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Heidi K. - Opfer oder Lügnerin?

Ob die Lehrerin Heidi K. tatsächlich vergewaltigt wurde, oder ob sie einen früheren Kollegen unschuldig ins Gefängnis gebracht hat, will ein Gericht nun klären. Das allerdings schon zum dritten Mal.

Von Frank Donovitz, Darmstadt

  Der Lehrerin aus Südhessen droht eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung

Der Lehrerin aus Südhessen droht eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung

Im Saal 213 des Darmstädter Landgerichts wirkt Heidi K., die Lehrerin für Biologie und Deutsch, ausgesprochen kontrolliert, ja geradezu präpariert. Keine nervösen Bewegungen, kein Händeringen, kein Zittern. Sie spricht eher leise, aber bestimmt, ohne Notizzettel. Wenn sie sich an etwas nicht mehr erinnern kann, dann weiß sie es "nicht mehr auswendig". Fast, wie bei einer mündlichen Prüfung, die man unbedingt bestehen will. Und sei es nur mit der Grenznote ausreichend. Ihr imposant lang gewelltes, rostrotes Haar – wohl so gefärbt - trägt die 48-jährige Frau offen. Ihre eher kleine, durchaus sportlich-weibliche Statur ziert keinerlei Schmuck, noch nicht mal eine Armbanduhr. Ihr sichtbarer Teint, im Gesicht, an Hals und Händen, ist wohlgebräunt. Keinerlei Make up, kein Lippenstift ist erkennbar. Heidi K., die viel Wert auf Beamtenstatus, Dienstgrade, Besoldung und Karriere legt, erscheint prüfungsbereit.

Nur einmal während der insgesamt fast vierstündigen Befragung durch Gericht und Staatsanwaltschaft am Donnerstag kämpft Heidi K. kurz mit Tränen. Eher unvermittelt, beinahe abrupt. Just, als sie erneut Details ihrer Vergewaltigung schildern muss, die Horst A., ein Lehrerkollege, begangen haben soll. Vor nunmehr fast zwölf Jahren. An der Georg-August-Zinn-Schule im südosthessischen Reichelsheim (Odenwald).

Handelte Heidi K. mit Vorsatz?

Im Spätsommer 2001 bezichtigte Heidi K., damals 36, ihren damals 42-jährigen Kollegen, sie im Biologie-Vorbereitungsraum mit Schlägen, Tritten und Pressen gegen einen Labor-Tresen zum Geschlechtsverkehr genötigt zu haben. Dieser sei zunächst anal vollzogen worden, dann vaginal gescheitert; sodann sei ihr die Flucht aus dem Raum gelungen. Der Sport- und Biologiefachbeteichsleiter Horst A. wurde daraufhin zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbüßte die Strafe bis zum letzten Tag, da er die Vergewaltigung stets bestritten hatte und somit als "uneinsichtig" galt. Horst A. verlor sämtliche seiner sozialen Kontakte, zog nach der Haftzeit zu seiner Mutter ins Saarland und lebte von Hartz IV.

Erst nach Horst A.s Entlassung fallen der im Jahr 2001 zuständigen Gleichstellungsbeauftragten der Schule Ungereimtheiten in den Auslassungen von Heidi K. auf. Der Berliner Rechtsanwalt Hartmut Lierow recherchiert daraufhin und erreicht 2008 ein Wiederaufnahmeverfahren am Langericht Kassel. Dessen Urteil folgte dem Plädoyer der dortigen Staatsanwaltschaft: Freispruch für Horst A.. In der Begründung wird Heidi K. als Erfinderin "der aberwitzigsten Geschichten" bezeichnet, als notorische Lügnerin also. Das Medienecho zum in Kassel festgestellten "Justizirrtum" war erheblich, auch stern.de berichtete.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen Heidi K. ein. Im Prozess, der nun begonnen hat, lautet die Anklage auf schwere Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft: Heidi K. soll Horst A. vorsätzlich hinter Gitter gebracht haben. Um dies vor Gericht zu beweisen, muss erneut festgestellt werden, ob Horst A. ein Vergewaltiger war. Oder, ob Heidi K. diesbezüglich gelogen hat. Wenn es eine Lüge war, so hat Heidi K. sie jetzt fortgesetzt.

Es bleibt bei bisheriger Darstellung

Zum Prozessauftakt weicht Heidi K. keinen Deut vom Vergewaltigungsvorwurf ab. Sie spricht, als glaube sie, was sie sagt. Sie entspräche "voll dem Muster 'Opfer'". Das habe ein psychotherapeutisches Experiment ergeben. Immer wieder sei sie schließlich in die Hände gewaltätiger Männer geraten, immer wieder sei man ihr nicht "mit offen Armen begegnet". Ihr Ton ist dabei nicht etwa traurig oder selbstmitleidig, sondern innervierend, anklagend, rechthabend.

Was sie zur Vergewaltigung schildert, und auch wie sie es schildert, erinnert an gängige Plots von Kriminalfilmen im Fernsehen, weniger an eine umstandsbedingt wohl eher chaotische Extremsitiation in einem Biologie-Vorbereitungsraum. Angaben, die sich im Wiederaufnahmeverfahren als haltlos erwiesen hatten, relativiert Heidi K. nun – in Sache und Sprache versiert, gut konzentriert. Sogar sarkastische Bemerkungen zur bisherigen Medienberichterstattung "gegen mich" streut sie ein. Und immer dann, wenn sie Gefahr läuft, in Widersprüche oder in die Enge zu geraten, kann oder will sie sich nicht mehr erinnern; stets mit dem Zusatz "entschuldigen Sie bitte". Es wirkt beinahe souverän. Wie eingepaukt.

Selektive Erinnerung

Dabei ist die von Heidi K. vorgetragene Erinnerung äußerst selektiv. Schier problemlos repetiert sie im Laufe der Befragung gut zwei Dutzend Namen, gar Postanschriften, von Menschen, denen sie vor Jahren teils wohl nur beiläufig begegnet war. Die Zeiträume ihrer drei gescheiterten Ehen bringt sie hingegen kaum zusammen – was sie als einen Effekt ihrer Psychotherapien erklärt.

Sexualkontakte habe sie nach 2001 wieder gehabt, "so drei, vier". Ihr Sohn aus zweiter Ehe, heute erwachsen, sei ihr das Wichtigste. Sie kann jedoch nur auf Nachbohren der Vorsitzenden Richterin "vermuten", wer den damaligen Teenager in Zeiten ihrer tagelangen Abwesenheit nach der angezeigten Vergewaltigung betreut habe.

Zweifel auch an Anton A.s Glaubwürdigkeit

Lügt Heidi K. einfach weiter? Nur ausgewählter, womöglich besser beraten als bisher? Wenn ja: eiskalt berechnend oder zwanghaft? Oder ist es vor fast zwölf Jahren doch zu einem sexuellen Übergriff ihres einstigen Kollegen Horst A. gekommen? Vielleicht in ganz anderer Form und anderem Ausmaß, als von Heidi K. bislang geschildert? Ihr Verteidiger, der Dissener Rechtsanwalt Torsten Rock, stellt auch die Glaubwürdigkeit von Horst A. infrage. Der habe erst spät eingeräumt, Heidi K. in besagtem Biologie-Vorbereitungsraum an besagtem Tag getroffen zu haben. Selbst etwas dazu sagen kann Horst A. nicht mehr. Er starb im vergangenen Juni im Alter von 53 Jahren auf offener Straße an einem Herzinfarkt; nur Stunden nachdem das Ermittlungsverfahren gegen Heidi K. abgeschlossen war. In den Schuldienst gelangte er trotz des Kasseler Freispruchs vom Juli 2011 und dessen Bestätigung durch den Bundesgerichtshof im Februar 2012 nicht wieder.

Heidi K. wurde vom Schuldienst suspendiert, ist derzeit dienstunfähig geschrieben, und lebt bei ihren Eltern im Sauerland. Sie unterstütze ihren über 90-jährigen Vater bei der Pflege der dementen Mutter. Vom Land Hessen bezieht sie eine um 50 Prozent reduzierte Studienratsbesoldung, ihren Angaben zufolge 2100 Euro netto pro Monat. Gegen diese Gehaltskürzung hatte sie vergeblich geklagt. Berufsperspektivisch interessiere sie sich nun für die Heilpraktikerei. Medikamente nehme sie derzeit nicht, "nur Schüssler-Salze und Bachblüten".

Der Prozess gegen Heidi K. wird am 7. Mai in Darmstadt fortgesetzt.

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