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Ein Täter will erben - darf er das?

Ein Mann bringt seine Frau um. Gutachter halten ihn für schuldunfähig. Nun will er das Vermögen seiner Frau erben. Dagegen klagen die gemeinsamen Söhne. Am Freitag beginnt der Prozess.

Von Kerstin Herrnkind

  Am Nachmittag nach der Tat führen Bremer Polizisten Willi May* ab. Zwischenzeitlich muss er in die geschlossene Psychiatrie. Inzwischen ist er frei - wegen geringer Wiederholungsgefahr.

Am Nachmittag nach der Tat führen Bremer Polizisten Willi May* ab. Zwischenzeitlich muss er in die geschlossene Psychiatrie. Inzwischen ist er frei - wegen geringer Wiederholungsgefahr.

  • Kerstin Herrnkind

Gegen 14 Uhr wacht Paul May* auf. Der 19-jährige Abiturient hat die Nacht zum Sonntag durchgefeiert, ist frühmorgens um 4.30 Uhr nach Hause gekommen. Er geht in die Küche. Dort schläft sein Vater mit dem Kopf auf der Tischplatte. Neben ihm steht eine leere Flasche Grappa.

Paul ruft nach seiner Mutter. Keine Antwort. Der Sohn sieht im Keller und im Büro nach. Nichts. Im Elternschlafzimmer liegt Anke May* im Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Als sie nicht antwortet, zieht der Sohn die Decke weg. Seine Mutter ist tot. Er rennt zurück in die Küche, rüttelt seinen Vater wach. "Ihr treibt alle ein Spiel mit mir und wollt mich betrügen", lallt Willi May* und gesteht dem Sohn, dass er die Mutter erwürgt habe.

Als die Polizisten an diesem Sonntag im Juli 2011 wenig später in dem weiß getünchten Haus in dem Bremer Villenviertel eintreffen, versucht Willi May gerade, sich an einem Rohr im Keller zu erhängen. Der 53-Jährige hat einen Abschiedsbrief bei sich. Seine Frau habe ihn "vorgeführt" und "betrogen", hat er geschrieben. Gemeinsam mit den Söhnen habe sie versucht, ihn "für immer in die Kiste", also in die Psychiatrie, zu bringen. "Ihren großen Plan" habe er "mit dieser Tat vereitelt ... So gehen wir denn den letzten Gang gemeinsam, klassischer Liebestod, halt." Als er kurz darauf vernommen wird, behauptet Willi May, dass er seine drei Jahre jüngere Frau spontan im Streit erwürgt habe.

Drei Psychiater halten May für schuldunfähig

Die Staatsanwaltschaft Bremen glaubt ihm nicht und klagt den Werber Ende 2011 wegen Mordes an. An der Leiche von Anke Lang sind keinerlei Abwehrspuren gefunden worden. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass May seine Frau heimtückisch im Schlaf erwürgt hat. Sein Motiv: Eifersucht und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber seiner Frau.

Drei Psychiater halten Willi May jedoch für schuldunfähig. Er habe seine Frau "aus einer hilflosen Wut und Verzweiflung heraus" getötet, "die begründet war in einem depressiven Wahnerleben". Deshalb lehnt das Schwurgericht die Eröffnung des Hauptverfahrens im Oktober 2012 ab. Willi May muss nicht ins Gefängnis. Weil die Gutachter die Wiederholungsgefahr als gering einschätzen, darf der Werber auch die geschlossene Psychiatrie vorerst wieder verlassen, in die er nach der Tat eingewiesen worden war.

Jetzt könnte Willi May vom Tod seiner Frau sogar finanziell profitieren. Anke Lang* gehörte das Wohnhaus mit einem geschätzten Wert von einer halbe Million Euro. Sie besaß außerdem eine Eigentumswohnung und hatte eine fünfstellige Summe auf ihren Konten. Die Chancen des Witwers, sein Opfer zu beerben, stehen gut: Obwohl Willi May seine Frau getötet hat, gilt er nach den Buchstaben des Gesetzes nicht als erbunwürdig, weil er schuldunfähig ist.

Das wollen die Söhne des Paares, Paul und Jens May*, die ebenfalls erbberechtigt sind, nicht hinnehmen. Sie klagen vor der Zivilkammer des Landgerichts Bremen. Am 12. April beginnt die Verhandlung, in der es weniger um eine tragische Familiengeschichte geht, sondern vor allem um die Frage: Darf ein Täter, dem Gutachter eine Schuld absprechen, sein Opfer beerben?

Für die Nachbarn eine "Bilderbuchfamilie"

Willi May und seine Lebensgefährtin Anke Lang ziehen 1994 mit ihren beiden Söhnen, dem fünfjährigen Jens und dem zweijährigen Paul, von Berlin nach Bremen in das Villenviertel. Anke Lang kauft für die Familie ein Altbremerhaus mit Garten. Sie kann sich die Immobilie leisten, weil ihr Vater, ein Bankdirektor, ihr den Erbteil schon zu Lebzeiten ausgezahlt hat. Bald kommt auch Jan* - der Sohn von Willi May aus erster Ehe - in die Familie.

Anke Lang arbeitet in Teilzeit als Bankkauffrau, kümmert sich um die drei Jungs, führt den Haushalt und macht für Willi May, der eine kleine Werbeagentur eröffnet hat, die Buchhaltung. Für die Nachbarn eine "Bilderbuchfamilie", die im Garten grillt und liebevoll miteinander umgeht. Eigentlich sei die Beziehung in all den Jahren ganz harmonisch und ohne große Konflikte verlaufen, wird auch Willi May den Gutachtern später erzählen.

In den ersten Jahren läuft die Agentur von Willi May gut. Die Grünen betrauen ihn 1999 mit der Öffentlichkeitsarbeit für die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Er entwirft Kampagnen für die Arbeiterwohlfahrt und die Deutsche Bank Trust. 2003 gewinnt Willi May einen Wettbewerb und die Deutsche Post als Kunden. Für die Geschäftsleute im Bremer Steintorviertel entwickelt er Kampagnen. Die Kaufleute kennen "den Willi" als bulligen Werbemenschen, der seine Strategien mit lauter Stimme und markigen Sprüchen zu verteidigen weiß. "Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler", wischt er Zweifel gern vom Tisch. Auch privat scheint alles bestens. 2005 heiraten Willi May und Anke Lang nach über 15 Jahren wilder Ehe.

Er spricht davon, sich das Leben zu nehmen

Doch dann erwischt die Medienkrise Willi May und reißt seine kleine Agentur in die roten Zahlen. Er hat kaum noch große Kunden. Für den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub entwirft er 2009 ein Logo und eine Postkarte mit der Aufschrift: "Einlenken statt ausrasten". Ansonsten bleiben ihm fast nur die Geschäftsleute aus dem Bremer Steintorviertel als Kunden treu. "Er fühlte sich vom Leben ungerecht behandelt", erinnert sich einer. "Er war enttäuscht, dass er so wenig Erfolg hatte, obwohl er glaubte, dass seine Arbeiten gut waren. Mehr als einmal musste ich ihn aufrichten."

Anke May arbeitet inzwischen wieder Vollzeit in der Bank, verdient genug, um die Familie allein zu ernähren. Doch statt erleichtert zu sein, fühlt sich Willi May nun als "Loser", wie er einem Bekannten anvertraut. Er schläft schlecht, hat keinen Appetit, leidet unter Bauchschmerzen. Als er davon spricht, sich das Leben zu nehmen, schickt sein Hausarzt ihn zum Therapeuten. Doch die Gesprächstherapie hilft ihm nicht.

Einen Monat vor der Tat - am 30. Juni 2011 - lässt sich Willi May in eine psychiatrische Klinik einweisen. Die Ärzte diagnostizieren eine schwere Depression, gepaart mit psychotischen Symptomen. May wird auf der Krankenstation "Depression im Alter" einquartiert, was ihn noch mehr darin bestärkt, "alt und nutzlos" zu sein, wie er sich später bei dem Gutachter beklagt. In der Therapie kreisen seine Gedanken wie in einer Abwärtsspirale: Er fühlt sich wertlos, weil er keinen Erfolg mehr hat. Glaubt, für seine Frau nicht mehr attraktiv zu sein. Die Vorstellung, dass seine Frau bereits einen neuen Mann hat und ihn, den alten, in die Psychiatrie abschieben will, wird für ihn zur fixen Idee.

Dass seine Frau ihn an den Wochenenden nach Hause holt, überzeugt Willi May nicht. Im Gegenteil. Hinter jeder Kleinigkeit wittert er ein Zeichen von Untreue und Verrat. Als es ihm einmal nicht gelingt, sich auf dem Computer ins neue Bankprogramm einzuloggen, glaubt er, seine Frau und die Söhne hätten sich gegen ihn verschworen. Dass seine Frau einen Gepäckträger auf ihr Autodach montiert hat, während er in der Klinik war, lässt ihn glauben, sie sei mit einem anderen Mann verreist gewesen.

Anke May beklagt sich nicht

Obwohl das Leben mit ihrem Mann vermutlich nicht gerade einfach ist, beklagt sich Anke May nicht. Kurz vor ihrem Tod fährt sie mit ihrer Schwester ein paar Tage in den Urlaub. "Anke hat nie schlecht über ihre Ehe geredet", sagt ihre Schwester. "Und sie hat nie auch nur einen anderen Mann angeguckt, sie wollte sich nicht trennen."

In der Bank macht Anke Lang Karriere, übernimmt wenige Wochen vor ihrem Tod eine Führungsposition. Statt sich über den Erfolg seiner Frau zu freuen, fühlt sich Willi May nun noch mehr in seiner Existenz bedroht. Einen Tag, bevor er seine Frau tötet, führt er ein Gespräch mit seinem Therapeuten, erzählt, wie schwach und hilflos er sich fühle. Eine Mitpatientin gibt später zu Protokoll, Willi May sei am Abend "regelrecht zusammengebrochen". Er habe mit Selbstmord gedroht, weil er Angst gehabt habe, dass seine Frau ihn verlassen würde.

Trotzdem entlassen die Ärzte ihn übers Wochenende nach Hause. Die Gerichtsgutachter deuten später an, dass die Therapeuten Willi May in diesem Zustand besser nicht hätten gehen lassen dürfen. Die Klinik will sich dazu nicht äußern.

Am Samstagmorgen holt Anke May ihren Mann aus der Klinik nach Hause. Sohn Paul hat Besuch von einem Freund, der bei ihm übernachtet hat. Das Ehepaar frühstückt mit Paul und dessen Freund. Nichts scheint auf die bevorstehende Katastrophe hinzudeuten. Abends verlässt der Sohn das Haus, kommt erst gegen 4.30 Uhr nach Hause. Anderthalb Stunden später, gegen 6 Uhr, sei er aufgestanden, wird Willi May später zu Protokoll geben. Seine Frau habe noch geschlafen, sei dann aber auch wach geworden. Er habe mit ihr über die Beziehung reden wollen. "Nein, lass mich in Ruhe", habe sie ihn abgewimmelt. Dann erinnere er sich nur noch daran, wie er ihr die Hände um den Hals gelegt habe. Als er zu sich gekommen sei, hätten sie auf dem Fußboden neben dem Ehebett gelegen. Und seine Frau sei tot gewesen.

May hat gute Chancen, auf freiem Fuß zu bleiben

Willi May hat Bremen inzwischen verlassen. Er geht regelmäßig zur Therapie, engagiert sich ehrenamtlich, liest Blinden Zeitungsartikel und Bücher vor. Gegenüber stern.de wollte er sich nicht äußern.

Die Staatsanwaltschaft Bremen würde ihn am liebsten wieder in die Psychiatrie einweisen lassen. "Wir wollen in einer Hauptverhandlung klären, wie gefährlich dieser Mann wirklich ist", sagt Pressesprecher Frank Passade. Das Schwurgericht will demnächst über den Antrag der Staatsanwaltschaft entscheiden. Willi May hat gute Chancen, auf freiem Fuß zu bleiben. Denn die Gutachterglauben nicht, dass Willi May noch einmal eine Frau tötet. Ihre Logik: Die Gefahr, die von Willi May ausgegangen sei, habe sich "auf die Ehefrau zentriert". Es sei daher "sehr unwahrscheinlich", dass es erneut zu einer solchen Tat kommen werde.

Paul May, der seine Mutter tot im Bett gefunden hat, studiert inzwischen im Ausland. Die Familie der Getöteten versteht nicht, weshalb Willi May nicht freiwillig auf das Erbe verzichtet. "Es geht nicht um die Werte, die Anke und ihr Mann während der Ehe gemeinsam erwirtschaftet haben", sagt ihre Schwester. "Ankes Vermögen stammte aus dem Erbe unserer Eltern, die uns schon zu Lebzeiten ausbezahlt haben. Mein Vater ist tot. Aber meine 82-jährige Mutter muss jetzt erleben, wie der Mann, der ihre Tochter getötet hat, nun auch noch an ihr Geld will."

*) alle Namen von der Redaktion geändert.

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