarbeitung ermöglichen. Die gesamte Forschung zum Holocaust und zu Hitler ist - auch - eine immer wieder erneuerte Anstrengung zu verstehen, um nicht psychisch verschluckt zu werden.

Zweitens: Wer Breiviks Biografie nicht studiert, seine Herkunft, seine Netzwerke, die kulturellen Einflüsse, die auf ihn wirkten, versündigt sich an der Prävention. Nur wenn wir eine Vorstellung davon gewinnen, was diesen Menschen zu einem Massenmörder gemacht hat, kann die Politik eingreifen. Die Debatte in Deutschland ist noch reflexartig, parteipolitisch geprägt. Die einen wollen die Vorratsdatenspeicherung umsetzen, die anderen das Internet stärker überwachen, ein tollkühner Gedanke. Aber das ist eben nur der chaotische Beginn der Debatte. Die Sicht auf das notwendige politische Instrumentarium wird sich präzisieren, je besser Breiviks Biografie untersucht ist.

Die Rolle des Richters

Über Breivik zu schweigen hieße, die Position eines Richters einzunehmen, der die Erfolgsmaßstäbe des Täters umkehrt und daraus die Höchststrafe generiert: ignorieren. Das ist eine moralisch-ethisch verständliche Perspektive. Aber keine journalistische Aufgabe. Und ihr Gewinn wäre höchst zweifelhaft. Denn mit der Nichtbefassung würden wir uns freiwillig in den Status der Unmündigkeit begeben.

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