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Eine unbeugsame Tochter

Die Boxerin Rola El-Halabi wollte ihren WM-Titel verteidigen. Dann schoss ihr Stiefvater auf sie. Nun hat der Prozess begonnen. Dem stern schilderte das Opfer sein Familiendrama.

Von Nicolas Büchse

  Rola El-Halabi brachte es bis zur Boxweltmeisterin im Leichtgewicht. Ihr Stiefvater schoss die Sportlerin vor einem Kampf nieder

Rola El-Halabi brachte es bis zur Boxweltmeisterin im Leichtgewicht. Ihr Stiefvater schoss die Sportlerin vor einem Kampf nieder

Eigentlich wollte Rola El-Halabi einen Boxkampf bestehen. Doch dann kam alles anders: Mit vier Schüssen streckte ihr Stiefvater und früherer Manager die 26-Jährige im Frühjahr vor ihrem Kampf auf der Trabrennbahn Berlin-Karlshorst nieder. Es war der Höhepunkt eines Familiendramas, zu dem der 44-Jährige heute zum Prozessbeginn vor dem Berliner Landgericht sagt: "Sie hatte Scheiße gebaut, aber ich wollte ihr vor dem Kampf trotzdem alles Gute wünschen." Warum er statt dessen auf sie schoss, könne er nicht sagen.

Dem stern hatte Rola El-Halabi einige Wochen nach dem schrecklichen Erlebnis Einblicke in Leben gewährt - und ihre Erinnerungen an die Tat, die ihr Leben so drastisch veränderte, geschildert.

Eine Rückblende.

Das Drama der Rola El-Halabi

Den Schmerz erlaubt Rola El-Halabi ihrem Körper erst, als der Stiefvater sich auf den Boden wirft. Sich der Polizei ergibt, ohne Gegenwehr und Gebrüll. Erst als der starke Mann daliegt wie ein geprügelter Hund. Da spürt sie die Schmerzen. Sie durchfräsen ihre Füße, ihre Knie und ihre rechte Hand und rauben ihr den Atem. Rola liegt am Boden, das weiße Box-Shirt klebt an ihr, rot getränkt vom Blut. Sie liegt am Boden, genau in der Stunde, die ihr den großen Triumph im Ring bringen sollte.

Die Polizisten schaffen den Stiefvater in Handschellen weg. Sie hört ihn noch, er wimmert und schluchzt: "Verzeih mir, verzeih mir!" Vier Kugeln haben ihren Körper durchbohrt. Jetzt schreit sie los und heult, völlig außer Kontrolle. Dann verschwimmen die Bilder, und es wird dunkel.

Noch Wochen später wird sich Rola El-Halabi an jedes Detail dieses 1. April erinnern. Der Kampf um den Weltmeistertitel im Frauen-Leichtgewicht des Boxverbandes IBF, Pferdesportpark Berlin-Karlshorst. Rola El-Halabi gegen die Bosnierin Irma Balijagic-Adler. Linksauslegerin gegen Linksauslegerin. 700 Zuschauer, Kampfzeit: 23 Uhr. Rolas Comeback nach neun Monaten Pause. "Ein kleines Manko ist es schon, dass ich so lange nicht im Ring stand", hat sie auf der Pressekonferenz gesagt und dann gelächelt. Ein siegesgewisses Lächeln.

"Ich hasse meinen Stiefvater nicht"

Die Chance auf den Sieg wird ihr genommen, noch bevor sie im Ring steht. Vier Schüsse feuert Roy El-Halabi auf seine Stieftochter Rola ab. In ihre Füße, ihr rechtes Knie, ihre rechte Hand.

Die Schrecken des 1. April liegen nun gut einen Monat und fünf Operationen zurück. Sonnenlicht findet durch die Ritzen der Lamellen, die den Blick auf das Ulmer Münster verhängen. Rola El-Halabi sitzt auf einer Liege im Behandlungszimmer ihres Physiotherapeuten. Noch immer hat sie an manchen Tagen tiefe Schatten unter ihren braunen Augen.

Wenn der Stiefvater sich wieder in ihre Träume gestohlen hat, die Schüsse und Schmerzen zurückgekehrt sind.

"Ich hasse meinen Stiefvater nicht", sagt Rola langsam, denkt nach, "nur in Momenten." Wenn sie über ihre Schrecken redet, dann ist es, als spräche sie von einer anderen Person, als sei sie nur eine Beobachterin ihrer selbst. Als habe sie noch gar nicht begriffen, was an jenem 1. April passiert ist.

Im Ring sind Schmerzen einfacher zu ignorieren

Es fällt ihr schwer, die Schrecken zu sortieren, die ihr widerfahren sind. Nicht in Tränen auszubrechen. Im Ring ist es einfacher, die Schmerzen zu ignorieren, das hat sie gelernt und trainiert, ein Boxer, der einmal aufgibt, kommt nicht weit. Er wackelt mit dem Kopf, schlägt die Fäuste gegeneinander, und weiter geht es.

Aber sie steht nicht im Ring, und doch ist es ihr schwerster Kampf. Sie sagt plötzlich, bestimmt: "Mein Vater existiert in meiner emotionalen Welt nicht mehr." Und dann, weniger bestimmt: "Es gibt manchmal noch Nächte, in denen ist es schlimm." Wenn sie darüber spricht, werden ihre Augen feucht. Nur ein wenig, mehr lässt sie nicht zu. Noch im Krankenhaus fragte sie nach psychologischer Betreuung. Seitdem geht es ihr besser. Etwas.

Kein Gefühl mehr in der rechten Hand

Die kurze Hose gibt den Blick frei auf die geschundenen Beine und Füße. Elf Narben. Der Physiotherapeut befreit ihre Hand vom Verband. Rola stöhnt auf. Die Schmerzen sind brutal. Metallstifte stecken in ihrer Rechten, halten den zertrümmerten Mittelhandknochen zusammen. Der Therapeut massiert ihre Finger.

"Meine Hand ist das größte Problem, ich spüre nur ein Kribbeln. Ich will mein Gefühl in der Hand wiederfinden", sagt sie. "Ich habe noch ein paar Aufgaben im Boxring zu erfüllen, und von meinem Stiefvater lasse ich mich nicht mehr aufhalten." Ein Jahr zuvor hatten sich die beiden zuletzt nach einem Boxabend in den Armen gelegen.

Der 20. März 2010. Rola gegen die amerikanische Boxlegende Mia St. John. 3700 Fans in Ulm. Runde fünf, 1:15 Minuten. Der Ringrichter brach Rolas Schlaggewitter auf die chancenlose Gegnerin ab. Sieg durch technischen K.o. Der Stiefvater war der Erste, der in den Ring stürmte. Er umarmte Rola und wirbelte sie durch die Luft. Roy El-Halabi, bulliger Typ, sauber ausrasierter Bart, strahlte vor Stolz. Er rief in eine Kamera des Lokalfernsehens: "Rola hat einen super Kampf gezeigt!" Es war einer ihrer größten Erfolge.

Kurz danach schrieb sie auf ihrer Webseite: "Der größte Dank geht an meine wundervolle Familie, die zu 100 Prozent hinter mir steht und mich bei allem unterstützt. Vor allem mein Papa, der das alles möglich macht."

Roy El-Halabi war der fürsorgliche "Papa"

Roy El-Halabi war "Papa", seit Rola denken kann. Sie kam 1985 in Beirut zur Welt, kurze Zeit später flüchtete die Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon. Ihr leiblicher Vater verließ die Mutter und kehrte zurück in die Heimat, da war Rola drei Jahre alt und ihre Schwester Katja noch ein Baby. In Ulm lernte Rolas Mutter Hoda den jungen Roy El-Halabi kennen. Er lebte seit 1985 in Deutschland, auch er ein Flüchtling aus dem Libanon, drei Kugeln im Fuß und eine Narbe am Kopf.

Roy El-Halabi war fürsorglich, kümmerte sich um die Mädchen, als wären es seine eigenen. "Im Libanon gibt es kein Wort für Stiefkind", sagte er. "Kind ist Kind." Auch Rola nannte ihn "Papa". Und tut das bis heute. Später bekamen Hoda und Roy noch einen gemeinsamen Sohn, Bassam, er ist heute zehn.

Rola war neun Jahre alt, als der Stiefvater sie mitnahm in die Ulmer Kampfsporthalle "Mekong Box Gym". Er winkte den Trainer zu sich, sagte: "Meine Tochter wird auf dem Schulhof rumgeschubst, die muss lernen, sich zu wehren." Der Trainer hatte eine Bedingung: keine Extrawürste für die Kleine.

Mit 13 Jahren das erste Mal im Ring

Es war eine Zeit, in der Frauenboxen verpönt war, eine Zeit, lange bevor Regina Halmich vor Millionenpublikum Stefan Raab vermöbelte oder Susi Kentikian sich vom Asylbewerberheim zum Sportstar durchschlagen konnte. Rola kämpfte allein in einer Männerwelt, einem geschlossenen Zirkel, der sie nicht dabeihaben wollte. Sie trainierte Kickboxen und Thaiboxen. Mit 13 stieg sie das erste Mal in den Ring. Es ließ sich keine Gegnerin in ihrer Altersklasse auftreiben.

Immerhin fand sich eine 23-Jährige in derselben Gewichtsklasse, 58 Kilo. Rola richtete ihre Gegnerin schlimm zu. Ein Funktionär verriet: "He, Kleine, weißt du, wem du gerade 'ne blutige Nase geschlagen hast? Der Vize-Europameisterin." Wer einmal im Ring gestanden hat, sie gespürt hat, diese Mischung aus Adrenalin und Allmacht, der will nicht mehr raus, sagen Boxer. Das fand auch Rola. Für sie wurde der Ring zu einem Ort, an dem sie sich ganz bei sich fühlte, losgelöst, unkontrolliert, frei.

Zu Hause übernahm der Stiefvater die Kontrolle. Immer mehr kümmerte er sich. Immer mehr wollte er entscheiden. Tobte, wenn Rola zu spät kam, wollte genau wissen, wo sie war, was sie vorhatte. Rief ständig an: "Wo bist du?" Fuhr sie zum Training, zur Schule, überallhin, Rola ist bis heute erst vier Mal allein Bus gefahren.

Training, Wutanfälle, Schläge

"Wenn ich die Möglichkeiten wie du gehabt hätte, wäre aus mir etwas ganz Großes geworden", sagte er einmal. Mit 14 Jahren trainierte Rola fünfmal die Woche. Dazu Lehrgänge, Trainingslager, Wettkämpfe. Mit 15 boxte sie das erste Mal gegen eine Gleichaltrige. Kaum ertönte der Gong, schlug sie los wie ein Presslufthammer. 25 Sekunden dauerte der Kampf, und am Ende tat ihr die blutverschmierte Gegnerin leid: Kieferbruch, Jochbeinbruch. Es gab bald niemanden mehr, der gegen sie antreten wollte. Rola träumte davon, Profiboxerin und Weltmeisterin werden.

Für Freunde blieb keine Zeit mehr. Sie ging nicht aus, lag am Wochenende nicht am Baggersee. Sie wollte es nicht anders. Als sie 16 war, bot man ihr einen ersten Profivertrag an. Aber der Stiefvater sagte: "Wenn du kein Abi hast, darfst du auch kein Profi werden." Rola gehorchte. Erduldete immer häufiger Wutanfälle und immer wieder auch Schläge. Natürlich machte sie ihr Abi.

Irgendwann kam der Moment, von dem an Rola, die gehorsame Tochter, ständig ihren Stiefvater mitdachte: Was muss ich tun, damit er nicht ausrastet? Wenn ich alles - alles! - richtig mache, so, wie er es will, vielleicht lässt sich dann das Glück herbeizwingen?

"Die Männerwelt rennt nicht weg, der Sport schon"

Zweifel an seiner Fürsorge kamen ihr nie. Konnte denn jemand, der sich mit solch einer Hingabe um seine Familie kümmerte wie er, ein schlechter Kerl sein? Der Stiefvater konnte reden, umschmeicheln. Er beschenkte seine Familie. Damit drückte er seine Gefühle aus. Wenn seine Töchter 20 Euro brauchten, gab er ihnen 25. Zu Rolas 18. Geburtstag kamen 200 Leute. Er überreichte ihr als Geschenk ein billiges Parfüm. Es war ihr peinlich, sie bedankte sich trotzdem. Dann lachte er und ging mit ihr nach draußen, da stand ein neues Auto, ein Opel Corsa, mit Schleifen und Rosen.

Doch immer war da auch die dunkle Seite des Stiefvaters. Der Mann, der seine Ausbrüche, seine Fäuste nicht im Griff hatte. Als Rola 20 Jahre alt war, lernte sie im Internet jemanden kennen. Sie erzählte es ihrem "Papa", sie erzählte immer alles ihrem Stiefvater, er gab sonst keine Ruhe. Der tobte und ging mit einem Schwert auf sie los. Wegen ein paar E-Mails. Später entschuldigte er sich, war voller Reue, sie dürfe ihn einfach nicht so provozieren. "Die Männerwelt wartet schon noch auf dich, auch wenn du 30 bist. Die rennt nicht weg, der Sport schon", sagte er.

Mit 22 Jahren wurde Rola Profiboxerin. Nach dem dritten Kampf war sie Europameisterin, nach dem neunten Weltmeisterin in gleich zwei Verbänden. Wo sie war, war auch er. Rola: die Ausnahme-Boxerin. Roy: ihr Manager im feinen Anzug. Mit Gebrauchtwagen hatte er ein paar Jahre gehandelt, dann in der Sicherheitsbranche sein Geld verdient. Nun vermarktete er seine Stieftochter. Rola brachte ihm Anerkennung. Rola wurde sein Lebenswerk.

Die Seele hielt dem Druck nicht stand

Es lief lange gut für die beiden. In der Boxszene galten sie als unschlagbare Kombination, die Kämpferin und der Macher, doch im August 2010 brach es auseinander. Rola wollte nichts falsch machen. Sie beichtete ihrem Stiefvater, dass sie einen Mann kennengelernt hatte. Zwei Jahre älter als sie, ein charmanter Typ, der in Ulm lebte. Ihr erster Freund, mit 25. "Mein ganzes Leben hatte ich nur eine Sache, die mich erfüllt hat: das Boxen. Dann kam meine erste Liebe, und alles verschob sich", sagt sie heute.

Als er von der Beziehung hörte, fühlte sich Roy El-Halabi in seiner Ehre und seinem Stolz gekränkt. Er verbot den beiden, sich zu treffen. Der Freund sprach mit dem Stiefvater, und der sagte, er könne ihn gut leiden, aber Rola habe ihm nicht früh genug Bescheid gesagt. Ihn hintergangen. Sie sprachen noch ein zweites Mal, beim dritten Mal sprachen die Fäuste. Rola hörte auf zu funktionieren.

Im Training brach sie nach einem Fünf-Kilometer-Lauf zusammen. Sie erlitt Ohnmachtsanfälle, immer öfter. Die Ärzte fertigten ein kleines und ein großes Blutbild an und fanden nichts. Es war Rolas Seele, die nicht mehr funktionierte, die dem Druck im Ring und dem Druck des Vaters nicht mehr standhielt. Sie musste mehrere Wochen pausieren, ehe sie wieder angreifen konnte. Denn sie stand zu ihrem Freund.

"Wenn ich euch zusammen sehe, bringe ich euch um!"

Zum ersten Mal handelte sie nicht so, wie Roy es wollte. Der sagte: "Ohne mich wärst du niemals so hoch gekommen. Durch mich wirst du auch wieder fallen." Er drohte: "Wenn ich euch zusammen sehe, bringe ich euch um!" Trotz aller Drohungen und Streitereien zog Rola nicht von zu Hause aus, ließ sie sich weiter von ihrem Stiefvater managen. Sie hatte ja all die Jahre nur die Familie und das Boxen. Und er hatte ja schon immer schnell gedroht. Sie hoffte, dass seine gute Seite bald wieder zum Vorschein kommen würde. Das war sie bisher immer. Vielleicht, wenn sie nun im Boxring alles richtig machen würde.

Doch der Mann steigerte sich in eine maßlose Wut. Er ging mit seinen Drohungen durch die ganze Stadt. Zu Hause herrschte nur noch Gebrüll oder sprachloser Zorn. Alle Geschwister waren auf Rolas Seite. Abends saß sie in ihrem Zimmer, der Stiefvater im Wohnzimmer und die Mutter in der Küche. Die Familie zerriss. Im Oktober 2010 zog Roy aus.

Im Dezember wollte sie wieder kämpfen, mit dem Stiefvater an ihrer Seite. Sie sagte zu ihm: "Hör auf mit deinen Drohungen, das Geschäftliche klappt doch. Die privaten Probleme lösen wir mit der Zeit." Doch er hörte nicht auf. Rola bekam Angst vor Roy. Er verbreitete Lügen auf ihrer Webseite, schrieb, Rola könne wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr kämpfen. Da endlich trennte sie sich von ihrem Manager, dem Stiefvater.

"Sie boxt wie ein Mann"

Am 1. April wollte sie das erste Mal ohne ihn in den Ring steigen. Ganz allein organisierte sie den WM-Kampf in Berlin, sie war nun ihre eigene Managerin, um sie herum ihr altes Team. Ein gutes Auge habe Rola, sagt ihr Trainer Jürgen Grabosch, bei ihr gebe es kein wildes Haudrauf, jeder Schlag sei präzise kalkuliert. "Ein Talent, von Gott gesegnet." Einmal habe ein anderer Trainer zu ihm gesagt: "Sie boxt wie ein Mann." Ein größeres Kompliment hätte man nicht machen können.

Und doch sei da immer wieder ein dunkler Schatten über ihr gewesen, war sie nicht richtig bei der Sache. "Sie hat nie mit hundert Prozent geboxt", sagt Grabosch. Dann ahnte er, dass es zu Hause wieder Stress gegeben hatte, Rola hat nie darüber geredet.

Nach dem Bruch übernahm Roy El-Halabi ausgerechnet das Management von Lucia Morelli, einer der größten Konkurrentinnen Rolas. Er hing ihr den Weltmeistergürtel seiner Stieftochter um, als sie einen Kampf gewann.

Drei Wochen vor ihrem Comeback am 1. April traf Rola den Stiefvater das letzte Mal. Hoffte, dass er wieder zur Vernunft kommen würde. Sie saßen in einer Eisdiele. Er war kalt, sagte: "Ich entscheide immer noch über dich." Dann wieder wirkte er wie ein gebrochener Mann, der alles verloren hatte. Er war nicht mehr die Person, die Rola zu kennen, zu durchschauen geglaubt hatte.

Der Stiefvater drohte vor dem Kampf

Irgendwann sagte er: "Denkst du wirklich, du wirst am 1. April im Ring stehen?" Rola verstand die Frage nicht, sie antwortete: "Wenn ich die Treppen nicht hochstolpere, dann schon." Der Stiefvater sagte, seine Stimme klang nun metallisch: "Nein, glaubst du, dass du und dein Team, dass ihr heil im Ring ankommt?" Nun verstand Rola, stand auf und ging.

Es war kurz vor elf am 1. April, zehn Minuten vor dem Kampf, als Rola El-Halabi mit ihren Betreuern in ihrer Kabine saß und vor der Tür laute Stimmen hörte. Zwei Bodyguards standen draußen, die hatte sie aus Angst vor ihrem Stiefvater engagiert, sonst hatte sie immer nur einen dabei. Eine Stimme sagte: "Du weißt nicht, wozu ich fähig bin." Seine Stimme. Dann fielen Schüsse. Die Tür ging auf, sie sah noch das Bein von dem einen Sicherheitsmann am Boden. Der Stiefvater wedelte mit der Pistole herum, brüllte: "Alle raus." Plötzlich war der Raum leer. Nur noch der Stiefvater und sie. Er sagte kein Wort und drückte ab. Die erste Kugel durchbohrte ihre Hand.

"Es tut mir leid, ich habe es getan."

Rola spürte keine Schmerzen, nur ein Brennen. Der zweite Schuss traf ihren linken Fuß. Rola stand auf einem Bein und suchte Halt an der Wand. Der Stiefvater gab ihr einen Schubs, sie fiel, das Knie verdrehte, Kreuzband und der Meniskus rissen. Von draußen hämmerten ihre Cousins gegen die Tür.

Rola sagte, ganz ruhig: "Papa, setz dich hin. Du hast doch jetzt, was du willst." Dann: "Papa, setz dich kurz zu mir, und dann kannst du weitermachen." Der Stiefvater sagte: "Jetzt habe ich alles kaputt gemacht." Sein Blick flirrte durch den Raum, er lehnte sich gegen die Tür, wechselte in aller Seelenruhe das Magazin. Rola sah noch ihre Schwester, wie sie am Fenster brüllte. Der dritte Schuss traf ihre Kniescheibe, der vierte in den rechten Fuß. Jetzt erst sprach er sie an: "Guck, wie weit du es gebracht hast." Dann griff er zum Handy, rief einen Freund draußen in der Halle an, sagte: "Es tut mir leid, ich habe es getan." Und: "Komm her, nimm mir die Pistole weg. Bring für Rola einen Arzt mit, ich habe ihr wehgetan."

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