Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Was wirklich hinter Gurlitts Angebot steckt

Cornelius Gurlitt will die aus jüdischem Besitz geraubten Bilder zurückgeben. Klingt nach Läuterung. Doch seine Berater verfolgen einen Plan, der die Staatsanwaltschaft in die Bredouille bringt.

Eine Einordnung von Felix Hutt, München

  Das Gemälde "Sitzende Frau" von Henri Matisse gehörte zeitweise zur Kunstsammlung Hermann Görings. Cornelius Gurlitt will es als erstes Werk zurückgegeben.

Das Gemälde "Sitzende Frau" von Henri Matisse gehörte zeitweise zur Kunstsammlung Hermann Görings. Cornelius Gurlitt will es als erstes Werk zurückgegeben.

Als Cornelius Gurlitt, 81, noch für sich selber sprechen konnte, war die Sache eindeutig: Freiwillig gebe er keines seiner Bilder zurück, sagte er mehrmals der "Spiegel"-Reporterin Özlem Gezer, die ihn im November 2013 drei Tage begleitete. Auch in einem Video, das dabei gedreht wurde, wiederholte er diese Aussage. Gurlitt machte damals nicht den Eindruck, als wolle er sich das noch einmal überlegen. Letzten Dezember musste er dann wegen seiner schweren Herzprobleme ins Krankenhaus, wo er sich bis heute aufhält.

Seitdem sprechen andere für ihn: ein ihm vom Freistaat Bayern zugeteilter Betreuer. Ein erfahrener PR-Stratege. Drei Anwälte - zwei Straf- und ein Zivilrechtler. Letzterer wurde am Mittwoch ohne Angabe von Gründen von seinem Mandat entbunden, obwohl er die von außen betrachtet wichtigste Aufgabe hatte. Er sollte die Anfragen der Geschädigten koordinieren. Es reden also viele für und über Gurlitt, die sich nicht immer einig sind.

Ein geläuterter Cornelius Gurlitt?

Nun die "Wende", wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, von einem "neuen Kapitel" ist die Rede, "einem Kapitel der Wiedergutmachung". Gurlitt wolle die Kunstwerke, die eindeutig der NS-Raubkunst zuzurechnen sind, den rechtmäßigen Erben zurückgeben. Klingt nach einem riesigen Schritt, aber dabei soll es sich um gerade einmal drei bis vier Prozent der 1280 Kunstwerke aus der Schwabinger Wohnung handeln. Zum Anteil von Raubkunst bei den 238 Kunstwerken des Salzburger Depots gibt es noch keine Angaben.

Derselbe Gurlitt also, der eine Rückgabe noch im November 2013 partout ausgeschlossen hat, soll nun den Wohltäter in sich entdeckt haben. Wahrlich eine Wende. Warum also lancieren seine Berater gerade jetzt diese Geschichte vom geläuterten Cornelius Gurlitt?

Weil sie damit die Augsburger Staatsanwaltschaft unter Druck setzen und ihrem eigentlichen Ziel näher kommen: die Wiedererlangung der Kunstwerke aus der Schwabinger Wohnung. Deren Beschlagnahmung und die anschließende Einrichtung einer Taskforce zur Ermittlung ihrer Herkunft fand rechtlich auf sehr dünnem bis nicht vorhandenem Eis statt. "Die Beschlagnahmung der Kunstwerke ist im Vergleich zur Höhe des angeblichen Steuervergehens Gurlitts völlig unverhältnismäßig", sagt der Münchner Jurist Johannes Wasmuth, der seit Jahrzehnten über das NS-Unrecht forscht und publiziert. "Für Restitutionsfragen ist die Staatsanwaltschaft gar nicht zuständig. Und für die von der Bundesregierung eingesetzte Taskforce gibt es keine Rechtsgrundlage."

  Nur einige von mehr als 1000 Kunstwerken, die Gurlitt in seiner Schwabinger Wohnung hortete

Nur einige von mehr als 1000 Kunstwerken, die Gurlitt in seiner Schwabinger Wohnung hortete

Lose-Lose-Situation für die Staatsanwaltschaft

Für Wasmuth sind das rechtliche Dilemma für die Rückerstattung von NS-Raubkunst die immer noch geltenden alliierten Rückerstattungsgesetze, wonach Ansprüche bis 1950 angemeldet werden mussten. "Dies führt nun dazu, dass der 'Ariseur' Eigentümer bleibt, wenn der vom NS-Regime Verfolgte die dramatisch kurzen Fristen versäumt hat", sagt Wasmuth. Für "entartete" Kunstwerke gäbe es gar keine Rückgaberegelung. Dass Gurlitt Eigentümer der bei ihm beschlagnahmten Bilder sei, sei dem Versagen des Gesetzgebers zuzuschreiben. "Er hat die Fristen der alten Gesetze nie verlängert und es versäumt, eine Wiedergutmachung für "entartete" Kunstwerke auf den Weg zu bringen", sagt Wasmuth.

Bereits Mitte Februar reichte Tido Park, einer von Gurlitts Strafverteidigern, Beschwerde gegen die Beschlagnahmung beim Amtsgericht Augsburg ein, bisher ohne Erfolg. Mit dem öffentlichkeitswirksamen Schachzug von Mittwoch stellen Gurlitts Berater die Staatsanwaltschaft Augsburg jetzt vor eine Lose-Lose-Situation: Gibt sie die Kunstwerke zurück, ist klar, dass ihre Beschlagnahmung nicht allein mit den Steuerermittlungen zusammen hing. Gibt sie sie nicht zurück, könnte ihre Sturheit bald für große internationale Empörung sorgen.

Justiz steuert auf den nächsten Skandal zu

Denn eines der betroffenen Gemälde im Gewahrsam der Ermittler ist zum Beispiel das berühmte Porträt "Sitzende Frau" von Henri Matisse, das den Erben des Kunsthändlers Paul Rosenberg zusteht. Seine Enkelinnen Marianne Rosenberg, eine prominente New Yorker Anwältin, und Anne Sinclair, Ex-Frau von Dominique Strauss-Kahn, würden sicher überhaupt not amused sein, wenn sie erfahren, dass der alte Kauz Gurlitt ihren Matisse endlich freigibt, sie ihn aber nicht bekommen, weil die Augsburger Staatsanwaltschaft noch ermitteln muss. Gegen wen und was auch immer. Man erwartet jetzt von den Ermittlern schnelles und unbürokratisches Handeln. Danach sieht es nicht aus: Am Donnerstag erklärte die Behörde, sie werde, wenn eine entsprechende Vereinbarung vorgelegt wird und der Betreuer des Beschuldigten mitteilt, dass auf Grund dessen das Bild herausgegeben werden darf, dies gerne tun.

Ginge die Taktik der Gurlitt-Strategen auf, dann bekäme Gurlitt bald einen Großteil seiner geliebten Bilder zurück, mit denen er sich jahrzehntelang einsperrte. Laut einem seiner Berater gehe es ihm mittlerweile wieder so gut, dass er das Krankenhaus bald verlassen soll. Seine Betreuer würden Gurlitt gerne in einem Pflegeheim unterbringen, wo er unter Beobachtung bleibt, aber Gurlitt möchte zurück in seine Schwabinger Wohnung, auch wenn er seine Bilder natürlich nie mehr Zuhause bestaunen kann.

Gurlitts Fall zeigt, dass zwischen Recht und Moral ein tiefer Graben liegen kann. Hätte der Gesetzgeber Voraussetzungen geschaffen, die Rückerstattungen klar und modern zu regeln, gäbe es das Hickhack um Gurlitts Kunstwerke gar nicht. So steuert die bayerische Justiz auf den nächsten Justizskandal zu, der nur noch nicht als solcher benannt ist, weil der Fall in der Öffentlichkeit vor allem nach moralischen und nicht nach rechtlichen Kriterien beurteilt wird. Aber auch wenn man Gurlitts Verhalten komisch finden mag, wenn die Geschädigten berechtigterweise empört sind, dass er ihnen jahrzehntelang vorenthalten hat, was eigentlich ihnen gehört, gilt das Recht auch für Cornelius Gurlitt.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools