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"Ich wollte einfach die Herren stoppen"

Dietrich Wagner ist das bekannteste Opfer der Stuttgarter Polizeiaktion. Jetzt tauchen jedoch Berichte auf, die ihn als Provokateur hinstellen. Im Gespräch mit stern.de rechtfertigt er sich.

Von Ingrid Eißele und Anna Hunger, Stuttgart

Dietrich Wagner sitzt aufrecht in seinem Krankenbett im Stuttgarter Katharinenhospital. Er hat eine Infusion im rechten Arm. Gestern wurde er operiert, "aber ich bin so blind wie zuvor", sagt er sichtlich enttäuscht. Er könne lediglich Hell und Dunkel wahrnehmen. "Ein Auge muss als dauerhaft schwer geschädigt gelten, das geht in Richtung Erblindung", so die derzeitige Diagnose von Egon Georg Weidle, Chefarzt am Stuttgarter Katharinenhospital. "Beim anderen Auge haben wir mehr Hoffnung." Weitere Operationen werden folgen.

Wagner ist in der Republik bekannt geworden als ein Opfer der Räumungsaktion im Stuttgarter Schlossgarten vor einer Woche. Ein Foto, auf dem er mit Blut unter den Augen von zwei Helfern aus dem Park geschleppt wird, ging durch die Medien. Jetzt tauchen Berichte auf, in denen der 66-Jährige als Steinewerfer dargestellt wird, der die Aktion der Polizei provoziert habe. Wagner räumt im Gespräch mit stern.de ein, dass er bei der Demonstration am vergangenen Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten "zwei oder drei Kastanien" geworfen habe. "Das war aber ein symbolischer Akt ohne jede Wirkung", sagt er. "Das hat mit dem, was nachher passiert ist, nichts zu tun." Es sei in deutlichem zeitlichem Abstand zur Verletzung durch den Wasserwerfer geschehen, er habe die Polizei also nicht provoziert.

Durch den Einsatz der Wasserwerfer sei eine Vielzahl von Kastanien von den umstehenden Bäumen gefallen. "Da wurden hunderte von Kastanien geschmissen, aber ohne jeglichen Effekt, weil die Polizisten mit dicken Uniformen, Helmen und Visieren ausgerüstet waren." Es habe großer Zorn unter den Demonstranten geherrscht, ausgelöst durch das Vorgehen der Polizei, die mit Wasserwerfern zunächst in die Höhe und dann in die Menge geschossen hätte. Diesem Wasser sei ein Reizgas beigefügt worden, so dass in der Menge "alle husten mussten". Wagner bestreitet ausdrücklich, mit Steinen geworfen zu haben.

Er habe sich danach vom Pulk entfernt und beim nahen Biergarten im Schlossgarten gesehen, dass dort viele Schüler vom Wasserwerfer durchnässt wurden. "Ich wollte Zeuge sein am Rande", sagt der Rentner. "Die Schüler flogen da rum, sie stürzten im Wasserwerferstrahl über die Bierbänke." Es habe Panik geherrscht. Vor dem Wasserwerfer seien drei Reihen schwarz gekleideter Polizisten gestanden, "die immer weiter vorrückten und uns gegen die Polizisten vor Hamburger Gittern drückten". Er habe sich etwa 13 Meter vor dem Wasserwerfer hingestellt und versucht, ihn mit Armbewegungen zu stoppen, "wie man es im Notfall macht". Er habe darauf gebaut, dass man auf ihn als älteren Mann achte. "Ich wollte einfach die Herren stoppen, ich wollte ihnen zeigen, sie sollten aufhören mit dem Wahnsinn."

Dies habe er mehrfach mit Auf und Abwärtsbewegungen der Arme versucht. Keinesfalls habe er sich vorsätzlich in den Wasserstrahl hinein gestellt, wie von der Polizei behauptet wurde. Als dies ohne Ergebnis blieb, "habe ich versucht, mich raus zu bewegen". Dabei sei er vom Wasserstrahl im Gesicht getroffen worden. Wagner erlitt schwerste Augenverletzungen und brach bewusstlos zusammen. "Die Verhältnismäßigkeit der Mittel wurde nicht näherungsweise gewahrt", sagt er.

Dietrich Wagner beteiligte sich seit Mitte August an den Demonstrationen. Das letzte Mal demonstriert habe er vor etwa dreißig Jahren, beispielsweise als Teilnehmer in einer Friedenskette zwischen Ulm und Stuttgart. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat laut ihrer Sprecherin Claudia Krauth bisher kein Ermittlungsverfahren gegen den Rentner eingeleitet. "Zu klären ist, ob überhaupt ein strafbares Verhalten vorliegt." Es müsse erst das Bildmaterial ausgewertet und geprüft worden, ob und womit Wagner geworfen habe. "Das ganze Geschehen ist von der Polizei aufgezeichnet worden."

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