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Vom Sexsünder zum Verfassungshüter

Zum Auftakt des Sex-Prozesses erzielt Franck Ribéry einen wichtigen Erfolg: das Verfahren wird vertagt Auch kommen neue Details zu den amourösen Treffen mit einem minderjährigen Callgirl ans Licht.

Von Leo Klimm, Paris

Das ist ein erster Sieg!" Carlo Alberto Brusa strahlt, als aus dem Verhandlungssaal in die große Marmorhalle des Pariser Justizpalasts tritt. Soeben hat der Anwalt einen überraschenden juristischen Erfolg für seinen Mandanten Franck Ribéry erzielt: Die drei Richterinnen, die über die Sexaffäre des Bayern-München-Stars mit einem minderjährigen Callgirl urteilen sollen, haben seinem Antrag stattgegeben. Jetzt muss erst einmal geprüft werden, ob die Gesetzesgrundlage für Ribérys Anklage überhaupt der französischen Verfassung entspricht. "Dieses Gesetz widerspricht der Unschuldsvermutung", sagt Brusa triumphierend. Fortsetzung des Prozesses: frühestens Januar 2014. Wenn überhaupt.

Franck Ribéry - der nach dem Titel-Triple mit Bayern München lieber im Urlaub ist statt beim Prozess in Paris - könnte damit unverhofft zum Kämpfer für die französische Verfassung werden. Der Mann prüft sonst nur gegnerische Abwehrspieler und Torhüter. Dank seines findigen italienischen Verteidigers prüft er jetzt auch Recht und Gesetz. Obgleich Brusas Verfahrenstrick natürlich nur darauf abzielt, den Prozess gegen Ribéry zu kippen. Nun muss erst einmal der französische Kassationsgerichtshof beurteilen, ob der umstrittene Strafparagraph rechtmäßig ist. Haben auch diese Richter Zweifel, muss die höchste Instanz entscheiden, der Verfassungsrat.

Zweites amouröses Stelldichein mit Zahia Dehar

Ribéry hat eingeräumt, Sex mit der damals 17-jährigen Amüsierdame Zahia Dehar gehabt zu haben. Im April 2009 ließ er sie zusammen mit einer weiteren Prostituierten und seinem alten Freund Kamel R. heimlich aus Paris einfliegen, um sich an zwei Tagen beim Gruppensex im Münchner Hotel Kempinski zu vergnügen.

Aus dem Ermittlungsbericht eines Untersuchungsrichters gehen aber noch mehr pikante Details hervor: Ribéry soll Ende 2009 nach einem Besuch der Diskothek "Queen" an den Champs-Elysées in der Wohnung von Kamel R. im Pariser Vorort Rueil-Malmaison ein weiteres Mal mit Zahia Dehar geschlafen haben. Auch zu diesem Zeitpunkt war die stets aufreizend gekleidete junge Frau noch minderjährig. Ribéry hat dieses zweite amouröse Stelldichein im Polizeiverhör bestritten. Zahia Dehar und ein weiteres Escortmädchen dagegen berichten von einem heftigen Streit mit der Fußballikone, als es um die Bezahlung ging: Ribéry habe sich damals herausgeredet - er habe kein Geld dabei.

Überhaupt soll der Mittelfeldstar geizig gewesen sein. "Ich habe gesehen, dass es nicht viel war, das hätte ich nicht erwartet", zitiert der Untersuchungsrichter Zahia Dehar zu ihrem München-Besuch. Damals soll Ribéry ihr 700 Euro gegeben haben.

Im Prozess müsste Ribéry nun mindestens einen von zwei möglichen Beweisen erbringen: Dass er für die Dienste des Freudenmädchens nichts bezahlt hat. Oder dass er beim besten Willen nicht wissen konnte, wie jung seine Sexpartnerin war. Ansonsten drohen ihm bis zu drei Jahre Gefängnis und eine Geldbuße von bis zu 45.000 Euro.

Ribérys Verteidiger hat noch weitere Pfeile im Köcher

Verteidiger Brusa will, dass diese Fragen gar nicht erst gestellt werden. In der Gluthitze des holzgetäfelten Gerichtssaals greift er gleich zu Verhandlungsbeginn die Verfassungsmäßigkeit von Artikel 225 des französischen Strafgesetzbuchs an, in dem es um Sex mit minderjährigen Prostituierten geht. "Dieser Text ist unpräzise. Er unterstellt, dass jemand absichtlich gegen Bezahlung mit einer Minderjährigen schläft." Ribérys kann hoffen: Ein ähnlich unklarer Paragraph zu sexueller Belästigung ist vor Jahren vom Verfassungsrat gekippt worden.

Brusa rinnt der Schweiß von der Glatze über den massigen Körper. Er hält ein langes Plädoyer, schlägt einen weiten Bogen von käuflichem Sex über die Uno-Kinderrechtskonvention bis zur Gleichheit der Geschlechter. Die Vorsitzende Richterin zeigt sich beeindruckt.

Sollte das Gespann Brusa-Ribéry den umstrittene Gesetzesartikel zu Fall bringen, ist nicht nur die Anklage gegen den Bayern-Star erledigt. Auch Ribérys Schwager, der an den Münchner Orgien teilnahm, und Real-Madrid-Stürmer Karim Benzema, der sich ein andermal mit Zahia Dehar amüsiert haben soll, kämen dann ungeschoren davon. Auf der Anklagebank blieben dann fast nur noch jene mutmaßlichen Zuhälter, die am Dienstag tatsächlich persönlich zum Prozessauftakt erschienen sind.

Scheitert der Verfassungstrick jedoch, wird sich Ribérys Prozess in die Länge ziehen. Anwalt Brusa hat dem Gericht für diesen Fall vorsorglich schon weitere Attacken angekündigt: "Dann werden wir Rechtsfehler in der Anklageschrift an sich angreifen."

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