HOME

Fall um getötete Studentin: Hussein K. sagt aus - doch das Entscheidende verschweigt er

Hussein K. soll in Freiburg die Studentin Maria L. brutal vergewaltigt haben. Bewusstlos ertrank die junge Frau in der Dreisam. Am ersten Prozesstag hat sich bereits gezeigt, was die entscheidende Frage für das Gericht sein wird.

Von Isabel Stettin, Freiburg

Von außen dringen vereinzelt Pfiffe in das Gerichtsgebäude. Draußen vor der Tür hat sich ein Grüppchen der "Jungen Alternativen" für eine Demonstration getroffen. Sie haben ein Transparent dabei: "Grenzen schützen, Leben retten". Währenddessen wird K. in Handschellen und Fußfesseln in den Saal geführt. Mehrere Kamerateams filmen, wie der Angeklagte neben seinem Dolmetscher Platz nimmt und unsicher auf die Tischplatte starrt. Er trägt einen dunkelroten Pullover zur ausgeleierten Jeans. Sein markanter Undercut ist verwachsen.

Es ist eine grausame Tat, die ihm vorgeworfen wird: Als Maria L., eine 19-jährige Medizin-Studentin, in der Nacht zum 16. Oktober 2016 allein auf dem Weg von einer Uni-Party nach Hause radelte, soll Hussein K. ihr am Fahrradweg aufgelauert haben. Der Angeklagte habe ihren Fahrradlenker gepackt, sie gestoppt und vom Rad gerissen. Er habe ihren Mund zugehalten, sie gewürgt - offenbar bis zur Bewusstlosigkeit. Dann verging er sich an ihr, biss sie mehrmals, ins Gesicht und in die Brust, vergewaltigte sie brutal und zog sie an das Ufer des Flusses Dreisam, wo die Bewusstlose ertrank. Das Wasser, so sagt es der Staatsanwalt, sollte offenbar Spuren verwischen.

Wie alt ist Hussein K.?

Sieben Wochen später verhafteten Polizisten Hussein K., einen - angeblich - 17-jährigen Flüchtling. Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen und Entsetzen gesorgt: Beim ersten Prozesstag im Verfahren gegen Hussein K. sind die Zuschauerreihen dementsprechend voll besetzt, 150 sind gekommen. Schon Stunden vor dem Prozess standen sie Schlange.

Gleich zu Beginn macht sein Verteidiger deutlich, dass Hussein K. aussagen will - entgegen der Erwartungen. Bislang hatte sich Hussein K. nicht geäußert, er habe sich spontan entschlossen.

In leisem Dari beginnt er mit seinen Angaben: "Ich heiße Hussein, bin 19 Jahre alt und Afghane." Doch schon daran gibt es Zweifel.

Denn im Mittelpunkt des Verfahrens wird vor allem eine Frage stehen, die entscheidend für das Strafmaß ist: Wie alt ist Hussein K. wirklich?

Bei der Einreise gelogen

Überraschend war darum vor allem ein Geständnis von Hussein K.: Er habe gelogen, sagt er, als er von seiner Ankunft in erzählt. Als er im November 2015 registriert wurde, sei er nicht 16, sondern bereits 18 Jahre alt gewesen. "Wenn man minderjährig ist, ist die Situation in Deutschland besser." Alle hätten ihm das erzählt, als er auf der Flucht war. Er erhoffte sich "eine bessere Unterbringung", wollte zur Schule gehen.

Fakt ist: Hussein K. hat bei den Behörden in und Deutschland ganz unterschiedliche Geburtsdaten genannt. "Ich bin am 12.11.1376 geboren", sagte er - nach afghanischer Zeitrechnung. "Wenn der Winter kommt", werde er 20 Jahre alt.

Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht?

Ob er nun die Wahrheit sagt, ist fraglich: In Griechenland soll er sich absichtlich älter gemacht haben, weil er "dort nicht bleiben wollte", in Deutschland absichtlich jünger. Offizielle Geburtsdokumente konnten die Ermittler nicht finden. Altersgutachten zufolge soll Hussein K. "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" mindestens 22 Jahre alt sein. Weil noch Unklarheit besteht, wird die Verhandlung vor der Jugendkammer geführt. Hussein K. kann jedoch je nach Bewertung des Gerichts auch nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden.

Immer wieder gähnt der Angeklagte an diesem ersten Verhandlungstag unauffällig, er wirkt abwesend, der Blick schläfrig, während er spricht. Vor der Verhandlung hat er ein starkes Beruhigungsmittel bekommen. Er erzählt mit leiser Stimme, den Kopf oft gesenkt. Er erzählt von seiner Familie in , wo er die ersten 12, 13 Jahre seines Lebens verbracht habe, von seinem Vater, der Bauer war und später beim Militär arbeitete. 2010 sei der "als Märtyrer gestorben". Er habe drei Geschwister, lebte schließlich bei seinem älteren Bruder im Iran. Warum er dorthin floh, das möchte Hussein K. nicht sagen.

Aussagen teilweise hinter verschlossenen Türen

Einige Fragen wird Hussein K. nicht vor Zuhörern beantworten, nach einem Antrag seines Verteidigers, dem Richterin Kathrin Schenk zustimmte. Aussagen, die seine Intimsphäre betreffen, "seine sexuelle Biographie", die Zeit in einer Koranschule in Afghanistan wird Hussein K. nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen.

Ausführlich beschreibt er hingegen seine spätere Flucht vom über die Türkei nach Griechenland. "Wie in der Hölle" habe er mit seinen Freunden dort gelebt, in Bauruinen ohne Wasser und Strom. "Hätte man dort einen Hund weggesperrt, er wäre fortgerannt." Irgendwann hätten seine Freunde, andere junge Flüchtlinge und er begonnen, zu klauen. Obst, Gemüse, Geld.

Bei der Gastfamilie ging es ihm gut

Auch die Gewalttat, für die er auf Korfu verurteilt wurde, klammert er aus: Anfang 2014 wurde er vor einem Jugendgericht wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er eine 20-jährige Studentin erst ausgeraubt und schließlich von einer Klippe gestoßen hatte.

Nach seiner Haftentlassung nach nur eineinhalb Jahren floh Hussein K. über Mazedonien, Serbien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Ein Freund habe ihn aufgefordert, zu ihm nach Freiburg zu kommen. 400 Euro Taschengeld bekam er im Monat, bei seiner Gastfamilie, einem afghanischen Kinderarzt und einer Übersetzerin, sei es ihm "sehr gut" gegangen. Jeden Tag habe er nach der Schule Freunde getroffen, mit ihnen im Park Alkohol getrunken: Wodka, Wein, Bier. Schon am Morgen habe er mit einem Freund gekifft, immer wieder auch Heroin konsumiert. Er hatte "viele Probleme", habe schlecht geschlafen, geträumt, war zudem in ärztlicher Behandlung. Interesse Deutsch zu lernen, das sagt er, hatte er zu dieser Zeit nicht. "Das habe ich im Gefängnis gelernt." Seit einem Selbstmordversuch ist Hussein K. im Gefängniskrankenhaus in Hohenasperg untergebracht.

16 Tage Prozess in Freiburg

Angaben zur Tat werden erst für den nächsten Prozesstag am kommenden Montag erwartet. Ab dem Nachmittag wurde Hussein K. unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter zu seiner Biografie befragt.

Insgesamt 16 Verhandlungstage sind angesetzt. Mit einem Urteil ist frühestens im Dezember zu rechnen. Zehn Sachverständige sind geladen, über vierzig Zeugen sollen in den kommenden Wochen verhört werden.


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren