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Eine Geisel erzählt

Knapp drei Monate war der deutsche Bauingenieur Rudolf Blechschmidt in den Händen afghanischer Taliban-Kämpfer. Sie bedrohten ihn, sie erschossen seinen Freund, sie zogen mit ihm nachts durchs Hochgebirge - und sie pflegten ihn, als er krank wurde.

Von Markus Götting und Christoph Reuter

  • Markus Götting

Herr Blechschmidt, Sie waren fast drei Monate lang in den Händen afghanischer Taliban, seit drei Wochen sind Sie wieder frei. Wie geht es Ihnen?

Natürlich bin ich immer noch niedergeschlagen und deprimiert nach all dem, was passiert ist. Ich habe wieder mit Bluthochdruck zu kämpfen, das wird einfach nicht besser, und ich hab seit der Entführung so ein Pfeifen in den Ohren, deshalb höre ich schlecht. Könnten Sie also bitte ein bisschen lauter sprechen?

Ein Tinnitus?

Vermutlich. Die Entführer haben mich am Anfang oft geschlagen. Mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, richtig draufgehauen haben die. Die Kopfhaut war aufgerissen, bis rüber zum Ohr. Eine Gehirnerschütterung hatte ich auch.

Warum wurden Sie geschlagen?

Das war, als die uns brutal die Berge hochgetrieben haben, also am Anfang.

Wie ist es zu der Entführung gekommen?

Wir sind eine afghanische Baufirma und hatten uns beim Energieministerium für die Reparatur des Band-e-Sultan-Staudamms beworben, der liegt in der Provinz Wardak, so dreieinhalb Stunden mit dem Auto von Kabul entfernt. Und bevor ich den Vertrag unterschrieb, wollte ich mich da umsehen. Zwei Tage bevor wir fahren wollten, hatten wir beim Polizeihauptquartier in Wardak angerufen und um Begleitschutz gebeten. Das Ministerium hatte zwar gesagt, dass wir keinen Geleitschutz benötigten und auch, dass keine Taliban in der Gegend sind. Aber uns war das zu unsicher. Der Begleitschutz wurde dann von der Polizei zugesichert.

Und Sie sind am 18. Juli morgens losgefahren.

Wir haben in der Früh Herrn Noorzai, unseren afghanischen Partner, abgeholt ...

... das ist der jüngere Bruder des afghanischen Parlamentssprechers ...

Genau. Noorzai hatte Besuch von Bekannten aus Helmand, einer Kriegsprovinz im Süden. Er hatte auch einige Angestellte eingeladen, die fuhren mit. Wir, das waren ich, der Rüdiger Diedrich, ein deutscher Ingenieur, sowie ein Dolmetscher und ein Vorarbeiter, der auch aus der Gegend dort kommt. Am Polizeihauptquartier in Wardak sagte der Kommandant: "Ich geb euch zehn Leute mit." Die Polizisten waren alle bewaffnet, AK 47, und als wir dann am Staudamm standen, oben an der Wasserfläche, stand unterhalb eine Person, ein Afghane, mit einer einläufigen Schrotflinte. Mir ist das etwas sonderbar vorgekommen, weil der Mann sehr gut gekleidet war und so einen vornehmen Eindruck machte. Er sah nicht aus wie ein Bauer. Wie er uns gesehen hat, kam er raufgelaufen. Sagt, er stammt von hier. Also hab ich Informationen über den Staudamm von ihm verlangt. Er hat sich kurz verabschiedet, ist das Flusstal runtergelaufen, und auf einmal hat er aus seiner Schrotflinte einen Schuss abgegeben. Ich hab noch Bilder gemacht, da hör ich schon den Noorzai schreien: "Taliban!" Er hat auf einen Hang gedeutet, da kamen zwei Mann runter, einer mit Maschinengewehr, einer mit AK 47. Unsere Afghanen sind alle ins Flusstal runtergerannt, weil das etwas bewaldet war, und haben sich da versteckt. Ich hab zu Diedrich gesagt, er soll hinterherlaufen, ich komm nach. Hab erst mal abgewartet, was passiert.

Und die Polizisten?

Die standen am Hang und haben auf die Taliban gewartet. Ich hab im Auto noch einen Rucksack gehabt mit einer Beretta-Pistole, 9 Millimeter. Aber ich hab mir überlegt: Wenn die Polizisten nicht schießen, ist das zu gefährlich, wenn ich mir mit den Taliban ein Feuergefecht liefere. Ich bin dann auch runter zum Fluss, saß mit Diedrich praktisch im Wasser und sagte: "Wir müssen sehen, dass wir in die Berge raufkommen, dass sie uns nicht mehr bekommen." Aber er war gesundheitlich nicht so gut beisammen und bat, ich solle doch bitte bei ihm bleiben. Dann kamen die Taliban schon von beiden Seiten auf uns zu, die hatten uns praktisch umzingelt. Wir also wieder hoch zum Staudamm, da standen die Polizisten und haben zugeschaut.

Ein klassischer Hinterhalt.

Keine Chance zu entkommen. Nur mein Dolmetscher hat das irgendwie geschafft. Hinterher hab ich erfahren: Der hat sich zwei, drei Stunden ins Wasser gelegt, und wie er rausgekommen ist, waren alle weg. Ein alter Mann hat ihm geholfen, mit einem Taxi ist er nach Kabul zurück, hat die Botschaft verständigt und meinen Sohn Markus, der noch in Kabul war.

Warum wurden Sie entführt?

Die wussten, dass Ausländer kommen, die den Damm reparieren wollen - und die haben im Zweifelsfall Geld. Das war’s. Die haben uns alles abgenommen, Armbanduhr, Kamera, Handy, alles, was wir hatten. Und uns die Hände gefesselt.

Es gab anfangs Gerüchte, Sie seien wegen Verstrickungen ins Rotlichtmilieu und Waffengeschäften entführt worden.

Was für ein Schwachsinn. Der Krisenstab hat auf Anfrage bestätigt, dass sie Gerüchten über einen Namensvetter von mir nachgegangen sind. Das war nicht ich, der hatte ein anderes Geburtsdatum. Wenn jemand so was über mich behauptet, werde ich gerichtlich dagegen vorgehen.

Wie viele Geiseln waren Sie?

Wir zwei Deutsche, Noorzai und die anderen fünf Afghanen. In unseren Land Cruiser wurden elf Personen reingequetscht, drei Taliban und wir acht Leute, übereinandergeschichtet. Wir hatten so einen Taliban am Steuer, der konnte nicht richtig Auto fahren. Der ist Vollgas gefahren, den Berg runter und dann ins Gebirge rein. Wir waren ungefähr vierzig Minuten unterwegs, dann ist er einen Berg hoch. Dann ging’s nicht mehr weiter, da ist er stehen geblieben. Er ist auch mit Allrad nicht so klargekommen. Dann haben sie uns alle rausgezerrt, uns die Fesseln durchgeschnitten. Zwei Taliban sind noch gekommen, da waren sie zu fünft. Ich hatte einen Rucksack und eine Wasserflasche. Die Pistole und verschiedene andere Sachen, ein Taschenfernglas, 10 x 25, das haben die natürlich alles genommen. Das war für die ganz neu, die konnten dann alles gut beobachten von den Bergen. Die Flasche hab ich mitgenommen. War ja heiß, 45 Grad im Schatten. Dann haben sie uns den Berg hochgetrieben, einen Kilometer, und in dem Hang waren zwei Löcher mit einem Tunnel. Sie haben gesagt: "Ihr müsst dort rein." Ich sag: "Ich geh da nicht rein." Schlägt mir einer die AK 47 ins Kreuz. Dann bin ich doch rein.

Das muss anstrengend gewesen sein. Zu der Zeit waren Sie ja noch etwas beleibter.

Man bewegt sich ja wie ferngesteuert, steht unter Schock. Die anderen laufen voraus, man läuft hinterher. Wir saßen in dem Loch, und Diedrich sagt zu mir: "Rudi, es ist zwar beengt, aber wir halten das aus. Vierzehn Tage wird das bestimmt dauern, dann holt uns die Botschaft hier raus." Ich hab zu ihm gesagt: "Das ist erst der Anfang." Und weil ich schon länger in Afghanistan war, wusste ich: Das wird nicht einfach. Das liegt bei den Afghanen in der Natur, dass die alles kompliziert machen.

Umso größer Ihre Angst?

Angst? Ja, vielleicht. Das ist schwer zu beschreiben. Ich war niedergeschlagen, dass ausgerechnet mir so was passiert, und man wusste ja auch nicht, was noch alles auf einen zukommt. Wir saßen einige Stunden in der Erdhöhle drin, und als es dunkel wurde, ging es weiter die Berge hoch.

Hatten Sie Lampen?

Überhaupt nichts hatten wir, es war stockfinster. Einer hat gezogen, einer hat mir mit der AK 47 ins Kreuz gehauen. Wir waren natürlich die Langsamsten. Die haben mich dann getrennt von Diedrich, weil ich viel schneller war. Und da kamen wir oben auf so ein Plateau. Es war bitterkalt. Diedrich und ich im kurzärmeligen Hemd. Wir haben nach Wasser gefragt, aber die Taliban hatten beide Kanister leer getrunken. Dann hab ich Diedrich gesagt: "Du musst deinen Urin trinken." Ich hab auch meinen Urin getrunken. Ich habe ja früher in Saudi- Arabien gearbeitet, ich kannte das von den Beduinen, das macht nichts. Diedrich hat gesagt, er kann das nicht. Weil’s so kalt war, hab ich gesagt: "Didi, wir nehmen uns in den Arm und wärmen uns gegenseitig." Wir lagen auf dem Boden. Und dann ging’s weiter. Wieder oben rauf. Die haben uns da hochgetrieben ...

Noch in der Nacht?

Ja. Immer höher.

Wie lang war die Pause?

Vielleicht eine Stunde. Die haben auf die Nachzügler gewartet, und dann weiter. Und das war dann der Rhythmus. Laufen, kurze Rast, laufen, kurze Rast. Man hat nichts gesehen, wir sind bloß über die Steine gestolpert, mal dahin gefallen, mal dorthin gefallen. Weiter oben hab ich gesagt: "Es hat keinen Zweck, ich muss mit den Leuten mal reden, das bringt ja nichts." Ich bin zu einem Anführer, der etwas Englisch gesprochen hat, und hab gesagt: "Was habt ihr mit uns vor? Wenn ihr uns erschießen wollt, erschießt uns gleich. Es bringt ja nichts, dass ihr uns da so hochtreibt, und wir werden dann vielleicht morgen erschossen. Da können wir uns die Mühe sparen." Der Anführer hat gesagt: "Nein, ihr bleibt am Leben. Wir müssen halt sehen, dass wir weiterkommen." Die wollten natürlich weg von dem Punkt, wo sie uns festgenommen hatten. Aus Angst vor Suchmannschaften.

Konnten Sie in der Höhe überhaupt laufen?

Schlecht, die Luft war einfach weg. Ich war kurzatmig. Wir waren ja auf 3.000, 3.500 Metern da oben. Jeder Schritt hat unheimlich Kraft gekostet, und wir mussten die Ausrüstung tragen. Ich hatte so einen Sack mit Munition, MG-Munition, da waren ungefähr 1.000 bis 1.500 Schuss drin. Und Diedrich sollte die Sprengköpfe von den Granatwerfern tragen. Er hat’s versucht, aber dann sagt er, er hat so Schmerzen in den Beinen, er kann nicht mehr laufen. Also hab ich mit dem Anführer gesprochen: "Der Mann ist schwer krank, der kann nicht laufen, warum könnt ihr ihn nicht freilassen? Es reicht ja, wenn ihr eine Geisel habt, einen Deutschen."

Aber kein Erbarmen.

Ach, das interessiert die gar nicht. Die sagen "hopp oder topp", die haben da eine andere Einstellung. Ich hab zu Diedrich gesagt: "Ich bleib bei dir." Die Anführer waren schon vorgelaufen, nur noch die Jungen waren da, so 25 Jahre alt, Sadisten. Mich wollten sie wegzerren, da hab ich mich nicht wegzerren lassen, da haben sie mich zusammengeschlagen und weggezerrt von Diedrich. Ich hab mir gesagt: "Du musst durchhalten." Und nach einer Stunde war da ein kleiner Bach, und wir konnten trinken und die Wasserkanister auffüllen. Und dann ging es wieder den Berg hoch, so einen großen Berg. Ich hab gar keine Pausen mehr gemacht. Dachte, wenn du dich ausruhst, wirst du noch müder, lauf durch! Man läuft wie in Trance, keucht, denkt: keinen Schritt mehr. Und dann immer noch, immer noch, immer noch. Und nicht nach oben schauen, immer bloß unten hin, dass man nicht sieht, wie hoch das noch geht.

Und wo war Ihr Kollege?

Viel weiter hinten. Und mit einem Mal, da waren wir eine halbe Stunde hinter dem Bach, da gab’s zwei Salven, so bu-bupp, bu-bupp. Zweimal vier Schuss. Dann hab ich gedacht, jetzt haben sie wahrscheinlich den Herrn Diedrich erschossen.

Das haben Sie sofort gewusst?

Ich hab das gespürt.

Ihr Freund, Ihr Kollege, was ist da in Ihnen ...?

Ich hab Hass gehabt auf die Leute. Und gesagt, wenn ich sterben muss, dann nehm ich noch ein paar mit. Die waren ja alle mit Handgranaten behängt. Ich hätt bloß einen zu packen brauchen und die Handgranate abziehen. Das wär alles gewesen.

Hatte Herr Diedrich es denn noch bis zum Bach geschafft?

Es war ja noch ein Hügel dazwischen. Wo es den Hang raufging, hatte er sich hingesetzt und gesagt, er läuft keinen Schritt mehr. Da hat einer von den Jungen ihn erschossen.

Einfach so?

Klar. Und der war auch noch stolz darauf. Hat mir ja hinterher noch den Ausweis von Herrn Diedrich gezeigt, ganz stolz, und gesagt: "Den hab ich ins Jenseits befördert."

Wurden Sie bedroht?

Der Mörder von Diedrich hat mir gesagt: "So wirst du auch enden." Hat mir verschiedene Todesarten angedroht. Kehle durchschneiden. Mit Handgranaten in die Luft sprengen. Diese Jungen, die waren sehr aggressiv, die kamen gerade aus einem Kampfeinsatz in Helmand und hatten viele Leute verloren. Sie haben gesagt: Ihr Deutschen, ihr seid wie die Amerikaner, eure Tornados ...

Die wussten, wie die heißen?

Die haben immer gesagt: Eure intelligenten Flugzeuge, intelligent planes. Deswegen wurden wir ja auch dauernd verlegt, weil die Angst hatten, dass wir aus der Luft beobachtet werden.

Konnten Sie überhaupt noch?

Ich sagte: "Ich kann umfallen, dann bin ich auf der Stelle tot, dann habt ihr überhaupt nichts von mir." Das hat der alles zur Kenntnis genommen, der Sadist, und gesagt: "Allah bestimmt." Er selbst habe da nichts mit zu tun, wenn Allah das will, dass ich sterbe, dann sterbe ich. Wenn er nicht will, sterbe ich nicht. Ich mein, das ist ein einfaches Rezept. Man muss bloß dran glauben. Er hat mich dann so lange bearbeitet, dass ich den Munitionssack wieder genommen hab. So nach 150 Metern war die Luft raus, da konnte ich wirklich nicht mehr. Ich hab den Sack hingestellt, hab mich hingesetzt, und er mit seinem Gewehr sagt: "Sack nehmen, hoch!" Ich hab gesagt: "Den Sack trag ich nicht. Du bist ein junger Moslem. Im Koran steht, du sollst das Alter achten." Da ging das hin und her. Da hat er durchgeladen und mir den Lauf auf den Bauch gehalten und gesagt, wenn ich den Sack nicht nehm und hochlauf, erschießt er mich hier. Und ich hab den Lauf genommen und gesagt: "Erschieß mich." Ich wusste ja, der kann mich nicht erschießen, die wollten ja Geld. Da hat er vor Zorn gebebt.

Ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich bewegt: Gibt man nach? Provoziert man seinen Entführer?

Mir war das praktisch egal zu dem Zeitpunkt. Da überlegt man: Hat es überhaupt einen Zweck, wenn es so weitergeht? Später, wenn man schon zu lange überlebt hat, hängt man mehr an seinem Leben.

Wie haben Sie durchgehalten?

Die Afghanen, die haben nachts gesehen, als hätten sie eine Nachtsichtbrille. So sind die gelaufen. Ich hab immer nur gedacht: Hoffentlich kommst du hinterher! Da war ein Taliban, der mich bei der Hand genommen und gesagt hat: "Pass auf, hier ist ein Felsbrocken, fall da nicht." Mein Glück war: Ich hatte so Arbeitsschuhe, das sind reine Bergschuhe mit Stahlsohle und Stahlkappe. Ich hatte erst Sandalen angezogen, dachte aber, wer weiß, wie das ist an dem Staudamm - zieh lieber richtig gute Schuhe an.

Ein Glück.

Die Taliban laufen ja in so Latschen rum, Gummilatschen. Denen macht das nichts aus. Aber dann wollten die meine Schuhe. Ich sag: "Schuhe gibt’s nicht, ohne Schuhe lauf ich nicht." Insgesamt sind wir ja Hunderte von Kilometern gelaufen. Ich hab ihnen aber versprochen - und von allen auch die Schuhgröße aufgeschrieben -: "In Kabul kauf ich jedem ein Paar Schuhe." Sie haben sogar Probelaufen gemacht, als ich die nachts ausgezogen hab. Aber trotz der Schuhe bin ich oft hingefallen und gestolpert, hab mir die Beine aufgeschlagen bis zu den Knien, ich hab geblutet, hab alles aufgerissen gehabt. Die Ellbogen ...

Wer hat Ihre Wunden versorgt?

Niemand. Ich. Mit Urin gewaschen. Die haben ja nicht mal Verbandsstoff. Die haben ja nichts dabei. Sogar die Tempotaschentücher haben die mir abgenommen, ich hab ja gar nichts gehabt. Die Hose zerrissen, Hemd zerrissen. Wenn wir irgendwo saßen, hab ich mich heimlich behandelt. Das durften die gar nicht sehen, das ist das Schlimmste, was es gibt für einen Afghanen oder Muslim, wenn ich jetzt irgendwie an den Körper mit Urin geh. Das entehrt mich ja!

Gab es etwas zu essen?

Ja, am zweiten Tag, so süße Sahne in Papiertüten, die man mit Fladenbrot essen kann. Und Wasser war auch da. Aber man hat gar keinen Hunger gehabt, es ging bloß ums Trinken. Die haben gesagt: "Iss was! Leg dich schlafen!" Aber vor lauter Steinen findest du keinen Platz zum Schlafen, und es war bitterkalt, fünf Grad, wenn’s dunkel wurde, und ein kalter Wind hat durch die Felsspalten gepfiffen. Und ich im kurzärmeligen Hemd. Ich hab gezittert am ganzen Körper, meine Zähne haben geklappert, das hat man gar nicht mehr im Griff.

Wann haben Sie das erste Mal geschlafen?

Nach drei Nächten, irgendwann in der Früh. Ich hatte mir eine Mulde in so ein Geröllfeld gegraben und mich da reingelegt. Da zog der Wind nicht so. Und dann bin ich innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Die hatten uns ein paar Stunden zuvor mit mehreren Autos verlegt, und da ist dann plötzlich der Noorzai weg gewesen. Am Anfang hab ich noch gedacht, dem ist irgendwie die Flucht gelungen, aber später haben mir die Taliban erzählt, sein Bruder hat ihn allein rausgekauft.

Und Sie und die anderen hat er hängen lassen?

Ja. Seine Geschichte, die er dann in Kabul dem BKA und meinem Sohn erzählt hat, klang natürlich anders. Aber er hat uns schlicht verraten.

Noorzai war weg, ein paar Männer konnten ein bisschen Englisch, Sie ein wenig Arabisch. Wie sind Sie mit der Isolation umgegangen?

Das kam erst später. Die ersten Tage warst du ja nur unter Druck. Du musst laufen, du musst überleben. Da denkt man an gar nichts. Erst nach vier Tagen war ein bisschen Ruhe. Da sind wir an einer Höhle angekommen, so ein Felsloch, und dann hieß es: "Ihr müsst alle in die Höhle rein! Das ist euer Zuhause."

Na prima.

Die war bloß so einen Meter sechzig hoch, da ging so ein Schlauch rein, drei Meter lang, zwei Meter breit. In der Höhle konnten sich drei Mann hinlegen, der Rest musste sitzen. Abends kamen die Taliban aus den Dörfern rauf, so wilde Gestalten. Die saßen am Höhleneingang. Ich denk, mein Gott, was haben denn die bloß vor? Sitzen da wie die Hühner und beobachten uns. Die hatten Brot mitgebracht und Wasser und ein paar Zwiebeln, und dann haben wir dunkles Brot und die Zwiebeln gegessen, war auch nicht gerade gut für meinen Magen, denn als Europäer ist man die rohen Zwiebeln nicht so gewöhnt. Und dann: wie schlafen? Keine Decke, nichts gehabt. Gut, dann haben wir uns auf den Steinboden gelegt und haben halt geschlafen.

Stellt sich unter solchen Bedingungen so was wie Alltag ein?

Ja. Von dort oben aus gab es den ersten Kontakt mit der Botschaft und dann auch gleich mit dem Bundeskriminalamt. Das war der Thomas vom BKA, mit dem habe ich dann in den kommenden Monaten immer wieder telefoniert, der war so was wie meine große Hoffnung. Ansonsten hatten wir zum ersten Mal einen Tagesablauf. Um halb vier hat jeden Morgen das Handy geklingelt, Anruf von der Taliban-Zentrale, dass die aufstehen zum Beten.

Wie bitte? Handy? Anruf?

Für mich war das ja auch unvorstellbar. Die Taliban hatten die modernsten Handys, mit Fotokamera drin. Und die haben telefoniert wie die Weltmeister. Mit dem Netz ist das kein Problem, da stehen ja überall Sendemasten auf den Bergen. Die hatten einen ganzen Sack voller Akkus und eine Solarladestation, und so konnten meine Afghanen auch mit ihren Leuten telefonieren. Aber nur, wenn zurückgerufen wurde. Die Taliban hatten ja so Prepaid- Karten.

Kaum was zu essen, kein Fleisch, aber Spitzen-Handys?

Die haben damit ja auch alles gefilmt, ihre ganzen Kämpfe, Hinrichtungen. Die haben uns so Videoclips gezeigt, da haben wir gesehen, wie sie einem Amerikaner die Kehle durchschneiden. Die machen ja keine Gefangenen. Die sagen: "Wir können die gar nicht mitnehmen." "Alles so lasche Säcke", sagen die.

Aber Sie durften dennoch morgens länger schlafen, wenn die Taliban beteten.

Ich hab als Einziger die Nacht durchgeschlafen, und wenn die sich um fünf oder sechs wieder hingelegt haben, war ich munter. Dann haben wir erst mal Tee gekocht für die Taliban. Damit keiner den Feuerschein sieht, musste man in der Höhle kochen. Das konnte natürlich keiner aushalten, den Rauch, bloß einer von den afghanischen Geiseln.

Wie weit durften Sie sich wegbewegen von der Höhle?

Ach gut, mit der Zeit bin ich eine Stunde alleine da rumgelaufen. Wo sollte ich denn hin?

Weit und breit keine Fluchtmöglichkeiten?

Nichts, gar nichts. Die ganze Gegend war ja voller Taliban. Die haben gesagt, die haben da tausend Kämpfer in den Bergen. Also arrangiert man sich. Zum Frühstück gab’s meistens das übrig gebliebene Brot vom Vorabend. Mittags gab’s meistens nichts, weil nichts mehr da war, und du hast halt gewartet, dass die Taliban abends vom Dorf raufkommen und Brot mitbringen, teilweise auch noch Kuchen und Aprikosen, Äpfel. Wardak ist ja eine Obstgegend.

Man isst Brot und Zwiebeln, man schläft ein, der Tag bekommt seinen Rhythmus. Empfindet man das als Normalität?

Nein, schließlich saßen ein paar Meter unterhalb der Höhle der Sadist und der Psychopath, und die wollten mir bloß das Leben schwer machen.

"Der Sadist", "der Psychopath" - haben Sie den Entführern Namen gegeben?

Ja, aber vor allem den Unsympathischen. Dann gab es noch den "Chief ", den stellvertretenden Kommandanten, und den "Henker". Der hatte immer eine Wollmaske auf, selbst bei größter Hitze. Meine Afghanen sagten: "Das ist der Vollstrecker." Aber der war ein anständiger Kerl.

Was haben der „Sadist“ und der "Psychopath" Ihnen getan?

Sie haben mir halt erzählt, wie sie mich am besten umbringen können, welche Todesart am besten ist, die haben eine Handgranate rausgeholt und wollten den Stift immer rausziehen.

Die haben vor Ihnen damit rumgespielt?

Ja, so. Und dann: Tsssch! Brrchch! Und dann haben sie gesagt: "Ich geh in den Himmel, und du gehst in die Hölle, weil du Christ bist."

War das ein Zeitvertreib? Haben sie gelacht?

Ich hab gelacht. Ich hab gesagt: "Ihr seid doch Idioten."

Aber es gab auch Stunden, in denen nichts passierte?

Ja, klar. Man lag einfach da und hat die Zeit totgeschlagen. Man fängt an, sein Leben noch mal irgendwie zu überdenken. An alles, was man falsch gemacht hat. Ich hab mein Leben immer bloß gearbeitet, bin ja fast nie in Urlaub gefahren. Von meiner Frau bin ich im guten Einvernehmen geschieden worden, sie ist eine gute Freundin, sonst wär ich jetzt, in Freiheit, auch nicht hier bei ihr. Und ich hab zwei Söhne, auf die ich stolz sein kann, und denen wollte ich halt noch ein Stück erhalten bleiben. Aber insgesamt bin ich ein Mensch, der nicht so gern gebunden ist.

Umso unerträglicher muss Ihnen die Geiselhaft gewesen sein.

Natürlich nagt das an einem. Für die Taliban war’s eine schöne Erholung. Die saßen vor der Höhle in der Sonne und haben geraucht und Nazaran genommen.

Nazaran?

Das ist Hasch und Tabak und ungelöschter Kalk, und das schieben die alle fünf Minuten unter die Zunge.

Haben Sie auch mal probiert?

Früher mal, ja, bei meinen Arbeitern. Das brennt wie Hölle, man behält das fünf Minuten drin und spuckt es aus. Es wirkt so, als würden wir ordentlich Wein trinken. Die Taliban waren dann immer gut gelaunt und haben Witze gemacht.

Waren die netter, wenn sie benebelt waren?

Geschlagen haben sie uns eh nicht mehr, und bis auf den Sadisten und den Psychopathen waren das alles ganz anständige Leute, sie haben Respekt gezeigt.

In Ihrer Wohnhöhle, waren Sie da immer mit denselben Taliban zusammen?

Oh nein, da kamen andauernd welche für ein, zwei Tage, um uns anzugucken, so ’ne Art Kurzurlaub.

Freizeit-Taliban?

Ja, aus Kabul, sogar aus Dubai waren welche da. Wer von den Taliban am Anfang plötzlich verschwand, war der Psychopath - nachdem er vorher tagelang meine Timex- Uhr getragen hatte. Zwei Tage später ein Anruf beim Chief, Jubel: Er habe sich in Kandahar gesprengt. Aber vorher offensichtlich die Uhr abgegeben, denn als Nächster trug der Sadist die. Der verabschiedete sich dann mit Tränen in den Augen von uns allen. Tage später wieder ein Anruf: Er habe in Kabul sich und einen französischen Soldaten in die Luft gesprengt. Wer meine Uhr trug, bei dem wusste ich dann schon: Der sprengt sich als Nächster. Aber um den dritten war es schade, der war immer anständig.

Was ist mit dem passiert?

Der hat sich in Kabul mit einem Auto in die Luft gejagt.

Wie lange blieben Sie in der Höhle?

Mitte August hieß es: Wir müssen weg. Ich hatte inzwischen einen Sprengstoffsack tragen müssen. Aber der war ja auch schon leichter geworden, weil die für die Selbstmordanschläge immer was rausgenommen haben. Ich habe mir eine Stange Sprengstoff mit Gewinde und zwei Zünder genommen: Wenn es mal zu Ende geht, dann nach meinen Regeln, dachte ich. Die habe ich in meinem Beutel versteckt - aber später verloren, bei der gescheiterten Übergabe.

Sie waren nun einen Monat bei den Taliban, wollten die Sie gar nicht mehr loswerden?

Doch, die örtlichen Taliban machten Druck, die brauchten Geld. Der Kommandant hat wieder in der deutschen Botschaft angerufen, da war aber nur der Stellvertreter. Dann gab er mir das Handy. Und ich habe dem Botschaftsvize gesagt, dass die jetzt schnell einen Deal machen wollen und auch mit weniger zufrieden seien. Aber der Diplomat sagte nur: "Ich telefoniere nicht mit den lokalen, nur mit den Taliban ganz oben, die treffen die Entscheidungen!" Da war nichts zu machen. Als das Gespräch vorbei war, sagte der Kommandant nur ein Wort: "Idiot!" Thomas vom BKA war zu dem Zeitpunkt auch nicht da. Dann haben wir mehrere Wochen lang überhaupt nichts mehr gehört. Wir waren ziemlich am Ende, fragten uns: Wollen die überhaupt, dass wir rauskommen? Die Taliban haben mir gesagt: "Du bist zu ungeduldig, du musst mehr glauben!" Das war die Zeit, als ich einen Herzanfall simuliert habe. Da haben sie dann den Doktor gebracht. Der war eigentlich nur Medizinstudent, aber hat meinen Puls gemessen und gesagt: Das Beste gegen Herzprobleme seien Äpfel! Dann hat er die Taliban ins Tal geschickt, Äpfel besorgen! Haben die auch gemacht, und dann kam jeder Talib an: "Udolf, iss einen Apfel!" Nach zwei Tagen konnte ich keine Äpfel mehr sehen. Der Doktor hat nachts genauso schlecht gesehen wie ich, da sind wir nachts beim Marschieren gemeinsam gestürzt. Einmal hat er seine AK 47 verloren, die habe ich dann nach einer halben Stunde wiedergefunden.

Waren Sie da immer noch in der Höhle?

Nee, da waren wir wieder die ganze Nacht marschiert, haben ein Lager auf knapp 3.000 Metern aufgeschlagen. Aber fünf Kilometer entfernt von dem Platz war eine Quelle, Taliban brachten Shampoo und Waschmittel - da konnte ich mich zum ersten Mal wieder richtig waschen! Als der Chief gebadet hat, hat er mir seine AK 47 gegeben, "pass auf, wenn einer kommt!" Der hat mir dann auch gezeigt, wie man Steine statt Klopapier verwendet: erst einen runden fürs Grobe, dann immer schärfere für die Feinarbeit.

Warum zogen sich die Verhandlungen so hin?

Thomas, der BKA-Mann, hat mir gesagt, er habe meine Freilassung schon zweimal im Krisenstab angekündigt, aber ich hab da nie was gemerkt. Wenn ich gefragt hab: "Wann rufen wir die Botschaft an?", hat der Chief abgewunken: Sie seien jetzt vollauf mit den koreanischen Geiseln beschäftigt, hätten keine Zeit für mich.

Das waren dieselben Entführer?

Na ja, auch Taliban halt. Das hat mir der Chief selber erzählt.

Sie leiden unter Bluthochdruck, sind auf Beta-Blocker angewiesen. Wie sind Sie an die Medikamente gekommen?

Das ging über Mittelsleute, die bekamen wir von der Botschaft. Ich brauchte auch Durchfallmittel und Beruhigungstabletten mit Hopfen. Die Afghanen haben die Tabletten dann geschluckt ohne Ende. Einer von uns Geiseln hatte immer starke Rückenschmerzen, der hat genommen, was er kriegen konnte. Er meinte, alle Tabletten helfen. Der Renner waren die Hopfen-Baldrian-Tabletten zum Einschlafen, davon wollten die Taliban dauernd welche haben. Da waren 50 Tabletten schnell alle. Als dann wieder 100 Beta-Blocker kamen, und ich sie irgendwie nicht vertrug, habe ich halt die verteilt: Wer anständig war, hat nur eine bekommen, die anderen Taliban je zwei. Die haben dann morgens gesagt, sie hätten so Herzbumpern. Habe ich ihnen gesagt, ihr müsst mehr Sport treiben, rennt mal um den Berg rum. Haben einige sogar gemacht (lacht).

Was ist denn der Effekt?

Die Pumpe schlägt weniger, der Blutdruck sackt ab.

Haben Sie zu dieser Zeit an Flucht gedacht?

Es gab einen Moment, als der Henker plötzlich rief: „Los, los, komm mit! Die Armee ist im nächsten Tal, die können in zwei Stunden hier sein.“ Ich habe zwei AK 47 genommen, meinen Munitionssack, einen Wasserkanister, und dann sind wir den Berg runter ins nächste Tal gelaufen. Da hat es der Jüngste von unseren Afghanen versucht: ist bis ins nächste Dorf davongelaufen und hat sich versteckt. Aber die Dorfbewohner haben ihn entdeckt und rausgegeben. Nach drei Stunden hatten die Taliban ihn wieder. Man kommt einfach nicht raus aus der Gegend. Wo willst du hin? Das sind 90 Kilometer bis zur Hauptstraße, alles Talibangebiet. Jeder Bauer, jeder kleine Junge meldet das.

Was geschah mit dem, der fliehen wollte?

Der Kommandant ist mit ihm allein in die Berge marschiert, und ich dachte: Hoffentlich erschießt er ihn nicht! Aber es gab nur eine kräftige Tracht Prügel. Am nächsten Tag haben sie ihm sogar ein Pflaster besorgt gegen die Rückenschmerzen, weil der Kommandant ihn da so geschlagen hatte. Danach durfte er auch wieder jeden Abend mit seiner Frau telefonieren.

Klingt ja fast familiär ...

Ja, aber so war das mittlerweile auch. Die Bauern kamen ab und zu vorbei, um mit unseren Afghanen zu plaudern, jeder wusste, dass wir da sind. Einerseits waren die furchtbar grausam und dann wieder liebenswürdig, das kann man sich hier kaum vorstellen. Später kam einer und hat mir eine halbe Rolle Klopapier geschenkt. Die hatte er einem abgenommen, dem sie zuvor gerade die Kehle durchgeschnitten hatten. Ein andermal kam der Doktor abends, weckte mich: "Udolf, ich habe Briefe von deinen Söhnen dabei." Auf Deutsch und Englisch. Da sind mir zum ersten Mal die Tränen gekommen beim Lesen. Der Doktor hat gesagt: "Ich hab die auf Englisch auch gelesen. Udolf ", sagt er, "ich hab auch geweint."

Was stand drin?

Dass sie alles versuchen, um mich freizubekommen. Dass sie mich halt sehr lieb haben, so halt.

Anfang September begann dann der Ramadan.

Ja. Kurz zuvor hatten sie uns auf ein Gehöft verlegt, da war auch der neue Kommandant Kommandant gekommen, Bahir, der war ganz ruhig. Im Ramadan bin ich dann wirklich krank geworden, furchtbarer Durchfall.

Warum gerade jetzt, nach knapp zwei Monaten?

Na, zu Ramadan essen abends alle aus einem Topf, und vielleicht haben sich welche den Hintern nicht richtig abgeputzt und sind dann mit der Hand ins Essen. Es gab nämlich keine Steine dort. Ich konnte nichts mehr essen, nichts mehr trinken, nach dem dritten Tag lag ich halb im Koma. Da hat der Doktor gesagt: "Wir müssen dich zu einem richtigen Arzt bringen!" Also haben mich nachts zwei Taliban untergehakt, den Hügel runter, wo Bahir mit dem Motorrad wartete. Wir sind sieben, acht Kilometer gefahren. Da kam ein Arzt, der hat mir eine Infusion gegeben, so Kochsalzlösung, und Tabletten. Am nächsten Tag, zurück im Camp, musste unser Doktor, der Student, wieder nach Kabul, weil die Uni begonnen hatte. Also saß der Chief den ganzen Tag neben mir, hat meine Hand gehalten und fast geweint, weil ich so apathisch dalag. Der Doktor hat mir das Leben gerettet, weil er mich zu diesem Arzt gebracht hat.

Gab es da Kontakt zur Botschaft?

Erst als der eigentliche Botschafter und Thomas vom BKA wieder da waren. Im August, nach dem Gespräch mit dem Stellvertreter, war tote Hose gewesen. Ich habe dann Druck gemacht und Bahir gesagt: "Ihr müsst da wieder anrufen!"

Und? Hat er?

Er hat gesagt, ich muss das machen. Habe ich Thomas angerufen und ihm gesagt: "Ich hab den Auftrag von den örtlichen Taliban, dass die Freilassung direkt verhandelt wird." Sagt er: "Ich habe hier viele Vermittler, die versuchen alles. Aber wir kommen einfach nicht vorwärts." Dann hat er eingewilligt, auch mit unseren Taliban zu verhandeln, nur eben drei, vier Wochen später, als wir damit hätten anfangen können. Bahir wollte einen seiner Männer schicken. Den kannte ich. Aber der konnte höchstens seinen Stall ausmisten, jedenfalls nicht mit der Botschaft reden. Ich habe Bahir gebeten: "Ruf den Doktor an! Der kann das."

Das war Ihre Idee?

Ja, sonst wär das doch wieder schiefgegangen. Ich habe den Doktor angerufen und auf ihn eingeredet: "Kannst du das nicht machen? Ich versprech dir, ich rede mit den Leuten in der Botschaft, dass dir nichts passiert! Dich verhaftet keiner, ich sag, du bist Vermittler!" Dann ist er hingegangen, und eine Woche später hieß es: "Wir haben uns geeinigt." Er werde das Lösegeld in Kabul in Empfang nehmen. Ein Rotkreuz- Auto käme uns abholen und würde uns zur nächsten Polizeistation bringen. Dann kam der Tag, auf den wir uns so gefreut hatten. Vorher bekamen wir weiße afghanische Kleidung zum Anziehen und ich noch einen schwarzen Turban. Nachmittags um zwei kam ein Minibus, wir fuhren anderthalb Stunden, dann hieß es: "Zu Fuß weiter!" Nach drei Kilometern bei dem Rotkreuz-Auto hat Bahir jedem noch Geld gegeben, gesagt, "falls ihr nachher Taxi fahren müsst". Dann ging’s los, im ersten Auto fuhren drei Taliban, dahinter ich mit einem Mazedonier vom Roten Kreuz, im Bus die anderen Afghanen. Ich habe Thomas angerufen, als wir los sind. Aber auf einmal hielten alle. Der Mazedonier ist ausgestiegen, hat den Schlüssel abgezogen. Hätt er das nicht gemacht, ich wäre einfach weggefahren. Mir war das wurscht in dem Moment. Da kam Bahir ans Auto: "Aussteigen! Fahrt ist zu Ende! Sofort zurück in den Bus! Wir sind alle mit Vollgas zurück in die Berge, von unten kam schon die Polizei in mehreren Wagen rauf, oben gingen die Taliban in Bereitschaftsstellung. Am Berg angekommen, hieß es: "Hochlaufen, über den Bergkamm rüber!"

Wussten Sie, was schiefgegangen war?

Bahir sagte im Auto, der Doktor und der andere Vermittler hätten die Botschaft verlassen und seien sofort vom afghanischen Geheimdienst festgenommen worden. Ein ganz linkes Ei sei das gewesen. Der war wütend. Wir also den Berg hoch, die Polizei ist uns nicht hinterher, die trauten sich nicht weiter. Als wir rasteten, waren meine Afghanen wütend: "Was seid ihr Deutschen für böse Leute, so ein abgekartetes Spiel!" Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Wir sind dann runter ins Tal zu einem Bauernhof. Drinnen saßen bestimmt 30 Taliban und haben mich finster angeschaut. Abends gab es zu essen, war ja Ramadan. Ich hab ein bisschen gegessen, meine fünf Afghanen nichts. Einige hatten schon Tränen in den Augen. Was denn los sei? Da hat einer gesagt: "Die unterhalten sich gerade, ob sie uns erschießen oder die Kehle durchschneiden werden." Na, wunderbar. Unsere beiden Kommandanten, Bahir und der Chief, haben dagegengehalten, der Deutsche könne doch nichts dafür, wenn die Botschaft so was macht. Aber sie haben sich wohl nicht geeinigt, irgendwann hieß es nur: "Schlafen!"

Das war knapp.

Um drei Uhr morgens haben sie uns dann geweckt. Wieder los, in die Berge, ohne Gepäck. Na gut, dachte ich mir, kein gutes Zeichen: keine Kochtöpfe, keine Decken, bloß die Taliban mit den Waffen. Als es hell wurde, kamen wir an eine halb zugemauerte Lehmhütte, keine Fenster, keine Türen. Da mussten wir rein. An der Wand waren ziemlich frische Schriftzeichen, so mit Holzkohle gemalt, war wohl koreanisch. Dann kam ein Anruf, so gegen 16 Uhr, wir sollten runterkommen. Wir sind zu einem anderen Bauernhaus gefahren, da lagen schon unsere Decken. Dort sind wir auch bis zum Ende geblieben. Erst nach drei Tagen gab es wieder Kontakt zur Botschaft. Der BKA-Mann hat mir erzählt, dass die beiden Vermittler vom afghanischen Geheimdienst verhaftet wurden und die Botschaft nichts damit zu tun hatte. Aber damit begann das nächste Problem.

Nämlich?

Die vom afghanischen Geheimdienst waren scharf auf das Lösegeld und hatten gedacht, sie könnten die Taliban übers Ohr hauen: Sie wissen, wo und wann das Geld übergeben wird und greifen sich die Vermittler. Aber sie waren dann zu dilettantisch, haben sofort zugegriffen und sind rausgebeobachtet worden. Da musste die Botschaft erst mal tagelang zusehen, das Lösegeld zurückzubekommen. Gleichzeitig wollte der Geheimdienst sein Gesicht wahren. Der hat behauptet, die beiden Vermittler und zwei von deren Verwandten, die sie auch gleich festgenommen hatten, seien Topterroristen. Deshalb hätten sie die festnehmen müssen und dürften sie auf keinen Fall laufen lassen. Dabei waren das einfache Taliban aus unserem Gebiet, der Doktor war halt etwas klüger als die anderen. Wir steckten damit in der Falle, denn die Taliban wollten die wiederhaben. Geld hatten sie mit den Koreanern genug verdient. Das war nun eine Frage der Ehre.

Und Sie zwischen den Fronten. Hatten Sie noch Hoffnung?

Ich hab gesagt, solange ich mit der Botschaft sprechen kann, ist noch Hoffnung. Dieses Telefongespräch abends war das Wichtigste, da hat man den ganzen Tag drauf gewartet.

Konnten Sie Ihre Söhne anrufen?

Nein, das BKA hat sich immer geweigert, mir deren Nummern zu geben - und denen meine. Ich habe gesagt: "Wir haben eine Baufirma, müssen Verträge unterzeichnen, sonst geht das alles den Bach runter." Aber die wollten partout nicht.

Wieso nicht?

Habe ich nie erfahren. Aber ich hatte die Nummern nicht im Kopf, mein Telefon war schon lange weg. Dann fiel mir plötzlich die Nummer von einem Bekannten in Kabul ein, die kannte ich auswendig – und habe mir an den Kopf gegriffen, dass ich nicht früher draufgekommen bin. Der hat gut reagiert, nur gefragt: "Um was geht es?" "Um meinen Kopf ", habe ich geantwortet. "Gib diese Nummer meinem Sohn, er soll mich anrufen." Das hat geklappt. Dann konnten wir endlich miteinander sprechen. Das war an einem Sonntag.

Wie war das?

Schon schön. Und wahrscheinlich meine Rettung, denn am Montag kam Bahir zu mir: Dienstagnacht würde ich verlegt nach Helmand in den Süden zu den kämpfenden Einheiten. Ich sollte da als so ’ne Art deutscher Taliban mit der Kamera die Gräuel der Amerikaner aufnehmen. Ein Trupp sei schon unterwegs, mich abzuholen. Bahir meinte, das sei sehr schlecht für mich. Aber er werde nun auch abgelöst und könne nichts mehr für mich tun. Befehl vom Oberkommando. Das wäre mein Ende gewesen. Da habe ich sofort meinen Sohn Markus angerufen und gesagt: "Wir müssen was machen!" Vorher hatten er, Tobias und meine Ex-Frau auf Anraten des Auswärtigen Amts kaum Interviews gegeben, aber dann haben wir überlegt: Das ist die letzte Chance, wir müssen Druck machen.

Woran hakte es?

Na, dass der afghanische Geheimdienst die Vermittler nicht freigeben wollte. Es ging jetzt nicht mehr ums Geld. Thomas vom BKA hat gesagt, sie versuchen alles, der Botschafter spricht überall vor, im Ministerium, bei Präsident Karzai, aber die wollten einfach nicht. Und ich saß fest.

Und dann?

Hat meine Familie bei "Antenne Bayern" und anderen Medien angerufen, dass sie an die Öffentlichkeit gehen würden. Ich habe Bahir gefragt, ob ich ein Interview geben könne. Hatte er nichts dagegen, solange die uns anrufen. Dann habe ich "Antenne Bayern" 20 Minuten lang erzählt, was los ist. Das sollten sie aber erst senden, wenn es zwei Tage lang kein Lebenszeichen mehr von mir gibt. Als ich dem BKA davon erzählte, sagte Thomas: "Um Gottes willen, machen Sie das nicht!" Und dann hieß es plötzlich: "Warten Sie noch, wir haben Mittwoch früh um acht ein letztes Gespräch mit Karzai, es sieht gut aus."

Wieso wollte er die Vermittler nicht freigeben?

Na ja, ein Problem war, dass sich vorher Regierungen beschwert hatten, wenn Karzai hochrangige Taliban freigelassen hat. Und jetzt sollte er vier freilassen, von denen sein eigener Geheimdienst sagte, das seien Topterroristen – obwohl das gar nicht stimmte. Schwierig. Aber dann hat es wohl doch noch von ganz oben einen Anruf aus Deutschland bei Karzai gegeben.

Es war Dienstagabend. Sie sind hoch nervös, denn wenn es jetzt nicht klappt, sind Sie verloren. Was geschah?

Erst mal kam der Dorffriseur, das fand ich ein gutes Zeichen! Dann sagte Bahir, die Helmand-Gruppe sei schon da – aber er habe sie gestoppt, einen Tag Aufschub rausgebeobachtet handelt. Am nächsten Tag um drei kam wieder der Minibus, den kannten wir ja schon. Dann liefen uns zwei der Freigelassenen entgegen, der Doktor war leider nicht dabei. Ich bekam ein Telefon, mit dem ich Thomas vom BKA anrufen konnte. Im roten Toyota Land Cruiser, der die Vermittler gebracht hatte, ging es zur Polizeistation. Überall in den Bergen lagen Taliban, bewachten die Strecke. Aber diesmal ging es glatt, nach drei Stunden kamen wir an. Ich war kaum ausgestiegen, da haben mich Polizisten einfach in ein Auto gezerrt und sind abgefahren. Für einen Moment dachte ich: Jetzt entführen dich die nächsten.

Aber diesmal haben die Polizisten sie nicht verkauft?

Nee, es war nur eiskalt, weil die nachts die ganze Zeit mit offenem Fenster gefahren waren und die Waffen rausgehalten hatten. Nach zwei Stunden waren wir in Kabul, sind gleich zur Botschaft, Tor auf, rein: Da standen in der Residenz des Botschafters meine Bekannten, hatten Tränen in den Augen.

Sie auch?

Ach, nee, ich dachte mir, jetzt musst du stark bleiben. Dann hat mich eh erst mal ein Arzt untersucht und eine Infusion gelegt, weil ich so ausgetrocknet war. Danach gab es Spaghetti, und alle wollten wissen, was los war. Ich hab erzählt, aber ihnen gesagt, über Diedrichs Tod spreche ich erst nachher. Der hätte damals ja gar nicht zum Damm mitfahren müssen. Der ist ja kein Tiefbauexperte, wollte sich das einfach nur angucken.

Machen Sie sich Vorwürfe?

Man macht sich sein Leben lang Vorwürfe, wenn so was passiert. Ich habe von Deutschland aus angerufen, aber (Pause) es ist sehr schwer. Ich möchte darüber eigentlich nicht sprechen.

Wollten Sie denn sofort Afghanistan verlassen?

Nein, ich wollte noch zwei, drei Tage bleiben, Geschäftsfreunde anrufen, gucken, was von der Firma noch zu retten ist. Aber die vom BKA haben gesagt, ich muss sofort raus.

Warum?

Geht nicht anders, keine Ahnung. Die BKA-Leute vom Krisenstab saßen in derselben Maschine, die wären sowieso nach Hause geflogen.

Das heißt, wären Sie nicht an diesem Mittwoch freigekommen, hätte es weder auf deutscher Seite noch bei den Taliban Ansprechpartner gegeben, und Sie wären nach Helmand verschleppt worden?

Ja, das wäre definitiv das Ende gewesen. Es war sehr knapp.

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Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

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