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Angst am "Highway des Grauens"

Am Rande der Schnellstraße bei der britischen Stadt Ipswich wurden fünf Nutten tot aufgefunden. Nachts traut sich keiner vor Tür, das Rotlichtviertel zittert vor dem "Ipswich-Ripper".

Als Paula Clennell ihr erstes und letztes Fernsehinterview gab, verbarg sie ihr Gesicht unter einer Kapuze. "Mir zieht es vor Angst den Magen zusammen", sagte die 24-Jährige Prostituierte dem Reporter des britischen Senders ITV. "Aber ich muss wieder auf die Straße, ich brauche einfach das Geld." Das war vor einer Woche, als die Polizei bereits nach einem unberechenbaren Mörder fahndete, der seine Opfer im Rotlichtviertel der ostenglischen Stadt Ipswich fand. Wenige Tage nach dem Interview wurde auch Paula ermordet.

Die Leiche der Mutter von drei Kindern lag genau wie die toten Körper von vier anderen "Sexarbeiterinnen" am Rande der vierspurigen Schnellstraße A14. Verteilt über eine Strecke von weniger als 15 Kilometer. "Highway des Grauens" wird dieser Teil der A14, die Ipswich mit dem kleinen Hafenort Felixstowe an der Nordsee verbindet, inzwischen von manchen genannt.

Morden wie im Rausch

"Terror in unserer Stadt" titelte die Lokalzeitung "Ipswich Evening News". Ein "Spree Killer" treibe sein Unwesen - einer, der ohne Skrupel aus Lust wie in einem Rausch morde. "Das ist kein Killer vom Typ Jack the Ripper", glaubt "Evening News"-Chefredakteur Nigel Pickover. "Die Experten haben uns erklärt, dass ein "Spree Killer" viel gefährlicher als andere Serienmörder ist."

Der oder die Täter von Ipswich, sagt Chefermittler Stewart Gull, seien "in der britischen Kriminalgeschichte einzigartig". Zwar habe seinerzeit der als "Yorkshire Ripper" berüchtigte Peter Sutcliffe mindestens 13 Frauen umgebracht, aber diese Verbrechen hätten sich über fünf Jahre erstreckt. "Fünf Frauenmorde in nur zehn Tagen gab es bei uns noch nie", sagt Gull. "Wir tun alles, um einen weiteres Gewaltverbrechen zu verhindern."

Der Mörder macht sich lustig

Dass dies gelingt, wird von nicht wenigen Experten bezweifelt. "Dieser Mörder schlägt zu, weil er sich damit über die Polizei lustig machen kann", warnt der Gerichtspsychologe Keith Ashcroft. "Ich glaube, er verspottet sie. Vermutlich hegt er einen Groll gegen die Polizei. Er will sie als inkompetent erscheinen lassen."

Für diese Theorie scheint zu sprechen, dass in der Umgebung von Ipswich selbst dann noch zwei Frauen ermordet und mit geradezu abfällig wirkender Geste dicht beim Straßenrand abgelegt wurden, als längst mehr als 100 Polizisten im Großeinsatz waren. Der amerikanische Serienmord-Experte Joseph Diaz warnte: "Ihm verschafft das Erwürgen seiner Opfer Wonneschauer. Deshalb hört er nicht auf."

Dass zunächst keine weitere Frau als vermisst gemeldet wurde, sehen die Experten nicht als Grund zur Beruhigung. Wer immer der "Ipswich Ripper" sei, er werde früher oder später weitermachen. Man könne nur beten, dass er schneller gefasst wird, als 1980 in den USA der Serienkiller Gary Ridgway. Der hatte im Großraum von Seattle mindestens 48 Frauen, zumeist Prostituierte, ermordet.

Die Angst geht um in Ipswich

In der Nacht zum Mittwoch waren die Straßen in Ipswich nahezu menschenleer - sieht man von den Polizisten ab, die unter leuchtender Weihnachtsreklame Wache hielten. "Wir sind alle furchtbar geschockt", sagt die Kassiererin einer Tankstelle am Rand des Rotlichtviertels der rund 120.000 Einwohner zählenden Stadt. Die Tür hat sie fest verschlossen. "Man fragt sich doch, was passiert, wenn er nicht nur Prostituierte, sondern Frauen überhaupt angreift."

Trotz der Gefahr versuchten immer noch einige wenige "Sexarbeiterinnen" Freier aufzutun. "Wir wissen, dass sie Geld für Rauschgift brauchen", sagte der Chef der Verwaltung der Grafschaft Suffolk, Jeremy Pemberbrock. "Aber viele andere der 'working girls' mit einem Drogenproblem haben unsere unbürokratische Soforthilfe angenommen."

Das staatliche Angebot, süchtigen Frauen in Not zu helfen, kam allerdings erst am Dienstag - nachdem die fünfte Leiche entdeckt worden war. Derweil machte der Sender BBC den Vater von Paula Clennell ausfindig. Seine Tochter hatte er seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. "Was ich jetzt empfinde?", wiederholte er die Reporterfrage. "Das ist ein sadistisches Schwein, ich möchte ihn finden und erschießen."

Thomas Burmeister/DPA/DPA
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